Nr. 297 Drittes Blatt._______Sonntag den 18. December
1808
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Heneral-Anzeiger
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Orrfft für Drpeschen: Anzeiger GirtzfA. Aernsprechrr Nr. 6L
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e In einer Bierbrauerei in Tarmstadt ereignete fit am Freitag Morgen folgender komische Vorfall. Ein Land- mann hotte lein Pferd daselbst in einem Stalle untergebracht, welcher wegen Bauveränderung seither nicht benutzt wurde and vor besten Eingang die Maurer ahnungslos mit der Errichtung einer Backfteinwand beschäftigt waren. 811 der Landmann nun am vormitt- g sein Pserd holen wollte, war dasselbe regelrecht eingemaneit und es blieb keine andere Wahl, als die Mauer wieder niederznlegen.
• von der ersten deutschen Zeitnug m nuferen «»Ionien liegt die erste Nummer vor: der „Windhoeker Anzeiger" vom 12. Oktober. Sie umfaßt vier Seiten, von denen eine und eine halbe Anzeigen enthalten, außerdem liegt eine Bei» läge über die Postverbindungen des Schutzgebiets von Deutsch» Südwestafrika im vierten Vierteljahr 1898 bei. Unter „Amt» liches* staden wir zunächst eine Baupolizei Ordnung vom 12. September, sowie ein Nachlaß Ausgebot. Der Leitartikel widmet dem Andenken des Fürsten Bismarck warm empfundene Worte, die uns von dem Eindruck, den der Tod des großen Kanzlers im Schutzgebiet gemacht hat, ein schönes Zeug iß geben. I« nächsten Artikel „Delagoadai englisch* wird bas deutsch englische Abkommen besprochen, und der uns durch deu Uebergang der Delagoabai in englische Hände entstehende Schaden bargelegt. Die darauf folgenden „Mittheilnngen aus dem Schutzgebiet* beziehen sich ans: Militärische Nach» richten, eine Einladung zur Sitzung des landwirthschastltchen Vereins für Dentsch-Südwestafrika, Notizen über die Anpflanzung von Bäumen — namentlich Odstbäumen — in Windhoek, sowie über den Eisenbahndan und den Verkehr auf der Bahn. Ferner lesen wtr, daß demnächst eine Grundbuch, ordnung für das Schutzgebiet eingeführt werden soll, sowie unter „Local Nachrichten*, daß die Bauthätigkeit in Windhoek äußerst rege ist, und daß die Bestellung der Bärten eifrig betrieben wird. Besonders wird mit großer Freude die Vergrößerung der Weiupfiavzuvgen gemeldet. Im An- zeigentheil sind es natürlich Gasthöfe und Wirthschafteu, die sich dem Publikum empfehlen. Für des Leibes Nahrung und Rothburft, sowie auch für einen guten Trunk in Gestalt von Münchener und Pilsener Bieren, hochfeinen Schnäpsen und Lckören und für Unterhaltung durch Billards, Kegelbahnen xu s. w. scheint ausretcheud gesorgt zu lein. Ein Restaurant rühmt neben sonstigen Vorzügen ganz besonders dte prachtvolle Ausficht tu das Windhoeker Thal. Sogar eine Eon- bltorei ist vorhanden. Andere Geschäste empfehlen Flüchte, photographische Bedarfsartikel, Ansichtspostkarten, lichtempftud- liche Rarienbrtefe — ganz w.e bei uns, nur fehlen die Fahr« räderauzeigeu, die in unseren heimischen Blättern viel Raum einnehmen. Eigenartig muthet eine Anzeige aus Nonidas über das Entlausen von 38 Zugochsen an — wünschen wir, daß der Eigeuthümer die Tyiere inzwischen zurückrrhalten
hat. Der „Windhoeker Anzeiger* erscheint alle 14 Tage. Ec ist durch jede deutsche Postanstalt zum Preise von 4 30 Mk. für das Schutzgebiet und 5 70 Mk. für Deutschland zu beziehen
