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18.9.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 219 Zweites Blatt Sonntag den 18. September

1898

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ü AuSnabmk bei Montag».

Die Girßntkr Ma»ilie»stäi1er crbrn brm Lnznger Wöchentlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Anrtlieher TheU.

Gießen, den 8. September 1898.

Betreffenb: Die Ableistung des HuidtgungS- und Ber- faffungleidel.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme derjenigen der Amtsgerichtsbezirke Grünberg und Homberg.

Die Ableistuag de- Huldigung»« und Berfaffung-etdr- dcr in Ihren Gemeinden neu aufgrnommenrn Ort-bürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hesfischen Unterthaneo, welche sich, ohne Ottlbürger zu werden, verhetrathrt haben, soll tote nachstehend angegeben, stattfinden:

1. der Ort»' und Stac>t!büra»r aus den in den Amts' gericht-bezirken Lich und Butzbach gelegenen Ge­meinden bei Kreises G'eße" Donnerstag, den

22. September d. I., Nachmittags 2 Uhr, in dem Rathhause zu Ltch,-

2. der Orts« und Staatsbürger aal ben in den Amt!- gerichtlbezirken Hungen, Laubach und Nidda gelegenen Gemeinden bei Rretfel (Stehen Montag den 26. September d. I, Nachmittags 2'/. Uhr, in dem Rathhause zu Hungen-

8. der Ort»- und Staatsbürger au- ben in dem Amts« gerichtibezirk Gießen gelegenen Gemeinden DieuS- tag, den 4. October d. I., Bormittags

11 Uhr, in dem Regierungsgebäude (auf dem Brand) zu Gießen.

Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Per­sonen zu den Terminen vorzulaben und, wie geschehen, unter Angabe bei Namen der Borgeladenen anzuzeigen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war.

Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.

v. Bechtold.

Fürst Bismarck

über die anarchistischen Verbrechen.

Unter diesem Titel veröffentlichen bieHamb. Nachr." einen Artikel, der die Anfichten des Fürsten Bismarck über anarchistische Verbrechen wiedergidt. Wir entnehmen den intereffanten Ausführungen nachstehende Mittheilungen:

Fürst Bismarck sagte in einem Gespräch, dal er 1894, bald nach der Ermordung CarootS, mit dem Vertreter des Blattes führte, daß, wenn man psychologisch nach dem Ur­sprünge der Secte der Anarchisten suche, man nothwevdig ans den Nährboden der Socialdemokratie stoßen müffe, von deffen Vegetation fie fich abzweige, je nachdem, wie es die Klüftigkeit der Förderung Seitens der Lehrer und Führer einerseits, und die Empfänglichkeit und die Triebkraft bei Belehrten und Verführten andererseül mit fich bringe. Jedeu- falll habe man in Europa vor der Eindringung der Social- demokralie solche secienhaft und genoffenschaftlich auftretenbe terroristische Mord- und Verbrechen-p'.demie, wie die an­archistische, nicht gekannt. Der Zusammenhang sei un­verkennbar.

Außerdem vertrat der Fürst die Ansicht, daß el fich bei dem anarchistischen Verbrechen um eine ansteckende Krankheit handle, bei der häufig Elelkeit und Ruhmbedürfniß wirksam seien. In dieser Beziehung machte er folgende Ausführungen: Namentlich der Südländer, so äußerte der Fürst, habe ein solches Bedürfniß nach Eindruck und momentaner Anerkennung, daß ihm die Zeit, die zwischen seinem Verbrechen und der Hinrichtung auf dem Schaffst vergehe, wo er den Mittel­punkt bei Jutereffei bilde, eine hinreichende Entschädigung für den Verlust bei Lebenl dünke. Sehnliche! sei auf der besseren Seite der menschlichen Leidenschaften analog der Fall, namentlich in Frankreich. Um nur ein Beispiel anzuführen, erinnerte der Fürst an den bekannten Vorgang der Erstürmung der Brücke, die später Pont d'Arcole genannt worden sei. Dieser Sturm habe in der Weise stattgesunden, daß die ersten Angreifer hätten fallen müssen, sobald die Brücke unter Feuer gelegen habe. Der Erste, der geblieben, fei ein Schüler der Scole polytechnique, Namen! Arcole, gewesen und nach ihm, nicht nach der Schlacht von Arcole, heiße die Brücke. Er habe den Nachruhm mit den wenigen Secuuben bezahlt, die zwischen dem Moment, wo er die Fahne zum Sturm ergriffen habe und dem Moment gelegen hätten, wo er, unter den Kugeln zusammendrechevd, seiner Umgebung zugerufen habe: Souvenez-vous, que je me nomme Arcole 1* Durch diese wenigen Secunden habe er sich für das Opfer feine! Leben! entschädigt gefühlt. Die Selbstaufopferung Eiozelner komme auch im Kriege vor- dort beruhe fie aus höchster vaterlaudS- liebe und auf einer Selbstlofigkeit, die nicht! mit dem ruhm­süchtigen verbrecherischen Wahnsinn der anarchistischen Selbst­vernichtung gemein habe.

