Ausgabe 
25.5.1898 Zweites Blatt
 
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Rr. 120 Zweites Blatt. Mittwoch den 25. Mai

1898

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Bekanntmachung.

Die Maul« und Klauenseuche in der Gemeinde Breiten- dach, Kreis Wetzlar, ist erlösche» und find die Sperr- maßregeln wieder aufgehoben worden.

Gießen, den 21. Mai 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. 93.: Dr. Wagner.

Englische Politik.

In diesen Tagen ist anläßlich deS Ablebens Gladstones die englische Politik des letzten halben Jahrhundert- mancher Kritik unterzogen worden. Insbesondere hat man behauptet, daß der Verstorbene einen großen Theil der Schuld daran trüge, daß England fich mit allen Großmächten verfeindet hat, daß eS heute so vollständig isolirt dastrht. Wir können hier nicht untersuchen, inwieweit Gladstone hierzu beigetragen hat, die Thatsache selbst ist nicht zu leugnen, und daß fie bitter genug von den Engländern selbst empfunden wird, geht aus der letzten Rede Chamberlains deutlich hervor, die noch heute in der Presie lebhaft commeutirt wird und auch Anlaß zu einer Interpellation im englischen Parlamente gab. Nur gestehen die Engländer nicht ein, daß ihre Politik nicht in den Rahmen derjenigen der übrigen Großmächte paßt, da fie stets Sonderintereffen verfolgt, die weit ab liegen von denjenigen, welche für die Allgemeinheit erforderlich find. Das hat fich auch während des letzten DecenniuwS in allen Phasen der orientalischen Frage be­wahrheitet- stets stand England abseits von den übrigen Großmächten und hat insolgedeffen nicht wenig dazu beige« tragen, daß eS noch immer eine orientalische Frage giebt. Insbesondere als eS galt, Griechenland von unbesonnenen Schritten der Türkei gegenüber zurückzuhalten, da hat Eng­land so lange gezögert, fich den übrigen Großmächten anzu« schließen, bis er zu spät war.

Was hat England heule für ein Jntereffe daran, sich so offen auf die Seite der Bereinigten Staaten zu stellen.

Ist eS allein die Sprachen- und Namensverwandtschaft, welche die englische Regierung veranlaßt, den YankeeS ihre Sympathien zuzuwenden? Wir glauben kaum. Alle euro­päischen Mächte find in dem Eonfiicte zwischen Spanien und Nordamerika auf der Seite der Spanier zu finden, da bei ihnen da- Recht liegt. Denn Niemand kann leugnen, daß der Angriff der Amerikaner ein unberechtigter ist, mag man auch noch so sehr betonen, daß die spanische Wirthschaft auf den Antillen den Insurgenten die Waffen in die Hand ge­drückt hat. Bekanntlich hat man schon gleich bei Beginn deS Krieges von einem Bündniß zwischen England und den Ber­einigten Staaten gemunkelt. Bisher hat fich die Nachricht freilich noch nicht bestätigt, aber daß eine Allianz von Eng­land angestrebt wird, geht auS den Worten Chamberlains deutlich hervor.

Ohne Bundesgenoffen können heute selbst die größten Staaten nicht den erwünschten Einfluß im Rathe der Völker aurüben, und England hat eben den richtigen Zeitpunkt ver­paßt, einen Anschluß an eine andere Macht herzustellen. Ob eS in den Dreibund ausgenommen worden wäre, können wir natürlich nicht mehr festftellen, jedenfalls hätte eS aber dann seiner Politik eine ganz neue Bafis geben müssen, da der Dreibund keine Sonderinteressen der einzelnen Länder verfolgt, sondern zur Erhaltung der europäischen Friedens gegründet ist. Eine Aufnahme in den Zwetbund ist für England voll­ständig ausgeschlossen, da sowohl die Bestrebungen Rußlands wie diejenigen Frankreichs den Zielen der englischen Politik zuwiderlaufen. Da die Türkei und Spanien für England bei einem Bündniß nicht in Frage kommen können, so bleiben ihm thatsächlich nur die Bereinigten Staaten übrig, aber allgemein nimmt man an, daß England auch beim Verkauf der Bärenfells, d. h. beim Erwerb der spanischen Besitzungen zu profitiren gedachte. Ob es fich hierbei nicht verrechnet hat, kommt auf das spanische KriegSglück an. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Mai. Im Palais Kaiser Wilhelms I. fand heute Vormittag die Feier des heiligen Abendmahles statt, an welcher das Kaiserpaar, der Kronprinz und

I Prinz Eitel Friedrich theilnahmen. Die Kaiserin Friedrich ist gestern Abend von hier wieder abgereist.