• Die verfchollene Südpol Expedition, von der belgischen Südpolexpedition, io schreibt die voifi che Zeitung, fehlt jede Kunde, und in den w'sirnschastlichen Krenrn ist »an über ihren verbleib nicht ohne Sorgen. Das letzte Lebenszeichen dieser Expedition ist ein im März d. I. in Rumänien eingegangener Brief des an derselben teilnehmenden rumänischen B ologen Rakowitzo, der meldete, daß das Expeditiousichisf ,®elgtta* nach dem Grahomlande dcmpstc, um eine Erforschung vorzunehmen. In geographischen Kreisen glaubt man, daß Eommandant de Gerlache das noch freie Meer benutzt habe, um noch weiter vorzudriugen, und hierbei plötzlich von Eismaffen eiugeschloffcn worden sei und seitdem festliege. Diese vermuthung erscheint nicht unbegründet, da Eommaudaut de Berlache, der Führer der Expedition, in einen im December 1897 nach Antwerpen gelangenden Briefe die Möglichkeit aussprach, erst im Jahre 1899 wieder ein Lebenszeichen von sich geben zu können. Das Sch'ff ist mit Lebensmitteln auf drei Jahre und genügenden Sohlenmengen ausgerüstet. Ist das Schiff vom Eise eingeschioffen, so find schwerlich Nachrichten vor dem Frühjahre 1899 zu erwarten, jedenfalls erscheinen die Gerüchte, nach denen die Expedition gescheitert und das Expeditionsschiff zerschellt sei, wenig begründet- wäre dieses der Fall, so hätte man schon längst in Europa irgend eine Nachricht über die Teilnehmer an dieser Expedition erhalten.
• Der wandernde Berg. Aus Teplitz in Böhmen wird dem „Neuen Wiener Tageblatt" vom 11. d. M. berichtet: Noch ist die furchtbare Katastrophe, von welcher das am Hasenberg gelegene Dorf Slapai im April heimgesucht wurde, nicht vergessen, und abermals kommt traurige Sunde aus dem Unglücksort. Der Hasenberg hat fich wieder in Bewe- gung gefitzt, die Berglehne zeigt große Riffe und die Terrain- rutschuug beträgt innerhalb 24 Stunden anderthalb Meter. Die „Wanderung" geht diesmal in südwestlicher Richtung zwischen der alten UiglückSstätte und den Weinbergen. Wie seiner Zeit gemeldet, waren die Jnsaffen von Slappai Anfangs April um Mitternacht durch ein donner ähnliches Bekroch aus ihrer Ruhe aufgeschrickt worden. Entsetzt stürzten die Leute auf die Straße, AllrS im Stich loffend. ES entstand eine furchtbare Panik. Glitch Kanonendonner hv'te fich's im Dorfe an, und man wußte fich keine Erklärung dafür. Schreckensbleich, kaum m't dem Nöihiqsteu bekleidet, flüchtete AlltS auf die Felder, in die nächste Umgebung. Der Hasen- berg hatte fich in südöstlicher R'ch'uug unter furchtbare« Gtkrach und Getöse in Bewegung gesetzt, Alles mit fich fort* reißend und unter seinen Trümmern begrabend. Es bildeten fich Olffnungen, welche die Tiefe zweistöckiger Häuser hatten und ebensolche Eihöhuugen. Als der Morgen anbrach, waren
v'erzig Häuser fast spurlos verschwunden. Smzelne Fragmente bttfelbtn fand man an Punkten wieder, die bis an 60 Meter von dem uriprüngl'chen Standort entfernt waren. Das Rutschterrain hatte eine Fläche von 30 Morgen. Menschenleben waren erfreulicher Weise nicht zu beklagen. Rath und machtlos standen Techniker und Geologen der Katastrophe gegenüber, ohne ihr Einhalt thun zu können. W e eine ewig drohende Gefahr erhebt fich über de« Torfe der fast vierhundert Meter hohe Hasenberg, ein mächtiger, auf L'tten gelagerter Bisalefelsen. E n hervorragender Techniker erkläite damals sofort die Besahr für permanent und de» entsprechen die neuesten Ersche nnngen. Der Hasenberg birgt in seinem Innern viel Grundwoffer, welches die Letteuschicht, auf welcher der Basalt gelagert ist, unterwühlt, so daß Hohlräume entstehen, welche die Basalte zum Sinken und Rutchen bringen. Wieder hört mau das unheimliche Rauschen aus dem Erdinnern, wieder ertönt dumpfes Rollen aus dimselbeu und wieder „öffnet" sich der Boden, Zeichen, welche die Dorfbewohner in Angst und Schrecken versetzen.
