1898
Mittwoch den 13. Juli
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Redaeüon, Expedition und Druckerei:
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Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es giebt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die erste Sehnsucht muß stets productiv sein, ein neueres Besseres erschaffen. (Am 4. November 1823.)
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reichen, hatte Andree schon seit Jahren erörtert. Bereit» lm Sommer 1896 hatte er die Durchführung versucht. Auf der Dünen-Josel, am Virgohasen, hatte er eine Ballonhülle errichtet, doch kam e- nicht zum Aufstieg, da sich Südwinde eicht einstellen wollten, bet Nordwind aber der Aufstieg zwecklos erschien. Zudem war die Jahreszeit schon so weit fortgeschritten, daß Andree an die Umkehr denken mußte: Lude August machte er ftch auf die Heimreise. Vorher aber hatte er noch eine große, herzliche Freude: am 14. August kam die „Fram" Nansen- in Sicht, und man kann fich wohl vorstellen, wie überrascht die beiden Forscher bet ihrer Be- gegnung waren, denn Nansen harte keine Ahnung von der Andröe'schen Expedition. Da mag e» wohl ein gewaltiges Frageu auf beiden Seiten gegeben haben.
Wa- Andröe 1896 nicht auszuführen vermochte, dawagte er das folgende Jahr mit seinen Gefährten Strindberg und Fränkel, — drei todesmuthige Pioniere der Wissenschaft. Denn daß sie ihr Leben in die Schanze schlugen, war ihnen klar- nur den Himmel über sich und Et- und Waffrr unter fich, wollten sie den Nordpol erforschen. Die Erregung in btt ganzen eivilifirten Welt über den idealen Heldenmuth btt Forscher war somit begreiflich, die der Stockholmer noch begreiflicher: war es doch ihr Landsmann, der sein Leben tiasetzte, um der Wiffenschaft einen Dienst zu leisten. Da» „Sveoska Panoptiken" in Stockholm, in welchem die Andlö:« Gruppe nrbst ihrer BallonauSrüstung ausgestellt war, hat
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schon aogrtreten haben. Dieselben verfolgen zwar in erster Linie wiffenschaftliche Zwecke, dann aber werden die Theil- nehmer auch Alles aufbteten, um Spuren von Andräe und seinen Gefährten zu finden. Eine deutsche Expedition unter Führung des CapitänS Rüdiger befindet fich auf der „Helgo- land" bereits in den Etsregionen. Ob daS Schiff freilich den Anforderungen, die an seine Seetüchtigkeit gestellt werden, fich gewachsen zeigen wild, muß die Zukunft lehren. Die ersten Tage der Reise waren nach dieser Hinficht nicht ge- rade viel versprechend. ... Die Jädertn'iche Expedition, welche von Schweden und Rußland gemeinsam ausgerüstet worden ist, scheint ihrer Aufgabe schon eher gewachsen zu sein. Schweden stiftete sür sie allein 150,000 Kronen und stellte ihr außerdem noch das Mtnenboot „Ran" zur Verfügung. Der Erforschung des Franz-Joseph Lande- gilt die Notharst'sche Expedition, welche von Schottlands Nordküste aus abgesegelt ist. Die größten und wahrscheinlich auch berechtigtsten Hoffnungen werden auf die Expedition Sverdrup gesetzt, welche die Reise von Chrtsttania aus angetreten hat. Die „Fram", das Schiff Nansens, hat die Mitglieder auf» genommen, wie denn die ganze Anlage der Route als eine Fortsetzung der Nansen'schen Polarsahrt gedacht ist. Die „Fram" ist gründlich revidirt und mit baulichen Verbefferungen versehen worden, und da da- Schiff fich schon einmal so glänzend bewährt hat, ist wohl zu hoffen, daß es jetzt erst recht seetüchtig sein wird. Capitän Sverdrup, Polarschiff „Fram" — das fiud zwei Namen, die große bedeutsame Erfolge versprechen. Gelingt es dieser Expedition nicht, Spuren von Andröt zu finden, dann muß das Barometer unserer Hoffnung auf den Nullpunkt finken. Dann ist wohl anzunehmen, daß die drei Forscher ihren kühnen Wagemuth mit dem Leben bezahlt haben und das rothe Extrablatt des „Aftondladet" vom 16 Juli 1897 ihren letzten Gruß enthielt.
aufzugeben vermögen. In dieser Ahnung liegt das Geheimnis des ewigen Fortstrebens nach einem unbekannten Ziele." Also die „Veredlung des Sinnlichen" und das „Geheimniß des ewigen Fortstrebens" sind ihm die Grundlagen des Glaubens an das Unsichtbare und Ewige. In der „Veredlung des Sinnlichen" war für Goethe höchstes Vorbild sein Schiller; denn „hinter ihm in wesenlosem Scheine lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine."
