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Nr. 91
Zweites Blatt. Mittwoch dm 20. April
1808
Gießener Anzeiger
Heneral-Nnzeiger
Bezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. moiatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
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Die Gießener
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“ÄtS“ Gratisbeilage: Giekkncr Familirnblätter. "»"""
Anrtlichev Thell.
Gießen, den 13. April 1898.
Betr. Die Anstellung der KreiSstraßmwarte.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an bie Grotzherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Tie wollen, soweit auS Ihren Gemeindekaffen Gehalte an Kreisstraßenwarte bezahlt worden find, die Gemeinde- Einnehmer veravlaffen, sofort mit der Kreiskaffe abzurechnen, damit diese in den Besitz sämmtlicher Hauptquittungen gelangt.
Binnen 14 Tagen sehen wir Ihrem Bericht entgegen, daß diese Abrechnung stattgesunden hat.
v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Darmstadt. 18. April. Der „Darmst. Ztg." zufolge reist der Großherzog am Donnerstag zum sächsischen König-Jubiläum nach Dresden. — Nächste Woche trifft die Prinzessin Heinrich zum Besuch hier ein.
Berlin, 18. April. Wie der „Post" gemeldet wird, hat der Kaiser sein Erscheinen zu den im Mai nächsten Jahres im Wiesbadener Hoftheater stattftndenden Festvorstellungen wieder zugesagt.
Berlin, 18. April. Dem „Berl. Tagebl." zufolge find die Unterhandlungen, welche zwischen dem amerikanischen Martueattachs in Berlin und der Hamburg.Ämrrtka Linie wegen Ankaufs deS Schnelldampfers „Fürst Bismarck" schweben, dem Abschlvffe nahe.
Berlin, 18. April. Die Sitzung deS Staats- Ministeriums am Samstag dauerte von 2 bis 8 Uhr. An derselben nahm auch Staatssekretär Tirpitz Theil.
Berlin, 18. April. Der hiesige mexikanische Geschäftsträger Frederic Larrainzar ist tu der vergangenen Nacht am Herzschlag gestorbeu.
Berlin, 18. April. Die letzte Nummer der „Zukunft" von Maximilian Harden ist heute auf Beschluß deS Land«
gerichtS München wegen des Artikels König Otto beschlagnahmt worden.
Karlsruhe, 18. April. Das Großherzogliche Paar begibt sich der „Badischen Preffe" zufolge am Mittwoch zu etwa dreitägigem Aufenthalt an die Riviera.
Ausland»
Karlsbad, 18. April. Hier kam es gestern Abend zwischen Socialdemokraten und Deutschnatioualen auf der Straße zu einem Zusammenstoß. Gendarmerie mußte requtrirt werden, um die Ruhe wieder herzustellen.
Belgrad, 18. April. Die vom Minister des Innern gebilligte Verhaftung des Führers der Radicalen, Nicola Pasttfch, welche nur wegen dec Osterfeiertage verschoben worden war, ruft in allen Kreisen große Aufregung hervor.
Peking. 18. April. Die englischeu Offiziere, die im Tsunglt Yamen in Audienz empfangen wurden, find nach Tientsin abgeretst.
Havanna, 18. April. Die Besatzung der Festung Marco del Castillo am Eingänge von Havanna bemerkte gestern ein amerikanisches Kriegsschiff, worauf der befehlshabende Offizier fich zum Bombardement vorbereitete. DaS Schiff zog fich jedoch bald zurück und verschwand.
Gründung eines Zuchtvereins im Kreise Gießen und die Zuchtschau zu Langsdorf.
H. Langsdorf, den 16. April 1898.
Auf Einladung deS DirectorS deS landwirthschaftlicheu Bezirksvereins Gießen, Herrn RegierungSrath Jost vrr- sammelten fich heute Abcnd unter dem Vorsitze des Retchs- tagSabgeordneten Köhler von Langsdorf eine große Anzahl Landwirthe auS den Orten LangSdors und Umgegend, um über die Gründung eines RtudvtehzuchtveretnS für Simmeu- thaler Raffe zu berathen. Herr Bürgermeister Köhler begrüßte die zahlreich Erschienenen und ertheilte Herrn Laud- wirthschaftSlehrer Leithiger von Alsfeld das Wort zu einem Vortrage: „Ueber die Viehzuchtbestrebungen im Großherzog, thum Hessen und die Errichtung eines ZuchtvereinS." In
feinen schönen Ausführungen behandelte der Referent sehr aul* sührltch folgende Punkte:
1. Einer der wichtigsten landwirthschaftlicheu Betriebe ist die Rindotehzucht. ES ist nun für den Landwirth nicht einerlei, ob er Kühe im Stalle hat, welche jährlich 1200 Str. oder daS zwei- und dreifache an Milch liefern. Darum ist er erste Aufgabe des Viehzüchters, leistungsfähige Thiere zu züchten, und diese Zucht mit aller Eonsequenz durchzuführen.
