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30.10.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 255 Drittes Blatt.Sonntag den 30. October 18p8

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General-Anzeiger

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Gratlsbeilage: Girtzener Familienblätter.

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Krrnsprkchcr Mr. 61.

politische Wochenschau.

Die Wrhlwännerwahlen In Preu Herr Hob am Donnerstag vollzogen worden, uni soweit man das Resultat heute schon äde,blicken kann, dürfte eine wesentliche Verschiebung der Stärke der einzelnen Parteien im preußischen Abgeordneten- Hause kaum stattfinden. Zwar Ist ein Zug nach links zu be* »erkeu, doch stellt fich derselbe nicht als allzuwesentlich her« aus. Menn auch die Betheiligung an den Laodtagswahlen diesmal vielfach etwas reger war, so ist doch Wiedern« eine große Gleichgültigkeit der Wühler zu constatireu; man hat scheinbar das Gesühl, daß das Geschick der Nation «ehr Im Reichstage liegt als in den einzelnen Landtagen.

Das Kaiserpaar hat das Ziel seiner Reise erreicht. Koch immer hält dir Spannung über den Aufenthalt in Lonstautinopel an, und die Erörterungen über die Wirkungen, »eiche der Besuch im Gefolge Haden wird, bildete noch eine Händige Rubrik in der Prefie. Wir haben uns über diesen Segrustand bereits so aussührlich geäußert, daß wir nichts «ehr hiuzuzufügen haben und ruhig den Gang der Ereignisse Tbzuwarteu empfehlen.

Hebet den Termin der Eköffnung des Reichstages find im Laufe dieser Woche bestimmtere Meldungen ver- breitet worden. Man nimmt an, daß der Reichstag am 28. November durch den Kaiser In Person eröffnet werden »Ird.

Die Nachrichten über das gegen den Kaiser geplante Attentat find weiter ergänzt worden, und eS scheint, daß tatsächlich ein Anschlag deadfichtlgt war, wenn dies auch von ler focialdemokratischeu Puffe fortgesetzt abgeleugnet wird. Die Meldungen von den seitens der türkischen Behörden ge« rroffeneu Vorsichtsmaßregeln können demnach nur beruhigend »irken.

Große! Interesse nehmen die Vorgänge in Frank­reich in Anspruch: DaS Labinet Briffon ist gestürzt, und zwar unter so eigenthümlichen Umstäuden, daß die Lage recht Ichwierig erscheint. DaS Verhalten des Krtegsministers Lha- rroine findet nnr bei den Lhauvtnisteu Beifall, alle anderen 'Parteien verurtheilen dasselbe. Die Krtfis dürste die-mal üänzere Zeit dauern, schon jetzt ater nimmt mau als sicher en, daß ein .Ltvllist" das AriegSportefeuille erhält. Auch Ivust erinnert tu Paris Alles daran, daß man am Vor­abend großer Ereignisse steht, da die Erregung einen immer größeren Umfang annimmt.

Hebet den Verlauf bet in bet ftanzöfischen Hauptstabt tagenden spanisch-amerikanischen Friebeusconferenz hört an nichts. Nur soviel scheint sicher, baß eine Einigung

noch In weitem Felde liegt. Inzwischen kriselt es auch in Spanten, wo die Tage bei EadinetS Sagasta gezählt sein sollen. Wir haben schon bes Ocfteren ausgeführt, daß es ans einen Personenwechsel kaum ankommt, baß vielmehr bas ganze System geänbert werben mnß, soll Spanien einer glücklichen Zukunft entgegengehen.

Die Faschoba-Angelegenheit hat noch keine Er- leblgung gesunden. Der Slrbar Kitchener Ist in England eingetroffen; vielleicht trägt dies zur schnelleren Förderung der Sache bei. vorläufig werden sowohl ans englischer wie auf französischer Seite die Rüstungen eistig fortgesetzt.

In Oesterreich find die politischen verhältniffe inso­fern verworrener geworden, als zwischen den Deutschen Un» einigfeit ausgebrochen Ist. Graf Thun soll fich wieder mit der Absicht tragen, den Reichsrath neuerdings zu vertagen. Mehr als die Innerpolitische Situation interesfirt aber die Anwesenheit des Grasen Murawjew in Wien. Die aus­gezeichnete Aufnahme, welche er daselbst gefunden hat, gilt als ein Beweis des völligen Einvernehmens zwischen Ruß­land und Oesterreich und als eine weitere Bürgschaft für den Weltfrieden. (xx)

Locales und provinzielles.

