Rr. 124 Erstes Blatt. Sonntag den 28. Mai
1808
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Die Gießener
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Kießener Anzeiger
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Pfingsten.
„Romm’, heiliger Geist, Herre Gott!" So tönt heute ba» Gebet der Christenheit zn dem Himmel empor, aus dem -er scheidende Heiland seinen Jüngern den Tröster versprochru hat. Den Geist deS Trostes brauchen wir heute nöthtger denn je, und der Geist Christi muh helfen, wo Menscheu- htlse versagt. ES gehn durch unsre Zeit der finstern Geister viele, Geister aus dem Abgrund, die der Menschen Seelen in die Feffelu der Weltlust und der Hoffahrt, deS Trotze» und der Verzweiflung, der Gemeinheit und der Bosheit schlagen. Die edelsten Güter unserer Bildung, die heiligsten Schätze unsere» Volksleben» find mit Vernichtung bedroht, weil ebenso in die Reihen derer, die fie zu verwalten haben, der Geist deS Verderben» etngezogen ist, wie er die Gcwüther derer beherrscht, die fie un» entreißen wollen. Fürwahr, Pfingsttag muh ein Bußtag werden, wenn wir denken, wie viel wir von uvserm Gott empfangen haben an edelsten Gaben deS Geistes, au reichster Fülle christlicher Erkenutviß und Zucht, und wie wehrlos wir dastehen heute, wo die Schlammflath eines zuchtlosen und schamlosen FletscheSdienste» ia unserem öffentlichen Leben immer höher steigt und verpestend durch die Canäle einer unsauberen Litteratur bi» an den Herd de» deutschen Hause», dis in die Seelen der deutschen Jugend hiueiudringt. Warum kann fich der böse Geist der Welt gegenwärtig so breit machen in unserem Volke, warum wird ihm nicht, kräftiger Widerstand geleistet von denen, die sehen, wie schrecklich er die Zukunft unsere» Volke» gefährdet? Weil un» der rechte Pfingftgetst fehlt, der Much des Glaubens, der opferfreudige Sinn derer, die fich der Schmach des Kreuzes Christi gern unterziehen, und sich entschlossen und von ganzem Herzen der Welt und allem Eigennütze kreuzigen. Man erwartet heute alle» Heil vom Staat und von seinen Gesetzen. Gewiß, der Staat kann viel thun für äußere Ordnung und für Wahrung de» öffentlichen Anstandes. Aber was er nicht kann, das ist: den Seelen des Volke» einen neuen Geist grben, die Herzen freudig wachen zu einem Wandel in Gerechtigkeit und Reinig- keit, die Gemüther durchdringen mit dem hohen Entschluß, mcht fich selber sondern den großen Pflichten und heiligen Aufgaben de» LebenS tu Volk und Gemeinde selbstlos und
htogebeud zu dienen. Dazu bedarf e» der Hilfe von oben- daun bedarf e» der christlichen Männer und Frauen, die tu weltüberwtndendem Glauben die kostbare Gabe des heiligen Geistes in fich pflegen und erhalten und in Kraft solchen Geistes die Häuser und die Herzen unsere» Volke», da» Leben de» Einzelnen und da» Lrbeu der Oeffentlichkeit mit dem Lichte der ewigen Wahrheit erhellen und mit Strömen deS LebeuSwaffer» träuken. Ach, daß un» Gott zu solcher Arbeit tüchtig machte und brauchen wollte zu Dienern seine» Geiste»! Ach komm, du Tröster, heiliger Geist!
Deutsches Reich»
Berlin, 27. Mai. Der Kronprinz von Griechenland gedenkt heute Abend einer Einladung de» Osfizter- corpS de» 2. Garde - Regiment» zum LiebeSmahle nachzukommen.
München, 27. Mat. Die von der Regierung vor- gefchlageue Gehaltsaufbesserung der Geistlichkeit beider Coufesfioven wurde von der bayerischen Abgeordnetenkammer mit 77 gegen 70 Stimmen adgelehnt.
