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Nr. 227 Zweites Blatt
Mittwoch den 28. September
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Zlnzeigeblntt für den lireb Gietzen.
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Amtlicher Theil^
Bekanntmachung,
betreffend: Ergänzungswahl zum Kreistage de» Kreise» Dießen durch die 60 Höchstbesteuerteu de» Kreise».
Tewäß Art. 26 der Kreis- und Proviuztal-Ordnung haben mit Ablauf bi» Jahre» 1898 die folgenden im Jahre 1892 (bezw. 1895) auf die Dauer von 6 Jahren (bezw. 3 Jahren) durch die 50 Höchstbesteuerteu des Kreise» gewählten Mitglieder de» Kreistag» auszuschetdeu, nämlich die Herren:
1. DutSdesitzer Karl Sch lenke, Hardthof bei Dießen,
2. Rechtsanwalt Hirschhorn zu Dießen,
3. Lommerzieurath Hehligeustaedt zu Dießen,
4. Eduard R ö hrle zu Dießen.
Außerdem ist infolge Ablebens ausgeschtedev der im Jahre 1895 bi» Ende 1901 gewählte Herr Rentner August Heß zu Dießen.
Für diese 6 auSscheidendeu bezw. auSgeschiedeueu Mitglieder haben Ersatzwahlen durch die 50 Höchstbesteuerteu de» kreise» stattznfindeo. Unter Bezugnahme auf Art. 21 der Kret». und Provinztal-Orduung wird nachstehende» Ber- zeichnth der persönlich oder durch Stellvertreter zur Theil- nähme an der Wahl de, 50 Höchstbesteuerten de» Kreise» Dießen Berufenen mit dem Snfügeu zur öffentlichen Keuntniß gebracht, daß der mit dem geringsten Steuercapital Auf* genommene (Rechnungsjahr 1897/98) ein Lommunalsteuer- kapital von 3305.8 Mk. besitzt.
Anträge auf Beitchrigung diese» Berzeichntffe» sind binneu einer uuerstrrckitcheu Frist von 4 Wochen nach Ausgabe diese» Blattes, welche» die Beknoutmachung enthält, bet Meldung der Nichtberücksichtigung bet dem Krei»au»schuß anzubriugeu.
Dteßeu, den 24. September 1898.
Der Kret»au»schuß dc» Kreise» Dteßeu. v. Bechtold.
Berzeichuih
der 50 Höchstbesteuerteu im Kreise Gießen.
1. Actieudraueret Dießen.
2. Sichler, Georg, Dießen.
8. Bücking, Ludwig, Dteßeu.
4. vuderus'iche Eisenwerke, Lollar.
