Ausgabe 
17.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr 270 Zweites Blatt Donnerstag den 17. November isOS

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: die Maul« und Klauenseuche.

In Mohrbach uud Nieder Mockstadt, ttret» Büdingen, ist btt Maul« und Klauenseuche auSgebrocheu uud «ehöstsperre augeordoet worden.

ließen, den 16. November 1898.

Grobherzogliche» KreiSamt Gießen.

v. Bechtold.

Deutsches Reich.

Cttlti, 16. November. Der Kaiser hat au» Anlaß brr heutigen Feier de» 160jährigen Bestehen» de» Jnvaltdeu« House» verschiedenen Olfiitereu uud Beamten de» Hause» Sn»zeich»ongen verliehe» uud io einer besonderen Labioet»« ordre Uniform-Aenderungen befohlen.

Berit». 16. November. Die Verhaftung de» Tuch« fabrtkaoteu Karl Rieschke au» Forst t. L. erregt dort, wir da» ,®erl. tagebl.* meldet, große» Aufsehen. Nach seine« Srständwß har Rieschke au» auderen Fabriken große Meugen Varn uud Wolle gestohlen. Außer diesen gestohleoeu Waareu wurde« bet einer Hau»snchung in der Woll Remise Rieschke» über 10 Eeutner Rohwolle gefunden, die Rieschke während de» letzten Hochwasser» nach seine« eigenen Gestäudniß bet eine« andern Fabrikanreu gestohlen hat.

Berit«, 16. November. Nach einer der ^National« Zeitung au» Detmold zugegaogevru Mittheilong hat die dortige Ttaat»anwaltschaft gegen den Archivrath Berke« »ayer wegen der Entfernung von Aktenstücken au» dem Archiv nunmehr die Einleitung de» gerichtlichen Verfahren» beantragt.

Berit». 15. November. Dte Reich»eom«isstou für Arbetterstattsttk wird am 17. November, 10 Uhr Vormittag», wiederum znsammentreten. Dte letzte Tagung harte am 27. und 28. Juni d. I. stattgefunden. Damal» waren dte Erhebungen tm Mühleugewerbe zu Ende geführt warben. Ju der Hauptsache waren eiae achtstündige, uu» unerbrochene Ruhezeit, der MaximalarbeitStag und dte D fferenztruog zwischen kleinen und großen Mühlen «tt Einzelbestimmungen angenommen worden. Sodann waren die Erhebungen über dte Arbeitszeit tm Gastwirth»gewerbe begonnen worden. Nach eingehender Debatte einigte fich die

Comrnisfiou dahin, daß eine Vorladung an Sachverständige tu dem Verhältnis von Vi der Arbeitgeber,/ der Arbeit« »ehmer im SastwtrlhSgewerbe erfolgen solle, tm Ganzen nur etwa 60 Personen berufen werden sollte». Dieser Beschluß ist nunmehr au»geführt worden. Der von der Eommtifio» eingesetzte Ausschuß hat fich an alle GastwirthSverbäude ge­wendet und um Eatseudung von Vertretern bezw. Vertreterinnen gebeten. E» werden demnach etwa 60 Personen vor der Lommisfiou in der bevorstehenden Sitzung erscheine», darunter auch Kellueriuue» au» verschiedene» Wirthschasteo. Bet dieser Vernehmung werden, wie man aunehmeu darf, verschiedene Uebelstände tm Gastwirthßgewerbe zur Sprache komme», namentlich dürfte auch jetzt wieder, wie schon tu der vorige» Tagung, da» Trinkgelderuuwesen «tt seinen entsittlichende» Wirkungen erörtert werden. Man rechnet auf dte Vernehmung dieser Sachverständige» mehrere Sitzungen. In der vorigen Tagung war die Berathung der Frage der Sonntagsruhe t» der Btnnenschifffahrt begonnen worden. E» mußte aber wegen Erkrankung de» Referenten Letocha von weiterer DiScusfion abgesehen und dte Beschlußfassung au»gesetzt werde». Dte Verhandlung über dteseu Punkt wird übermorgen und an de» folgenden Tage» fortgesetzt bezw. abgeschlossen werden. Die Eommisfion wird diesmal mindestens vier Tage fitze». Nach dieser Tagung wird auch dte Zusammensetzung der Lommtsfio» vielleicht ein anderes Bild bieten. Mit Beginn der neue» Legislatu,Periode des Reichstags büßen nämlich die bisherigen RetchStagSmitglieder In der Commission ihre Sitze ein und können diese sür die Zukunft nur einnehmen, wenn sie wieder vo« Reichstag bezw. von den Fracttooen belegtet werde».