Art-Ur«-.
Wien, 27. Mai. Der heute früh hier eingetroffene Statthalter von Steiermark hatte tm Laufe de» Vormittag» mit dem Miuisterpräfidenten Grafen Thnn wegen der Vorgänge in Graz eine längere Unterredung.
Prag, 27. Mai. Hier herrscht große Besorgniß, die Ernte könnte durch da» anhaltende Regenwetter vernichtet werden. Ganz beiondrr» leiden die Rüoen unter der Näss;.
Prag, 27. Mat. Ja htefigen politischen Kreisen hegt man die Zaoerficht, Lippert zur Beibehaltung de» Mandat» zu bewegen. Es soll zu diesem Zwecke eine Kundgebung der drutsch'böhmischen VertronenSmäuuer für Lippert statlfinden.
London, 27. Mai. Ja den leitenden amerikanischen Kreisen ist man der Anficht, daß daS Geschwader Cer- vera» al» Kampfflotte nicht mehr zu rechnen sei, weil e» in der Bucht von Santiago festgehalten werde. Die Vorbereitungen zu einer Landung auf Cuba werden daher mit größter Eile betrieben. Für Cuba find 30,000 Mann, für die Philippinen 26 000, für Portorico 10,000 bestimmt. In Tampa bleiben 18,000 Manu als Reserve.
Mailand, 27. Mai. Der Kriegsminister beauftragte die Militärverwaltungen, allen Gemeindeverwaltungen auf ihr Verlangen von jetzt an Weizen zu 30 Lire pro D.-Ceutner und Mehl zu 37 Lire zu verkaufen.
Wahlbewegttng.
*X Darmstadt, 27. Mai. Die heutige, gut besuchte Wähler-Versammlung der nationalliberaleu Partei tm „Hanauer Hof" wurde in der Hauptsache damit auSgefüllt, die Verdächtigungen der Gegner zu widerlegen. Der Candidat, Herr Nodnagel protestirte gegenüber einer Auslassung der „Franks. Ztg.", die ihn, gleich einem Schmetterling, den man im Kasten mit einer bestimmten Bezeichnung | feststecke,behandle, dagegen, daß er „voll und ganz der Miqael'sche» agrarisch-bündlerischen Sammlung" angehöre und betonte, e» müsse dahin gearbeitet werden, daß die beiden großen productiven Stände der Landwirthschaft und Industrie miteinander auSkommru, daß die Partei ihr Bestreben dahin richte, immer mehr wirthschaftliche Mittelpartei zu werden. Herr Wolfrkchl wie» verschiedene unerfüllbare Versprechungen tm antisemitischen Programm nach, namentlich bezüglich der WährnugSfrage- die unvorherzuseheude starke Steigerung der Stlberproductton in außereuropäischen Ländern würde, wenn man in Deutschland vorher nicht zur Goldwährung übergegangen, noch viel fühlbarer gewesen sein; an einem Mangel an Gold sei angeficht» der Goldfelder in Südafrika nicht zu denken. Die Ausstreuung von antisemitischer Seite, wenn die Währung»verhältuiffe andere seien, werde der GetreidepreiS höher sein, sei ein unbeweisbare» Schlagwort. Herr Dr. Osann beleuchtet die Haltung der Antisemiten tm sorbeü verabschiedeten Beamtenbesoldungsgesetz, insbesondere die „Wendung", die dabei Abg. Köhler gemacht habe- er wie» sodann nach, waS es mit der anttsemitschen Forderung „Abtragung der Staatsschulden" auf sich habe. Heute gelte e» übrigen» nicht, neue Differenzpunkte aufzusuchen, sondern möglichst auSzusöhnen - wenn die bürgerlichen Parteien weiter existtreu wollten, wüßten fie dies bet der kommenden Wahl zum Au»druck bringen und die alte Lässigkeit aufgeben. Noch hätten diese Parteien die Mehrheit, aber e» fehle ihnen die Geschloffevheit. Die Partei, habe keine besonderen „Zugmittel" wie andere Parteien, sie könne nur an da« Pflichtgefühl und die Intelligenz der Bürger appelltren. — Die Rede machte großen Eindruck.
