Nr. 273 Fünftes Blatt
Sonntag den 20. November
189$
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^erulprecher Nr. 51.
Rrbactton, Gxpebition unb Druckerei:
Fch-tSratze Hx. 7.
politische Wochenschau.
Da- Katserpaar hat feine Reife noch weiter ab« gekürzt und wird vom österreichischen «riegshafen Pola ans direct nach Deutschland zurückkehren. Damit find alle au einen Aufenthalt an der spanischen Küste geknüpften Tom« binationrn gegenstandslos geworden. Der Kaiser hat den dringenden Wunsch, baldmöglichst wieder in der Nähe der Reichshauptstadt zu sein, und es ist dehhald noch gar nicht ausgeschloffen, daß die (6r Öffnung des Reichstags doch noch vor dem utfpiüagiich geplanten Termin statlfinden wird.
Unsere innere Politik treibt keine allzu großen Wogen, und da wüsten denn die lippische und die braunschweigische Frage herhalten, um gehörig dreitgetreten zu werden- dies kann um so ausgiebiger geschehen, da über beide Angelegen« heiren Dunkel herrscht und infolge besten die Anfichten weit auseinander gehen.
Für Deu'schland muß die internationale Lage keine wesentlichen vedenkrn haben, da Reichskanzler Fürst Hohenlohe Berlin auf einige Tage verlosten konnte, trotzdem Herr v. BÜ ow, unser Staatssekretär des Aeußeren, fich bekanntlich in Gefolge des Kaisers b. findet.
Recht lebhaft ging es ,m Laufe der letzten Woche wieder im Aus lau de zu. Noch immer wurde die Guildhall-Rede des englischen Premierminister» ei9:tret; aber schon hat fich ein anderes Mitglied des britischen Eadinets zu einer neuen Rede aufgeschwungen, in welcher die ägyptische Frage beleuchtet wurde. Der Eolonialminister Lord Ehamderlain, sonst gerade nicht als Freund Deutschlands bekannt, der fich früher nicht genug thun konnte in chauvinistischen Ausfällen gegen uns, betonte in Manchester die deutsch-englische Jntereffegemein- schäft, welche auch ohne förmliche Alliance bestehe. UnS kann es nur recht sein, wenn jtnfeits des Kanals solche Anschauungen Platz greisen und man dort erkennt, daß uns ein Verdrängen des englischrn Einflusses völlig fern liegt.
Ja Italien ist am Mittwoch da» Parlament durch den König eröffnet worden. Die Thronrede war ungewöhnlich lang und enthält eine Reihe von Versprechungen, die, wenn fie fich erfüllen, dem Lande wohl zum Gegen gereichen können. Interessant ist im gegenwärtigen Moment, wo man der Einberufung der Abiüstungsconserenz harrt, die Ankündigung, daß dte italienische Regierung die Verstärkung ihrer Klieg« flotte plant. Die innerpoUtischen Verhältnisse Italien» dürsten übrigen» wieder sehr erregte Sceneu in der Dcputtitenkammer heraufdefchwören.
Im österreichischen Abgeordnetenhause find noch immer gegenseitige Schimpfereien an der Tagesordnung, so daß die Sitzungen meist ergebn'ßlo» verlaufen. Auch im ungarischen Reichstag ist e» neuerding» zu sehr stürmischen ©eenen gekommen. Mir Begeisterung hatte man den Entschluß des Königs ausgenommen, da» Hrntzi.Denkmal durch ein Standbild der ermordeten Königin Elisabeth zu ersetzen, und Baron Banffy, der ungarische Mtnisterpräfident, hatte au» diesem Anlaß verschiedene Ehrungen erfahren. Nun hat der R tchskriegsminister einen Armeebefehl erlassen, in welchem die Uedeiführung des Hentzidenkwals in den Garten der Kadettenschule angekündlgt und Hentzi als ein Vorbild für die militärische Jugend gepriesen wird. Dagegen protestiren nun die Ungarn, und die Lage har eine solche Schärse angenommen, drß die Dimilfion des Rltchskriegsmintsters von Krteghommer als bevorstehend bezeichnet wird; ja, mau fürchtet sogar für den v'stand des ganzen Cabinets.
