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Nr. 70 Zweites Blatt. Donnerstag den 24. März
1898
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Reorganisation der Eisenbahnverwaltung.
Im Reichstage haben bei der Berathung deS (Statt de» ReichSeisenbahnamt« lebhafte Debatten stattgefunden über die Organisation der Verwaltung, und es hat an Vorschlägen mancher Art nicht gefehlt, durch welche man den Mängeln, welche das große BerkehrSiustitut heute noch bieten, abhelfen zu können glaubte. Auch bei der jetzt im preußischen Ab« geordnetenhause stattfindenden zweiten Lesung deS Etats der Eisenbahnverwaltung werden Beschwerden und Wünsche aller Art laut, aus denen hervorzugehen scheint, daß für dir Bc- triedtficherheit feiten» deS Staate» noch nicht genug gethau wird, daß er es zum Schaden deS Publikum» an Manchem fehlen läßt, und die Klagen wenden fich vor allen Dingen gegen zwei Punkte: den FiScaliSmn» und den AffefforiSmuS.
Die Ueberbürdung der Beamten, die ungenügende Be- Zahlung derselben find von jeher auf der Tagesordnung gewesen, wenn der Eisenbahnetat zur Berathung stand, dahinzu hat fich in letzter Zeit die Klage über den Mangel an Be* triebSmarerial gesellt. Zu leugnen ist nicht, daß drr Dienst der Eisenbahnbeamten schon angesichts der großen Verantwortung, welche dieselben zu tragen haben, zu einem sehr aufreibenden fich gestaltet.
E» darf nicht in Abrede gestellt werden, daß, wie schon jetzt Manche» gethan ist, um die Beamten zu entlasten, künftig noch mehr geschehen muß, um eine Ueberbürdung zu vermeiden und den Beamttn auch in anderer Weise diejenige Dienstfreudigkeit zu verschaffen, welche vöthig ist, damit sie stet» mit der erforderliche» Frische ihres Amtes walten köouen. Dahin gehört angemessene Besoldung und Sicherstellung ihrer Zukunft, also möglichst schnelle Uebernahme der Dienststellen auf den Etat.
In den letzten zehn Jahren ist, das muß man zugestehen, für die Aufbefferung der Beamtengehälter viel geschehen, und eS ist ja auch Aussicht vorhanden, daß die Regierung auf diesem Wege nicht sttll steht und immer mehr die Härten auSzugleicheu suchen wird. Aber gerade die unteren Eisenbahnbeamten, in deren Händen vorzugsweise Leben und Eigenthum de» Publikum» liegt, erhalten keine der Verantwortlichkeit ihre» Amtes entsprechende Besoldung, welche sie vor Nothlage sicher stellt und ihnen eine ange» meffene Lebensweise gestattet. Uud auch bei diesen Stellen tritt die AnftrllungSfahigkeit verhältntßmäßlg spät rin, so daß von den Beamten die Sorge um die Zukunft ungewöhnlich lange getragen werden muß.
viel ist bereits von der Ueberbürdung de» niederen Eisenbahnpersonal» geschrieben worden, und bei jedem Unfall mit mehr oder weniger schweren Folgen ist man geneigt, die Ursache in der Ueberanstrengung der betheiligten Beamten zu suchen, denen die Kraft mangelte, ihres Dienstes in der erforderlichen Frische zu warten. Daß die Eisenbahnverwaltung, um fich von diesen gegen fie erhobenen Vorwürfen zu reinigen, bereit» Viele» gethan hat, muß anerkannt werden, und eS steht zu hoffen, daß auch die übrigen berechtigten Wünsche in nicht allzuferner Zeit Gehör finden. Bei einem so umfangreichen Betriebe, wie er in der Bahnverwaltung verkörpert ist, läßt fich nicht erwarten, daß alle Mängel zugleich abgestellt werden.
