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Nr. 48 Zweites Blatt. Samstag den 26 Februar
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Gießener Anzeiger
1898
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ArrS bett Berhandlungeu der Zweite« Kammer bet hessischen Ct&nbe»
G. Darmstadt, 24. Februar 1898.
Die Generaldebatte über die Landwirthschaft wird heute um 9y4 Uhr sortgesctz'. Zur Berathung stehen Ttt. 1, Besoldungen und persönliche Au-gaben der Oberen lanb« wirthschaftlichen Behörde. Abg. v. Köth stellt zunächst fest, daß die Landwirthschaft am meisten bedrängt sei und in einer bedeutenden Nothlage sich befinde. Die Aufgabe der StaatS- regirrung sei eS, dem Theil der Bevölkerung, der den meisten Antheil an der Wehrtüchtigkeit des Reiches habe, unter die Arme zu greifen. Der Nothstaod der Landwirthschaft werde von seiner Partei und auch von der soeialdemokratrschen voll gewürdigt und die Forderungen der Regierung anerkannt. Gr hoffe, die Kammer werde alle eingestellten Dummen bewilligen. — Abg. Osann widerlegt in eingehender Rede die gestrigen Ausführungen des Adg. David, als sei Preußen der Urquell alles Uebels und auch Schuld an der Noth der Lanbwtrthe. Dem Ruf nach StaatSbülfe müffe auch der nach Delbsthülfe beigefügt werden. Die Obere landwirth» fchaftliche Behörde hält er und feine Partee für einen schwerfälligen Apparat. Dieselbe habe de« Erwartungen, die man «uf fie gefetzt, nicht entsprochen. Don der großen Initiative und Kraft sei biß jetzt noch Nichts zu Tage getreten. Mit der geplanten Reorganisation der Oberen desfischrn Staats- behördeu kaffe fich auch eine Reform der Oberen landwtrth- fchaftliche« Behörde durchführen. Hrffru sei in der Lage und durch die Umstände auch veranlaßt, hier mit energischen Mmeln eiuzngretfeu, und erfreulicher Weise habe fich die Regierung hierzu bereit erklärt. Za hoffen sei, daß auch die Kammer alle Forderungen bkwtütgrv werde. — StaatSminister Finger erwidert, er wolle nicht über Steuerreform, Ueber- nahme der Schullastrn und Btarrtengefttz, sondern über die Landwirthschaft reden. ES fei zweifellos, daß die Land- wirthschaft ein wesentlicher Factor uns reS socialen LebenS sei, der von Gott dem Menschen in die Hrnd gegeben. Da- her sei eS selbstverständlich, daß d-.e Skaatsrrgieruog der Landwirthschaft die gavz besondere Aufmerksamkeit zuwende. Jedenfalls gebe daß diesmalige Budget den eelatanten Beweis, wie die Regierung für die Landwirthschaft besorgt sei. Der Höhepunkt sei hiermit erreicht, was der Staat für die
Landwirthschaft thun könne. Die Regierung habe schon früher die Nothlage der Landwirthschaft erkannt, wollte aber erst die Dinge sich entwickeln lösten, ebe die jetzigen Posten ins Budget eingestellt würden. Bezüglich der oberen land- wirthschaftlichen Behörde laste es sich nicht ableugnen, daß eine Vereinfachung in dieser Körperschaft eintrrten könne. Die Regierung habe entschieden die Absicht, hier eine andere Reorganisation eintreten zu lasten. Er koste, daß das HauS den Forderungen der Regierung zustiwmen werde. — Abg. Erk wird den sämmiltchen Forderungen der Regierung für Zwecke der Landwirthschaft zuftimmev, nur behält er sich vor, dahin zu wirken, daß die Aufbringung der Mittel auf anderem Wege erfolgen möge als dies geplant sei. — Abgg. Köhler« Langsdorf und Glaser find für die RegieruugSsorderuug. Letzterer stellt fest, daß der süddeutsche Bauer gerade so wie der norddeutsche adelige Agrarier mit Noth zu kämpfen habe. Zur Socialdemokratie habe der Bauer kein Zutrauen, da baß Prinzip der Socialdemokratie auf Vernichtung deS Bauernstandes hinauslaufe. Mit Geldmitteln allein fei der Landwirthschaft nicht zu helfen. Alß etuzigeß Hilfsmittel käme die RetchSregierung in Betracht, welche den Verlauf aller Getreidearten in die Hand nehmen soll. Er empfiehlt die geforderten Beträge zur Annahme. — Abg. Graf Oriola stellt fest, daß die nationalliberale Partei jederzeit für die Landwirthschaft eingrtreten sei und eintreteu werde. Die von dem Abg. David aufgestellten Behauptungen bezüg- ltch deS Rückganges des Bauernstandes feien vom grünen Tisch aus gemacht. Er für fein Theil werde für eine Hebung der Getreidepreise eintreteu, da hiermit eine der wichtigsten Fcageu der Landwirthschaft gelöst werde. Auch für Erhaltung einer verständigen mittleren GetreidepreiSlage werde er eintreteu. Die Nothlage der heutigen Landwirthe sei im Hause allgemein anerkannt und daS sei ersreulich. Er hoffe, daß alle Forderungen genehmigt werden. — Abg. Schmeel betont, daß der Staat sür die Landwirthschaft eintretrn muß, und auch er werde für die Bewilligung der Mittel stimmen.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 24. Februar. Daß Großherzogßpaar hat heute Vormittag seine Reise nach Italien dezw. Straßburg augetreten.