In der DrehfnS-Angel eg enheit ist als weiterer Fortschritt zu bezeichnen, daß der verurrheilte von dem Stand der Dinge unrerrtchtet und wahrscheinlich noch Frankreich ÜbergesÜhrt werden soll. Sonst bittet die politische Lage in dem Lande jenseits der Vogesen keinen Grund zu besonderen Betrachrungen. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 18. November. Das Katserpaar ist auf seiner Reise nach Pola gestern Nachmittag in Syrakus ein« getroffen und beabsichtigte heute früh nach Mesfina weiter zu fahren.
Berlin, 18. November. Wie ans Syrakus gemeldet wird, setzte das deutsche Kaiserpaar heute Vormittag um 11 Uhr von Syrakus seine Rerse fort, Die Ankunft in Mejfina erfolgte Nachmittag» um 2 Uhr.
Berit», 18. November. Da» Staats»inisterium trat heute Nachmittag 3 Uhr unter de« Vorsitz des Fürsten Hohenlohe tu seinem Dtenstgebände zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 18. November. Wie ein parlametarischer Berichterstatter wiffen will, stand auf der Tagesordnung der
heutigen Sitzung des Staatsministeriums die Lippe'sch en Angelegenheit, von anderer Sette wird gemeldet, daß es fich um den Sch tz der Arbeitswilligen handelte.
Berlin, 18. November. Wie oul Bremen gemeldet ivirb, ist dort im Alter von 89 Jahren der Begründer des .Norddeutschen Lloyd", H. H. Meter, gestern Abead gestorben.
Berlin, 18. November. Zur Veröffentlichung der Denkschrift de» Graf-Regenten zur Lippe erläßt das Lippt'sche Staatswintstertum eine Erklärung, in welcher eS heißt, daß den Veröffentlichungen sowohl der Sras-Regent und dessen Familie, al» auch der Hof und die Lippt'sche Staa'sregierung durchaus fernstehen. Demgegenüber steht eine Mittheiluug der .Lippe'schen Tageszeitung", wonach allerdings der Gra'-Regent nichts von der Veröffentlichung gewußt habe und auch nicht damit einverstanden sei, daß ober dieselbe von der Umgebung des Graf-Regenten und seinen Ralhgebern ansgegangen fei.
Kola, 18. November. Zur Abkürzung der Reise des Kaiserpaares wird der .Kölnischen Volkszeitung" aus Berlin geschrieben: In maßgebenden politischen Kreisen kommt die Meldung von der Abkürzung der Reise nicht unerwünscht. Die Annahme sei nicht von der Hand zu weisen, daß für die frühere Rückkehr auch politische Gründe bestimmend gewesen seien. Jedensalls könne man heute sagen, daß dte Unterlassung des Beluches des Sa secs In Aegypten Deutschland vor Verlegenheiten bewahrt habe.
Karlsruhe, 18. November. Wte die .Bad. Presse" aas bestimmter Quelle vernimmt, trifft des ttaiserpaar nächste Woche in Baben Baben »um Besuche ein.
Wien, 18. November. Der bekannte Bankier Wilhelm Großberger hat fich heute aus unbekannter Ursache erschossen.
Budapest, 18. November, von unterrichteter Seite verlautet: Bet der Veröffentlichung de» Erlaffes des Kriegs- Ministers, worin es heißt, das Hentzi-Den km al soll der studirenden Jugend als Vorbild der Soldaten-Tugend vor- schweben, welcher Passus eigentlich allem den Unwillen der Oppofilion erregte, spielte ein Zufall mit. Dieser Erlaß war schon vor einigen Tagen ausgegebeu. Auf Vorstellungen von ungarischer Seite, laß dieser Passus Unwillen erregen werde, wurde angeordnet, daß der Erlaß nicht veröffentl cht werde. Emer der EorpS-Eommandauten veröffentlichte jedoch den Erlaß, bevor die Gegenordre bei ihm emtraf. Daher konnte ter Erlaß nicht mehr unpublicirt Metten.