Berlin, 15. November, verheiratete Frauen in Fabrikev. Auf Anorbnnng de» Reichskanzlers finden gegenwärtig Erhebungen über die Brschäftignog verhetratheter Frauen in Fabriken statt. ES sollen der Umfang, dir Gründe uud dte Gefahren dieser Beschäftigung feftgrstellt werden. Im Anschluß hieran sollen die Fabrik- und Gewrrbr-Jn- spectorru eine möglichst zweckmäßige Art der Be chränkung der Befchästigung verhetratheter Frauen in Fabriken in ihren nächsten Jahresberichten erörtern, wozu sie fich mit den vor« ständen und Aerzten der Krankenkassen in Verbindung setze» solle». Diese Erhebungen werde» in Ausführung einer vom Reichstag i» seiner letzten Tagung gefaßten Resolution vor« genommen,der Reichskanzler wöge dte Gewerbeaussicht»- beamten zu eingehender Berichterstattung über dte Beschästiguug verhetratheter Frauen t» ben Fabriken auffordern*.

Adreßr fir Depesche» :

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Paris, 15. November. Der Jnitiativ«AuSschuß der Kammer hat gestern in einer S'tzucg beschlossen, der Re­gierung einen Antrag vorz»legen, in welchem dte Ab­schaffung der Todesstrafe tu Frankreich gefordert wird.

Pari», 15. November. Bet dem grstrtgeu Eisenbahn- Zusammenstoß auf dem btefigeo Nortbahohofe find t« Ganzen 23 Personen verung ückl. Einem Passagier mußte» beide Beine abgenommen werde».

Pari», 16. November. Ungeheure Seosattou erregt der soeben gefaßte Beschluß de» CassattonShofe», dahin­gehend, DrehfuS davon in Kenntniß zu fetze», daß da» Revisionsverfahren eiogelettet worbe» ist, um feine Verthei- digung vorberetten zu können. Es wird hieraus geschlossen, daß die Aussagen der srüheren KdegSminister den Beweis geliefert haben, daß Dreylv» unschuldig ist. Im Ministerium be» Inner» find bereit» Vorbereitungen getroffen wordeo, um kuodgebungeu zu verhindern. Druwoot hat sosort eine Interpellation über diesen Beschluß angemeldet. Die Nach­richt wird in Part» durch Extrablätter verbreitet.

Madrid, 16. November. Au» Bayonne wird gemeldet, daß die Agitation der Sarlisten wieder eine sehr rege gewoeden ist. Der längst erwartete Staatsstreich werde komme», wen» die Regierung die Phiitpptueu abtrete.

Amerika. Da» Stärkeverhältniß der Parteien i« nordamerikantfchrn Repräsentantenhause wirb fich wahrscheinlich folgendermaßen gestalten: 183 Republi­kaner, 164 Demokraten, 3 Populisten, 6 Fufionisten und 2 Silberleute. Die republikanische Mehrheit über alle übrige« Parteien würde also nur 9 betragen gegen bisherige 67. Die für .gesunde» Selb" eintreteuden Demokraten habe« auch diesmal mit den Republikaner» gestimmt, doch scheint cm meisten zum Siege derselben der Umstand beigetragen z« habe», daß die Au»dehnuvgS«Politik Mac Kinleys viel Anklang im Westen findet. Wie stark die Niederlage der Silberpartei ist, kann man unter Anderem daran» ersehen, doß nun selbst die Demokraten von Tammanh Hall in New Uork Silber al» »Haupt Planke" in der demokcati- scheuPlattform" fallen lassen und ihre Partei auf einer ,bound money baais* reorganifiren wollen. Schotzsecretär Gage hat geäußert, er glaube, daß nach der Willensäußerung der Ratio» die freie Silberprägung nunmehr eine abgethane Sache sei.

Feuilleton.

JHe Zwischendecken unserer Wohnungen.

Eine gesundheitliche Betrachtung.

Bon Dr. W. Rullmaun-München.

(Stachbruck verboten.)

Var oftmals habe ich Gelegenheit gehabt, zu beobachten, daß der Laie von der Einwirkung verunreinigte» Zwischen- betfenmaterial» (Fehlboden) auf die Gesundheit wenig oder gar keine Kenvtntß hat. Diese Beobachtung gab mir ver« anlaffung zu vorliegenden Ausführungen.

Unter der Bezeichnung ,Fehlbodeu"/ fagt Professor Emmerich, der 1882 die ersten umfassenderen Untersuchungen Über diesen Gegenstand veröffentlichte, ^versteht man bekannt« lich die bedeutenden Boden« oder Schuumaffen, welche zwischen dem Plafond der unteren Räume uud den Zimmerboden« dielen der nächst höheren Etage etngeschloffeu find. Die Fußbodeudtelen schließe» nur selten vollkommen dicht. Durch den beständigen Wechsel zwischen Durchfeuchtung und Au»- trocknen entstehen bekanntlich tu der Längsrichtung zwischen zwei nebeneinanber Itegenben Dielen «ehr ober weniger weit haffenbe Fugen.

ein Theil der tm Zimmer auSgegoffenen Flüssigkeiten und be» zu« Aufwaschen be» Fußboden» verwendeten Kaffer» werden infolge dessen versickern und io den Fehlboden ein« dringen.