Besonder! interessant war die Parallele, die Fürst Bilmarck zwischen den Anarchisten und der indischen Mord- secte der Thug! zog. Ihr B.'ispiel sei lehrreich. Im Jrhre

1831 habe der englische Gcneralgouverueur von Indien, Lord William Beotivck, ernste Maßregeln gegen fie ergriffen und bereit! im Jahre 1835 wären über 1500 Personen all Thug! verurtheilt gewesen. Die bloße Zugehörigkeit zu dieser Secte habe den Grund zur Berurtheilung gebildet. Daß die Eng­länder, die sonst so gern all diebevorrechtigtsten Vertreter der Humanität" gefeiert würden, mit dieser Secte kurzer Hand aufgeräumt hätten, indem fie einfach alle Individuen, die dazu gehörten, ohne daß sie ein bestimmte! verbrechen begangen hatten, hinrichteteu, erscheine bemerkcnlwerth; die Engländer hätten in Erfüllung der Aufgabe gehanbelt, die ihrem Schutze Übergebenen Mitmenschen gegen Meuchelmord zu sichern und seien dabei vor keinem Mittel zurückgeschreckt.

Der Fürst ging dann auf die rusfischen Nihilisten über. Sie gehörten nach seiner Ansicht in die nämliche Kategorie. Junge Leute, meisten! einer bestimmten GeisteldÜpofitiou angehörig, würden durch Erziehung und Umgang so beeinflußt, daß ihnen der Mord im Allgemeinen und der politische Mord im Besonderen al! Zweck bei Leben! erscheine, für ben fich aufzuopfern fie bestimmt seien. In Rußland reiche die Zu­gehörigkeit zu der Secte der Nihilisten, wenn fie nachgewiesen werde, hin, die Betheiligteu in Sibirien unschädlich zu machen- die 6000 bis 10000 Werst, die zwischen Sibirien und dem europäischen Rußland lägen, würden all ebenso wirksame Schutzmittel angesrhen, wie die Tobelstrafe. Die Ver­bannung nach Sibirien sei für die Betheiligten auch kaum angenehmer."

Höchste Beachtung verdient, wal Fürst Bilmarck über die Bekämpfung der anarchistischen Epidemie sagte:

Zum Schutze der verbrecherisch bedrohten Menschheit ist jede! energische Mittel ebenso indicirt wie gegen jede andere ansteckende Krankheit ober Landplage. Der modernen Mörder- secte gegenüber befindet fich die menschliche Gesellschaft i« Zustande der Nothwehr. Wer in der Nothwehr tödtet, kann fich nicht fragen, ob seine Handlung ein Act der Gerechtigkeit ist. Sein Bedürfniß ist eben, fich zu vertheibigeu. Ist nicht die staatliche Gesellschaft ben Anarchisten gegenüber in der Lage bei friedlichen Manne!, der durch Angriffe in den Staub der Nothwehr versetzt wird, und der fich wehrt, wie er kann? Wenn ein Gewalthaber, König ober Diktator, fich die Be­rechtigung beilegt, die Leute, die ihm gefährlich find, ohne Weitere! au! der Zahl der Lebenden zu streichen, wie dal in der Geschichte vorgekommen ist, so bezeichnet mau ihu und seine Schergen al! Bluthunde. Sind nicht die anarchistischen Mörder in der analogen Lage und verdienen fie nicht diese Bezeichnung, welche wir in der Presse zu schüchtern sind ihnen zu geben?"

Feuilleton.

K. A. 1898.

Humoreske von Arnold Bevern.

(Nachdruck verboten.)

Ich bin Arzt und hatte mich fett etwa drei Monaten io einer boyerischen Kreilfladt ntebevpelaffen.

Leider brach in ben ersten vcht Wochen meiner Anwesen­heit dort keinerlei Epidemie aus und mir blieb, nachdem bie üblichen Besuche gemacht und angenommen waren, recht viel freie Zeit.

Dal muß voraulgeschickt werden, wenn ich für da! Folgende verfiaobuiß finden soll.

Nun halte ich also von 36 Uhr Nachmittag! meine Sprechstunde augesetzt.