2. Darum ist eS uöthig, Bullenstattonen mit leistungS- fähigen reinblütigen Bullen zu gründen, denen die Herdbuch- thiere zugeführt werden.
3. Der Aufzucht des Jungviehs ist die größte Aufmerksamkeit zu schenken und durch Errichtung von Tummelplätzen und zweckentsprechende Ernährung auf Verbefferung der Zucht hinzuwirken.
4. Durch Pbämiiruugen von Zuchtthieren find die Züchter zu veranlassen, in ehrlichen Wettbewerb zu treten.
5. Alle 14 Tage ist Probemelken und Milchumer- suchung auf Fett vorzunehmeu zur Förderung der LeistungS- fahigkeit.
6. Alljährlich find BezirkSthierschauev vorzuuehmen, bei denen auch der An« und Verkauf von Zuchtvieh zu vermitteln ist.
In der nun anschließenden, sehr lebhaften DtScusfion wurde die Debatte sehr ausführlich und angeregt durch den Vorschlag drS Bürgermeisters Köhler«Langsdorf, dem neuen Verein den Namen „Für die nördliche Wetterau" und nicht, wie dies der Beschluß des AuSschuffeS des ProviuztalveretuS verlangt, „im Shetfe Gießen" beizulegeu.
Bürgermeister Köhler Langsdorf führte auS, daß die natürlichen Verhältnisse einen Zuchtverein erheischten, der sich über den gesammten Bezirk von Garbenteich im Nordea bis nach Wölfersheim, Södel und Melbach in der mittlere« Wetterau, von Holzheim und Butzbach im Westen und bis Grünberg im Osten erstrecke, daß aber durch den Beschluß, dem Verein dea Namen im Kre.se Gießen beizulegen, die Ortschasten an den Wetterauer Bahnlinien, die andere« Kreisen als dem Kreise Gießen angehörten, einer bureau- kratischeu Marotte zu lieb, von vornherein vom Zuchiveret« auSgeschloffen würden.
Feuilleton.
Aus geweihten Lande«.
Von Karl Böttcher.
(Origimllbertcht unseres Special-Correspondenten).
(Nachdruck verboten.)
X. Zn« Tobten Meer.
Jericho, 21. März.
Heme — „hinab gen Jericho", auS dem kalten, wärz- wiudduichtobteu Jerusalem in den hrllsounigen Frühling einer blumenstrotzeudrn Oase- auS frtschpulfirendem ioternatto- nalem Stadtlebeu hinein in eine gewaltige Letchrnkawmer — anS Tobte Meer.
Rasch rollt der Wagen mit seinen drei munteren arabischen Pferden und einem weißbeturbanten Kutscher dahin — jetzt au Gethsemane vorüber, jetzt durch Bethanien, immer Wetter die fich tu eine Steinwüste htnabschlängelnde Chaussee entlang. Zwischen Felsblöcken glühea tiesrothe Aaemouell, bewegt vom Lrnzwind. Flotte Reiter mit buntem Sattelzeug sprengen vorüber, schwerbeladene Eselheerden trippeln daher, denen lauge Reihen hintereinander angebundene Kameele in feierlicher Dummheit folgen.
Am staubigen Wegeraud lagern rusfische Pilger — roth- und graubärtige Männer mit dicken Pelzmützen und alte Frauen mit langen Stöcken, alles vereinzelte Nachzügler emer zahlreichen, an den Jordaa wandernden Karawane. Ich weiß, auf meinem ganzen Ausflug werden mir solch biedere Gestalten noch oft über den Weg laufen. Jene drüben find freilich bereits erschöpft- eben trinken fie auS einer flachen, lehmigen Psütze, und bevor fie den tuntigen Trank htuuuterschlucke«, schlagen fie verklärten GefichteS in tn der Luft das Kreuz. . . .
Bald bergab, bald bergauf dehnt fich die weiße Straße und wieder mächtig bergab. Manchmal guckt da hinten vom fernen Oelberg der Alles überragende schlanke Ruffenthurm über ein grausaodtges GebtrgSjoch herüber. . . .
Plötzlich steigt vor mir aus Staubgewölk ein trotziges, mit Schießscharten versehenes Gemäuer empor. ES ist die sogenannte Herberge deS barmherzigen Samariters, wo der
jüdische Wanderer der biblischen Erzählung geborgen wurde, nachdem er unter die Mörder fiel. . . Schwitzende, dampfende Pferde schütteln vor dem niedrigen Eingang das Zaumzeug, drinnen aber in dem offenen Viereck dicker Mauern wimmelt ein buntes Durcheinander von allerhand Tonristentypev: dürre Engländer in gigerlhaften Reitanzügen, wetßverschleterte Frauen, elegaulr DragomanS, Leute der allerverschiedensten Nationalitäten. In einer FelSnische stürze ich einige Glas rubtueurothen Sarona-Wein hinunter, und die Fahrt geht weiter. . . .
