Ausgabe 
29.9.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 228 Zweites Blatt Donnerstag den 29. September

1898

Weßener Anzeiger

Hemmt-Anzeiger

2lints- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

»Nr »nzngen.Vermitt1ull-,ftellen M In- »ntz luitnM tarnen Änjdgen für bcu Girßrner la#dgn tetgt^,

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Die von der Firma R-nstn«, Kövdewig & Camp, zu Bude-Heim fabrkhrten Kalksilikatsteiue, die sich bet deo augestellten versuchen auf Wasieraufnahme, Frostbeständigkeit, Druckfestigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die Einwirkung starker Hitze gur bewährt haben, hat Sroßh. Ministerium de» Jauera zur Herstellung von Brandmauern zugelaffeu, tu so lauge al» dir Fabrikattonsweise sich nicht Ludert.

Gießen, den 27. September 1898.

Großherzogliche» KreiSamt Gießen, v. Bechtold.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. September. Der Eo lonialrath ist sichere« Vernehmen nach zum 24. Oktober d. I., 11 Uhr vormittag», zu einer neuen Sitzungsperiode einberufeu worden. Der neue Direktor der Lolonialabthetluog, Wirklicher Geh. Legation»rath Dr. v. Buch ka, wird zum ersten Male den vorfitz führen. Da der Eoloaialrath diesmal eine stärkere Besetzung aufweist, so wird er im RetchstagSgebäude zusammen- treteo, während er früher im Auswärtigen Amt getagt hat. Die StatS für dir Schutzgebiete werden dem Colonial- rath vorgelegt.

Berlin, 27. September. Der verband deutscher Arbeitsnachweise trat heute in München zu seiner ersten ArbettSnachwriS-Louserellz zusammen. Zu der ver« sammlung, die NamruS der bayerischen Regierung der Minister deS Innern, Freiherr v. Feilitzsch begrüßte, waren Vertreter der bahrrtscheu, preußischen und badischen Regierung, der Stadt München, deS deutschen und deS bohertscheo Landwirth- schaftSratheS, zahlreicher preußischer LaudwirthschaftSkammeru, deS österreichischen Handelsministeriums sowie vieler deutscher und österreichischer Städte, darunter auch WieuS, erschienen, von bekannten Socialpolütkero waren StaatSmiuister v. ver- lepsch, Professor Brentano, UnterstaatSsecretär a. D. Pro- fefior v. Mayr, Dr. Max Hirsch und Andere anwesend. Der Vorfitzeode, Dr. Freund-Berlin, betonte in seiner Eröffnungs­rede die Möglichkeit gesetzgeberischer Maßnahmen gegen Aus­

wüchse der gewerbsmäßigen Arbeitsvermittlung und bezeichnete als Hauptaufgabe deS Verbandes die Wahrung deS un- parteiischen Eharacter» des Nachweises. Der Arbeitsnachweis dürfe nicht ein Machtmittel im Lohukampfe fein; feine Leitung «Äffe gemeinschaftlich von Arbeitgebern und Arbeit­nehmern beeinflußt sein. Diese Gruudanschauung deS ver­bände» sei gänzlich unvereinbar mit der kürzlich vom Arbeit­geberverband kundgegrbrneu Ansicht, wonach der Arbeit»- Nachweis am besten in den Händen der Arbeitgeber allein ruhe. Mit dieser Grundauschauung könne sich der verband deutscher ArbeitSuachweise in keiner Weise einverstanden er­klären und der VerbaudS-AuSschuß habe ihn, Redner, beauf­tragt, diese Erklärung abzugebeo.