5. Burk, Fcrdtnaud, Wittwe, Dießen.
6. Busse, Rudolf, Gecondelieutenant, Steßen.
7. Sisenwerke Hirzenhain und Lollar, Setieu-Desellschaft (vuderus'iche Eisenwerke), Lollar.
8. Emmeltu», Heinrich, Dießen.
9. Emmeltus, Loui», Dteßeu.
10. Euler, Andrea», Firma, Dießen.
11. Friedel & SSPriou, Firma, Gießen.
12. Dail, Gg. Phil., Firma, ,
18. Dail, Wilhelm, ,
14. Georgi, Ludwig, „
15. Großh. Hau», Familteueigenthu«.
16. Heichelheim, Tiegmuud, Gießen.
17. Hessisch Rheinischer Bergbauveretn, Gießen.
18. Heß, August, Wittwe, Gießen.
19. Hehligeustaedt & Sie. (Hihltgeustaedt, Loui»), Gießen.
20. Jhrtng, Joh. Hrch., Sich.
21. Klingspor, Carl, Gießen.
22. Koch, Konrad VI., Erben, Gießen.
23. Königreich Preußen, Eisenbahufisku» (Vetrteb»-Amt Caffel M W. B- frühere Lölu-Miudeuer Eisenbahn- geiellschaft).
24. Löhletn, Hermann, Dr. Profeffor, Gießen.
25. Müller, Gustav Arnold, Gießen.
26. Müller, Karl, Leihgestern.
27. Nauheimer, Gottlieb, Gießen.
28. Noll, I. B., Firma, Dießen.
29. Nordeck zur Rabenau, Adalbert Freiherr v., Erben (Nachlaßverwaltung), Friedelhauseu.
80. Nordeck zur Rabenau, Adalbert Freiherr v., Erben in Gemeinschaft mit der Gesawmtfamilte.
31. Nordeck zur Rabenau, Ferdinand Karl Freiherr v., Eiben, Großrn-Buseck.
32. Nordeck zur Rabenau, Karl Freiherr v., Erben, Londorf.
83. Pascoe, Samuel, Gießen.
34. Reiber, Wilhelm, Firma, Gießen.
85. Riegel, Franz Dr., Profeffor, Gießen.
86. Röhrle, Gebrüder, ,
87. Schaffstaedt, Hrch. II., ,
88. Scheid, Loui», „
89. Schirmer, Heinrich, ,
40. Setp, Wilhelm, ,
41. Solms-Braunfels, Fürst, Braunfels.
42. Solms-HoheufolmS-Lich, Fürst, Lich.
43. Solms-Hoheusolms-Ltch, Prinz Loui», Lich.
44. Solm»-Laubach, Graf, Laubach.
45. Strahl, Han», Dr., Profeffor, Gießen.
46. Wagner, Karl, Dr. med., Londorf.
47. Walderndorff, Graf zu, Wiesbaden.
48. Waflerschlebeu, Erich, Gießen.
49. Wtnn, Heinrich, Gießen.
50. Zimmer, Georg Karl, Erben, Winnerod.
Die internationale Lage
hat sich im Lauf der letzten Monate auf der Oberfläche zwar nur wenig geändert, in ihrem Wesen aber eine so einschneidende Veränderung erlitten, daß diese demnächst auch sichtbar tu die
Erscheinung treten muß. Dir Dinge haben sich allmählich zugespitzt, da- Formlose und Unbestimmte gewinnt ein schärfere» Profil, und wenn die letzte Hülle fallen wird, die noch da» eigentümliche Bild der unter ihr -usawmengearbeiteteu Son* stellation verbirgt, so wird r» nicht viele Ueberraschungeu mehr geben, da man bereit» die Umriffe In großen Zügen erkennt. Die zwischen Rußland und Frankreich herrschende mißtrauische Verstimmung, die durch osfictöse und tournaltfttfche Schönfärberei nur mühsam verdeckt wird, würde den Mächten de» Dreibund» und damit der Friedenssache — letzterer bei Weitem mehr al» die phantastische Frtedenswanifestipielerei de» Ezaren — in beträchtlichem Maß zn gut kommen, wen« nicht die inneren Wirren Oesterreichs unseren mächtigea Bundesgenoffen zur Zeit jeden Etnfiuffe» und jeder Action»* fähtgkett nach außen beraubte«. Hierin liegt wohl mehr al» in hochpolitischen Erwägungen, deren staatsmännische Begründung aller officiösen Spiegelfechterei nicht gelingen will, die Rothwendtgkett der Zurückhaltung Ocsterreich» in der jammervoll verfahrenen Kretafrage. Wenn auch Deutschland fich von diesem diplomattsch-milttärischeu Jmbroglto zurückgezogen hat, so wird diese Rrfignation nicht lediglich auf den Wunsch, für Alle», was dort geschieht, unverantwortlich zu bleiben, zurückgrführt werden dürfen. Auch hier, wo anscheinend den Engländern eine Erweiterung ihrer Macht im Mittelmeer ohne Wettere» zugestanden wird, ruhen im Hintergrund Dinge, die tu einer vielleicht nicht fernen Zukunft Aufklärung finden. Hoffentlich in einer Weise, die da» vertrauen zur gegenwärtigen Leitung unserer auswärtigen Politik rechtfertigt. Der Prüfstein dafür wird in dem Inhalt de» deutsch-englischen Abkommen» liegen, von dem bisher nur Bruchstücke und auch die nur gerüchtweise und tu eben so widerspruchsvoller wie wenig authentischer Form bekannt geworden find. Inwieweit die imperialistische und Eroberungspolitik der vereinigten Staaten und der vollständige moralische Zusammenbruch der französischen Republik auf Deutschland» auswärtige Politik zurückwtrken werden, hängt zunächst von der wetteren Entwickelung dieser neneu Faktoren der internationalen Lage ab. Jede darauf gegründete Prophezeiung ist unsicher und läuft Gefahr, von den Eretgntffen rasch de- meutirt zu werden. M. N N.
Was wolle« die Bestrebungen für Knabeu- Handarbeit-
Der Zweck der Bestrebungen ist in seinem innersten Kern ein rein erziehlicher: Wie heute die intellectuelle (Seite des Kinde» durch den Unterricht methodisch geschult wird, so soll künfttg auch sein Trieb, werkthätig mit der Hand zu schaffen und zu gestalten, durch einen den kindlichen Kräften angemeffmen Unterricht methodisch zur Entwickelung gebracht werden. Der Handfertigkeitsunterricht bildet also eine Er-
FeuMeto«.
Frankfurter Theaterdrirf.
(Ottgtnalbcttcht für den .Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.) „keelensturme" von Na ui. — „Im weißen Roßl" von Blumenthal. — Gastspiel des Frl. Olga Pewuy.
