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28.5.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 123 Zweites Blatt. Samstag den 28. Mm

1898

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A«S den Verhandlungen der Zweite» Sammer der hesstschen Stände.

nn. Darmstadt, 26. Mat 1898.

Die Sitzung brgiunt um 9 Uhr. Am Ministertisch be­findet fich heute daS gesammre StaatSministerium,- die Tribünen find wiederum von der Beamtenschaft, welche mit gespanntester Aufmerksamkeit den Verhandlungen folgt, dicht besetzt.

Die Generaldebatte über das Beawten-Besoldüngs- gesetz wird fortgesetzt. Abg. Mölltvger gibt dem Hause zunächst einen Bericht über die finanzielle Sette und die Wirkungen des BeamreugesttzeS, aus dem hervorgeht, daß rund 800000 Mk. für die Gehaltsaufbesserungen vöthig seien. Abg. Ulrich ist mit dem finanziellen Ergebatß, daS eben vorgetragen wurde, befriedigt. Die nöthigen Mittel kümmerten ihn nicht, er ist soaar bereit, noch mehr zu be- willigen, und zwar bi- zu l1/» Millionen, wenn auch den unteren Beamten die richtige Aufbefirrung zu Thetl geworden wäre. Wenn man aber die BesoldungSorrrnung ansehe, und zwar von unten, unb komme zu den Wrichrnwärtern mit 600 Mk. Gehalt und freier Wohnung, so müsse man fich wundern, daß fich noch Leute finden, die einen solchen Dienst, von dem Hunderte von Menschenleben abhängig seien, so ge» w'fienhasr verrichten. Die Aufbefferung der Förster, Steueraufseher, GenSdarmen halte er nicht für genügend, aber er sei mit seiner Ansicht nicht durchgedrungen. Gegen die Einführung einer Lotterie zur Beschaffung der nöthigen Mittel für die Aufbesserungen sei er auS principtelleu Gründen. Er empfehle aber an deren Stelle die Einführung einer pro- greffiven Einkommensteuer unter Heranziehung der hohen Einkommen bis zu 50 pEt. Adg. Schmeel freut fich, daß auch die Mitglieder des Hauses auS den ländlichen Kreisen sür die Vorlage eintreten. Wenn auch der Vorlage noch Manches mangele, so sei doch der von der Kammer so oft betonte Wunsch nach Besserstellung der Beamten von der Regierung und vom Ausschuß nach besten Ktäften erledigt worden. Die procentuaie Aufbefferung halte er für die richtige, und selbstverständlich müßten auch die hoheu Stellen in die Aufbefferung htneingezogeu werden. Er ist auch da» für, daß da» Gesetz mit dem 1. April 1897 in Wirksamkeit tritt. Den Beamten sei man diese» schuldig. Abg. Brunner