M P.C. Berlin, 27. September. Die Frage der Be­steuerung der Waarenhäuser wurde unlängst, auch iu der badischen Kammer gestreift, al» die Berathung einer Vorlage über die Besteuerung deS Wandergewerbebetriebs auf der Tagesordnung stand. Der badische Flnanzmintster Buchenberger äußerte bei dieser Gelegenheit: Ueber die Zu- stimmuug, die da» Gesetz in der Kammer gefunden, sei er umsomehr erfreut, al» eS außerhalb des Haufe» theilweife einer anderen Beurtheiluog ausgesetzt gewesen sei. Nach dieser Seite möchte er bemerken, daß unsere Gesetzgebung bezüglich der Besteuerung der Waodergewerbebetriebe ob- änderuogSbedürstig gewesen sei. Die Besteuerung der Groß­bazare usw. wüffe besonders gesetzlich geregelt werden. Dies sei aber nur im Zusammengehen mit den anderen größeren Bundesstaaten möglich. Die badische Regierung habe sich hierüber mit Preußen schon in Beziehung gesetzt.

M.P.C. Berlin, 27. September. Eine Urbe,ficht über die Innung»-Bewegung in den letzten 20Jahren laßt sich auf Grund der nachstehenden Daten gewinnen, die vom preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe geliefert find. Danach hatte Anfangs der achtziger Jahre die Innung»- beweguog infolge der neuen Gesetze einen Aufschwung ge­nommen, der 1890 den Höhepunkt erreichte. Zwischen 1890 und 1894 trat ein Rückgang ein, der dann in den Jahren 1894 bis 1896 wieder ausgeglichen wurde. Am 1. Decewber 1879 gab eS 6018 Innungen mit rund 15OOOO Mitgliedern. Ende 1888 zählte man 7424 Innungen mit 219758 Mit­gliedern. Am 1. Drcember 1890 bestanden 7823 Innungen mit 226 049 Mitgliedern, deren Zahl 1894 auf 210075

gtfalleu war. Am 1. Decewber 1896 wurden 7940 Innungen mit 224 900 Mitgliedern gezählt.

M P.C. Nachdem jetzt auch die frauzöfische Regierung ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, au der von russischer Seite angeregten FriedruSeonferenz theilzuuehmeo, gilt da» Zustandekommen der letzteren für gesichert. Voraussetzung ist, daß nicht inzwischen etwa» io Frankreich pasfirt.

Nachdem der französische Ministerrath nunmehr be- schloffen hat, beim CaffationShofe die Revision de» DreyfuSprocesseS zu beantragen, ist eine große Klärung der Lage eingetreten, oder richtiger: eS ist der Klärung der Weg gebahnt. Gegenüber der Untersuchung, die jetzt vom CaffattonShos vorgenommen werden wird, tritt der kleine Krieg, wie er in den Zeitungen geführt wird, erheblich zurück, und die aufregenden Einzelheiten, die täglich in die Oeffent- lichkeit geworfen werden, verlieren an Bedeutung. Der große Erfolg der Drehsuspartei, der den unerhörten BerdunkelungS- versuchen de» GeneralftabeS gegenüber doppelt hoch anzu­schlagen ist, wird natürlich auch auf den Proceß gegen Picquart nicht ohne Einfluß bleiben. Vermuthlich wird auch die Regierung die Erfahrung machen, daß sie die Gefahren einer Revision vorher viel zu hoch angeschlagen hat. Wenn die Herren Düroulöde und Drumont halb so viel an Thaten leisten könnten als an großen Worten, so hätten sie schon längst Alle» in Frankreich drunter und drüber geworfen. In dem Entschluß der Regierung, klipp und klar mit den Treibereien des GeneralftabeS zu brechen, werden die ruhigen Elemente einen Rückhalt finden, die andern aber werden sich immer mehr besinnen, ehe sie sich zu Thaten hinreißen laffen, zu denen D^rouläde und Genossen sie unter kluger Sicherung ihrer eigenen Personen so gern vorschieben möchten. Der Entschluß der französischen Regierung wird in der ganzen civilisirten Welt mit größtem Beifall ausgenommen werden, denn darüber, wo die Sympathieen Europa- liegen, kann nachgerade in Frankreich wohl kein zurechnungsfähiger Mensch mehr zweifelhaft fein. Bon vielen Seiten ist während der Zwischenfälle dieses Handels der Wunsch ausgesprochen worden, Deutschland solle mit der kenntniß der Dinge, die eS ja allerdings besitzen dürfte, eingreifen, um dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Biele, auch wohlmeinende Leute, stellten das als Deutschlands moralische Pflicht hin, während die Pflicht Deutschlands doch in Wahrheit in allererster Linie

FcttMrton.