Feuilleton.
Kinnerspiele.
Bon Carl Geißler.
Wann Sich so zwische Licht nun Dunkel al» cmol an meine Fenster stth' nnn guck enaus uff die Gaff', wo fich die Rinnet im dollste Juwel bummele, daan fihl Sich mich Widder zcrickoersetzt in däi glickltche Zeide, wo merr fer e paar Stunn Gaflefreiheit selbst mit kaam Keenig net ge- bauscht hätt!
Da komme ahm däi Erinnerunge haafeweir- mer versenkt fich in fc nun merr glaabt zeledst, mer hätt noch die Buwehose aa nun mißt erunner, um mitzespiele.
Die scheene Spielblätz, all däi Ecke unn Wiukelcher, in bene merr mit besonverer Vorlieb erimgrkcoche iS, daage Widder vor etm uff unn viele läiwe Gesichter von ahle Spielkawerade komme zum Dorschei- an jed Gäßche unn an jeden Eckstaa kntppe sich danfenderlei freundliche nun aach driewe KindheitSerinnerunge, däi sich net so leicht verwische unn däi ahm begleite dorch» ganze Lewe.
Währenddem äich mich an dem Kinnerdruwel da unne lnstir, ktmmt e Gefihl iwwer mich, wäi Sich» alü Bub oft hatt unn nameudlich dann, wann die rrschte FrihlingS- lifdercher dorchS Buseckerdahl nnn iwwer die Wisse geweht hawe: e Gefihl seliger Luft, nach'« lange, lange Minder endlich Widder ewol länger al» bt» fünf Uhr uff de Gaff' bleiwe ze derfe unn fich rächt auSdowe ze kenne! Daß war für un» vuwe doch die scheenst Zeid im ganze Jahr, wo merr im Freie spiele könnt unn de Uffficht von Vatter nnn Mutter genzlich entricht war.
Wann de Ruf: „Husare, die wahre- au» Dutzende von «awekehle in alle Gasse erschölle iS, so war da» e haushoch Freud fer Jedermann, dann daß war daß ficherschte Zeiche, daß de» Frihjahr etz net mer weit sei könnt, e viel zuverlässiger Zeiche, al» die Aakunft vom Storch, der mehr wäi amol uff de ahle Bollezet erschiene iS, nm schleunigst Widder die Blatt ze butze, weil em däi Vugettberger Lufd net behage dhat.
Wäi die wild Jagd gingS bei dem Husarnspiel in de Gaffe erum unn in de weidste Nachbarschaft iS kaa Haus unn kaa Barack gewese, wo uns net zum Berschdrckeiches gedient hätt. Net immer hawe mer un» bloS in de effend- liche Gebäulichkeide, wäi zum Beispiel am Zeughaus, am LeiderhäuSche uff'm Canzleiberg, tm Schulhaus in de Schul- gaff' oder tm Rathhau» bewegt, fonneru fiun aach in die Brivadbefitzunge inngedrunge, um unsere Spiele ze huldige. Die unglickUche HauSeigeudhiemer, die merr mit unsrrm Besuch beehrt hawe, wußte fich schließlich net annerscht vor un« ze schttze, als daß se sich hinner die Hausdihru oder htnnersch Hofthor stellte, etm uffgebaßt nnn abgefange unn korzer Hand mil’m stumbe Reiserbrsem dorchgeflappcht hawe. IS merr awer gar SamSdagS dorch en frisch gebutzde HauS- ehrn gelaafe, dann flog ahm gewiß en nasse Butziumbe nm die Ohrn, was ahm freilich als e bische abgekihlt hatt.
