Ausgabe 
16.1.1898 Zweites Blatt
 
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«it Ausnahme des Montags.

Die Gießener ^«mttieubrättcr retten dem Anzeiger vlchentlich viermal beigelcgt.

Gießener Anzeiger

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. ierteljährlich.

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Mitnahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den ftfgenbrn Tag erscheinenden Nummer bt8 Vorm. 10 Uhr.

General-Anzeiger

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Amtlicher Theil.

«r. 1 des ReichSgesttzblattS, auSgegrben den 12. d.M., imthült:

(Mr. 2438.) Verordnung, betreffend die Einrichtung iber Staatsanwaltschaft bei den Gerichten der Schutzgebiete. Bern 13. Drc»mber 1897.

(Nc. 2439 ) Bekanntmachung, betreffend die Anzeige» cftlicht für die Grfiügelcholera. Vom 11. Januar 1898.

Gießen, den 14. Januar 1898.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, b. Gagern.

Gießen, den 13. Januar 1898. 8<tr.: Erhebungen über die Einfuhr von Rindvieh. M Grotzherzogliche Kreisamt Gießen e* WU »reto. BteflemeHtmim M ftttflei

Um einen Anhalt darüber zu gewinnen, welchen Auf» 1»anb für die Ergänzung ihres ViehstandeS eine jede Ge» jttüibe alljährlich zu machen hat, wurden wir von dem «ldwirthfchaftiichen Verein für die Provinz Oberheffen er» «cht, alljährlich möglichst genaue Erhebungen darüber an» teilen zu lassen, wieviel Rindvieh (ÄcbrauchSsieh) alljährlich noa außerhalb des GroßherzogthumS Heffen iu die Gemeinden frei «reifes eingeführt wird. Unter Bezugnahme auf unfer H ssnSschreiden vom 30. November 1895 (Anzeigeblatt Nr. 284) letyn wir Ihren Berichten inuerhalb 14 Tagen darüber ent» legen, ob und wieviel Rindvieh im Jahre 1897 von außer» lmlb des GroßherzogthumS iu Ihren resp. Gtmeiudeu eia» fieführt worden ist.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

betr.: Die polizeilich-technische Revision der Maße, Gewichte und Waagen.

Da von unserer an die Jntereffenten unter« 5. und 12. I. M. gerichteten Aufforderung, ihre Maße, Gewichte neb Waagen dem Atchmetster zur Vorpiüfoug in den bereit« bekannt gegebenen Terminen vorzulegen (vergl. Gießener An» teiger Nr. 5, 6, 7 und 11) nur sehr wenig Gebrauch gemacht »'trd, machen wir darauf aufmerksam, daß eS im eigensten Z-atereffe der Gewerbetreibenden gelegen ist, wenn sie ihre Maße, Gewichte und Waagen von dem Atchmetster auf ihre Dichtigkeit untersuchen laffcn. Im Anschluß an die für die Br-rprüfung festgesetzte Frist wird eine allgemeine Revision rc. befolgen, und werden daan Fälle, tn denen von Gewerbe­

treibenden unrichtige Gewichte, Maße und Waagen gebraucht werden, uunachflchtlich zur Anzeige kommen.

Gießen, den 14. Januar 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

China und seine erste Eisenbahn.

Von Curt Rohden.

(Nachdruck verboten.)

K. 0. Die chinesische Frage steht nun einmal auf der Tagesordnung. Politik und Handel, Industrie und Wlssen- schäft, ja sogar selbst daS zartbesaitete Feuilleton steht unter dem Zeichen deS ZopseS. Europa sieht sich wieder einmal vor die schwierige Aufgabe einer Eulturmisfiou gestellt, die Spalten der osfieiösen und osfictelleu Presse deS In» und Auslandes fließen über von Leitartikeln, geben Rathschläge und machen sich gegenseitig die größten Borwürfe.

Allein trotz allen Hin- und HerredevS im alten Europa ist in China doch etwas zu Stande gekommen, was mau getrost einen großen Wurf nennen kann die erste chine­sische Eisenbahn ist eröffnet worden!

Die deutsche TageSpreffe hat sich mit dieser nicht wichtig genug zu schätzenden Thatsache leider viel zu wenig be­schäftigt, so daß eS nicht unintereffant sein dürfte, einen eingehenden Artikel dcSJournal des DebatS" darüber zu hören:

Seit kurzer Zeit gibt eS in China eine fertige Eisen­bahn. Die Hauptstadt Pek.ng ist die erste Centralstation deS himmlischen Reiches, von der aus die einzelnen Schienen» wege netzartig die Provinz Tlchili in einer Gesammtlänge von 467 Kilometer durchqueren- 127 Kilometer entfallen dabet auf die Linie PekingTientsin - 43 Kilometer auf die Linie TientsinTargkou - letztere Stadt ist eine kleine Festung, die die Mündung bei Flusseö Pet»bo beherrscht.