Dr. M. Das darf man wohl sagen: Jung-Jtalien hat ein Recht, mttzusprecheu, wenn e» sich um moderne Literatur handelt, denn es hat zu dem Bilde ber neuen Richtung einige nicht unwesentliche Farben und Töne geliefert. Heiter find fie freilich nicht, diese Farben! Schttut iS doch, als müffe fich die gedrückte politische und sociale Stimmung, die auf de« ganzen Lande lastet, auch in seiner Literatur Luft machen 1 Allerdings nicht in jener befreienden, tlaswollen Weise, wie wir es in Deutschland an der Literatur ter Stürmer und Dränger de» 18. Jahrhunderts sahen. Dazu fehlt die Juttiative und vor Alle« der feste Glaube an bm Sieg de» sittlichen Jbeal», der beste enb sicherste Boden für ben Dichter. Den haben bte jung« Italiener fast verloren. Man braucht fich ja nur ben be- biutendsten zu vergegenwärtigen, den Romandichter Gabriele d'Anunzio, um btefen Grnnbzug de» Krankhaften, Silbst- quälerischcu, blefe unheimliche Lust am Aaalhfiren, in seiner höchsten Potenz zu sehen! Auch an btn Dramatikern haftet er: an Berga, Prags, Giacosa nnb an Nani, der sich als Geistesverwandter der gleichen Klaffe etnfügr. Ja, dir Einakter „Serleustürme" ist sogar charakteristisch für diese ganze italienische Richtung, die fich zumeist innerhalb | drr Sselenstürme bewegt, gleichviel, ob diese ihre vernichtende I
Wirkung nun in ländlicher Sphäre oder in Kreisen entfalten, wo die gute Erziehung die Brutalität der Leidenschaften etwas h Schranken hält.
NaniS Etnacter, der auch da» Motiv von dem seine Ehre rächenden Hintergangenen (Balten behandelt, beiläufig bemerkt ein Motto, da» die göttlichen Musen den romanischen Poeten schon bei der Diburi zu schenken pflegen, al» unveräußerliche Lebenswitgift, hat noch in rein formaler Hinsicht baß Gute, daß e» fich lricht nnb oft, dann auch sogar in paffenbet Gesellschaft, zumal wenn e» zusammen mit Schnitzler» „Liebelei" gegeben wirb, auf dem Theaterzettel anbringen läßt. Die Frankfurter Künstler, namentlich die Vertreter der beiden Hauptrollen, Herr Bauer (Leonardo) und Fräu- lein Triesch (Carmelo), wissen den richtigen Ton für ihre Eharactere und die Sttmmung de» Ganzen zu treffen.
Dem neuesten Blu mentha l'schen Schwank ,Jm weißen Rößl" ist in Frankfurt a. M. daß gleiche Schicksal beschieden wie iu Berlin und anderen Städten. Es wacht stets ein volles Hau», unterhält da» Publikum und wird an den Freund nnb Nachbar, der ihn etwa noch nicht gesehen haben sollte, angelegentlich Wetter empfohlen: ,©le waren noch nicht ,3« weißen Rößl" ? Ach, ba müssen Sie hineingehen ! Sie werden an» dem Lachen gar nicht heraus- kommen." Diese letzte Znfichernng genügt vollkommen. Man geht also hinein, und ist man vielleicht gerade eben au» seiner Sommerfrische hetmgekehrt, so übt diese harmlose Posse mit ihren hundert dem Reise- und Touristevleben entnommenen Rcquifitenscherzen einen doppetten Reiz au».
Oscar Blumenthal ist in seine« jüngsten Opu», wenn wir von einigen zweideuttgen Gelegenhettswttzen ab- sthrn, die ebensogut ausgemerzt werden köanttn, wie da»
zl B. auch tm Darmstädter Hoftheater geschieht, zu dem en« ständigen Humor seiner besseren Stücke zurückglkrhrt. Da» ausdringliche Parfüm der „Orieutreise" schlägt uns aus keiner Scene entgegen. Ist e» doch, als wenn die frische Gebirgsluft im Salzkammergut, wohin er diesmal den Schauplatz des Schwankes verlegt, auch den Personen selbst zu Gute gekommen wäre! Die Wtrthin zum »Weißen Rößl" und der biedere deutsche Gelchrte, der so ttenhrrzig glaub- würdig vom „Reisezanber" zu reden weiß, den doch nur so recht diejenigen Menschen fühlen, welche ein kleine» Portemonnaie besitzen — das find zwei prächtige, frische Figuren, die einen sogar darüber trösten, daß es zu einer richtigen Handlung tu den drei Acten gar nicht kommt. Es ist, wie wenn «an zu eine« Essen gebeten wäre, bet welchem «an nur Suppe und Dessert gereicht bekommt. Aber da die Witthe angenehm zu plaudern wissen und die Sonne de» Frohsinn» durch alle Räume dringt, behält «an seine gute Laune bis znm Schluß.
In der Oper beschäfttgt gegenwärtig die Aspirantin für da» Fach der jugendlichen Sängerin ba» Iuterefse der Theaterfreunbe.
Fräulein Olga Pewnh, welche vom Darmstädter Hostheater kommt und fich ben Frankfurtern al» ,($lfa* und .Sieglinde* vorgeftellt hat, befitzt Eigenschaften, welche sie unstreitig al» «erthvolle und zuverlässige Stütze eine» tüchtigen Ensemble» erscheinen lassen,- dazu gehört in erster Linie musikalische Sicherhett und eine gewisse darstellende Routtue. Aber die tiefere seelische Durchdringung und Belebung ihrer Gestalten scheint ihr versagt. Wenigsten» war nach dieser Richtung während der drei Jahre ihrer Darmstädter Wttksamkeit kein Fortschritt bemerkbar.


