Ausgabe 
13.2.1898 Zweites Blatt
 
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m. 37

Zweites Blatt.

Sonntag den 13. Februar

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Gießener Anzeiger

SUtfWtttS vierntjährlich « 2 Mark SS Pjg. monatlich 75 W mit BrKchrrKH«.

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Äveis Gieren.

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Fernsprecher Nr. 51.

Anrtlüche» Tpeil

Bekanntmachung,

da- Grfatzgeschäft pro 1898 betreffend.

Die Musterung und Loosziehung der Militärpflichtigen des Kreises Gießen für das Jahr 1898 findet an den nach­benannten Tagen statt und zwar:

I. Zu Sich im Rathhaussaale.

Mittwoch den 2. März, Vormittags von 9 Uhr a«:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Albach, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt, Ettingshausen, Garbenleich, Grüningen und Holzheim;

Donnerstag den 3. März, Vormittags von 9 Uhr "an:" derjenigen der Gemeinden Hausen, Hungen, Inheiden, Langd, Lang-Göns und Langsdorf;

Freitag den 4. März, Vormittags von 9 Uhr an? derjenigen der Gemeinden Leihgestern, Lich, Muschenheim, Münster, Nieder-Bessingen, Nonnenroth, Obbornhofen, Ober- Bessingen, Ober-Hörgern, Rabertshausen und Rodheim;

Samstag den 5. März, Vormittags von 9 Uhr an: derjenigen der Gemeinden RöthgeS, Steinbach, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen und Watzenborn mit Steinberg.

Montag den 7. März, Vormittags von 9 Uhr an:

Loosziehung.

II. Zu Gießen in der Restauration Znm Lonhs Bierkeller", Schanzenstraße 18.

Dienstag den 8. März, Vormittags von 8 Uhr an:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Allendorf an der Lahn, Mendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Annerod, Bersrod mit Winnerod, Beuern, Burkhardsfelden, Daubringen, Großen- Luseck, Hattenrod und Heuchelheim;

Mittwoch den 9. März, Vormittags von 8 Uhr an: derjenigen der Stadt Gießen der beiden ältesten Jahrgänge (1896 und 1897) und der Gemeinde Grotzen-Linden;

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Feuilleton»

Aus geweihten Lunden.

Von Karl Böttcher. sOrtstinalbertchl unseres Special Correspondenten).

(Nachdruck verboten.)

III. Der Islam in Jerusalem.

Jerusalem, 31. Januar.

Und der Regen regnet jeglichen Tag." Windgepeitscht v«m Oelberg her, plätschert er an die Scheiben, regnet auch hinein in den eben angebrochenen Ramadan, die strenge vier* wöchige muhamedantsche Fastenzeit. Regenschauer, Hunger, Durst ach, diese drei Spießgesellen zusammen schaffen eine trübe Situation!

Nicht für mich o nein. Außerhalb der Atmosphäre dreser magern Fastenzeit habe ich mich in einer griechischen Weinspelunke verankert, hinter einem goldgelben Schoppen Jeru'alemer" und gedenke der armen Türken, welche jetzt dursten müssen.

Aber was ist das? . . . Von Zeit zu Zeit erscheinen iro der offenen Thür versch-edene dieser braven Seelen, werfen hastig scheue Blicke über das kleine Local, und husch! sind Fez und Pumphosen hinter einem roth- ichmutzigen Vorhang verschwunden.

Der griechische Wirth, mit einer Physiognomie, wie man auf colorirten Bildern der Colportagenromane die interessan­te» Räuber darstellt, expedirt schmunzelnd Flasche um Flasche in's trauliche Versteck. Kein Zweifel, die Türken da hinten - sie kneipen, dem SL.an ein Schnippchen schlagend, der in seiner bilderreichen Redseligkeit das Kneipen überhaupt leibietet, doppelt streng verbietet jetzt zur großen Fastenzeit. .Schon der erste Tropfen Weines ist verdammt", heißt es in einem Capitel des strengen Buches. . . . Doch man muß fH zu helfen wissen. Einer dieser klugen Türken taucht den Zeigefinger in das volle Glas, spritzt den ersten Tropfen zu Boten und gurgelt dann heidi! das ganze Glas ohne Ecrnpel in einem Zug die Kehle hinunter. Gluck, gluck,

Donnerstag den 10. März, Vormittags von 8 Uhr an: derjenigen des jüngsten Jahrgangs (1898) der Stadt Gießen und derjenigen der Gemeinde Klein-Linden;

Freitag den 11. März, Vormittags von 8 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Lollar, Mainzlar, Oppenrod, Reis, kirchen, Rödgen,Ruttershausen, Staufenberg, Treis a. d. Lda., Trohe und Wieseck;

Samstag den 12. März, Vormittags von 9 Uhr an:

Loosziehung.

in. Zu Grünberg im Gasthaus zum Rappm.