rMgeufchaft, Citcratnr uwö
— Die neuesten Hefte der beliebten illustrirten Familien- zeitsckrift »Born Fels zum Meer" (Union Deutsche Verlags- gesellschaft Stuttgart, Berlin, Leipzig, Preis des HefteS 75 Pfg.) bieten eine solche Fülle interessanten Inhalts, daß die Leser in hohem Grade befriedigt sein dürfen. Allen voran ist es der neue Roman Gabriele Reuters: „Frau Bürgeltn und ihre Söhne", der gleich von Beginn an die höchste Spannung erweckt. Ihm schließt sich ein Werk von Emil Marriot .Der betrogene Tbeil" ebenbürtig an; die darin gebotene treffende Characteristik des Künstlerherzens wird alle Leser interessiren. In dem neuesten Hefte der Zeitschrift wird eine besondere Ueberraschung durch den Facsimile-Abdruck einer Seite aus Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" geboten; die Seite, eine der wenigen, die der Fürst eigenhändig geschrieben, enthält ein treffend formulirtcs Urtheil über den Absolutismus als RegierungS- form. Auf den besonderen Schmuck des laufenden Jahrganges von „Vom Fels zum Meer", die Darstellung des modernen Kunstgewerbes, haben wir bereits hingewiesen; die mit zahlreichen Illustrationen geschmückten Berichte enthalten eine ganz vortreffliche Anleitung zur Beurtheilung aller modernen Stilfragen. Weiterhin erwähnen wir die Beiträge: Kaiser Franz Joseph I. und daS Kaiser Franz-Joseph-Theater zu Berndorf bei Wien, bekanntlich eine der vielen Stiftungen, die anläßlich des fünfziajähriqen Regierung-- jubiläums des Kaiser ins Leben gerufen worden sind; die originell illustrirte „Taschenrevue" von Richard March, „Das Recht der Persönlichkeit" von Conrad Thuemmel, „Prinzessin Kaiulani von Hawau" von Wilh. Fr. Brand, „Bilder auS Aegypten" von Tomaschki, „Heinrich Grünfeld, der Meister deS Violoncells" von Alexander MoszkowSki rc. Im illustrativen Theil zeigen die Heft« von „Vom Fels zum Meer" eine Vielseitigkeit und Pracht der künstlerischen AuSdruckmittel, die wohl unerreicht dasteht. DaS nächste Heft (8) erscheint als WeihnachtSnummer und wird besonders werthvolle Gaben bringen.
Seidenstoffe
txrlangc Ulufür mit Wngobt b. äktoünfdjitn.
von Elten & Keussen, K'Ü Crefeld.
Feuilleton.
Z)as 19. Zafiryundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herauSgegrben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug ©erboten.) n.
Der Sang bet Weltgeschichte im 19. Jahrhundert. Erster Theil.
Die Jahre 1801 bis 1850.
