Ausgabe 
21.9.1898 Zweites Blatt
 
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zwischen dem Großhesselober Eisenbahnviaduct und dem Brunn. baue ,3inn Berwein" läßt da» königliche Hofbauamt zur Zeit die Quellen und deren Leitung neu fassen. Die Arbeiten waren bereit» weit vorgeschritten, al» Mittwoch Abend gegen 5 Uhr, wohl in Folge de» Regen» der Berghang in» Rutschen kam. Die Verbolzung und besonder» die Verschalung der Grabenwände waren zu schwach, drm Drucke zu widerstehen und so stürzte Erdreich von beiden Wänden in die Tiefe und verschüttete, denM. R. R." zufolge, die Arbeiter Joseph Fleischmann von Solln und Max Winkelbauer von München. Die beiden Verunglückten sind oerheirathet. Fleischmann ist Vater dreier Kinder. Die Freiwillige Feuerwehr (Sendling) war in kurzer Zeit telephonisch herbeigerufen, zur Hilfeleistung an Ort und Stelle, ebenso die Freiwillige Santtältzcolonne. Die Kameraden der Verunglückten arbeiteten rastlo», konnten aber beim besten Willen, da da» Erdreich fortwährend nach« rutschte und die Verholzung-arbeiten sehr schwierig waren, bi» 7'/, Uhr kaum mit den nöthigen Vorarbeiten fertig werden. Um 51/* Uhr hörte man einen der Verunglückten noch leise rufen. Die Arbeiten waren einem Polier Polster übertragen. Abgesehen von der thatsächlich zu schwachen Verholzung und Verschalung der Grabwände soll die Leitung noch der'Vorwurf der Nachlässigkeit treffen. Um Mitternacht war die Hoffnung auf Rettung der Verunglückten aufgegeben.

Sine Braauiweiu Prophetia. Schon im Herbst 1894 berichteten mehrere Zeitungen über einen sogenannten Brannt- weinpropheten. E» war ein junger Bursche au» Mahala bei Czernowitz (Bukowina), der die Bukowina nach allen Richtungen durchzog und gegen den Branntweingenuß, sowie auch gegen andere dort allgemein verbreitete Unsitten predigte. Wiewohl er von den Alkoholhändlern und auch von den Regierung»organen behindert wurde, und insbesondere ein Theil der Bukowiner Preffe seine Thätigkeit theil» al» staat». gefährlich bezeichnete, theil» in» Lächerliche zog, hat er be­deutende Erfolge erzielt. Er bewog zahlreiche Gemeinden, zum symbolischen Vergraben de» Branntweins, war in über# au» feierlicher Weise geschah. Die Landleute schrieben rhm eine göttliche Sendung zu, sie nannten ihn prorok, d. h. den Propheten, und wußten von ihm bald allerlei Legenden zu erzählen. Durch die Affentirung de» jungen Manne» wurde der mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse sicher sehr heilsamen Bewegung ein Ende gesetzt. Wie richtig der Prophet seine Mission aufgefaßt hatte, zeigt nun der Umstand, daß, wie dieMunch. Allg. Ztg." mitkheilt, vor Kurzem in der Bukowina nunmehr wieder eine Prophetin (proroczka) ausgetreten ist. Von ihr wird, ähnlich wie von ihrem Vor­gänger, erzählt, daß sie schon tobt war und von Gott zu dem Zweck da» Leben wieder erhalten hat, damit ste die Leute von ihren Lastern abbringe. Dieses Mädchen predigt seit einigen Wochen unter den Huzulen (Gebirgrruthenen am Czeremosz) und hat einen großen Zuspruch gefunden.

Die Kunde von ihr drang erst vor Kurzem In weitere Kreise. Die Prophetin hielt am ersten Sonntag im August in Marenici eine Predigt gegen die Branntweinpest, die Arbeit an Sonn- und Feiertagen, ferner die Zersplitterung der Bauerngründe; tausend bi» zweitausend Leute sollen sich um sie auf dem Kirchhof versammelt haben. Em Gensdarm schritt ein, und da die L:ute nicht sofort sich zerstreuten, brachte er durch einen offenbar allzu übertrieben gehattenen Bericht die hohen und höchsten Behörden de» Londes in größte Aufregung, die indeß, wie es sich sofort herausftellte, ziemlich überflüssig war: die Leute hatten sich nämlich nach der Predigt zerstreut, und auch die Prophetin zog sich in ihre stille Berg, emsamkeit zurück. Die wettere Entwickelung der interressanten Bewegung ist abzuwarten. Hoffentlich wird die Obrigkeit die Thätigkeit der Prophetin, solange sie gewisse Schranken nicht überschreitet, nicht hindern, da der Trunk und die bi» ins Ungemessene gehende Zertheilung der Gründe in jenen Gegenden der Ruin der ländlichen Bevölkerung ist.