Bon hier aus läuft bie Eisenbahn 233 Kilometer wett bis noch Schon Hai kwan, wo bie große chinesische Mauer an das Meer endet. Ein weiterer 64 Kilometer langer Strang führt weiter nach Osten, ohne bisher tn eine Ent» statiou zu münden, da der Ausbau dieser Linie noch nicht abgeschlossen ist.

Der Bau dieser Effenbahoen ist hauptsächlich ein Ver­dienst deS BicekönigS Lt Hung-Shang, jenes bekannten Man» darinev, der vor einigen Jahren seine Reisen durch Europa machte. Wäre der Bau dieser Bahnstrecken mit etwas mehr Eifer betrüben worden, so hätten sie im chinesisch japanischen Kriege entschieden von mehr Nutzen sein können. ES besteht die Absicht, die Bahn bis nach Mukden in der Mandschurei X writerzusühren- eine Abzweigung soll nach Newchwang, dem

offenen Hafen deS nördlichen Petchili, der 1895 von den Japanern besetzt war, gebaut werden.

Alle oben, als fertig benannten Linien find bereits dem Verkehr übergeben.

Zwischen Tientsin und Trngksu fahren täglich nach beiden Richtungen je vier Züge,- zwischen Tangkou und Shan-hai-kwan, sowie zwischen Tieutfiu und Peking je zwei Züge. Die Fahrtdauer zwischen den beiden letzteren Stationen beträgt 3 Stunden 53 Minuten. Die Ueberschüffe pro Jahr und Kilometer dürfen fich nach den jetzigen Erfahrungen etwa auf 24,000 Mk. belaufen. Sollten diese Berechnungen stimmen, so dürfte man allerdings vor einem glänzenden Resultat stehen. Und in der That hat auch die bisher sehr zurückhaltende Bahnverwaltung beschloffen, ein zweites Geleise -u legen.

Englische und amerikanische Ingenieure haben den Bau dieser chinesischen Eisenbahn auSgesührt- tn ihrer Hand ruhen auch die technischen Betriebsleitungen. Europäer find gleichfalls die Maschinisten und Heizer. Dagegen find die Posten der Unterbeamten, der Schaffner, der Zug­führer und die Stellungen der FiuanzbureauS durch Chinesen besetzt.

Der Bau der Linien erfolgte nach europäischem Muster. Technische Schwierigkeiten waren so gut wie gar keine zu überwinden. Nur hin und wieder war ein Sumpf trocken zu legen, eine Brücke zu schlagen oder den Hochwassern und Ueberschwewmungen de» Frühjahrs entgegenzuarbeiten. Die Höhe des Reisegeldes beträgt etwa 2 Pfennig für den Kilometer. Die Ausstattung der Waggons ist eine sehr primitive, die Sitzbävke find zumeist au» Bambusrohr her- gestellt.

Seit kurzer Zeit hat fich nun eine französisch-belgische Gesellschaft gebildet, die den Ausbau weiterer Linien ins Auge gefaßt hat. Bor allen Dingen handelt es fich hierbei um die 1100 Kilometer lange Strecke ShangatWoosung und PekingTat Vuen, der Hauptstadt der Provinz Shan-Si.

Interessant dürfte es schließlich noch sein, zn erfahren, daß sämmtltche tu Peking etnlaufenden Züge 1500 Meter vor den Thoren dieser Stadt Halt machen müssen, damir daS Innere der Hauptstadt nicht durch das profane Dampf­roß entweiht wird. Die heilige Stadt selbst umgibt eine etwa 8.50 Meter hohe Mauer, die von einem schmutzigen, halbverschütteten Graben umzogen ist. Nach dem Ucber» schreiten der primitiven Holzbrücke gelangt man durch ein Thor tu einen halbmondsörmigen Vorhof und tritt bann erst burch ein zweite» Thor in die geweihte Stadt des Reiche» der Mitte ein.

Noch viel Märchenhaftes dürfte fich im Innern de» chinefifchen Riesenreiches verborgen halten. Allein über knrz ober lang wird die große Mauer doch fallen und die Cultur

Feuilleton.

,5ennbagBti6d)mibhag9brbtad)?>ung immer des ahlc unn neue Gusse.

Von Carl Geißler.