Berlin, 23. Mai. Am Mittwoch Nachmittag werden hier zum Besuche de» Kaiserpaares der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland eintreffen. Dieselben werden auf dem Bahnhofe osficiell mit einer Ehren­wache empfangen und im Schlosse Wohnung nehmen.

Arr-tav-»

Loudon, 21. Mai. Die Diagnose des Leidens Gladstones (Krebs) wurde von den behandelnden Aerzten zuerst während seines Aufenthaltes in Cannes gemuthmaßt. In Bournemouth wurde fie zur Gewißheit. Dort theilte man dem Leidenden die volle Wahrheit mit. Er empfing fie mit der Ergebung und Unerschütterlichkeit, die fich bei einem Mann von dem Character Gladstones erwarten ließ. Sein einziger Wunsch war, nach Hawarden gebracht zu werden und dort zu sterben. Bor seiner Abreise flehte Gladstone, wie erinnerlich, den Segen deS Höchsten auf die Bewohner von Bournemouth herab. ES war die Bitte eines Menschen, der mit dem Leben abgeschlossen hat und fich mit seinem Schöpfer vereinigt weiß. Die Ueberfiedelung nach Hawarden that dem Kranken einstweilen gut und er konnte fast täglich wieder in den Anlagen deS Schlosses kleine Spaziergänge unternehmen. Aber die Besserung war nur scheinbar. Das Leiden machte Fortschritte. ES mußten Betäubungsmittel ge- reicht werden, upr die furchtbaren Schmerzen zu lindern, die sonst nicht zu ertragen gewesen wären. Am Anfang dieses Monats erklärten die Aerztr auf Wunsch des Kranken, daß das Ende nur eine Frage von Wochen sein könne. Da ent­schloß er sich denn, von seinen Freunden, die ihm am nächsten standen, Abschied zu nehmen. Aus den Wunsch Gladstones pilgerten John Morley und Lord Rosebery nach Hawarden. Der Monat Mai scheint verhängnißvoll für englische Staatsmänner zu sein. Am 11. Mai 1778 starb der ältere Pitt, der große Earl von Chatham. Am 11. Mai 1812 wurde der Premier - Minister Spencer «Percival von John Bellingham im Wandelgange des Unterhauses ermordet und am 6. Mai wurde der eben erst ernannte Obersecretär für

Feuilleton.

5>te verhängnisvolle Maibowle.

Humoreske von Friedrich Thieme.

(Fortsetzung.)

g bewahre entsinnst Dich denn nicht mehr?" ent­gegnete der Kutscher.Wir fuhren durch Krippendorf, da wolltest Du mit aller Gewalt noch mal einkehren, obgleich Du schon geladen genug warst. Ich mußte mit in den Gasthof. Dort warst Du ganz gut und zärtlich zu mir, ich mußte Dir in einem fort Bescheid thun. Zuletzt sollt' ich Brüderschaft mit Dir trinken. Ich wollte nicht wegen deS StandeSunterschiedeS. Da wurdest Du ganz eklig, sagtest, das sei alles dumme- Zeug. Mensch fei Mensch, Tugend und Intelligenz bedeute mehr al- alles Geld und aller äußere Firlefanz. So mußte ich wohl oder übel nachgeben. Wenn ich Sie sagte unterwegs, wurdest Du grob so fügte ich mich endlich drein. Weißt Du denn das nicht mehr?"

Wissen? Natürlich, alles weiß ich," brauste Döllinger auf und kratzte sich verlegen am Kopfe. Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog Johann auf die Seite, drückte ihm ein Zwauzigrnarkstück in die alle Zeit offene biedere Rechte und flüsterte ihm zu:Johann, ich hab mir gestern nur einen Scherz mit Ihnen gemacht, verstanden? Ein solches Berhältniß -wischen uns würde fich doch nicht recht schicken, lassen wir es beim Alten."

Mir soll'S recht sein, gnädiger Herr," brummte der Kutscher vergnügt.Ich hab mir» gleich gedacht, daß daß eS nur ein Scherz war von dem gnädigen Herrn."

Gut spannen Sie au."

Zu Befehl, gnädiger Herr!"

Johann stürmte hinaus, und der Bürgermeister lachte, daß ihm die Kehle zu bersten drohte. Papa Döllinger aber rannte wüthend hin und her.

Da stehst Du eS nun Bomben und Granaten, davon wußte" ich kein Wort mehr. Mag der Himmel wissen, was ich alles noch auSgefreffen habe."

