Ausgabe 
22.6.1898 Erstes Blatt
 
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lauer.

Nr. 143

Orfcheiut täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießrner Aamiklenb kälter werden dem Anzeiger «öchentl'.ch viermal beigelcgt.

Erstes Blatt.

Mittwoch den 22. Ium

1898

Gießener Anzeiger

ZSezugrprei- vierteljährlich

2 Mark 20 Pf«, monatlich 75 Vfg. mit Bringerloh».

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf^ vierteljährlich.

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Annahme von Anzeige» zu der Nachmittags für den Algmdkn Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

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Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schntstraße Ar. 7.

fL-k YT /iV/Ti H /IT /T /^ V* Ave Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und «u-lcmdes

vV- -V- WA'*' e | \ I- \ A- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger cutgege».

Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

GratisbeilM: Gießener FamilienbläNer. I '

Amtlicher Theil.

Gießen, den 20. Juni 1898.

Lletr.: Das Ober-Ersatzgeschäft pro 1898.

Der Civilvorsitzende der Grotzh. Ersatz-Commission Gietzen r« die Gr. Bürgermeistereien des Aushebungs­bezirks Lich.

Das auf Freitag den 24. l. Mts. in Lich ««beraumte Ober-Crsatzgeschäft fällt mit Rück­sicht auf die an diesem Tage stattfindende Reichs lMgsftichwahl aus. Dasselbe findet dagegen für diesen Tag

Montag den 4. Inti k. I.,

Bormittags 91/« Uhr, im Rathhaussaale zu Lich statt, was Sie sofort ortsüblich bekannt machen wollen, auch sind die Militärpflichtigen entsprechend zu bedeuten.

Die neu ergehenden Ladungen sind den Militärpflichtigen sofort zuzustellen und der Boll- iieg alsbald anzuzeigen. .

Die Ladungen für das Geschäft am 25. Ium I. I. behalten ihre Giltigkeit.

Dr. Wall an.

Bekanntmachung,

nrreffeud Ausführung de»Javaltditä>S- und AlterSversicherungS- gesrtzes.

Die Versicherung der unständigen Arbeiter begreift L fich die Verwendung der Beitragsmarke in die Quittung»« tavte und die Eutwerthuug dieser Marke durch Auf« Ich reibuug de» bttr. EntwerrhungStage». Die Entwertung nuß spätesten» geschehen bet der Verwendung der Marke 14 tu ich den Arbeitgeber oder, wenn der Versicherte selbst die Verwendung vornimmt: sobald die Erstattung der Beitrags» lfte durch den Arbeitgeber erfolgt. Zur Entwerthung der ie-rke verpflichtet ist der Arbeitgeber- hat dieser aber die Lmtwerthung bet Rückerstattung der BeitragShalfte versäumt, Io muß der Versicherte sofort die Entwertung vornehmen.

Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmungen können ton dem zuständigen KceiSamte mit Ordnungsstrafe bi»

100 Mk. nach der Bekanntmachung vom 10. Januar 1892 (Reg.»Blatt Nr. 5 von 1892) bestraft werden.

Da die VersicherungsanstaltGroßherzogthum Hessen" nunmehr ihre Eontrolbeamten angewiesen hat, Strafanzeige in Zuwiderhandluog»fällen zu erheben, fo machen wir hier­mit auf die bestehenden Bestimmungen besonder» aufmerksam.

Gießen, den 14. Juni 1898.

Großherzogltche» KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 14. Juni 1898.

Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Kreisamt Gietzen

<m die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf orts­übliche Weise publtcireu. Auch wollen Sie bei Gelegenheit die Betheiligten belehren und auch den Rechnern der Kaffen- und Hebstellen die» zur Pflicht machen. _________________v. Gagern.__________________

Bekanntmachung,

Amt»tage des Großherzoglichen Krei»amt» Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird

Samstag den 2. Juli 1898, von Vormittags 9 Mr an, einen AmtStag im Rathhause zu Grüuberg abhalteu und wird den KreiS-Eiogeseffeneu au» den Amt»gericht»-Bezirkeu Grünberg, Homberg und Laubach auheimgestellt, etwaige An­liegen in diesem Termine vorzubringeu.

Gießen, den 21. Juni 1898.

Großherzogliches Kreiramt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 21. Juni 1898.

Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der in den AmtS- gerichtsbezirkeu Grüuberg, Homberg uud Lau­bach gelegenen Gemeinden des Kreises Gieße«.

