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Zweites Blatt
Dienstag den 20. December
Nr 2^8
Gießener Anzeiger
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ArrS bett Verhandlungen bet Zwette» Kammer bet hessische» Stünde, nn. Darmstadt. 17. December 1898.
Die Kammer wird um 91/* Uhr eröffnet und bk General' Debatte über den Gesetz-Entwurf ,bte Notariate^ fort» gesetzt.
Die Abg. Heid en reich uub Erk sprechen fich für Einführung der Notariate au». — Auch Abg. Köhler- Worms hebt den Werth der Notariate hervor und glaubt, daß man der Regierung dankbar sein müsse, daß sie die Initiative für die Einführung des Notariats tu allen Theileu ton Hessen ergriffen habe. Die Bevölkerung könne mit dieser Einrichtung recht wohl zufrieden sein. — Abg. von Brentano weist daraus hin, daß Rhetuhissen die Kosten der Notare seither ertragen habe, obwohl fie höher seien als mau oteselben tm Eatwurf vorgesehen habe. Dte Notariate habe man in Rhrtaheffeu als eine gute Institution erachtet, und auch die Bürgermeister find mit denselben zufrieden. Er glaubt es daher vor seinem Gewlsstn und als Bewohner der dicsirittgen Provinz verantworten zu können, daß er das Haus rrsuLt, dem Gesetz-Entwurf die Zustimmung zu er- theilen. — Abg. Köhler proreftirt gegen einen Vorschlag de» Präsidenten, wegen der Geschästslage auf wettere Reden ,zu verzichten. Er bezeichnet diesen Vorschlag als eine Ironie gegen seine Person und wird wiederholt zur Ordnung gerufen Eine große Anzahl Redner verzichten auf das Wort. — Abg. Weith und Schönfeld sprechen fich für Einführung der Notariate und Reformirung der OrtSgerichte aus, nachdem vom Regieroogstisch Aufklärungen über die Kosteuhöhe gegeben wurden. — Die Avgg. Weidner und Köhler- LangSdorf heben nochmals ihren ablehnenden Standpunkt hervor. — Abg. Ullrich und seine Lollegen «dicken in den Notariaten eine Berbefferung der freiwilligen Gericht»- darkrit. Er werde sogar dafür st mmeu, daß die Notare angestrllt und damit der Anfang de» unentgeltlichen Gerichts- ^erfahrens gemocht würde. Die A ficht der Regierung, die Schadenseriotzpfl cht auf die richterlichen Beamte« anzaweuden, sei «>t Fieuorn zu begrüßen. Die Festsetzung der Gebühreu- iätze sei für ihn noch ein Punkt, auf den er tu der Detail« berathuog zurückkommen werde. Seine Partei werde für daS Gesetz stimmen. Rach einer R:he von persöoltchen Bemerkungen ergreift Berichterstatter Sch mitt« Mainz daS Wort. Er bedauert, daß, trotzdem die Generaldebatte zwei Tage gedauert habe, neue Gesichtspunkte nicht zu Tage getreten feien, welche nicht etwa in der Begründung schon enthalten seien. Das glänzendste Zruguiß für die Bortrefflichkett deS
Notariats beweise, daß h^ute nach 90 Jahren sämmtliche Abgeordneten der Provinz Rheinhessen fich für das Notariat»- gesetz ausgesprochen haben. Dte Behauptung deS Abg. Köhler LangSdorf, als fei der hesfische Bauernstand und daS hesfische Volk gegen dte Notariate, kl auS der Lust gegriffen. Er bittet daS HauS, dem Abg. Köhler nicht zu folgen, son- dern den Gesetzentwurf anzuoedmeu. Mit einer Ablehnung der Vorlage werde dte Sammer Sch ffdruch letden vor dem ganzen deutschen Volke. - Abg. Köhler wtrd wegen einem gegen den Abg. Schmitt gebrauchten Zuruf „Frechheit" zur Ordnung gerufen.
Zur Specialberathung deS Gesetz-Entwurfs übergehend, wtrd Art. 1 deS Gesetzes mit 36 gegen 10 Stimmen und damit der ganze Gektz Entwurf angenommen. Damit wird dte Sitzung um 1 Uhr abgebrochen. Die DetaHberathung desselben beginnen am DteuStag vormittag um 9 Uhr. Abg. Ullrich hat an die Regierung folgende Interpellation gestellt: ,3ft S der Großh. Regierung bekannt, daß bet Ausstellung von LeumuudSzeugntffeu dte Frage gestellt werde, ob der Vater Socialdemokrat feL*
Deutsches Reich.