Budapest, 18. November. In der gestern Abend ob- gehaltenen Eonferenz der Uaabhänglgkeitt-Partei wurde be- schloffen, die Opposition in der Hentzi-Denkmal- Ss faire sowie den Kimps gegen do» Lahmet in schärfster Weise fortzusetzen. Die Bo'.kspartet be ch oß, da» Budget- Provisorium odzulehnen, der Debatte aber kein Htnderniß tu den Weg zu legen.
Budapest, 18. November. Infolge der stürmischen Vorgänge im Abgeordnetenhause wurden Banffy, der Unter- richtswtnister, der Jastiiminister und der Landes-Verthetdt- gung»-Minister behufs Berichterstattung vom Kaiser in Audienz empfangen.
Pari-, 18. November. Sestern Abend fand unter dem vorfitz des Leiters der .Arnore" eine Versammlung statt, welche von mehr als 8000 Perlouen besucht war. Die bedeutendsten socialist scheu Führer hielten Reden. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: 3000 versammelte Bürger protestiren energisch gegen dte Langiaa kett, mit welcher die Revtfion des Dr> y'ns Prccesses vor fich geht. Sie fordern, daß Picqnart svfoit in Fieiheit gesetzt wird und tadeln die Schurken, welche Dreysus unschuldig nach der Teufelsinsel geschafft haben. Die versammelten protestiren ferner gegen die gerichtliche Verfolgung, welche gegen Gohier angestrengt worden ist, weil et ter Armee dte Wahrheit gelagt hat. Endlich erklären die versammelten, daß fie alle Mittel und Wege benutzen «erden, nm das «ilt ä-genchtliche Verfahren, welches so viel Unheil gestiftet, adzuschaffen. Der in der Versammlung ebenfalls anwesende Letter des anarchistischen Blattes .Ptuble" wurde von einem Polizeibeamten ab- geführt.
Loudon, 18. November. .Daily Mai'." meldet ans Rom, daß der englische Botschafter gestern de« König Humbert sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Der König habe ihm gesagt, Italien zähle auf die Freund- schast Englands.
Laudoa, 18. November. .Daily Sraphic" will wissen, da» Gerücht, welche» gestern Abend tn Washington um
ging, wonach der Minister Day von Pari» die Nachricht erhalten, daß Spanien die amerikanischen Bedingungen angenommen habe, unrichtig sei.
Loudon, 18 November. Eine Meldung au» Shanghai f besagt, daß wegen Auflaufen» des deutschen Flaggsch ffe» tn der Samoa Bucht bei Facha die Enthüllung de» Denkmal» für die mit der .Jlti»" Untetgegangenen in Shanghai verschoben ist.