Wissenschaft, Citcratur nnd Aunst.

Der Mond Hot keinen merklichen Einfluß auf unsere Witterungs-Erscheinungen", dieser Grundsatz der meteorologischen Wissenschaft sollte in jede Schul Lestfidel ausgenommen werden, um dem krassen Aberglaud.n in der Wettervorhersage und Wciterdeutung zu steuern. Professor van Bebber von der Seewarte in Hamburg stellt diesen Antrag in einem sehr interessanten Aussatz über den Gegenwärtigen Stand der Wettervorhersage und ein Vorschlag zur besseren Nutzbarmachung berlelben*, den wir in der soeben er­schienenen Nummer 38 der WochenschriftDie Umschau" (Frank­furt a. M.) finden. Besonder» interessant neben der Kritik einer Anzahl anderer Aberglauben ist eine Besprechung der Falb'schen Prophezeiungen, die mit den Bauernregeln, den Prophezeiungen deS hundertjährigen Kalenders u. a. bleibende Monumente einer naiven Naturanschauung sind, die nicht der Erfahrung sondern einer grillen­haften WillkÜre entspringt. Nr. 39 derUmschau" enthält ferner einen illustrirten Aussatz überRömische» Soldatenleben in den Taunuskastellen" von Dr. Ernst Schulze, der die Saalburg zum Mittelpunkt hat, die auf Anregung de» Kaiser« j.ht wieder aus- gebaut wird. Heber w'ssensyaftliche Fortbildung in der Kleinstadt bandelt eine sehr anregende Betrachtung von Fabrrkdirector H. Trillich in Uerdingen, der Schluß des Aussätze«N-ue Plakate" bringt u. A. Abbildungen der berühmten P^akatbilder von PuoiS de Chavannes; mit der Perststanz (Hnveränderlichkeit) der Menschen­rassen beschäftigt sich eine geistvolle Untersuchung de» Anatomen Professors Kollmann, die durch die Abbildung der Büste eine« Pfahldauweibe« (Reconstruction auf Grundlage eines Schädels) iUuftrtrl ist. Von allgemeinem Interesse ist auch ein Artikel über electrischeS Kochen, dem Abbildungen der verschiedensten Apparate betgegeben find.

DaS Thierreich. Bearbeitet von Dr. L. Heck, Paul Matschie, Professor Dr. v. Marten«, Bruno Dürigen, Dr. Ludwig Slaby und E. Krieghoff. Erscheint in 120 Lieferungen zum Preise von je 10 Pf. und umfaßt ca. 140 Druckbogen mit 1455 Abbildungen und 12 Tafeln in feinstem Farbendruck. Auch zu beziehen in 4 ge­hefteten Halbbänden zum Preise von je 3 Mk. ober in 2 hochfeinen Leinenbänden zum Preise von 15 Mk. Verlag von I. Neumann in Neudamm. Die Herausgeber dieses von unS bereit« öfter em»

psohlenen Werke« haben sich die Aufgabe gestellt, auf der Grundlage de« gegenwäitigtn Stande» ber Wrssinschatt, in gemeinverständlicher Form dem Naturfreund, soweit er Laic ist, ein übersichtliche» Bild der (»genannten Thierkunde zu geben. Da« Hauptgewicht ist nicht auf die Systematik gelegt worden, sondern auf die Darstellung de» Thiere« nach seinem Bau, seinen Verrichtungen, seiner Entstehung und seiner Verwandtschaft. Mit den einfachsten und niebiiflften Thieren beginnend und von da immer höher steigend zu den ent- wickelsten Gestalten, will da« Werk den Leser in ein tiefem Ver ständntß de» Thierischen Organismus einsühren. Die unv heute vorliegenden ßieferungen 1120 enthalten den Schluß der ersten vier Stämme de« Thie reich« und beginnen mit dem fünften Stamm deS Thierretch«: KrebSihiere von Biuno Dürigen, Spinnen, Tausend, süßer, Insekten von E. Krieahoss Auch diese Hefte enthalten Jllu» fhattonen der bedeutendsten Thiermal r dcr Gegenwart. So möchicn wir denn bk Aufmerksamkeit aller Freunde der Matur, namentlich auch der reiferen Jugend, auf diese Gelegenheit lenken, ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Die Verlagsbuchhandlung sendet auf Verlang.n da» erste Heil, welche« mit einer vorzüglich auSgesühnen FarbendrucktafelIndischer Leopard" geziert ist, umsonst und poft» frei; formt kann sich Jedermann au« eigener Anschauung ein Unheil über den Werth bei vorzüglichen Werke» bilden.