Berlin, 24. Februar. Der Kaiser hatte gestern nach der Abendtafel eine Besprechung mit dem Staatssekretär des Auswärtigen v. Bülow. Heute Vormittag unternahm der Kaiser den gewohnten Spaziergang im Thiergarten, hörte darauf die Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des MilitärcabiuetS.
Berlin, 24. Februar. Der Kronprinz hat in den letzten Tagen in Plön daß FähvrtchSexamev bestanden.
Berlin, 24. Februar. Der »Post" zufolge ist zwar in Sachen der Ernennung eines neuen Cousuls in Prag ein Schritt vorwärtß geschehen, aber der Ernannte dürfte nicht tu der Person des Freiherr« v. Bodenbach zu suchen sein.
Berlin, 24. Februar. Der „Figaro" wußte kürzlich zu erzählen, der Kaiser habe gemeinschaftlich mit drei anderen Thetlhabern tu Deutsch-Ostafrtka etue Kaffeeplantage zum Betrieb für eigene Rechnung erworben. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bemerkt dazu, man habe es hier lediglich mir einer der vielen irrthümlichen Meldungen zu thuu, die über den Kaiser verbreitet werden.
Berlin, 24. Februar. Im preußischen Abgeord- ueteuhause wurde heute der Berg-, Hütten« und Salinen- Etat berathen. Hierbei nahm HandelSmiuister Brefeld das Wort, um fich über das BrrgwerkSuuglück auf der Zeche Bereinigte Karolinenglück zu äußern. Es sei eine Reihe von Fragen aufgeworfen worden, wie es möglich sei, daß das Unglück so ungenau und erst allmählich durch die Zeitungen bekannt geworden sei, zumal die Grube nicht einmal zu dm gefährlichsten gerechnet werde. ES sei festgestellt, daß in der unteren Sohle deS Bergwerks ein sogenannter Ueberhau fich befunden, in dem die Explosion fich vorbereitete. Eine Rohrleitung, die zur Zuführung frischer Luft und zur Ableitung der Gase tu dem.Ueberhau diente, war zertrümmert gewesen. ES fanden nun Erörterungen statt, welche Einrichtungen zur Verhütung solcher Unfälle zu treffen feien. ES werde eine Revision der bergpoltzetltcheu Vorschriften stattstndeu. Die sogenannte BefahruogScoMmtsfiou werde ihre Thätigkett erweitern müffen, die Behauptung, daß daS untere Polizeimaterial nicht auSretche, sei unzutreffend. Die Forderung der Bergarbeiter um Einsetzung von Adeiter- Delegtrten sei geprüft worden. ES seien Commissionen entsandt worden, um die Etnrichtuugm
Feuilleton.
Tagesarbeiten im Mnsentempet.
Momentaufnahme« und Erinnerungen.
Bon Wilhelm Antony.
(Schluß.)
Theodor Wachtel war auf der Probe die Liebenswürdigkeit selbst, ganz wie sein excellenter französischer Fachcollege Roger, der in seinem radebrechenden Deutsch zu den drolligsten Jrrihüwern und Mtßverständniffeu Anlaß bot. Signor de Padilla und Madame Artü hielten weist Proben mit den Solisten in ihrem Ho.el ab und verständigten fich dann nut mit dem Orchester über die „Striche".
Frau Friedrich - Mat er« a war zwar stets sehr reservtrt auf der Probe, doch sah man eß ihr an, daß sie durch dtefeß Verhalten nicht erwu mit stolzer Vornehmheit auf ihre College« herabblicken, sondern sich gänzlich und ausschließlich auf d e Vorarbeit öeß Kunstschaffens concentriren wollte. Sie war etae Primadonna ohne die Üblichen Launen und Caprlcrn, eine anima candida tu jeder Hinsicht. Ihr galt der Beruf alß etae heilige Mission und sie hatte tief« innerlich den aufrichtigsten Dank „für die Vorsehung, die fie mit so vorzüglichen Mitteln zur Ausübung derselben aus- gerüstet hatte". — Ganz charmant und voll ächt österreichischer Jovialität zeigte sich, zumal auf den Proben, ihr LaudSmaun, der Kom ker Felix Sckwrtghofer, welcher, wie kein Zweiter, da« Publikum Norddeutschlands für seine süddeutsche Künstler Ccgeuart gewonnen hat. ES gab keine Situation, zu der er nicht einen Witz in petto hatte. — Unerschöpflich im Erzäh'rn von Thraleramcdoten war sein College Carl Hrlmrrding, bei deffen Gastspielen es niemals „laugwe'.ltge Proben" gab. Hoffentlich fiadet fich eine Blüthenlese dieser Schnurre« tu den Memoiren, die uns dieser Nchor der norddeutschen Komik dermaleiast hinter- taffen wird.