Der AffefforiSmuS hat bei den Verhandlungen im Parlament ebenfalls wieder eine große Rolle gespielt. In weiten Schichten ist man unzufrieden damit, daß die höheren Verwaltungsstellen bei der Eisenbahn mit Juristen, und nicht mit Fachleuten besetzt werden, wie dies z. B. bei der Postverwaltung geschieht, und man weift fortgesetzt darauf hin, daß an vielen Stellen Techniker viel eher am Platze wären. Im Allgemeinen hat der Eisenbahnminister diesen Vorwurf zu entkräften vermocht und nachweisen können, daß die tech- nischen Geschäfte ausschließlich von Technikern wahrgenommen werden. Darauf kommt eS unserer Anficht nach hauptsächlich an, daß der richtige Mann am richtigen Platze fich befindet, ob er nun Techniker oder Jurist sei. Man sollte den Streit hierüber auf sich beruhen lassen und dem Minister vertrauen, daß nur tüchtige uud in jeder Beziehung gediegene Männer in die verantwortlichen Stellen der Eisenbahn-Verwaltung einrücken.
Daß nach der Anficht deS Ministers Thielen eine allgemeine Larisermäßigung im Personen- und Güterverkehr fich nicht ermöglichen läßt, ist sehr bedauerlich, doch ist in dieser Beziehung hoffentlich noch nicht LaS letzte Wort gesprochen.
(xx)
Ans de« Verhandlungen der Zweite» Rammet der hessischen Stünde.
G. Darmstadt, 22. März 1898.
Die Berothungen über daS Finanz-Budget werden beute Morgen um */tl 1 Uhr fortgesetzt.
Zar Debatte steht Eap. 1 der Einnahmen, Erträge auS dem Familie neigenthum de» Grohherzog- lichen Hauses. Der Ausschuß beantragt 4919020 Mk. hiersür in Einnahme zu stellen. — Abg. Köhler-LangSdorf wünscht, daß für daS Bad Salzhausen mehr wie seither geschehen möge. Er wünscht Herstellung eines Fußpfade» nach Salzhausen, Verbesserung der Parkoerhältvtffe und Ausdehnung der Reclame für daS Bad. — Abg. Erk wünscht ebenfalls eine größere Unterstützung für Salzhausen. — Da» Capitel wird hierauf einstimmig genehmigt.
Bei Cap. 2, Erträge au» Staatsdomänen/ bespricht der Abg. David bei Titel 4, Ertrag au» Staat»- Einnahmen, die schlechte Lage de» Fahrpersonals bei den Bahnen der hessisch preußischen BetriebSgemeinschaft und der Main-Ntckar-Bahn. Eine Dienstzeit von 14 Stunden täglich sei bei den betr-ffmben Beamten an der Tagesordnung. Auch die Arbeiter-Lohnverhältniffe seien befferungSbedürstig,- mit 2 Mark Tagelohn könne kein Arbeiter mit Familie existiren. Ferner sei neuerdings in einem geheimen Erlaß den Bahnärzten aufgegeben worden, Urlaubsgesuche der Beamten nur noch in den allerdringendsten Fällen befürworten zu wollen. Er wünscht weiter, daß den Arbeitern auch an Kaisers Geburtstag ihr Lohn gezahlt werde und daß bei allen Badn- zügen Wagen vierter Klaffe eingesührt werden. Redner stellt einen diesbezüglichen Antrag in Aussicht, worin auch di: Einführung von Kilometerheften gewünscht wird. — Abg. Joutz wünscht, daß daS Project der Erbauung einer Bahn von Butzbach nach Lich möglichst gefördert werde. Diele Bahn habe ihre volle Berechtigung, weil e» das älteste Project der Nebenbahnen sei. — Abg. Frenah wünscht Förderung deS BahnprojcctS Weinheim—Partenheim, zu dem die