Wal will man während dieser Zeit thun? Dableiben » man, dal steht fest, denn wenn doch wirklich ein Patient käme, wäre el fataL

Ötnbiren kann man aber unmöglich, wenn man so sehn­süchtig auf dal Bimmeln der Hausglocke wartet, wenn man so innig fich einen Patienten wünscht, tote ein angehender Schriftsteller den Verleger.

Also in einer dieser schrecklichen Sprech- ober besser Schwe'gstuoden la! ich au! lauter Langeweile schließlich ZettuugSanuovceu.

Nicht etwa Heiratllgesuche nein. Ich hatte eine vornehme Revue vor mir, in welcher auch in dieser Be­ziehung nur Gewählte!. Schließlich aber feffelte mich ein Inserat.

Es hieß:

Schriftsteller, jung, vereinsamt, wünscht Briefwechsel mit einer ebenfalls alletnstth-ndeu, gebildeten jungen Dame. Briefe unter H. A. 1898" re.

Nun bin ich aber ein männlicher Doctor medicinae und nicht etwa eine junge emandptrte Dame. Doch dal mit dem vereinsamt sein stimmte nur zu sehr, während der Sprech­stunde, höchster Bildung rühme ich mich auch und vielleicht machte mir die Sache irgend einen Spaß.

Man kann nie wissen, wal für D nge au! ganz un- bebeuieaben Anfängen entstehen können.

Jebensall! beschloß ich, den Rest der mir noch auferlegten Wartezeit im Sprechzimmer zu einem Briefe an ben einsamen Literaten zu verwenden.

Ich schrieb Folgende!:

Sehr geehrter Herr!

Einsam, wie Sie selbst, fühle auch ich da! lebhafte Be« dürfnlß, wenigsten! einen Menschen zu finden, der mir näher- treten wollte.

Zwar schreibe ich selbst nicht Bücher, aber ich lese gern solche, und die Ihrigen müffen ohne Zweifel ein großer Genuß sein. Noch viel schöner aber denke ich mir, mit einem Schrift­steller selbst in persönliche Beziehungen zu treten.

Ich will aufrichtig gegen Sie fein. Ich mache el zur einzigen Bedingung, daß Sie mich nlemall helrathen wollen, denn bie'em Wunsche, geehrter Herr, ständen unüberwinbliche Hlnberniffc gegenüber.

Wenn Ihnen aber da! genügt, wal ich sonst aal meiner Einsamkeit heran! bieten kann, so seien Sie meine! wärmsten Interesse! versichert.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Elotilde Hartenberg, p. Adr. Herrn Dr. med. Bernd Hartenberg (welcher mein Bruder ist).

Anlbach Hospastenftraße.

Diesen Brief trug ich, all meine sogenannte Sprechstunde endlich vorüber war, eigenhändig in den Postkasten und war

nun ganz neugierig, ob dieser dumme Kerl von Schriftsteller wirklich antworten werde.

Kaum jedoch waren vier Tage vergangen, all auch schon ein Brief an mich dalag. Er kaum au! München und war von einer ganz fremden Hand.

Bor jeder Störung sicher, machte ich mich sogleich au die LectÜre:

Sehr geehrte!, gnädige! Fräulein I

Unter den vielen Briesen, welche mich io meiner Ver­einsamung trösten wollten, sand ich keinen, welcher mich f» sympathisch berührte, al! Ihre liebenswürdigen Zeilen. Auch mir liegt, wie Ihnen, ber Gedanke an eine Ehe durch die Zeitung fern, auch bei mir stellen fich in diesem Falle unüberwindliche Hinderniffe entgegen, trotzdem ich unver­mählt bin.

Aber dennoch ist eS mir ein lebhafieS Bedürfniß, mit einer gebildeten, vorurtheilllofen Dame Briefe zu wechseln und vielleicht auf diese Weise Einblicke in eine fremde Seele thun zu können, die mir sonst versagt bleiben müffen.

Sprechen Sie offen: Haben Sie schon geliebt? Stand Ihnen ein Mann jemals näher?

Was halten Sie überhaupt von Liebe, von Glück, vom Leben ?

Doch ich frage viel auf einmal und vielleicht zu kühn.

Aber schenken Sie mir Ihr Vertrauen, ElotUde.

Mit dem Ausdruck verehrungSvollster Ergebenheit

Ihr

Hermann Alfen, Schriftsteller. München, Akademiestraße 21 II.

Nun, neugierig war mein Schriftsteller und ein blichen ungenirt jedenfalls auch. Da! machte aber nicht!, er konnte am Ende ein ganz netter Kerl fein.

So schrieb ich wieder.