Darmstadt, 17. December. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute deu Oberst Frhn. v. Hototngen geo. Hueue, Lommandeur des 1. Großh. Infanterie (Leib« garbe-Regiments Nr. 115, den Oberstlieuteuaut v. Roth- ktrch u. Pautheu, Eommandeur des 2. Großh. Dragoner- Regiments (Leib-Dragoner Regiments) Rr. 24, deu Hauptmann v. Oppeln - Bronikowski vo« 1. Großh. Infanterie (Lelbgarde-)Regtment Nr. 116, den Medictnalrath Dr. Hab erkoru und den Steaerrath Bähr auS Gießen, den Forstmeister Haberkoru aus W-ndhausen, deu Gymnafial« lehrer Prof. Dr. Schopp, den Eommerzieorath Thomas und die Hochbauaufseher Grüuig und Doru aus Mainz, den Amtsrichter Rummel aus Seligenstadt, den Bürgermeister Braun und Herr» Blumohr an- Sleiu-Steinheim, deu Lehrer Bechthold aus Nieder-Mockstadt; zum Vortrag deu Staatsminister Rothe, den Oderkammerherru Frhrn. v. Schenck zu Schweiusberg-Wäldershausen, deu EabiuetS- rath Römheld.
Berlin, 17. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt olfieivs: Slnige Organe der freifiuutgeu und soctaltsttschen Pceffe beschäfttgeu fich heute mit einem angeblich In Aussicht stehenden neuen Flotteuplau. Wir find in der Lage, auf daS Bestimmteste feststelleu zu können, daß au keiner Stelle die Vorlage eines neuen Flottenplane- oder einer
Abändernng deS Flotteugefetzes beabfichtigt wird. An der ganzen Sache ist kein wahres Wort.
Berlin, 17. December. Der verband der katholischen Studeuten-Vereivigungen Deutschland» hat an den Kaiser au» «nloß der glücklichen Heimkehr vou der Orientreise nnd der Schenkung der Dormition eine Adreffe gerichtet, auf welche der Kaiser ein Antwortschreiben sandte. In demselben heißt es: Er freue fich über die Kund« gebung treuer Ergebenheit von der katholischen akademischen Jugend und habe die Adreffe dem Hoheuzollern-Museum »nr Aufbewahrung überwiesen.
Berlin, 17. December, Der Bimetallistenbunb War gestern Abend im Reichstagsgebäude unter dem Vorsitz des Abgeordneten Kardorff znsamwengetreteu. Ein Berichterstatter meldet darüber: DaS Ergebniß ist In einer Resolution zu erbl ckeu. In derselben wird erklärt, daß der gegenwärtige hohe Reichsbank-DlScont eine Folge der GolS- Währung und der Boldknappheit sei, daß unsere Bank Politik zum Schutze der Goldbestände eine versehlte und unwirksame sei, und daß man suchen müsse, nach Analogie der Bank von Frankreich die Baardestände zu schützen. Ferner wurde con- statirt, daß die Bestrebungen, die auf Verstaatlichung der Reichsbauk gerichtet seien, mit der Währungsfrage nicht» zu tduu hätten.
Berlin, 17. December. Die vorläufigen Di»Positionen im Reich»tage sind dahin getroffen, daß nach Erledigung der Interpellation Wangenheim betreffend die Fletschnoth, die Milttärvorlage zur ersten Berathnng gestellt wird. Alsdann wird in die zweite Lesung de» Etat» eingetreten unter Brrückfichtigung der üblichen Schwerin»tage.
Berlin, 17. December. Der Kaiser hat dem Reichstage wieder ein Geschenk überwiesen, eine Wandtafel deutscher Srieggschiffe, welche unter Benutzung amtlichen Material» und unter Mitwirkung de» Marinemaler» Willi S:öwer bearbeitet ist. Die Tafel ist in der Bibliothek des Reichstage» aufgehängt worden. Sie zeigt in colorirler Lithographie eine Seiteuauflcht und den Durchschnitt de» Ltniensch ffr» Kaiser Friedrich III., de» Kreuzer» Geier, der beiden großen Kreuzer Fürst Bismarck nud Freya, sowie zwei Torpedoboote.
— Kriegervrreine und Socialdemokratie. Die „Parole", das amtliche Organ des deutschen Krieger- bunbel, wenbet fich in scharfer Weise gegen die Socialdemokratie und schreibt unter Ander«: Die Gegensätze zwischen Kriegerbund und Socialdemokratie müssen ehrlich anerkannt und zugestaudeu werden, selbst auf die Gefahr hi», daß fich die Zahl der Mitglieder verringert. Eine solche
Das 19. Jayryundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herauSgegebm von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten.) n.
Der Saug der Weltgeschichte im 19. Zahrhuudert. Erster Theil.
Die Jahre 1801 bl» 1850.
(Schluß.)