Hellbraun erscheinen jetzt die sonnenvollen Berge, wie bedeckt mit rtefigen Tigerfellen, oder auch grün angehaucht, weil der nahende Frühling frischer Grün dem Sand entlockte. . . . Jetzt die in Fels gehauene Straße hoch oben in luftiger Höhe. Drüben in amerhystblauem Duft das Gebirge Moab, in weiter Ferne links das Schimmern des Jordans, rechts eine Maffe grauweißer, in der Sonne glitzernder, unförmiger Flächen — funkelnde Salzkrusten, im Sand unweit des Tobten Meeres. Neben der Straße, t« tiefer Felsschlucht, in wildzerriffenem röthlichen Gestein, braust und kocht der Bach Krit, ganz bedeckt von wucherndem Gesträuch.
Wieder hocken todtmüde rusfische Pilger am Wege. Alle» Schuhzeug haben fie von fich geworfen und die schweiß- triefenden Gesichter ruhen auf regenverwaschenen Fels- blöcken. —
Zwei Stunden später ziehe ich unten im Oertchen Jericho herum — ein Oertchen, gebettet tn eine Oase mit glänzendem Blätterwerk und feurig aufblühenden Blumen. Bon dem einst mächtigen Jericho, deffen wuchtige Stadtmauern unter dem dröhnenden Schall der Josua'schen Posaunen zusammen- stürzten, keine Spur mehr Jetzt nur einige armselige, schmutzrrfüllte Fellachenhütten, dann ein paar sür den Touristenfang eingerichtete Hotels und zwei unscheinbare Klöster — nichts weiter.
O, diese Oase, in der ich nun nach allen Richtungen hin Herumstreife! .... Betäubender Orangenblüthendust, durchschwirrt von summenden Bienen- mächtige Hecken von hellgrauem, langstacheligem Christusdorn, au- welchem nach der Tradition die Dornenkrone geflochten war- hochragende, im Abeudwind säuselnde Palme und darunter dicke Blumen-
teppiche frischduftender Blüthen in allen Regenbogenfarben - riesiges CactuSgestrüpp und Balsambäume und wirrer, fast undurchdringlicher Dickicht verschiedener Sträucher — Alles ein üppig wucherndes Durcheinander, daS mich an die tropische Vegetation von Zanzibar oder an die westindische Inselwelt erinnert. Und drüben am tiefblauen Horizont die kühn- geschwungenen Linien deS „Berge- der Versuchung", von wo au- der Eatan dem Erlöser tn einer blendenden Vision alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte.
Mehr und mehr heben und senken fich in der heißen Last ganz kleine Fliegen, die gierig über mich herfallen, in Nase und Ohren kriechen oder festkleben auf der schweißigen Haut. Dlckwolltge, von zottigen Hunden bewachte Kameele weiden im hohen Grase. Manchmal strecken fie den Kopf mit der erhabenen Haltung eines Emporkömmling- in die Lust und stellen fich, als wollen fie sonst welch tiefe Weisheit verkünden. —
Am folgenden Morgen unternehme ich einen Ritt anS nahgelegene Todte Meer ....
Der ins Jordauthal einziehende Frühling hat fich durch die Wüste ziemlich weit an die Ufer herangewagt, plötzlich aber tn dieser von glühender Salzluft durchhauchten Oede erschrocken Halt gemacht. Ich Pflücke ein Bovquetchen arm- seliger gelber und rother Blümchen, die ganz vereinzelt tu geringer Entfernung vom Uferrand in erbarmungswürdiger Dürftigkeit emporsprteßen — beim Riechen an die kränkelnden Blüthen habe ich die Empfindung, al- stecke ich den Kopf in ein HäringSfaß. Ich koste etwa- vom Waffer dieser trägen, blauschwarzen Fluth — es schmeckt wie schwerversalzene Suppe, gegen welche gewöhnliche- Meerwaffer gleich süßer Limonade erscheint. Ich hebe einige der angeschwemmten Holzstücke auf — alle mit dicken Salzschichteu überkrustet. . . .
Ach, jetzt inmitten der gewaltigsten, in tiefe Trauer versenkten Einöde, in trostloser Stille im Anblick unbeweglicher düsterer Wafferflächen, über welche tiefhängendes Dunst- gewvlk bei erschlaffender Bruthitze daherschwebt, sich nun zertheilt und in melancholischer Ferne die Schaueröden des grauen FeldgebirgeS Moab enthüllt- jetzt am sandigen Saum eine- grandiosen Leichentuch-, das die versunkenru Städte Sodom und Gomorrha deckt und in seterlichrm Schrecken, au Tod und Verderben gemahnt - jetzt inmitten ewigen Schweigens,