So erinnern auch folgende Worte aus den Unterhaltungen unmittelbar an die obigen: „Es hat nie in einer Menschenbrust ein großartigeres Gemüth gewohnt, eine reinere Gesinnung als bei Schiller; er wußte jeden Gegenstand gleich zu veredeln und den Zuhörer in lichtere Regionen zu erheben." (Am 22. September 1822.) Und das Geheimniß des ewigen Fortstrebens war für Goethe Kern und Stern seines Lebens. „Ei, bin ich darum 80 Jahre alt geworden, daß ich immer Dasselbe denken soll? Ich strebe vielmehr, täglich etwas Anderes, Neues zu denken. Man muß sich immerfort verändern, verjüngen, um nicht zu verstocken." (Am 24. April 1830.) Dies „fortwährende Werdende", wie er es an einer anderen Stelle der Unterhaltungen nennt, beschränkt sich ihm nicht auf das Zeitliche; aus dem Bewußtsein unbegrenzter Fortentwickelung entsprang ihm die Ueberzeugung unserer Fort- dauer. Daher heißt es in einem anderen Gespräch: „So war ich stets und werde es bleiben, so lange ich lebe, und darüber hinaus hoffe ich noch auf die Sterne; ich habe mir so einige ausersehen," fügte er scherzend hinzu, „auf denen ich meine Späffe nock fortzutreiben gedenke." (Am 8. Juni 1821.)
In demselben Sinne bewegt sich ein Wort Goethe's in einem Gespräch am 26. Januar 1825. Es lautet: „Ich muß gestehen, ich wüßte nichts mit der ewigen Seligkeit anzufangen, wenn sie nicht neue Aufgaben und Schwierigkeiten zu besiegen böte. Aber dafür ist wohl gesorgt; wir dürfen nur die Planeten und Sonnen anblicken: Da wird es auch Mffe genug zu knacken geben!"
Beginnt man in solcher Weise die herrlichsten Stellen aus diesen Unterhaltungen auszuziehen, so ist es schwer ein Ende zu finden. Folgen möge hier noch Goethe's Aeußrrung über die „Erinnerung": „Was uns irgend Großes, Schönes, Bedeutendes begegnet, muß nicht erst von außen her wieder „er nnert", gleichsam „erjagt" werden, es muß sich vielmehr gleich von Anfang her in unser Inneres verweben, mit ihm eins werden, ein neueres besseres Ich in uns erzeugen und so ewig bildend in uns fortleben und schaffen. Es giebt kein
■’it. 161 Zweites Blatt
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Jali. Der Kaiser ist an Bord der „Hohenzolleru" gestern iu Gudwaugen augekommen und heute wieder in See gegangen.
Berlin, 11.Juli. Die Entlassung des Freiherr» v. Hammerstein aus dem Moabiter Zuchthause soll, wie eine Correspondenz meldet, nahe bevorstehen. Die bevorstehende Entlassung deS Fretherrn v. Hammerstein gründet fich auf § 23 des Strafgesetzes, nach welchem zu Zuchthaus oder Gefängviß Derurtheilte aus der Haft vorläufig entlaffen werden können, wenn sie drei Viertel der Strafzeit verbüßt und fich während dieser Zeit gut geführt haben.
Berlin, 11. Juli. Die „Nordd. Allgem. Ztg." theilt mit, daß nach einer hier vorliegenden Drahtmeldung aus Cienfuegos die Deutschen tu Santiago geborgen find. Da- deutsche Schiff „Geter" bringt die deutschen Paffagiere nach Vera Cruz.
Berlin, 10. Juli. Die freisinnige „Voffische Ztg." spricht fich wiederholt in sehr energischer Weise für den Kampf gegen die Soctaldemokratie aus. Zu der Meldung des „Vorwärts" von Maffenmahregelungen, welche in Oberschlesfien von den Unternehmern vorgenommen sein sollen, schreibt nun die „D. Ztg.": „Die Soctaldemokratie hat gefürchtet, daß e- so kommen werde, und trotzdem hat sie fich nicht gescheut, das Elend uud den Jammer in die oberschlefstsche Arbeiterschaft zu tragen. Denn das ist so: wer von den oberschlefischen Werken entlassen worden ist, dem wird nirgendwo aufgethan, wo immer er in dem Beuthener Industrie Bezirke auch anklopfen mag. Der Bergwerks- und Hüttenbefitzer will Herr tn seinem eigenen Hause sein, und mit der polnischen Propaganda hat er so unangenehme Ec- fahrungen gemacht, daß er wahrlich nicht gewillt ist, den Betrieb feiner Arbeitsstätten durch focialbemokratische Agitationen stören zu lassen. Der oberschl'.fische Arbeiter aber wird nun erkennen, daß er von der Soctaldemokratie nicht- anderes als eine „Verelendung'^ feiner wirthschaftlichtn Lage zu erwarten hat. — Die „Hamb. Nachr." schreiben: Viele der bürger- lichen Elemente sind durch Aufhebung des Gesetzes, welches
Goethe über Unsterblichkeit.