— Ein russische» Riesenproject. Man schreibt den .Münch. Neuest. Nackr.": Die Anstrengungen der ruifiichen Regierung, ihre Krieg»- und Handelsflotte rasch aus einen breiten Fuß zu bringen, begegnen fe uertet finanziellen Schwierigk<tten, da fie von allerhöchster Stelle gebilligt werden. Diesen Plänen steht aber die begrenzte Leistuugs- sähigkeit sowohl btt eigenen Staatswersteu, als auch der auswärtigen Sch ffsbau Gesellschaften entgegen, zumal «an von den l-tzteren die engli'chen nicht gern mit Aufträgen versteht. Das ruifische Marineministerium interelfirt fich daher eifrig für die Erweiterung der rusfi'chen Stoatswersien, erreicht aber auch hier bald die Grenze des Möglichen, schon wegen des Mangels an technischem Arbeiispersooal und au» zahlreichen anderen Gründen. Soll nun die russische Marine fich ernstlich daraus voebereiten, in nicht vllzu ferner Z kauft den Wettstreit mit der britischen Seemacht nöthigenfalls allein zu bestehen oder doch ihrer weiteren Entwickelung aus allen Meeren eine imposante F otte entgegeuznhalten, so dürfen radicale Mittel zu deren Bewehrung nrcht gescheut werden. Die rusfilche Regierung beabflch'igt infolge solcher Erwägungen, die deut'che Sch fftboutechntk und Leistung»sähigkett gleichsam auf rassischen Voten zu verpflanzen, indem fie mit kem .Vulkan" über Anlage von sogenannten Privatwersteu in Rußland in Verhandlung tritt, woran fich weitere Verhandlungen mit Krupp Lüpfen. verwirklicht fich das Pro« ject der Regierung, worüber wir zur Zeit keine vermuihungeu onstellen wollen, so muß, wie oft schon früher, ein reicher Zustrom deutscher Ingenieure und technischer Arbeiter nach Rußland ftattfiaden, welche dort neben ihren direkten Ob- ltevrnheiten die Aufgabe finden werd«», aus den Eingeborenen allmählich en ge'chicktes «ibeitspersonal für den Schiffsbau heronzubilden. Der Schöpfer der großrusfischen Zukuufts« marine würde demnach Deutschland sein. So viel wir w'ssen, garantlrt dte russische Regierung den deutschen An« lagen .sür die erste Zeit" einen Reingewinn von 27 Millionen Rubel. Ohne angestrengte B'schäftigvng wird die nach Rußland importirte demiche Technik de» Sch ffsbaurs und seiner Atwi'una jedensalls nicht bleiben.
Konstantinopel, 18. November. Freiherr d. Marschall, Herr v. Lucanus und Major Morgen find hier ein- getroffen. E'stirer überreichte heute dem Sultan in besonderer Audienz ein eigenhändige» Schreiben Kaiser Wilhelm».
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• Kein fester Bode». Der .Deutsche Oeconomist" vom 5. November 1898 enthält einen Artikel, betitelt .Die ; Großbanken", der folgendermaßen beginnt: „Wenn nicht
alle Zeichen trügen, so werden unsere großen Baukin in nicht mehr ferner Z it die Probe darauf zu bestehen hoben, wie fich ihre neueste Entwickelung unter außergewöhnlichen ver- ■ hältnissen, n. A. in einer schweren ir dustriellen kr fis, be- [ währen wird. Noch zwar lauten die Berichte über den Gang der Industrie durchweg günstig, und wir wollen utS kein Urtheil darüber gestatten, wie lange dieser günstige Zustand noch dauern kann; aber da» ist doch zweifellos, daß es fich immerhin hierbei nur um eme verhältnißmätzig kurze Zeit handeln kann, die auch der größte Optimist wohl nicht Über ein bis zwei Jahre in Autfichl nimmt, die der Pesfimist aber nur noch nach Monaten bemißt. Jedenfalls ist noch dem immensen Aufschwung der industriellen Letstungssähtgkett, welche der dauernden verbrauchssähtgke.t wett vorausgeeilt ist, eine Periode zu erwarten, welche de« Ausgleich zwischen Production und Con um gewidmet ist und alle Merkmale einer Krifi» an fich trägt." Im Weiteren führt der Artikel aus, daß sämmtliche große Banken mit Verbindlichkeiten für grofce und weit in die Zukunft gehende Unternehmungen be« lastet find, daß i« Falle eines Krachs wohl die Frage entstehen dürfe, ob fie den Schwierigkeiten gewachsen seien. Insbesondere sei erforderlich, daß die Gesetzgebung dahin geändert werde, daß die Banken gezwungen würden, den Depoftten- verkehr streng vom übrigen Bankverkehr zu trennen. Aehnliche pesfimistische Anschauungen enthält der letzte Loadoner .The Economiste", der die wirthschaftliche Lage tn den vereinigten Staaten und England mit ungünstigen Augen anficht.