Vorarbeiten schon vor Jahresfrist fertiggestellt worden seien. — Miuisterialrath Michel sichert die Beschleunigung der Ausführung des ProjecteS zu. Mit Ruhe und nicht mit Unruhe sei hier nur etwas zu erreichen. — Abg. v. Köth ersucht die Regierung um Wiederaufgreifen des BahnprojectS Heppenheim—Lampertheim. Redner bespricht noch die Einführung der Perronsperre auf den hessischen Strecken. Er wünscht, daß die Regierung gegen die Einführung derselben Front machen soll. — Abg. Friedrich wird dem AuSschußautrag zustimmen, daß eine Piüfung der Bertheilung deS BetriedsüberschvffeS der Hessischen LudwigS- eisenbahn vom Jahr 1894 durch Großh. Oberrechnungskammer vorgenommen werde. In gewiffen Kreisen seien über die Bertheilung dieses BetriebSüberschuffe» die wunderlichsten Gerüchte verbreitet worden. Um auch den letzten Schein eines JrrthuwS zu beseitigen, halte er diesen Antrag für richtig. Er ist ebenfalls ein Gegner der Perronsperre, und erblickt in derselben nur eine Belästigung. — Abg. Schönfeld wünscht baldige Durchführung deS BahnprosictS Grünberg—Lich. — Abg. Ulrich wünscht, daß die Kammer mit Eifer darüber wachen wöge, daß entgegen dem Wunsche der Großh. Regierung alle Eisenbahn-Angelegenheiten in der hessischen Kammer zur Sprache gebracht werden. Im Laude fei die Meinung verbreitet, als habe die hessische Kammer nichts wehr zu sagen. Mit der Eisenbahngemeinschaft mit Preußen sei Hessen in eine unglückliche Lage versetzt worden. Er bespricht die Ueberfüllung der Arbeiterzüge und daS schlechte Wagenmaterial, daS zu Arbeit erzügen Verwendung finde. Er schildert sodann die schlechten GehaltSverhältniffe der Zugführer, von denen auf der Main-N<ckar-Bahn mehr als die Hälfte proviforifch verwendet würden. Auch die Dauer der Dienststunden des Bahnperfoual» überschreite jedes Maß. Er gibt dem Hause einen Dienstplan zur Kenmniß, au» dem hervorgeht, daß der Tagesdienst oft 20 bi» 23 Stunden dauert. — Geh. Finanzrath Ewald und Finanzminifter Weber sichern die Berücksichtigung der verschiedenen Wünsche zv. Die im Hause herrschende Meinung, als habe die Regierung in Eisenbahnfragen nicht» mehr mit* zureden, sei eine irrige. In gewiffen Fragen z. B. bei den Besolbungkverhältniffen habe dte Regierung keine Entscheidung mehr. Wünsche in dieser Richtung könne sie aber jederzeit äußern. Eine Eisendahvdrbatte sei ihm von Zeit zu Zeit recht angenehm, da dadurch manche» Mißverstänbnih geklärt werde. — Die Verhandlung wird hier abgebrochen.
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Berlin, 22. März. Der Kaiser gedenkt, wie der „Kreuzztg." zufolge verlautet, Ende dieser Woche dem Fürste» BiSmarck einen Besuch abzuftatten.
Berlin, 22. März. In der Audienz, die am Samstag der siamesische Gesandte beim Kaiser hatte, überreichte er dem Kaiser ein eigenhändige» Schreiben feixe» Souper änS.
Berlin, 22. März. Heute am Geburtstage weiland Kaiser Wilhelm I wurden am Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms eine Anzahl Lorbeerkränze, welche mit Kornblumen und schwarz-weißen WidmungSschleifcn geziert waren, nieder- gelegt.