In diesem Augenblicke klopfte eS. Auf Döllinger- Herein" erschien sein Secretär, ein junger Mann in etwa- fadenscheinigem schwarzen Anzuge.

Sie sprachen gestern früh von einem nothwendigen Briefe, Herr Döllinger. Soll ich ihn jetzt schreiben?"

Nein, nein ich ich bin heute nicht recht wohl. Wir wollen e- bis morgen früh lassen."

Haben Sie außerdem noch Aufträge? Sonst würde ich nach Hause gehen."

Gehen Sie nur.*4

Trotzdem blieb der Secretär noch stehen.

Nun, was giebt es noch?"

Ich wollte mir nur noch einmal erlauben, Ihnen meinen innigsten Dank für mich und auch im Namen meiner Mutter auszusprechen."

Wofür denn?" fragte Döllinger erstaunt.

Für die Erhöhung meines Salär-, Herr Döllinger." Döllinger warf einen unruhigen Blick auf feinen Freund. Ihre- SalärS? Ach ja hm wie hoch hatte ich gesagt?"

Monatlich hundertundfünfzig Mark"

Gegen bisher achtzig? Heiliges"

Döllinger besann sich plötzlich, trat an das Fenster und trommelte einen Augenblick an den Scheiben.

Ganz recht so sagte ich. Ihr Fleiß hatte schon lang; eine solche Anerkennung verdient. Sie wann hatten Sie mir Ihr Anliegen vorgetragen.?"

Gestern Abend, al- Sie zurückkehrten, Herr Döllinger. Ich hatte extra auf Ihre Rückkehr gewartet, um noch vor dem Ersten Ihre Entscheidung zu haben. Freilich hätte ich nie erwartet, daß Sie so generös"

Schon gut, schon gut," winkte Döllinger den dankbaren Menschen ab, der fich hieraus zufrieden empfahl.

Der Rittergutsbesitzer schien weniger erbaut, denn er schlug fich wüthend vor den Kopf.

Alle Götter deS Olymp, da- ist zum Rasendwerden! Verdoppele ich dem ohne Weiteres das Salär was will ich nun machen? Ich kann mich doch unmöglich so blamiien, meine Bewilligung zurückzunehmen mit der Entschuldigung, ich fei

DaS geht allerdings nicht gut."

Der Kerl trüge mich in der ganzen Gegend herum. Ja, wenn die LandtagS-Candidatur nicht wäre aber meinen Gegnern würde das ein gefundener Braten fein."

Da hast Du Recht. So mache gute Miene zum bösen Spiel, Du bist ja reich und, der arme Teufel kann da- Geld brauchen."

Mit diesen Worten nahm der Bürgermeister Abschied, mit dem Wunsche baldiger völliger Genesung, wie er lachend hinzusügte.

Der Rittergutsbesitzer gedachte eben, ihm zu folgen, um die beabsichtigte Ausfahrt anzutreten, als zwei Cavaliere ge­meldet wurden. Verblüfft guckte er die Karten an: Haupt­mann von Moosbach, Baron von Soden.

Kenne ich nicht," murmelte er, da traten fie schon herein und baten unter höflichen Verbeugungen um Entschuldigung wegen der Störung.

Bitte, bitte, nehmen die Herren Platz womit kann ich dienen?"

Wir kommen im Auftrage des Barons von Wolf," nahm der Hauptmann erklärend das Wort.

Des Baron» von Wolf?" Döllinger kam der Name bekannt vor, er entsann fich jedoch nicht, wo er ihn schon gehört hatte.Was will der Herr Baron von mir?"

ES handelt fich um da» Rencontre von gestern Nach­mittag."

Der Rittergutsbesitzer horchte betroffen auf.

DaS Rencontre mit mit"

Mit Herrn von Wolf. Der Baron fordert SatiS- faction wir find feine Sekundanten und kommen, Sie zu bitten, uns Ihrerseits ein paar Herren zu bezeichnen, mit denen wir das Erforderliche besprechen."

Döllinger sank entsetzt auf einen Stuhl. Nun sollte er fich gar noch schlagen und er wußte nicht einmal warum. Aber fragen durfte er nicht, um fich nicht zu blamiien. Vielleicht hätten ihm die Cavaliere nicht einmal geglaubt, sondern ihn für feig gehalten. Vermaledeite Maibowle, wa» hast du gethan! Doch was half eS, die Herren mußten Bescheid erhalten.

Wenn der Herr Baron Genugthuung wünscht," Hub er kleinlaut an.

Jawohl," bestätigte der Hauptmann.Er will fich mit Ihnen auf Leben und Tod schlagen einer müffe auf dem Platze bleiben," erklärte er.

(Schluß folgt.)