ist ebenfalls für das Gesetz nach den Anträgen de» Abg. Metz. Gr ist jedoch dagegen, daß die Beiträge zur Wittwen- und Waisenkaffe in Wegfall kommen sollen. Deo Termin für daS Inkrafttreten des Gesetze« wünscht er für den 1. April 1898 festgesetzt. Auch die Beseitigung der Nebeoetnuahmen set an- zustrebev. Abg. Köhl er-Darmstadt tritt ebenfalls sür die Vorlage ein. Erfreulich sei cd, daß die von verschiedenen Seiten ausgestellte Bedingung, erst nach Erledigung der Steuerreform in die Berathung des Beamtengesetzes einzn- treten, gefallen sei. Daß eine GehaltSaufbefferung drr Be­amten eintreten mußte, darüber sei da« HauS sich klar ge­wesen. Bezüglich der Befferstellung der 20 ältesten Richter steht er auf dem Standpunkt der Regierungsvorlage. ®:e von der Regierung aufgestellte GehaltSscala set mit Sorgfalt und unter Wahrung des Gerechtigkeitsstandpunktes fertig- gestellt, um einen Ausgleich herdeizuführeu. Abg. Bähr ist zwar kein Gegner des BeamtengesetzeS, aber die Auf- btfferungen wünscht er nach unten verthelt. Die Beamte» mit über 6000 Mk. hält er nicht für ausbefferungSbedürftig. Ftnanzm-ntster Weber hält die Ausführungen des Abg. Bähr nicht für stichhaltig. Gerade die mittleren und oberen Beamten seien durch die Repräsevtationtpfl chten und StandeS- auSgaben geradezu gezwungen, höhere Ausgaben zu machen. Dasür reiche der jetzige Gehalt nicht wehr auS. So fei z. B. der Gehalt des FrnanzmiuisterS seit 1843 nicht aufgebeffert, sondern heruntergesrtzt worden. Damals hatte derselbe 14300 Mk, während er heute 12000 Mk. bezieht. Die ganze Erhöhung, um die eS fich in dem vorliegenden Gesetz handle, betrage nur 10 Procent mit E nrrchnung des Wittwen- und Waisengeldes, da» in Wegfall kommen soll. DaS Haus ser schon über andere Vorlagen glatt hinweggekommen. Er verweist aus die Förderung der Landwirthschaft und auf die Aufbesserung der Gehalte der BolkSschuliehrer, denen 400000 Mk. bewilligt wurden. Die Kammer möge doch gerecht sein und den Arbeitern deS Staates daS geben, was ihnen gebührt. Deckung für die Mehrausgaben sei vorhanden, und zwar zunächst durch die bereit» bewilligten 6OOOOO Mk., ferner durch Ueberschüffe aus dem Budget und au» Ueber- weisuvgen auS heifischen Eiseubahueu. Ob die Ueber- weisuugen in Ewigkeit dauerten, dasür könne er nicht bürgen. Im Interesse aller Beamten sei es aber auch, den Termin, wie er von der Regierung auf den 1. April 1897

festgesetzt sei, nicht zu verschieben. Aufgabe de» Landtage» sei eS, durch Festhalten an diesem Termin fich den Dank sämmtlicher Beamten zu erwerben. Was die Aushebung der Beiträge zu Wittwenkaffe betreffe, so empfehle er der Kammer Annahme dieser Bestimmung, weil die Regierung au» ganz besonveru Gründen die Aushebung für nützlich hält. Daß die Gerichtsvollzieher und die Gehülfeu der Steuercommis, sariate nicht in der Gehaltsordnung enthalten seien, habe seinen Grund darin, daß diese Beamten noch nicht als Staat», diener ausgenommen seien. Zum Schluß wiederholt er noch­mal» seine Bitte, die Vorlage einstimmig auzunehmen. Abg. Weidner ist kein Gegner deö Gesetzes, er hätte aber gewünscht, daß man an den unteren Gehalten noch wesentliche Ausbesserungen vorgenommen hätte. Unter zwei Bedingungen werde er für die Vorlage eintreten, diese seien, Streichung de» Artikels 20 de» Gesetzes, wonach die Beiträge der Be­amten zur Wittwenkaffe in Wegfall kommen sollen und zweiten», Inkrafttreten de» Gesetzes am 1. April 1898. Abg. Köhler-Langsdorf theilt heute die Ansicht seiner politischen Freunde nicht, und will nur unter gewtffeu Bedingungen für daS Gesetz stimmen. Daß man auch tn den Kreisen der freisinnigen Partei nicht recht einig sei, beweise der Antrag deS Abgeordneten Metz-Gießen, der das Gesetz zu Fall zu bringen beabsichtige. Ttaatßministrr ginger erklärt, daß die Regierung mit dem von dem Abg. Schmidt gestern ge­stellten Antrag auf Aufhebung der Rebenbezüge der Beamten im Prtncip einverstanden sei. Sie werde denselben prüseü, und der Kammer gelegentlich de» nächsten Budget» Bericht erstatten. Abg. Metz-Gießen weift die Annahme de» Abg. Köhler-Langsdorf, als bezwecke sein Antrag, die Vor­lage zu Fall zu bringen, als eine niederträchtige Derläum- dung zurück. Seine Partei sei stets für die Beamten ein- getreten unb auch heute werde sie eS thuu. Daß aber in den oberen Gehalten theilwetse zu wett gegangen set, werde von vielen Rednern anerkannt. Er empfiehlt nochmal» seinen Antrag zur Annahme.