Geschichte der Weltlitteratnr nedst einer Geschichte de» Theater» aller Zeiten und Völker. HerauSgrgeden von Julius Hart. Erscheint in 40 Lieferungen zum Preise von je 30 Pf. und umiaßl ca. 120 Druckbogen mit 825 Abbildungen und 16 Tafeln in feinstem Farbendruck Auch zu beziehen in 4 gehest.len Halb« bänden zum Preise von j- 3 Mk., ober in 2 hochfeinen Leinenbärben zum Preise von 15 Mark. Verlag von I. Neumann in Neubamm. Diesem vorzüglichen jetzt bi« zur 28. Liderung vor» liegenben Werke kann bte vollste Anerkennung gezollt werdn. Wa« wir an ihm ganz besonber« hervorzuheben haben unb waS ihm einen gewaltigen Vorzug vor anberen Werken biese« Gebiete« gtebt, ist der fesselnde Ton der Schilderung. Da» ist kein etniönige« ermüdende» Aneinanberreihen von Jahreszahlen und Thatsachen, die einzelnen Perioden der Weltlitteratur werden un« aU stimmungsvolle Bilder vor Augen geführt, wir müssen un» durch diese Fülle strengen Wissens und ernster Forschung, welche Hart« Werk birgt, nicht mühevoll, wie e» bei Gelehrtenwerken gewöhnlich ist, durcharbeiten, sondern das Werk erscheint un« mehr al« fesselnde, ang.nehme Lektüre, belebend, nicht ermüdend. Die un» heute vorliegenden Hefte behandeln:Da» 14. unb 15. Jahrhundert, Italien im Zeitalter Dantes. Die büraerlich-gelehrte Poesie in Frankreich, Spanien und b.n germanischen Ländern. Die Anfänge deS neuen Drama«. Die deutsche Litteratur im Zeitalter ber Reformation, Englanb im Bett- alter ber Reformation k. Die erste Lieferung, welche außerordentlich reichhaltig auSgestattet und mit 3 Farbentafeln geziert ist, wirb von der VerlagSbuchhanblung auf Verlangen umsonst unb vostfrei ver­sandt, sodaß Jedermann in der Lage ist, sich ein Urtheil zu bilden.

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Bekanntmachung.

In Folge ber postseitigen Benutzung der Kleinbahn Gießen Bieber werden vom 1. Ociober b. I. ab die Orte bzw. Niederlassungen Kinzenbach, Kinzenbacher Bahnhof, Kinzenbacher Ziegelei', Kinzenbacher Mühle und Kalkwerk und Abendstern von dem Landbestellbezirk de« hiesigen Postamt» abgezweigt und dem Landbestellbezirk der Kaiserlichen Postagentur in Heuchel« heim zugetheilt.

Vom gleichen Zeitpunkte ab wird die Landpostf'ahrt Gießen-Heuchel- hetM'Kinzenbach aufgehoben und die Landpostfahrt Gießen-Krofdorf-Rodheim auf die Strecke Gießen Krofdorf beschränkt.

Gießen, den 16. September 1898.

Kaiserliche» Postamt I.

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Bekanntmachung.

Auf dem Postbofe an der Bahnhof­straße Hierselbst sollen Donnerstag den 22. d. Mts., VornnllagS 11 Uhr, ver­schiedene abgängige Bautdeile, als Treppen, Thüren, Fenster, Closetbecken, Bicirohre, Bauholz u. s. w. öffentlich meistbietend gegen sofortige Zahlung und Abnahme verkauft werden.

Gießen, 12. September 1898.

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