Nix Scheeneres kann äich mer denke, als an eme Eonnbag Middag bei Regewetter dehaam ze bleime unn so e bissi in meine Biwledek erumzukremern. Da finn äich aklS emol so en ahle Schinke, der merr schont Jahrzehnde lang nit ze Gesicht komme iS unn da verdief äich mich dann ecknn, als menn's die neust Ausgab von irjend eme eboche- machende Lidderadurerzeugniß wer. So ging mersch heut, di) äich aach Widder emol e groß Generalmusterung mit ordne Bicher abgehahle hab unn so e klea, vergriffe Bichelche im die Finger krag, nämlich dieSagen, Geschichten und kmder aus Gießen und seiner Umgegend". Ein Gedenkbuch etc Musenstadt von Aloys Henninger, genannt Aloys der taunibe, Dr. phil., verlegt und gedruckt bei Karl Schild in Meßen. Unn wäi ich das Bichelche dorchblätter, sinn äich 6a e Gedicht, betitelt:

Das neue Gießen (18061812) irm das fängt an:

Welche Wandlung ist gegangen Ueber Deines Weichbilds Raum'/ Stabt der Gießen, mein Verlangen, Dich erkenn' ich wieder teum! Anders ward'» an allen Enden! Seit ich ferne mich befand;

Abgeftretst von Deinen Lcnden Ist das düstere Gewand.

, Wäi merr sieht, Hotts schont in frihere Zeile en Mensche 1 gewroe, der unser Giesse fer werd gehahle hott, bcsunge ze ! Hierin unn die poetisch Anregung dezu hott de Herr Verfasser ' aus de damalige Fißjonemie unserer Vatterstadt wahrscheinlich nett gescheppt, fonnern die wenige Verbefferunge die dazemal angeftrebt unn ausgefihrt worbe, warn» jedenfalls gewese, die seine Pegasußche so en hehere Flug verliehe hawwe.

Statt durch düstre BestungSporten, lieber Brücken, eng und klein, Zieht man nun von allen Orten Frei durch weite Thore ein. Und kein Schlagbaum, keine Wache Hemmt des Wallers Tritte mehr, Und es geht als freie Sache Emsig Handel und Verkehr!

Die Wandlunge zum Bessere, die den Dr. phil. Aloys Henninger zu seine Lobliedche uff Giesse begeistert hawwe, warn nach unsere heudige Begriffe noch recht bescheidener Radur, unn doch is net ze leugne, daß des Schleife von de Festungswäll, unn des Enstehn von Neubaute, die Eindäm­mung der Wisset unn vergleiche Gegeständ fer Giesse c Sach von großer Wichdigkeit war, däi eigendlich de Grundstaa zu feine jetzige Greeß gelegt hott.

In Knittelversch zwar, awwer mit große Begeisterung sägt der Sänger im selwe Gedicht, nor e paar Versch roeiber unne:

Alte, düstre Häuser zogen Schmucke, neue Kleider an, Und es steigt aus festen Bogen Mancher Ncubau stolz hinan. In den srohbelebten Gassen Schwand sch.n jede Spur von Roth Und durch alles Thun und Lassen Blickt der Neuzeit goldenes Roth.*

Wäi äich das gelefe hab, dacht äich bei merr selbst: Das macht' äich seh, was der fer Aage gemacht hätt, wann err die Wandlunge seh kennt, däi unser Giesse unnerdesse bord)- gemacht hott unn er mißt uns zugewwe, baß bas damals doch nor en gar blasse Schimmer von emegoldne Roth" gewese sein muß; denn das wirklichegoldne Roth der Neu­zeit" i« erscht in de 70ger Jahr angebroche, wobei merr awwer noch bedenke muß, daß Giesse heut noch Stelle hott, wo e golden Roth der Neuzeit sich vielleicht erscht in eme Halme Jahrhunnert hin vererrt.

Nmer dessentwege will äich dem Dr. Henninger abselutt nett ze nah trete, dann er hott e warm Herz fer Giesse unn sei Schicksal; das hott err in seim Gedenkbichelche uff hunnert unn verzehn Seide bewiffe!

Nu hott awwer de Herr Henninger schont vor eme Menschealder vorn neue Giesse gefunge und des Giesse is von Jahr zu Jahr neuer worde, warum Mt merrfch jetzt nett besinge?

Wann der Dr. phil. Henninger im gebildetste Hoch­deutsch, jedoch e bissi unklar, fein Gedicht schließt:

Glücklich sei darum gepriesen Mir, o theurer Musensttz!

Mich durchzucken, fühl' ich diesen Zauber einen Freudenblttz, Blüh' auch ferner so gesegnet, Daß, was mich entzücket heut, Wenn als Greis er Dir begegnet, Mehr noch diesen Jüngling freut!*

so fihl äich mich ze gute Letzt so poedisch angeregt, daß äich zu de Fedder greife muß, um met localpattriodische Gefihle