Uff so e Art mußte die Spiele manchmal e unliebsam Unnerbrechung erleide, doch warn merr nie verlege nnn griffe gleich zu em nnnern Spiel, dann e jeder Bub i» ja uff derartige Zwischrfäll gefaßt unn hatt zur Vorsorg Doppch unn Beutsch bei fich, damit kaa Zeit verlorn giht und deß Spiel fortgesetzt wern kann.
Wann merr am Doppchdanzelasse unn KnickercheSsplele kann Spaß mehr hatte, dann Word ewol Aff-Bauer« Clan» oder Kappches ze spiele aagefange unn wann daß aach net mehr ziehe wollt, dann mußte die Säukutte herhahle, wo merr KuttcheS damit gespielt hatt, unn könnt merr dem Vergniege aach kaan Geschmack abgewinne, so finge merr aa ze hickele oder Stelze ze laafe oder hawe Raaw gedriwwe dorch die halb Stadt. Reuterball nnn Schlagball hatt gar oft de Beschluß gemacht, awer mit große Vorlieb Hammer in de Demmerstunn al» noch gespielt: Warum trittst de merr auf mei beeS Fießche? — Weil Sich e arm Dhierche bin! — Waß fer ahn«? — En Gaul, en Esel n. s. w. — der kann so weit laafe, unn der so weit, unn der so weit, Da könnt merr häufig die Zeit net abwarte, bi«: Wieviel Uhr iS? bi» zu zwölf dorchgerufe war unn deß Hut, Hut, Hut! erteent iS, damit merr am ehrschte Widder uff'm Blatz
unn mitzewirke berechdigt war, dem Zeletzdkommevde de Buckel vollzedromrnele unner dem scheene Gesang:
Dixel, Daxel, Dommeri, Rath welcher steht?
wobei mer dem Jwwergelrgle irgend en Finger uff de Ricke gesetzt, und wann er nicht de richtige Finger gerathe hatt, dann gings weider unner em ferchterliche Gedrommel uff fehl Buckel:
Hast deß net gerathe, Krist kaan Sack voll Brate, Krist kaan Sack voll Herschebrei, Komme die Esel all ebbeil
Hatt err awer richdig geradhe, dann krag er en Sack voll Brate und ehn voll Herschebrei — awer aach en Sack voll Aeppel, so gut wäi der, der net richdig geradhe hatt.
Im Spiele warn viele von un» däi reinste Verrduose. So könnt mein Freund Heinrich e geschlage Verrdelstunu hickele, unn zwar von de Kihgaff' bi» an« kahle Loch und Widder zerick fast bi» an» Dreihäusergäßche, bi« em ernol erscht de Odhern auSging- en Annere war beim Schlagball be- wnnnerungrwerdig, dann der hatt fast niemals „verfaßt" unn schlug de Ball so hoch, daß err eme Gssebahner, der tm dritte Stock in» Hanitsche uffrn Kercheblatz gewohnt hatt upm grad beim Middageffe saß, direct en die Suppeschissel fiel.
Wäi oft awer haw äich beim Reisdreiwe de Neid von all meine Kamerade erregt! Damals hatte nor ganz besonuersch gut sidewirde Bnwe deß Glick, en Reif an» Frohnhäusersch oder Fuhre ze besitze; die meiste wußte fich mit ahle, die zu sonst nix mehr ze braache warn, behelfe. Aich hatt awer immer funfetneue, heelzerne unn eiserne von alle Greeße, dann äich hab beim Kiefer Schwall in be Sinne* gaff' gewohnt.
Holdselige Stunn warn'» aach, wäi die Schoos noch dagdäglich an» unsere wirdige Vatterstadt enanSgiuge in» Wallpörderfeld. De langgedehnte Scherferpiff vom Scheefer Lemb hott un« wäi Mufik in de Ohrn grklunge, dann etz gab'S e Vergniege: die Schoof worde erau» gelasie. Am Walldhor da warn die Schoof zahlreich verdrede unn mir