§§ Aus dem niederen Bogelßberg. 28. October. Daß man zu Ende October noch grüne Bohnen von blühenden Ranken brechen kann, wie im Garten des Einsenders dieses der Fall, muß wohl als eine Seltenheit bezeichnet werden. In ben geschützten Gärten fiub die Bohnen vor den ersten Frostnächten verschont geblieben, In Folge des sommerlichen HerdstwetterS blühen dieselben nun weiter nnb tragen auch Früchte, so daß man um diese Zett noch grünes Bohnenge­müse frisch von den Ranken kochen kann.

-4- Ortend er g, 28. Ociober. Alljährlich findet hier An­fangs November der weithin bekannteRalte Markt" statt, welcher zugleich als Kirchweih unseres Städtchens gilt und zu den belebtesten oberhessischen Jahrmärkten zahlt. Der­selbe wird dieses Mal an den drei ersten Werktagen kommender Woche abgehalten, und zwar Montag Pferde- und Fohlen-, Dienstag Rindvieh- und Schweine-, Mittwoch KrLwermarkt, nebst den herkömmlichen vielseitigen Volksbelustigungen.

O Hattenrod, 28. Ociober. In den Ruhestand versetzt wurde auf setu Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste der Lehrer au der Ge- «eindeschnle zu Angenrod August Braun, mit Wirkung vom 1. November d. I. an. Herr Braun war 33 Jahre lang in hiesiger Gemeinde thätig.

§ Aus de« Ohmthal, 28. Ociober. Eine ungewöhnlich warme Temperatur herrscht noch In dieser vorgerückten Jahreszeit, in der sonst nicht selten schon Flockenwirbel des WinterS sich eingestellt. Den ungemein verspäteten Feld- arbeiten kommt die linde Witterung sehr zu statten. Erst nach dem Eintreten des letzten Regenwetters war es be« Landrnann möglich, die Weizeusaat auf ben steinhart gewor­denen Kleeäckern zu beendigen. Wie sehr der Erdboden aus- getrocknet, zeigt dal schwammartige Aufsaugen der letzten keinesfalls geringen Niederschläge. In ben auf sehr nted- rigem Wafferstanb stehenden Bächen nnb Mühlgräben merkt man noch kein Steigen bei Wasser!, ebensowenig auch in ben zurückgegangenen Brunnen. Der Wiesengrund sieht Infolge des warmen Wetters so frischgrün aus, als ständen wir vor de« Frühlinge. Dadurch Ist gute Hutweibe vorhanben, von der fleißig Gebrauch gemacht wirb.

(?) Ruppertenrod, 28. October. Hnseren gestrigen ,Herdftmarkt" begünstigte befferes Welter, als man nach be« Tags vorher herrschenden Regenwetter erwartet hatte. Der Schweinemarkt war sehr stark befahren, aber der Handel zeigte trotz der hohen Preise keinen Fluß. Die Nachfrage war gegenüber dem Angebot zu schwach,- el fehlte also an Käufern. Der schlechte Ausfall der Kartoffelernte nnb der Erdgewächse überhaupt wirkt doch etwas hemmend auf die Kauflust. Bezahlt wurde für das Paar Ferkel erster Qualität bis zu 60 Mk, gewiß ein hoher Herbstpreis; geringerer Art galten 40 bis 45 Mk., geringster 35 bis 40 Mk. Bor zwei Jahren zahlte man auf diesem Markte nur 36 Mk. für das Paar bester Ferkel, für da- geringerer Art nut 16 bis 24 Mk. An! diesem vergleich erhellt die gegenwärtig hohe Preisstufe der Jungschwelne. Sie wird allerdings veranlaßt durch den hohen Preis der fetten Schweine, die mit 44 und 45 Pfg. für das Pfund Lebendgewicht fehr gesucht find. Der Krämermarkt war mit verkaussständen recht gut besetzt, hätte aber in Anbetracht des Wetters befferen Besuch auf- weisen dürfen.