Vorstehende Bekanmmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Keuntutß brtugen laffen.

v. Gagern.

junger,

gefolgt, wie die Beider

zum ersten Male gesehen.---

Der holde Frühling war wieder dem Winter die Zett der Roseupracht war gekommen, und heiß Sonne vom blauen Himmel brannte die Liebe in

sie im Gefolge hat!

Mit welchem Entzücken die Holde ihn hinter ihre« blumengeschmückten Fenster erwartete, wenn er oft, ja sehr oft an ihrem Hause vorbetging. Wie sie erschrack, wenn er schüchtern zu ihr hiuaufblickte.

Uud er, der sonst so energische junge Mann, wie er nicht den Muth fand, fich ihr zu nähern! Er hätte doch nicht uöthig gehabt wie Leander daS Meer zu durchschwimmen, um fich seiner thaufrischen Maiblume mit einem sreuudlichen Gruße, mit einem trauten Worte zu nähern!

Gott Amor aber hatte ein Einsehen! Der lose Schelm, der voll Ungeduld dem stummen Liebesspiel zugeseheu, sührte einstmal» die beiden heimlich Liebenden in einer Gesellschaft zusammen, und hier sahen fie fich noch tiefer in die Augen, fanden erst recht Gefallen aneinander, und al» fie fich trennten, da mußte Koschat für länger von ihr Abschied nehmen, denn die Herbstserten und die Zeit der Reise zu seinen Lieben in die heimathlicheu Berge war gekommen.

Wie ein Alp lag e» auf Beiden, als fie Abschied nahmen, fie fühlten, daß fie an einem jener Abschiede standen, der über Meoschenschicksale entscheidet.

Wenn er damals den Muth gehabt hätte, die kleine Hand festzuhalten! Wenn er fie damals in die herrlichen Berge, in die frische erquickende Lust seiner Kärothoer Heimath hätte mituehmen dürfen!

erfuhr auch, daß fie die Tochter einer geachteten Bürger» familie und ein ächte» Wiener Kind von gutem Schlage, lebensfroh, anmuthig, gewüihvoll und brav sei.

Schon ein halbe» Jahr war vergangen, seitdem fie fich

Herzen.

Die erste Liebe, mit welcher Zauberkraft sie fich uuschuldvoller Herzen bemächtigt! Uud welche heilige Scheu

Fettilleton.

Die Geschichte eines Liedes.

Dem Leben nach erzählt von I. Haydn.

Ein kleines Lied, wie geht« nur an, Daß man so lieb es haben kann, Was liegt darin? erzähle!

ES liegt darin ein wenig Klang,

Ein wenig Wohllaut und Gesang, Und eine ganze Seele."

Marie v. Ebner-Eschenbach.

Verlassen bin t

^M der Stän auf der Straßen"---

Thoma» Koschat» schwermuthSvolleS, zu Herzen dringendes Zßid entstand unter Thränen, e» verdankt seine Eingebung

Entstehung einer Liebe» Episode auS dem Leben seine»

ft Ende der 60er Jahre in Wien war e», al» im k».rzen de» Studiosen der Naturwissenschaft, Thomas koschat, der in seinen Musettunden eifrig Mufik pflegte, hi: Liebe, die erste Liebe, mit aller Macht einzog.

Täglich begegnete er ihr, denn täglich gingen fie den» ß Iben Weg und täglich erröthete die schöne junge Wienerin, bh frisch und lieblich wie eine ausblühende Maiblume war, v»r den bewundernden blicken deS hochausgeschoffeuen jungen Manne» mit den treuen, guten Blauaugen uud dem blonden li-iustlerkopfe.

Jedesmal klopfte ihr bisher unberührte» Madcheuherz hSher, wenn fie ihn von ferne kommen sah und auch da» lerne schlug bei ihrem Anblick stürmisch aber gingen fie bann aneinander vorüber, so sahen fie sich nur verstohlen an.

war eben über Beide die schöne Zett der jungen Liebe Kommen, und gar oft folgte der junge Thomas erröthend bsa Spuren der Angebeteten.

Auf diese Weise wußte er gar bald, wo fie wohnte, und

Bekanntmachung.

Betreffend da» Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Wir machen die Interessenten darauf aufmerksam, baß da» Radfahren auf den von der Lahustraße nach den Bade­anstalten führenden Fußwegen verboten ist.

Zuwiderhandlungen werden zur Anzeige gebracht. Gießen, den 21. Juni 1898.