In der zweiten Auflage des von Burkhard heraus- gegebenen Werkes „Goethe's Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller" (Stuttgart, Cotta) finden sich einige Aussprüche Goethe's über Unsterblichkeit und Fortleben, die allgemein interessiren dürften:
„Goethe sprach sich bestimmt aus: es sei einem denkenden Wesen durchaus unmöglich, sich ein Nichtsein, ein Aufhören des Denkens und Lebens zu denken; insofern trage Jeder den Beweis der Unsterblichkeit in sich selbst, und zwar ganz unwillkürlich." (Am 17. October 1823.) Neu mitgetheilt ist in der vorliegenden Auflage folgender Ausspruch: „Den Beweis der Unstrblichkeit muß Jeder in sich selbst tragen, von Außen kann er nicht gegeben werden. Wohl ist Alles in der Natur Wechsel, aber hinter dem Wechselnden ruht ein Ewiges." (Am 15. Mai 1822). In einem anderen, an einem Frühlingstage 1818 in Dornburg geführten Gespräche heißt es:
„Das Vermögen, jedes Sinnliche zu veredeln und auch den todt-ften Stoff durch Vermählung mit der Idee zu beleben, ist die schönste Bürgschaft unseres übersinnlichen Ursprungs. Der Mensch, wie sehr ihn auch die Erde an, zieht mit ihren tausend und abertausend Erscheinungen, hebt doch den Blick forschend und sehnend zum Himmel auf, der fich in unermessenen Räumen über ihm wölbt, weil er tief und klar in sich fühlt, daß er ein Bürger jenes geistigen Reiches sei, woran wir den Glauben nicht abzulehnen, noch
Bekanntmachung,
bett.: die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.
Auf Grund des § 105, b Absatz 2 der Gewerbe-Ord imng und de- § 2 der Verordnung Großh. Ministeriums vom 2. October 1895 wird anläßlich der dahier stattfinden- den VerbandSauSstellung der Heerdbuchgesellschaften für die Zucht deS Vogelsberger Viehs am
Torrutag, den 17. Juli l. Js.
die Verkaufszeit für daS Handelsgewerbe auf die Stunden von 11 Uhr Vormittags bis 6 Uhr Nachmittags ausgedehnt.
Gießen, den 4. Juli 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
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felten einen solchen Menschenaodrang gesehen, wie in den Julitageu des vorigen Jahres, tn jeder Buchhandlung, in jeder Zeitung, tn jedem Photographie - Album: 8nbi6t, Strindberg, Fränkel. ES herrschte eine Begeisterung, wie sie die wortkargen NordlandSrecken nur selten ergreift. AIS ich einen Monat später Christiania besuchte, hielt dieselbe noch an. Man feierte das 300jährtge Jubiläum des Bestehens der Stadt Trondjhew, der König wodnte den Fest- lichketien bei. Im Theater gab es Festvorstellung, Prolog, . . . . der Redner feierte den König, er pries Trondjhem, — eisiges Schweigen, er gedachte des Aufstiege» von Andree — ein Beifallssturm ohne Gleichen durchbrauste das Hau-!
.... Ein Jahr ist seit jenen denkwürdigen Julttagen verflossen. Lebt Andree noch? Niemand vermag dtefe Frage zu bejahen. Sie kann aber auch mit Sicherheit nicht verneint werden, wennschon die Hoffnung auf einen glücklichen AuSgang tief, sehr tief gesunken ist. Man hat Brieftauben gefangen, — eine schien thatsächlich von Avdr6t ausgelassen -u sein — man hat im Weihen Meere einen „sremdartigen Gegenstand" auf dem Wasser treiben sehen, — angeblich ein Fetzen von AndrveS Ballon; man hat von einer Insel oben im Eismeer Schreie, Hilferufe vernommen, — eine dorthin entsandte Expedition fand jedoch keinerlei Spuren, die Menschen zurückgelassen haben könnten. Nachrichten, nach denen bald da, bald dort ein Ballon hoch oben in den Lüsten aufgetaucht sein sollte, find zu ungezählten Malen in die Welt geschickt worden, und die letzte Meldung, wonach ein amerikanischer Postkutscher Andrüe im Goldlande Klvndhke entdeckt haben wollte, ist wohl noch in Aller Ge- dachtnih. ES steht somit nur da» eine fest: seit dem Tage der Ballonauffahrt ist die Antne-.'sche Expedition verschollen, Niemand weiß, von welchem Schicksal die Aermste» betroffen worden find.
Für diesen Sommer find eine Reihe von Polar- Expeditionen ausgerüstet worden, die zum Theil ihre Reise
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Andree har stigit upp!
Ein Srinuerungsblatt an den 11. Juli 1897.
Von Otto Fritze.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Den Plan, den Nordpol vermittel- Luftballons zu
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