Alle diese Ereignisse bknttn dazu, die Hiffouugen le» deutschen Volkes aufrecht zu erholten, feinen Mmh zu stärken. Schon die Pariser Inli-Revolution von 1830 regte die Ge- müther mächtig auf, doch kam es damals noch nicht zu« gewaltsamru AuSbrnch. Erst die französische Revolution von 1848 bildete den zündenden Funken, der das Pulverfaß in die Luft sprengte. In fast allen Staaten Europa» gleich- zeitig erhoben sich die Völker. Bereit» 1847 stürzten die Schweizer da» oligarische Regiment, die Iesntten wurden 4Ulge»tekn, die aristokratischen (Santone zur Annahme liberaler Verfassungen gezwungen, der bi»herige Staatenbund tu einen festgeschloflenen BuvdcSstaat verwandelt. Gleichzeittg steigerte fich die Gähruug der Semüther in den Staaten Italiens, wo der nationale Gedanke fich gewaltig Bahn brach und fich in Aufläufen und Demonstrationen aller Art Luft verschaffte. Die Rückwirkung der Ereignisse in der Schweiz und Italien auf Frankreich offeubarte fich in der Pariser Februar-Revolution, welche das Bürgerkönigthnm stürzte und tk Republik proelamirte. Der Neffe des großen Torsen, Ludwig Napoleon, verstand klng die Zeitverhältuiffe zu be- vntzen. Am 10. December 1848 mit ungeheurer Majorität
zu« Präfidenten der Republik gewählt, schwang er fich durch den Staatsstreich vom 2. December 1851 als Napoleon III. auf deu Saiserthron. Die Gegner seiner Erhebung wurden uiederkartischt oder verbannt.
In Italien begann die nationale Erhebung mit dem Ausstand tn Palermo vo« 12. Januar 1848; bald pflanzte fich die Bewegung in die österreichischen Provinzen und die adrigen Staaten fort. Ja Rom und Venedig rief man die Republik au». Larl Albert, König von Sardinien, griff für die Befreiung der Nation gegen Oesterreich zu den Waffen, erlitt aber bet Tnstozza (25. Jult 1848) und Novara (23. März 1849) eutschetdeude Niederlagen, so daß er noch auf de« Schlachtselde zu Gunsten seine» Sohne» Victor Emanuel abdankte. Weniger glücklich waren die Oesterreicher h» Sampse mit den unter Loffuth aufgeftandeneu Ungarn. Es bedurfte rusfischer Hilfe, um da» thotkräftige Volk, d'ff n Reichstag am 14. April 1849 die Absetzung des Hause» Habsburg uab die Selbständigkeit Ungarns ausgesprochen hatte, niederzuwerfen. Auch die Revolution tn Wien, anfangs fiegreich wurde unterdrückt, und jahrelang bekamen dte Kriegs- gerichte blutige Arbeit, bevor die tn ihren heiligsten Gefühlen verletzte Reactton fich wieder beruhigte.
In Deutschland erzitterte bei der Kunde vo« Zusammen- bruch in Paris da» reactionäre System in seinen Grund- festen. Ueberall gab man mit Entschiedenheit den freiheitlichen und nationalen Forderungen Ausdruck; eia deutsches Vorparlament versammelte fich in Frankfurt a. M., vou RegierungSwegen schrieb «an selber die Wahlen zur Reichs- Vertretung au» und am 18. Mai 1848 trat in der St. Paul»- kttche zu Frankfurt die deutsche Nationalversammlung zu- sowmeo. Der Buude»tag, die bisherige Vertretung der deutschen Fürsten, löste fich zu Gunsten der neugewählten Tentralregierung, bestehend int Rrichsverwescr Johann von Oesterreich und einem Reichsmtnistertu«, auf, und Alle»
schien int besten Zuge. Auch tu Preußen erfolgte nach d« Berliner Straßeukärnpsen vom 13 März dte Etuberufmtg einer Nationalversammlung. Bald aber stellte fich die Machtlosigkeit der neuen Tentralregierung heraus, die Regkeungen respectirten sie nicht, König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die Ihm von der Nationalversammlung angetragene Kaiserwürde ab. In erbitterten Parteikämpfeu seine Macht verzehrevtz, fiedelte da» deutsche Parlament nach be« Austritte und der Abberufung eine» großen TheilcS seiner Mitglieder al» ^Rumpfparlament^ nach Stuttgart über, wo es am 18. Juul 1849 von der württembergischen Regierung mit Waffengewalt aufgelöst wurde.
Die einzelnen Ausstände zum Vorwande nehmend, ginge« jetzt die Regierungen energisch gegen die Revolution vor, wie in Ungarn mit russischen, so wurde fie in Deutschland mit preußischen Bajonetten niedergeworfen. Die preußische Nationalversammlung erlitt schon am 5. December 1848 In Brandenburg daS Schicksal der Auflösung, woraus der König de« Lande eine Bersossang mtt Zweikämmershste« vctroytrte. Wie tn Oesterreich, fanden auch bet unS die Kriegsgerichte vollauf Beichäfttgung, nachdem die Soldaten bereit» ihre furchtbare Arbeit verrichtet hatten. Allenthalben füllten fich die Zuchthäuser, zahlreiche Führer der Bewegung suchten i« Auslände eine Z flucht. Ein tragische» Geschick ereilte In Wien den unglückliche» Robert Blum. Al» Gesandter der Linken be» beutschen Parlament» nach Wien delegirt, wurde er unter der Beschulhnng, persönlichen Antheil an der bewaffneten vertheidigung der Stadt genommen zu haben, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschaffen.
StneS der Haupthindernisse für da» Zustandekommen bei Reiches bildete von Anfang an die Rivalität der beiden deutschen Großmächte Oesterreich und Preußen. Keine gönnte der andern den Vortritt, schließlich gab Preußen, nachdem fich beide Heere bereit» feindlich bei Bronzell gegenüber-