Das Heßeimniß des Südpols.

Bon Dr. Lurt Rudolf KreuSner.

(Nachdruck verboten.)

Seit der Rückkehr de» kühnen Norweger» Fritjof Nansen von seiner verwegenen Fahrt ,bnrc$ Nacht und Ei»- und der mittelst Luftballon unternommenen Polarreise seine» wagehalsigen LandSmanue» Andrüe hat sich da» öffentliche Jntereffe wieder in hohem Maße der Erforschung jener großen unbekannten Gebiete zugeweodet, welche, ring» um die beiden Enden der Erdachse liegend, abwechselnd saft ein halbe» Jahr unuoterbrocheu im Sonnenglaoze sich bestuden, um dann in dar ebenso lange Nacht zu versinken.

In den Nordpolargegendeo, welche un» Europäern gleich­sam vor der Thür liegen und in welche die beiden Con- tiueute Asien uud Europa sogar ziemlich weit hineinreichen, haben die bisher uuersorschten Gebiete in den letzten Jahr­zehnten eine fortschreitende Einengung erfahren. Der weiße Fleck ring» um den Nordpol, welchen die Karten aufweiseu, wird immer kleiner- schon kann man für verhältntßmShig geringe Kosten um die Hochsommerzeit innerhalb weniger Wochen mit den Verguügung»da«pfern eine sichere Fahrt unternehmen, welche nach Spitzbergen und darüber hinan» ein beträchtliche» Stück in die Fluthen de» nordischen EiS- teere» hineinführt, und wenn sich etwa zu dem idealen ForschuugStriebe einerfelt», welcher immer neue Expeditionen in die arktische Nacht führte, und dem Bergnüguug»bedürfniß andererseits noch die Aussicht auf wirthschaftliche Schätze nad Sortheile. mau denke an Kloudyke als Ansporn gesellen lollte, so wird e» nur eine Frage der Zeit fein, wann der Schleier von dem Geheimniß des Nordpols fallen und der erste Mensch seinen Fuß auf den nördlichsten Punkt deS Erd- talleS setzen oder zn« erstenmal ein Schiffskiel jene jang- ftäuliche Stelle des StSmeereS durchfurchen wird, wo der Nordpol de» Himmelsgewölbe» im Zenith steht.

Ganz ander» liegen die Verhältnisse am Südpol.

Während ring» um den Nordpol geschloffene Landmaffeu

oder ausgedehnte Inselgruppen mit verstreuten menschlichen Niederlaffungen bis weit in die Polarzone, ja, über den 70. und 80. nördlichen Breitengrad hinaufreichen und dem EutdlckungSreisevdtn eine gewiße Möglichkeit eröffnen, sich im Nothfalle aus der EtSwüfte auch unter Preisgabe de» ihn tragenden Schiffe» auf feste» Land zu retten und von dort feine Rückkehr in eiviltsirte Gegenden zu versuchen, gähnt ring» um den Südpol auf Hunderte von Meilen hin ein uuwtrthliche», sturmbewegte» Meer. Der Forscher, dessen Schiss hier von den EtSmaffen zerdrückt wird, ist verloren, auch wenn e» ihm gelingt, eine der hn Südmeer verstreut liegenden Inseln zu erreichen, denn von Cap Horn, der unter dem 56 Breitengrade gelegenen Südspttze Amerika», find 500 geographische Meilen bi» zum Pole, und noch viel weniger weit reichen die unter dem 47., bezw. 34. Breiten­grade liegenden Südspitzen de» australischen Neuseeland» und Südafrika» in jene Gegenden hinein. Die wenigen bisher bekannt gewordenen Inseln mit Festlandsstrecken find jeder Vegetation baar und gewähren ihm nicht die Mittel, sein Leben zu fristen, wie auch die Aussicht, zufällig von einem Schiffe ausgenommen zu werden, nur sehr schwach ist, denn befahrene HaudelSwege führen dort nicht vorbei, and auch der Walfischsauger überschreitet iu Ermangelung vou 8tute nur höchst selten den 60. Breitengrad, wenn ihm eine Ei»- darre nicht schon vorher ein unüberwindliches Hinderntß entgegensetzt.