Berlin, 22. März. Bei prächtigem Wetter fand heute vormittag um 10 Uhr in Anwesenheit dcS Kaiserpaares und anderer Fürstlichkeiten, sowie zahlreicher hoher Militär» und der Sp tzen der Eivilbehörden die Enthüllung der bisher fertiggestellten ersten drei Denkmäler tn der Siegesallee statt. Die Umgebung dieser Denkmäler war mit Blumen und Blattpflanzen auf da» Wirkungsvollste geschmückt, ein zahlreiche» Publikum wohnte der Feierlichkeit bei, welche fich in den einfachsten Formen ohne Ansprachen re. vollzog. Nachdem da» Kaiserpaar in einem offenen Wagen vom Mausoleum in Charlottenburg kommend, am Enthüllung»- platze eingetroffen war, fielen auf ein vom Kaiser gegebenes Zeichen die Hüllen und dann erfolgte unter Führung, der betheiligten Bildhauer die Befichtiguug der Gruppen durch da» Kaiserpaar und die eingeladenen Gäste. DaS Kaiserpaar zeichnete hierbei verschiedene Personen durch Ansprachen au», das Publikum begrüßte da» Herrscherpaar mit Hurrahrusev.
Berlin, 22. März. DaS neue Bild, welche» Professor Knackfuß für den Kaiser gemalt hat und hier in Berlin demnächst zur Ausstellung kommt, hat zvm Gegenstände die Ertheilnvg des Ritterschlages an Friedrich den Vierten, Burggraf von Nürnberg, durch Kaiser Heinrich den Siebenten. Die Handlung findet statt im Angefichte Roms, al» da» Heer de» Herzogs von Anjou zum Angriff tritt.
Berlin, 22. März. Das ^taatSministerium trat heute Nachmittag 3 Uhr im Reichstagsgebäude unter dem Vorsitz deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 22. März. Die Budget-Commission de» Reichstages hat den Etat heute vollständig erledigt.
Berlin, 22. März. Am Donnerstag findet beim Finanz- rninister v. Miquel ein parlamentarisches Diner statt, zu welchem zahlreiche Einladungen ergangen find.
Berlin, 22. März. Zu der Affaire des OberfactorS Grünenthal meldet der „Locslanzeiger", eS werde ver- mnthet, daß die von Grünenthal anSgesührten Deportationen in die Hullderttausende gingen. Der Enkelin feiner Wirthin schenkte er im vorigen Jahre die Summe von 100000 Mark dasür, daß er sie nicht heirathen werde. Da» jetzt 19 Jahre alte Mädchen, mit welchem Grünenthal in sehr intime« Verkehr stand, sollte verhaftet werden, doch liegt dasselbe krank darnieder. Die gemeldete Verhaftung der Wirthin erfolgte wegen Kuppelei.
Berlin, 22. März. In Betreff des Provisoriums, welche» die deutsch-englischen Handelsbeziehungen vorläufig regeln soll, hört die „Post", daß der BuvdeSrath die betreffende Vorlage soweit gefördert habe, daß fie demnächst dem Reichstag zugehen könne.
Berlin, 22. Marz. Die Commission deS Reichstags z»r Dorberathung der Postnovelle fetzte heute ihre Berathung fort. Bei der öiöittrung der Ausdehnung de» Postregal» gab Staatsfecretär PodbielSkt zu, daß eine Entschädigung an die Privat-Gesellschaften gezahlt werden müsse. Er will demnächst hierüber bestimmte Vorschläge machen. Die Social- demokraten brachten darauf bestimmte Forderungen ein über die Ermäßigung de» PortoS. Staatssekretär PoLbielSki will diese Vorschläge dem BuudeSraih vorlegen und demnächst der Commtsfion Mitth-ilung machen. Infolge dessen beschloß die Cowm'.sfion, sich bi» auf Weitere» zu vertagen.
Regenkburg, 22. März. Heute Früh kurz nach 8 Uhr traf auS München der Prinzregent von Bayern hier ein. Auf dem Bahnhofe erwarteten ihn der Fürst von Thnrn unö Toxi», der Regierungspräsident, der Bifchof, sowie die Spitzen der Civil und Militärbehörden. Etwas später traf Prinz Friedrich Heinrich von Preußen ein. Die beiden Fürsten begrüßten fich, und nach dem Abschreiten der Ehren- cowpagnie erfolgte die Fahrt nach der königlichen Villa. Um 1 Uhr trafen die König!. Hoheiten vor der Walhalla ein, wo fie mit einem Grsangkvortrag begrüßt wurden. Nachdem