Da alle Substanzen, welche i» diesen Flüsfigkeiteo gelöst waren, nach dem verdunsten de» Wasser» in den Decken- füllunge» zurückdleibe», ebenso wie die suSpendirlen, *) «tue« ralilcheu, organischen und organifirten Stoffe, die mit hinab« geschwemmt wurden, da weiterhin Lnftstaub, der durch die geöffneten Fenster tu do» Zimmer etnbrtogt und in ben wenig bewegten Luftschichten fich z« Bode» senkt, da Straßen-

*) ungleichmäßig oertbeilten.

bettituf, *) der, den Schuhen anhaftend, in da» Zimmer ge­tragen wird und auf de« Fußboden auSlrocknet, da alle diese staub« und pulverförmigen Substanzen, und mit ihnen felbstverstäudlich auch Jafeetivn»pilze mögen fie nun «tt dtarrhölfchen gäce«3) oder im Speichel auf dem Fußboden au»trockaen, oder sooft in der Last vor kommen, in die Zwischendecken gerathen «Affen, auch ohne Mithilfe de» Wasser», lediglich infolge der durch da» Gehen erzeugten Erschütterung de» Fußboden», so wird fich die Verunreinigung und Jnsection de» Füllmaterial» mit der Zeit vorauSfichtlich zu einer ganz exorbitanten gestalten. In der That, wir machen un» keiner Uebertreibung schuldig, wenu wir sagen, daß infolge dessen die «eisten Wohnhäuser in der Stadt uud ans de« Lande, Paläste und Hütten, Centuer von Schmutz, d. h. von säulnißsähigen organischen Stoffen, beherbergen, von deren Vorhandensein in den Wohnungen die wenigsten Menschen eine Ahnung haben. Die organische» Stoffe diese» oft sehr ekelhaften Materials können Fäulnißbakterieu und wohl auch Krankheit erzeugenden Mikroben zur Nahrung dienen, so daß bei periodischer Durchfeuchtung eine «affen« hafte Vermehrung der letzteren und damit die Btldung übelriechender Gase und vo» JnseetionSherdev z» Stande kommen tann.*

Wir werden weiter unten einzelne Fälle angeführt finden, an» denen zweifello» dir ursächliche Bedeutung der Zwischen­decken bei der Entstehung von InfectionSkrankheiteo zu folgern ist, und welche beweise», daß all nufere Sorgfalt auf da» körperliche Wohl und die hygienischen Verhältnisse de» Hause» outzlo» find, so lange in de» Fehlboden aller Schmutz, welcher durch die früheren Hau»bewohner auf den Fußboden gelangte, fich ansammeln und von Generation z» Generation vermehren konnte.

Denn nun auch ben angeführten »ntersnchnngen viele

1 Zerfallprobncte.) Koihmoffe».

andere folgten, durch welche auf die vorhandenen M ßstäude aufmerksam gemacht wurde, fo besteht doch »och heutige« Tage» vielerorts die Gewohnheit, verunreinigte- Material zur Auffüllung der Fehlböden zu verwenden. ES ist daher bringend erforderlich, daß geeignete Baugesetze und fach« verständige Controle Über die Bauausführung das allgemeine Wohl vor großer Schädigung schützen. Leider gibt e» immer noch Bauverständige, welche dem au« alten abgebrochenen Häusern stammenden Bauschutt deßhalb den Vorzug zur Ver­wendung bei Fehlbödeu geben, »eil ihrer Anficht nach diese» Material selten ober nie Veranlassung zur Bildung be» ge­fürchteten Han»schwammS gebe, wenn fie auch andererseit» offen eingestehen, daß hierdurch d!e Brut von Wanzen und anderem Ungeziefer in die neuen Hän'er verschleppt wird.

Al» Füllmalerial für Fehlböden find nach Pranßnitz am meisten zu empfehlen gewaschener Sand ober feiner Kie», Torfmoor, Salktorf, da» find Torfstücke in Kalkhhdrat ge­tränkt und getrocknet, uud ferner Kieselgnhr. Die empfehle»«- werthesteu Arten von Zwischendeckcoustruetionen find die vo» Nußbaum und Emmerich, bei welch letzterer auf den Blind­boden eine Schicht Saud, bann Asphalt und in biese» ein­gebettet der Riemenboden oder da» Parkett folgt.

Auch dürfe» zu den Boden« und Deckenconstrnctionen nicht alle beliebigen Hölzer verwendet werden, da sonst Er­krankungen de» Holze» auftieten, die dem Hause und feinen Bewohnern vielseitigen Schaden bringen können. Reben dem Faulen und S"cken de» Holze» kommt besonder» der von einem Pilze (Moralins lacrymans) erzeugte HauSschwam« tu Betracht, dessen Verbreitung bei uvS eine ziemlich be- beutende ist. Besonder» häufig tritt er »ach Pettenkofer u. A. i» Nürnberg auf, weil der daselbst verwendete Kcuper- sandsteiu die Salze enthält, welche zur Ernährung de« Pilze» geeigneten Nährboden abgeben, ebenso wie die GaSschlacken und die Kohlenasche, deren Verwendung in München zu diese« Zwecke verboten finb. (Fortsetzung folgt.)