Aber der Reiz deS Geheimnißvollen und der Drang, den Erdball, die Stätte seines Dasein» bi» in die letzten Winkel kennen zu lernen, sind mächtig genug, um den Menschen, allen Gefahren zu« Trotz, auch in diese Regionen zu treiben, gerade gegenwärtig, wo mehrere Expeditionen theil» unter- weg», theil» noch in der Ausrüstung begriffen find, gehen wir einer Neuen Aera der Südpolarforschung entgegen, welche un» werthvolle Aufschlüsse über die antarktischen Gegenden zu geben verspricht, die an Su»dehnung Europa weit über­treffen und die größte zusammenhängende Fläche aus der Erde find, über welche wir bisher nichts wissen.

Durch «ehr al» zweitausend Jahre hat die schon von Ptolemäu» ausgesprochene Bermnthung von der Existenz eine»

großen südpolaren Weltthetle» wie eine fixe Idee die Geister der Geographen beherrscht. Auf den Karten der Alexandriner Gelehrten finden wir diese unbekannte terra australia antarc« tica ebenso wie auf denen der Araber al» einen riesigen, den alten Welttheilen an Bedeutung gletchwerthigeu (Kontinent verzeichnet, welcher am äußersten Rande der Erdscheibe, al» welche man sich damals unseren Stern vorstellte, mit Asien uud Afrika zusammeuhäugt, so daß daS Weltmeer auf ihnen al» ein von Land umrahmter Binnensee erscheint. Al» sich bann gegen Au»gang de» Mittelalter» der Glaube an die Kugelgestalt der Erde immer mehr Geltung verschaffte und durch die erste Weltumsegelung de» Portugiesen Magelhaen» zur unumstößlichen Thatsache erhoben wurde, mußte man diese Borstellungen allerding» aufgeben nnb die Festländer zu ring» von Wasser umgebenen Inseln degradirea. Der Glaube an da» große Südpolarland erhielt sich aber mit merkwürdiger Zähigkeit, und die allezeit geschäftige Phantafie verlegte alle möglichen wunderbaren Schätze und märchenhafte Reichthümer in dasselbe, obwohl schon ENtdeckung»reiseu de» 17. Jahrhundert» wie diejenigen vou TaSmau (1642) und von le Maire und Schonten den Nachweis brachten, daß ein Südeontinent, wenn schon die Möglichkdt seines vorhanden- seins bestehen blieb, nur unter so hohen Breiten liegen könne, daß derselbe auf jeden Fall ein äußerst unwirthliche» Land sein müsse.

Einigen vom Glücke begünstigten Seefahrern jene» und des folgenden Jahrhundert» gelang e» sogar, hier und da wirklich Land zu finden, in welche« «an die äußersten Spitzen jene» geheimnißvollen Südlande» entdeckt zu haben glaubte. Aber bet genauerer Ausforschung schrumpften diese angeb­lichen Festlandsstrecken jedesmal zu Inselgruppen zusammen. So erwies fich da« Feuerland an der Südspitze Amerika», welche» auf den bekannten Erdgloben von Johann Schöner al» terra inventa, sed nondum plene eognita figurirt, al» ein verhätmßmäßig kleiner Archipel. Drake, Senitoz, de Kerguelen, Bouvet und viele Andere sahen aus ihren Reisen in jenen Breiten Landmarken, welche sie für die Grenzen de» emsig gesuchten Festlande» ansahen.

(Schluß folgt.)