Schluß der Sitzung um i/i2 Uhr.

Morgen früh Fortsetzung der Berathung.

FcrrMeton.

Eine Mmderuvg durch Spessart und Khöu.

Reisesktzze von G. I. O. Schmand t.

(1. Fortsetzung.)

Nur ungern verlaffeu wir den traulichen Fleck und folgen dem schönen Wtrsenthal oberhalb Me^pelbrnnn und dem WaldeSpsad aufwärts, um nach dreivtertelstündtgrrn Marsche die Staatsstraße nach Würzburg amJockel" zu erreichen. DaS Forsthau» daselbst führt den NamenEchterS- pfahl*, nach dem ihm gegenüderstehenden, mit drei Ringen versehenen Pfahl, an weichem früher die von Barbaroffa verfolgten Gebrüder Echter bei ihren heimlichen Zusammen­künften im WaldeSschatten ihre Roffe andandev. In dem Forsthause finden wir gastliche Ausnahme, wenn nöthtg, auch auf längere Zett. Prächtigster Hochwald urnsäumr die schöne Staatsstraße, welche wir weiter di» Rohrbrunn verfolgen, da» nur au» wenigen Häusern Forstamt, WirthShau» und Zubehör besteht. Hier find wir am Ziel der ersttägtgen Wanderung.

Früh am anderen Morzen lenken wir zunächst unsere Schritte zu dem hinter dem WirthShau» gelegenen schönen Walde. Hier geht un» da» Herz auf beim Anblick der stattlichen, mehr al» 100 Jahre alten Eichen und Buchen, welche in solcher Schönheit und gleich zahlreich wohl kaum in einem anderen Theile Deutschland» zu finden sein mögen. Ein Merkzeichen weist uu» nach dem zur sogen, tausend- jährigen Eiche fügenden schmalen Pfade. In wenigen Minuten ist der Baumricse, der am Fuße einen Umfang von nahezu 5 Meter hat, erreicht. In stolzer Majestät überragt er die kräftigen, ihm gegenüber wie Zwerge erscheinenden jüngeren Buchen, fie gleichsam beschirmend. Wenn diese Eiche erzählen könnte!

Kein Wunder, daß in diesem herrlichsten der Wälder die Schützen de» Speffart fich alljährlich tm August zu fröh- lichem Scheibenschießen versammeln und die Prinzen de» königlichen Hause» hier mit Vorliebe der Jagd auf Anerhähue sowohl, wie auf Schwarz- und Hochwild obliegen. Erst in

diesem Jahre liefe der Prinzregent von Bayern sich dv't am Waldessaume ein Jagdschloß erbauen, gerade oberhalb de« Forsthause»Diana", am Fuße der einige Aussicht bietenden Aovahöhe. Da« Schlößchen macht mit seinen weiß getünchten Feldern zwischen braunem Holzxe>ippc, den abgewalmten Giebeln und dem steilen Schieferdach einen freundlichen Eindruck.