R. Reichelsheim i. W., 28. October. Das wundervolle Herbstwetter kommt unseren Felberbestellungen trefflich zu statten. Die Zuckerrüben find ziemlich mühsam zu ernten, weil sie kleiner blieben, all in früheren Jahren, boch der Zuckergehalt Ist bedeutend. Die Winterfrüchte gehen schön auf nnb bie Aecker bauen sich gut. Der Verkehr auf unsrer Bahnlinie wächst mit jebem Tage weiter. Bel der Thierschau in Friedberg find vier Aulzeichnungen von hiesigen Bürgern mit chren schönen Zuchten errungen worden. Auch der Zuchtbulle der Gemeinde errang einen Prell von 150 Mk. Solche Ergebnisse find ehrenvoll für eine Gemeinde

Feuilleton.

ßs giht naui immer Hiesse.

Bahl hunnert verrzig Jahr sinn'! her Daß die Gefchicht geschehe;

Da zöge Gieffer irnwersch Meer Die Welt sich zu besehe.

En Vadder warsch mit seine Sech' Däi'i da hott sortgedriwwe; Säi dhate nach Ostindie geh Hnn sinn aach dortgebliwwe.

Aul Wollluft schwerlich fein fe fort! El hott fe waß verdrösse, Drum zöge fe von Ort je Ort Grad rnäi von Gott verloffe.

In Breme dhat nach Indie hi E Schiff die Anker lichte, Gleich warn fe mit von de Bardie Net schlächt war die Geschichte.

So lang die Reil dorch Deutschland ging Da warn fe ziemlich wunder;

Voll Baßgeihe ehr Himmel hing, Die Heimalh war en Blunder; Doch wäi de Wind die Segel bläht Da dhail de Ahld verdrieße, Dann seekrank ward err unn err säht: El giht naut immer Giesse!

Die Seeh, däi hatte schont mehr Muth, Hnn gawe Drost ehrm Ahle Unn drahmte schont von Geld unn Gut Waß dort wer ze erhahle.

So sinn nach miheooller Fahrt Se endlich hi gekomme Unn hawwe gleich nach Gieffer Art En Freudedrunk genomme.

Es wollt en zwar net in die Köpp

Deß sonnerbare Lewe;

Grad wäi Dehaam, wollt Jeder Döpp

Voll Doppelbäier hewe, Hnn weil! in dem Ostindie braue Nor Thee gab zum Genieße, Da riefe fe je Drill dann aus: El giht naut immer Giesse!

Unn erscht die Drachl im Jndierland Bei bene roilbe Mensche! Da stann en still saft be Verschtand: Kaa Hoffe unn kaa Hensche!

Unn baß Gebiersch, maß all ba lebt, Unn keuche bhul unn fleuche! Gezittert hunn se unn gebebt, Wann ebbte kam je keuche.

Unn mit be Sprach, ba hielt e en schwer

Verstänblich sich je mache

Unn brachte vor se ehr Begehr

Däi Indier dhate lache!

De ahle Borjer ie geherrscht Unn wollt ganz Indie spieße Vor Zorn unn krisch: Etz merk äich! erscht: Ee giht naut immer Giesse!

So säße se im Jndierland Die arme Gieffer Kinner, Bei arger Hitz en große Brand, Viel Dorscht unn nix dehinner.

Die Zung hing en em Hall ertaui: Sie wollte sich erschieße, Da riefe fe minnanner aus. Es giht naut immer Giesse!

Kern roern fe Widder Haarn geritscht Doch all ehr Geld war bleebe; .... Noch nie warn Gieffer so gebribscht, Noch nie in solche Neebhe.

Wohl obber iwwel wammer muß Sinn se im Lanb gebliwwe;

Doch von ehrm Unmuth unn Verbruß Hunn se nix haamgeschriwwe.

Groß war ehr Sehnsucht, ahmal noch Ehr Vabberschtabt zu schaue, Ehr Hoffnung war von Doch je Woch De Himmel, ach! be blaue, Dheb sich erbarme iwwer Nacht Unn bhet nach haam se bringe; . . . Sie konnte von Ostindien! Pracht, Ja schont c Liedche finge.

Fromm warn ehr Winsch; sie blieroc dort Unn sinn aach dort gestorwe; Im ferne Land, am fremde Ort, Sinn fe vor Dorscht verdorwe.

Ehr letzt Wort galt de Vadderschtadt, Ehr Denke unn ehr Grieße;

E Jeder noch geruffe halt: El giht naut immer Giesse!

Carl Geißler.