Montag den 14. März, Vormittags von 9 Uhr an:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Allertshausen, Belters­hain, Climbach, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Kesselbach, und Lauter;

Dienstag den 15. März, Vormittags von 9 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Lindenstruth, Londorf, Lumda, Odenhausen, Queckborn, Reinhardshain, Rüddingshausen, Saasen, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain und Weitershain.

Mittwoch den 16. März, Vormittag von 9 Uhr an:

Loo-ziehuug.

Besondere Bestimmungen.

1) Zur Musterung haben sich, bei Meidung der gesetz­lichen Strafen, zu stellen:

Diejenigen, dem Großher-zogthum Hessen oder einem andern Staate des deutschen Reiches angehörigen Militär­pflichtigen, welche

a) in einer Gemeinde des Kreises Gießen ihr gesetzliches Domicil ihre Heimath oder ihren ständigen Wohn­sitz haben und sich nicht in einem andern Theile des Großherzogthums Hessen oder einem andern Staate in einer der nachstehend unter b) ange­gebenen Eigenschaften aufhalten;

b) in einer Gemeinde des Kreises Gießen sich als Dienst­boten, Haus- oder Wirthschaftsbeamte, Handlungs­diener und Lehrlinge, Handwerksgesellen und Lehr­burschen, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft aufhalten, oder die Universität Gießen oder das

Gymnasium daselbst oder eine sonstige Lehranstalt in einer Gemeinde des Kreises Gießen besuchen;

c) in einer Gemeinde des Kreises Gießen, oder währens ihre Eltern einer solchen angehörten, im Auslande geboren sind, und weder im Großherzogthum Hessen, noch in einem andern deutschen Staate Domicil be­sitzen oder sich aufhalten;

und im Jahre 1878 geboren sind;

ferner

Sämmtliche Militärpflichtige, welche im Jahre 1896 bezw. 1897 zur ückgestellt worden, oder nach ihrer gezogenen Num­mer disponibel geblieben, d. h. nicht ein­berufen worden sind.

Entbunden von der persönlichen Gestellung sins Diejenigen, welchen Ausstand bewilligt, oder Be­rechtigung zum einjährig.freiwilligen Militärdienst ertheilt worden ist.

2) Diejenigen Militärpflichtigen, welche zum zweiten- oder drittenmale erscheinen, haben ihre Loosungsscheine mitzubringen.

3) Wenn von einem Militärpflichtigen, oder für einen solchen von seinem Vater, oder seiner Mutter Zurück« üelluug in Anspruch genommen wird, so für Vorlage der zur Beurkundung der behaupteten Thatsachen erforder­lichen Nachweise und Zeugnisse vor dem zur Musterung an­beraumten Termine zu sorgen. Die Zeugnisse müssen amt­lich ausgestellt oder beglaubigt sein.

Wenn die Zurückstellung auf die Arbeitsunfähig­keit eines Familienangehörigen gegründet wird, f» hat der betreffende Familienangehörige sich selbst persönlich im Termin vor der Ersatz-Cornmission ein* zufinden-

4) Wenn ein Militärpflichtiger an Gebrechen leidet, die äußerlich nicht wahrnehmbar sind, z. Taubheit, Hart­hörigkeit, Kurzsichtigkeit, Geistesschwäche u. f. w., so ist die» durch amtlich ausgestellte oder beglaubigte Zeugnisse döS Arztes, sowie des Bürgermeisters, Geistlichen, Lehrers u. s. w. nachzuweisen. Da- Vorhandensein von Gpilepffe ist durch die eidliche Erklärung von mindesten- drei glaubwürdigen Zeugen zu erhärten.

gluck, gluck. . . . Ein anderer trinkt zur Vermeidung des bösen Scheins den Wein aus einer Kaffeetasse. Als ihn der Wirth fragt:Soll ich noch einmalRoth.n" einschenken?" antwortet dieser Schlaumeier entsetzt und mit der unschul­digsten Miene von der Welt:Wie? Was? War das Wein?"