Großherzogliches Poltzeiamt Gieße«.

v. Bechtold.__

Bekanntmachung.

Betreffend die Reiohaltung der OrtSstraßeu.

Unter Bezugnahme auf § 3 de» Local Reglement» vom 10. November 1879 fordern wir die HauSeigeuthümer hier­durch auf, bei heißer, trockener Witterung die vor ihre« Häusern belegenen Banketts täglich zweimal und zwar Mor­gen» zwischen 6 bi» 8 Uhr und Mittag» zwischen 12 bi» 2 Uhr mit reinem Waffer zu begießen.

Gießen, den 21. Juni 1898.

Großherzogltche» Poltzeiamt Gießen, v. Bechtold.

Deutsche- Reich.

Berlin, 20. Juni. Heute früh 8 Uhr explodirte auf dem Uebuugsplatze de» Garde-Pionier-Bataillon» eine Pulvertoune, wodurch der Second.Lieutenant Wollmaun getödtet wurde. t .

Berlin, 20. Juni. DaS Gesummtergebuiß der Wahlen ist folgendes: Gewählt find: 38 Conservative, 10 ReichSpartet, 85 Centrum, 5 Reformpartei, 10 National- liberale, 1 freisinnige Vereinigung, 1 freisinnige BolkSpartei, 1 Bund brr Landwtrthr, 32 Soctaldemokrateu, 13 Polen, 1 Däne, 9 FractionSlose und 3 Bauernbündler. ES find 188 Stichwahlen erforderlich. An ihnen find bethetligt: 48 Conservative, 25 Reichspartei, 40 Ceotrum, 6 Reform» Partei, 70 Nationalltberale, 11 freisinnige Vereinigung, 38 freisinnige BolkSpartei, 8 deutsche BolkSpartei, 7 Bund der Lcmdwirthe, 101 Soctaldemokraten, 4 Polen, 9 Welfen, 4 FractionSlose, 1 Christlich-Socialer und 4 Bauernbündler. Die Conservattven gewinnen bisher 4 und verlieren 4 Sitze, die ReichSpartet gewinnt 1 und verliert 2, daS Centrum gewinnt 5 und verliert 1, die Reformpartei verliert 5, die

Ihr Bild begleitete ihn in die Heimath, die Erinnerung an fie beflügelte feine Phantasie und insptrtrte ihn zu manchem schönen Liede. Und al» die Zeit der Rückkehr nach der Katserftadt herankam, da war Niemand glücklicher al» Thoma» Koschat.

Zu ihr! Zu ihr! jubelte es in seinem Herzen.

Nun wollte er erst recht arbeiten und kämpfen, um fie zu erringen.

Sein erster Gang in Wien war an ihrem Hause vorüber.

Welch ungewohnter Anblick anstatt Blumenstöcke vor den Fenstern waren die Borhänge tief Herabgelaffen.

Täglich machte er wieder den gewohnten Weg, täglich hoffte er mit heißer Sehnsucht, fie zu sehen, aber vergeben».

Bon Unruhe gepeinigt, forschte er nach und zu seine« Entsetzen erfuhr er, daß die Geliebte einem typhösen Fieber erlegen, daß die Augen, die sein Entzücken gewesen, fich für immer geschloffen, daß die Hand, die zum Abschied so war« die seine gedrückt, im Grabe modere.

Er hatte Mühe, fich auf den Beinen zu halten, e» war ihm, al» wenn etwa» seine Kehle mit eisernen Griffe« umklammerte.

Zu schnell und schwer war da» Unglück über ihn ge­kommen. Seine ganze Kraft wußte er ausbieten, um nicht unter dem SchtcksalSschlage zu erliegen.

Lauge Zett brauchte er, bis er den Gedanken fasse« konnte, daß in da» Paradte» seiner ächten Liebe da» rauhe Geschick mit zerstörender Hand etngegriffen habe, und nur seine Muse, die Mufik, der er fich von jener Zeit au völlig widmete, konnte Balsam in sein kranke» Herz träufeln- fie brachte wieder Frieden in seine Seele, fie blieb ihm auch auf seiner Künstlerlaufbahn treu au» ihr schöpfte er bk anmuthSvollsten und melodischen Lieder und Mäunerchöre, die mit Herzeroberoder Macht nicht nur in Hütten, sondern auch in Paläste drangen. Diese Kinder seiner holden Muse, die trotz ihrer BolkSthümlichkeit von so großer künstlerischer Be­gabung zeugen, geben un» ein typische» Bild de» GemüthS-