Beim Writermarsch auf der Staatsstraße treten wir am Forsthau» Diana tn den herrlichen königlichen Park ein, verloffen jedoch bald die Straße, um auf einsamem Wald­wege, au dem unbewohnten ForsthauöJägerverein" vorüber, auf denHohen Knack" und von hier durch den Fürstlich Löweustetn'schen Park hinab nach dem lieblichen Lichtenau zu gelangen. Auf halber Höhe he« Berge» verlaffeu wir den Park. Sind wir denn im Schwarzwald? Tief unter un» da» grüne, vom ForellrubacheHafenlohr" durchfloffene Thal, darinnen die freundlichen Häuser von Lichtenau- dort drüben die ehemalige Eisenschmelze, diesseits deS Bache» die Schneidmühle, dazu ringsum steil abfallende, bewaldete Berge ein prächtige« Landschaftsbild 1 In dem zur Schneidmühle gehörigen guten Wirthshause halten wir Ein­kehr und finden daselbst eine ganze Anzahl von Sommer­frischlern, meist au» Würzburg. Nach Tisch sührt un# der Weg über den Bach, am Mäusegrund vorüber in den präch­tigen Rorhrnbucher Wald. Steil ist der Weg vnd schwül die Luft, aber daS Auge findet nichtsdestoweniger Entzücken beim Anblick der zahllosen mehrhuudertjährigen Eichen. End­lich find w:r auf der Höhe, wir verlassen den Wald und sehen bald die Häuser von Rothenbuch drunten tm Thale liegen, am Eingang de« stattlichen Dorse» die neue Kirche mit rothem Ziegeldach. In Rothenbuch, da« der Nähe der prächtigsten Hochwälder wegen zu längerem Aufenthalt gern gewählt wird, findet mau gute Verpflegung. Nur ungern lassen wir da» freundliche Dorf im wahrsten Sinne de« WortesUnk» liegen*, um heute noch den Main zu erreichen, und klimmen über die bewaldete Höhe znm sogenanntenNtklaS", wo wir die durch sehr schöne Wald- bestände führende Lohrer Straße erreichen, die wir bi» Rechtenbach verfolgen. Trotz dräuender Gewitterwolken

biegen wir am Ende de« Dorfes von der Straße ab, den steilen, aber kürzeren Fürther Weg, der hinauf zum Walde und Über die Höhe nach Lohr führt, einschlagend. Kaum im Walde, bricht da« Wetter Io« und der Regen fällt in Strömen. Der Schirm, der an« gegen die sengenden Strahlen der Sonne geschützt, bewahrt uns auch hier vor allzu starker Durchnäffung und so wandern wir rüstig weiter. Doch der Weg wird immer schlechter. Jetzt geht e« bergab, steil, steinig und schlüpfrig, ein böse» Ding! Doch Alle« nimmt einmal ein Ende. Bald treten wir oberhalb des ValentinS- berge» au« dem Walde. Der Regen hot ausgehört. Welch überraschende» LandschaftSbild bietet fich unserem Ange! Drunten im Thale schlängelt fich, weithin sichtbar, da» silberne Band de» Maine», an seinen Ufern lachende Fluren, freund­liche Dörfer, bewaldete Berge. Zur Rechten ein vor- springender Bergrücken mit prächtigem, erst kürzlich erbautem Tempelchen, zur Linken da» engere Thal de» Lohrbache», fich zwischen Bergen verlierend, vor un», vom Baleminrberg nur wenig bedeckt, die liebliche Mainfi adt Lohr mit ihren THÜrmen und Dächern da» Ztel unserer Wanderung. ES liegt so nahe unb doch beschleunigen wir nicht unseren Schritt, sondern bleiben wie gebannt immer auf» Neue wieder stehen. Der Anblick des zu unseren Füßen liegenden, jetzt von der Sonne beleuchteten Gaue» ist ein so überaus schöner, daß wir un» nicht satt sehen können. Der Weg sührt über den St. DalentinSberg, den eine WallfahrtScapelle krönt und auf welchem ein Lohrer Fabrikant fich ein trauliches Land­haus erbaut hat. Dann geht eS abwärt», an den Stationen, welche die Leiden Christi darstellen und ihrer künstlerischen AuSsührung wegen beachtenSwrrth find, vorüber zu dem freundlichen Städtchen, wo wir in dem kleinen, aber vor­trefflichen Gasthaus von Röder uv» an Speise und Trank erquicken und ermüdet von der langen Wanderung, die gute Lagerstatt freudig begrüßen.

Lohr ist ein freundliche», betriebsames Städtchen, bemerkenswerth durch da» im Renaiffancestyl erbaute Rath­haus, die gothische Kirche und die schöne sechsbogige Brücke über den Main.

(Fortsetzung folgt.)