Die erstell 16 Jahre des 19. Jahrhunderts gehören fast ausschließlich der politischen Geschichte. Mit Äanonenbonner wurde es so recht eigentlich eiogewetht. Rein von der pole- tischen Seite betrachtet, könnte mau es auch das Jahrhundert des nationalen Gedankens nennen, denn nicht bloß in Deutsch- land, soudern auch in anderen Staaten «achte die nationale Idee fich geltend und errang den Sieg, «ein anderes Reich aber blühte so mächtig, fo stolz empor wie Deutschland. An der Pforte des Jahrhunderts erblicken wir eS in feiner tiefsten Erniedrigung, am Ausgang auf der Höhe der Entwickelung. Am 18. Mai 1801 war Napoleon I mit 3 572 127 Stimmen »uw erblichen Kaiser der Franzosen erhoben worden. Die politische Lage trug zur Zeit seiner Thronbesteigung einen verhättnißmäßig friedlichen Eharacter, nur «it England lag ber Serie ton Streit, weil die englische Regierung fich nicht nur weigerte, Malta zu räumen, sondern auch ihrerseits verschiedene Forderungen, betreffend Zurückziehung franzöfischer
Truppen, an ihn stellte. Bereits 1803 hatte Napoleon Hannover besetzt- sein Plan ging dahin, eine Armee in England selbst zu landen, doch die Vernichtung der franzöfisch- spanischen Flotte bei Trafalgar (21. October 1805) durch den englischen Admiral Nellon, wachte ihm die Ausführung unmöglich. Zur selben Z-.it verbanden fich England, Rußland, Oesterreich und Schweden gegen den Eroberer, welchir siegreich in Oesterreich eindrang und gegen Wien vorrückte. Bei Austerlitz, in der berühmten Dretkaiserschlachi, brachte er am 2. December 1805 den Ruffen und Oesterreichern eine entscheidende Niederlage bei. Rußland trat hierauf von der Eoalition zurück, «ährend Oesterreich im Frieden von Preßburg 1200 Onadratmeilen seines Gebietes abtreten «ußre. Bayern und Württemberg wurden zu Königreichen erhoben und 1806 von 16 deutschen Staaten der unter Napoleons Protectorat stehende Rheinbund geschloffen, dem fich später mit Ausnahme der beiden führenden Staaten Oesterreich und Preußen und zweier norddeutscher «.ein- staaten fämmtliche übrigen deutschen Länder «ehr oder weniger freiwillig aaelieberten. Da der Rheinbund de« Deutschen Reiche jede Pflichtleistung aufsagte, fo legte Kaiser Franz I am 6. August 1806 die deutsche Kaiserwürde nieder.
Die Manipulationen Napoleons gegen Preußen, von dem er Grenztheile den Rufs-u und Engländern anbot, obgleich er mit diese« Staate i« äußeren Frieden lebte, nötigten der preußischen Krone schließlich den Krieg ans. Die blutige Entscheidung fiel bereits a« 14. October 1806 bei Jena und Auerstädt- die Niederlage des von Dünkel erfüllten, schlecht geleiteten preußischen Heeres war voll
ständig. Preußen stand offen bis ans Herz. Die Som« manbrure der Festungen lieferten ohne Belagerung die Schlüssel aus, am 27. Oct ob er zog Napolecn feierlich tot Berlin ein, der preußische Hof floh nach Memel und Königsberg. Der mit Preußen verbündete Zar trat nach einigen den Franzosen gelieferten Gefechten zurück und Preußen sah fich zu de« schmälichen Frieden von Tilfit gezwungen (am 9 Juli 1807), in welchem eS nur seine rechts der Elbe be- legenea Länder zurücke,hielt. Bon Berlin anS verhängte Napoleon über England die berüchtigte Eontinertalsperre, durch welche England von allem Verkehr mit dem Festlande abgefchloffen wurde, deren Folgen fich jedoch für das Festland weit verhängnißvoller gestalteten, als für das britische Joselreich.
Für Deutschland folgten nun die schweren Jahre Napoleonischer Herrschaft und Unterdrückung. Preußen, seine Fehler erkennend, benutzte diese Zeit zur Reorganisation seines Staatswesens- die Erbnnterthäuigkeit wurde aufgehoben, StS:teordnuvg und Gewerbesreiheit, sowie die allgemeine Wehrpflicht gelangten zur Einführung. Der Feldzug nach Rußland (1812) brach des UsmpttorS Macht und Glück, als Flüchtling kehrte er ans dem fernen Moskau zurück mit den Trümmern feiner Armee. Frost, Hunger und Strapazen hatten vollbracht, was Europa bisher nicht gelungen war. Gnmüthig erhoben fich nun die Deutschen, daS fremde Joch abznschütteln. Oesterreich, Schweden, England und Rußland schloffen fich Preußen an. Die anderen deutschen Länder, mit Ausnahme von Sachsen, lösten fich ein- nach dem andern von Napoleon ab und traten be« allgemeinen Bunde bei»