Selbstredevd war eß auf den Proben io der „guten
alten Zeit" viel gemüthlicher als jetzt, wo oftmals der Gast erst im letzten Moment von der Eisenbahnstation abgedolt wird. Ebenso drängt dann Abends die Abreise. Mau kommt zu keiner gegenseitigen Fühlung. Nicht selten trägt ein solcher comrnis voyageur der Theatermuse im letzten Acte bereits sein Straßencostüm uater den Priestergewändern des Sarastro oder unter der Mönchskutte des Klosterbruders Bonafides!
Beköstigung materieller Art ist während der Proben laut Theatergesetz bet allen größeren Bühnen durchaus nicht ge- stattet, doch erzählt mon fich tu Couliffenkretsen, daß die bet einer kleinen „reisenden Gesellschaft" ehedem diesem Gesetz faktisch affiltrte Coucesfion, „doch ist bet sehr strenger Kälte ein kleines Schnäpschen wohl gestattet", heimlicher Weise auch an vielen vornehmen Kunstvflrgestätten Nachfolge gefunden hat bis auf den heutigen Tag.
Am besten finden ihre Rechnung auf den Proben die Götter Komus und Amor. In der bürgerlichen Welt bilden Tanzsaal, Eisbahn und Leseabende kaum annähernd eine so ergiebige Vermittelung zwischen beiden Geschlechtern alß in der Coultffenwelt die Proben. Schon ein alter „Principal" des vorigen Jahrhunderts, der nebsther einer der berühmtesten Hanswurste gewesen sein soll, nannte die weltbedeutenden Bretter: „am Morgen ein Turvierfeld des Ehrgeizes und des Abends rin Heirathsbureau comme il faut!" Daß diese letztere Bezeichnung insbesondere in jetziger Z-it nicht mehr zutreffend ift, darf im Hinblick auf die Trndenz und den Dialog mancher „modernen" Stücke füglich bezweifelt werden. Wie manches Brautpaar hat fraglos die Zusammengehörigkeit seiner Herzen entdeckt, nachdem Hauptmann, Ibsen oder Fulda daß erlösende Wort aus die keuschen Lippen gelegt I
Einen feierlichen Moment bildet gewöhnlich die erste Probe der Saison, auf der alle neuen Kräfte vor Eifer brennen, „auf der Herberg" zu zeigen, was fie können, während die letzte meistens dazu dient, trotz allen Einspruchs des natürlich bis zum letzten Augenblick pflrchtgetreuen RegiffeurS „Schind- luder zu treiben". Bon einer sehr originellen Anecdote auß der letzten Probe in der Saison erzählt der Theaterwitz aus
Halle, wo vor vielen Jahren noch im alten Stadttheater ein. Direcior von altem Schrot und Korn, Föritz Gum tau, mit eiserner Hand die Regie führte. Derselbe bat nach Beendigung dieser denkwürdigen „letzten Probe" die am nächsten Tage zu entlaffeabe Truppe, fich zu einer „Hausandacht" en grand tenue eine Stunde später einzustaden. Als diese in höchster Erwartung der kommenden Dinge auf der Bühne erschienen, bemerkten fie in deren Mitte ein Betpult, vor dem ihr Director kaiete. Eine feierliche Melodie erklingt gedämpft aus der Tiefe des Orchesters, und als diese endet, erhebt Fritz Gumtau die Hände zum Himmel und ruft in höchstem Pathos: »Mein lieber Herrgott, Du hast mich im Lebe« oft hart geprüft, indem Du mich mit allerlei Comödtanten zu- fammenführtest, welche die Menschheit gar jämmerlich nach- ahmten, aber so eine Bande, wie fie mir in dieser Saison zuströmte, ist mir doch nie vorS Auge gekommen. Leben Sie wohl, meine Herren und Damen — auf Nimmerwiedersehen!"
Dichter alß Spielleiter find selten in letzterer Qualität erfolgreich gewesen. Beuedix und Gutzkow z. B. sollen spottschlechte Regiffeure gewesen sein. Bon L a ub e, D i u g e l - stedt und L'Arrouge sagt man daß Gegentheil, ob zwar jeder von ihnen bezüglich der Hauptsragen des miss la scöns ganz anderer Meinung war. Ganze Bände praktischer Weisheit ließen fich sür die menschendarstellende Kunst fraglos zusammenstellen, hätte man all die kleinen Winke und Rügen notiren können, welche die Koryphäen der Regieknnst ihren ActeurS bei der „Tagesarbeit im Musentempel" zugerufen haben mögen.
Wir schließen unsere Betrachtung mit dem Testamentswort eine» Impresario aus dem vorigen Jahrhundert: „Begrabt mich in tiefer Nacht, wenn im Theater alles so still und so ruhig ist, wie in meiner Klause da draußen, aber führt um Gotteßwillen meine Leiche weder des Abends an meinem geliebten Theater vorüber, wenn Ihr auf den Brettern steht, noch des Morgens, wenn Ihr zur Probe geht. Ich sprengte sonst den Deckel deS Sarges und träte noch einmal unter Euch!"