So erobert der edle Trank, dieseUrsache aller Schänd- lichkciten", in den Herzen der Jerusalemer Türken mehr und mehr Terrain, und gediegener Katzenhammer folgt ihm nach.

Man sieht, Rücksicht auf Festtage kennt der Dämon des Durstes nicht. Um so gewissenhafter fastet die große Menge . . .

Jeden Tag während des Ramadans kaum daß früh gegen fünf Uhr über den Höhen des Oelberges das erste Tüpfelchen vom Sonnenaufgang erflimmert bum! kracht von der Davidsburg her ein Kanonenschuß, dröhnt und echot über das ganze noch schlafende Jerusalem, allen Muha- medanern mit Donnerstimme verkündend, daß jetzt das täg' liche Fasten beginnt.

Allmählich versinkt der ganze Islam Jerusalems in ein großes Entbehren: kein warmer Schluck Kaffee, kein stärkender Morgenimbiß, keine erquickende Orange nichts. In jedem Magen nistet etwas wie kräftiger Appetit, der sich bald zum schönsten Hunger ausbildet.

Jndeß der Regen mehr und mehr nachläßt, unternehme ich eine Schlenderei durch die Straßen. Ueberall, wo Muha- medaner sichtbar werden, in den Kaufläden der Bazare, in den offnen Werkstätten der übermauerten Winkelgäßchen, vor den Portalen der Moscheen Hungern und Beten. Mit wehmüthigem Gesichtsausdruck blickt hier der Schlächter- meister über feine Fleisch- und Wurstvorräthe; aber etwas zum Essen anrühren niemals; wirft dort der Tischler plötzlich den Hobel weg und greift zum Koran. Verschiedene argzerlumpte Gestalten drängen sich in den Mauernischen zusammen hungernd, betend. In der Grabeskirche mur­meln türkische Wachen ihre Gebete über dem breitaufgeklappten Koran. Die Hände auf dem Rücken, eine Cigarre paffend, spaziert vor der Davidsburg ein Offizier auf und ab, wüh-

rend seine Finger im Gebet die gelben Perlen eines dicken Rosenkranzes bewegen.

Und nun die Abendstunde, wo die Sonne hinter den Felshöhen des Gebirges Juda niederfinkt, alle Schluchten mir goldenem Schimmer füllt; die Profile der Berggipfel mit glühendem Roth betupft und den ganzen westlichen Himmel in Brand steckt. Sobald jedoch diese Riesengluth ausflammt und das letzte L icht streif chen am bleichgewordenen Himmel erlischt bum! erdröhnt von Neuem der Kanonenschuß jetzt das Signal, daß für heute das Fasten beendet ist. . . .

In diesem Augenblick fahren in allen Häusern, Lass» und Kneipen Tausende von hastigen Händen nach den längst bereitftehenden Speisen, reißen sich Tausende von Mündem auf, freuen sich Taufende von hungrigen Magen, beginnt ein wüthender Angriff auf Schüsseln und Gläser, der, fall« er von einem Armeecorps in gleich tapferer Weife geführt würde, die stärksten Mauern zum Wanken brächte.

Besonders fromme Muhamedaner verfahren freilich nicht so. Sie wollen zeigen, daß sie freiwillig fasteten und er ihnen auf etwas längeres, Allah wohlgefälliges Hunger« nicht ankommt. Sie geben deshab zu der soeben abgewickelte« Fastenzeit eine kleine Extrazulage. Langsam, ganz langsam schlürfen sie in winzigen Schlückchen ein beinahe fingerhut- artiges Täßchen Kaffee- langsam, ganz langsam, knabbern sie dann in größter Seelenruhe ein paar Mandeln, und hierauf erst beginnt die Attaque auf die Schüsseln.

Hungrige Menschen, welche plötzlich ein opulentes Abend- brot zu sich nehmen, befinden sich bald darnach jn einer fröh­licheren Stimmung, als jene arme Teufel, die' sich kummer­vollen Blicks vergebens nach einem Stückchen Brot umfehen. Auch an diesen wackern Türken vollzieht sich eine gleiche Wandlung. . . .

Halloh, jetzt hinaus auf die sonst so stillen Straßen, wo sich zwischen den vereinsamten Petroleumlampen bald gar reges Leben entwickelt. Unter heiterem Geschwätz wogt es auf und nieder; alle Herzen sind aufgeknöpft, alleSprüch- teufe! der Freude in Brand gesetzt. Hinter den Fenstern vornehmer Türkenhliuser glänzende Beleuchtung, und von