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10.5.1898 Zweites Blatt
 
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1898

Nr. 108 Zweites Blatt. Dienstag den 10 Mai

Erscheint täglich mit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener Mamikienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

AezugspretL vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh».

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den PUgenden Tag erscheinenden Nilmmer bis Vorm. 10 Uhr.

General-Anzeiger

Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

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Adreffe für Depeschen: Anzeiger Hießen.

Fernsprecher Nr. 51.

AmtliLher» Theil

Bekanntmachung.

Au die Abhaltung de» aus den 11. Mat d. IS. tu Wetzlar ansteheudeu ViehmarkteS werden zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche folgende 93t» dioguugen geknüpft:

1. Für den Auf- und Abtrieb der Thiere ist je eine bestimmte Stelle zu schaffen. Die Benutzung anderer Stellen für den Auf« und Abtrieb, ebenso das Handeln mit Vieh außerhalb deS Marktplatzes ist verboten.

Der Auftrieb beginnt um 8 Uhr Vormittags.

2. Auf den Markt dürfen nur Thiere aus seuchefreieu Orten, deren Führer mit gültigen behördlichen ÜrsprungSzeugoiffen versehen find, ausge.rieben werden, Thiere von Händlern aber nur dann, wenn in jenen UrsprungSzeugutffen weiter bescheinigt ist, daß die Thiere sich die letzten fieben Tage iu uu» verseuchtem Zustand in seuchefreien Orten befunden haben.

Im Uebrtgen gilt für die Einführung von Hävdlervieh in den Kreis Wetzlar die in Nr. 109 deS Wetzlarer Anzeiger» vom 11. Mai 1897 veröffent­lichte polizeiliche Anordnung des Herrn RegierungS- Präfidenteu zu Coblenz vom 13. April 1897.

3. Aus dem Großherzogthum Hessen, dem preußischen Oberlahnkrei» (Weilburg), dem Dillkreise und dem Kreise Biedenkopf dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht aufgetrieben werden.

4. Bei dem Auftrieb der Thiere hat der Etgeothümer oder Führer dem anwesenden Polizeibeamtev da» unter Nr. 2 erwähnte UrsprungSzeuguiß vorzuzetgen.

Außer von der Controle der Ursprungszeugnisse ist der Austrieb von der vorherigen Besichtigung und Nichtbeanstandung der Thiere durch den Kreis- thierarzt abhängig.

Wetzlar, den 4. Mai 1898.

Der Königliche Landrath.

Feuilleton.

Jerralhene Lieöe.

An SrivuerungSblatt an» Schillers Leben.

Von C. Gerhard.

(Nachdruck verboten.)

Prinz Carneval regierte in Dresden. Heller Lichter- zlanz strahlte an einem Februarabeud des Jahre» 1787 au» der ersten Etage eines stattlichen Gebäude» der Altstadt. Heitere Walzerkläuge ertönten und in den große« Sälen be- vegteu fich tanzend, plaudernd, scherzend die Geladenen im Ratkeucostüm. Dort ließ eine graziöse Spanierin ihre Lastaguetten erklingen, hier hing fich eine zierliche Fraozöfin in den Arm eines deutschen Ritters, übermüthtg lachend schlüpfte ein Harlekin durch die Menge, mit Scheltworteu von einem Bettelmönch verfolgt. Dieses Suchen und Finden, diese Täuschungen und Neckereien unter dem Schutze der Larve waren gar zu amüsant, und alle Anwese«deu gaben stch ihnen gerne hin.

Nur zwei hochqewachsene Jünglinge, tu ähnliche, dem Zeitalter Ludwigs XIV. Hochgebildete Costüme gekleidet, irrten ziemlich planlos durch die Säle. Sie waren zu sremd in dem Kreise, um rechtes Vergoügen zu finden. Doch plötz­lich legte der größere von Briden seine Hand auf den Arm des Gefährten und flüsterte erregt:Sieh, diese reizende Italienerin! Beim Zeus! Ein lieblicheres Köpfchen erblickte ch selten, und wie stolz und aumuthig ist die Haltung der schlanken Gestalt! Ich will mich ihr nähern."

,/So geh, mein Friedrich, dabei bin ich überflüssig," lachte der Andere.

Schöne Maske, Du wandelst einsam - gestattest Du, .-baß ich Dich führe?"

Zwei große schwarze Äugen musterten den Fragenden.

Mich dünkt," erwiderte die Veoettanerin mit metallischer Stimme,Du bist au der Elbe Gestaden ein Fremdling- Loch komm, vielleicht berühren sich unsere Geister wie mag- retische Pole."

Sie legte ihren schlanken Arm in den seinen und zog ihn in einen weniger vollen Raum.

Bist Du ein Jünger des Mars oder welche« der Äötter huldigst Du?"

Deutsches Steidh

Berlin, 7. Mai. DerReichsanzeiger" veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß vom 27. April, betreffend die Er­klärung Ktaotschaus zum Schutzgebiete, sowie eine Ver­ordnung betreffcud die Rechtsverhältnisse und die Aus­übung der Gerichsbarkeit tu Ktaotschau.

Berlin, 7. Mai. Da»Berliner Tageblatt" meldet au» London: Au» Charleston tu Karoltua traf Abeuds in New Kork ein Telegramm etu, wonach ein heftiges Schießen auf dec Höhe von Port Royal gehört wurde. Das Bombarde­ment dauerte zwei Stunden. Mau fürchtet, die Spanier hätten versucht, fich der dortigen Docks zu bemächtigen. Die Truppen in Charleton stehen unter Waffen. Ein Regierung»- kutter ist nach Port Royal gesandt.

Berlin, 7. Mai. Das Abgeordnetenhaus hat heute die Vorlage betreffend die Discipliuarverhältniffe der Privatdocenten definitiv angenommen und hierauf die zweite Lesung des Pfarrer-Besoldungsgesetze» begouuen. Die Artikel 1 und 2 kamen zur Annahme, worauf das Hau» die Fortsetzung der Berathung auf Montag vertagte.

Berlin, 7. Mai. Der deutsche Autheil des zur Zahlung de» Restes der chiuefischen Kriegsentschädigung bestimmten Thetle» de» Erlöses der neuen chinesischen Anleihe wurde heute durch dir Deutsch Astatische Bank mit 5 Millioueu Pfund Sterling tu London und mit 1 Million Pfund Sterling an die Reichsbank hier für Rechnung der japanischen Re­gierung gezahlt.

RubeShei«, 7. Mai. Der heute vereinigte Kreistag be» Rhetngoukreise» bewilligte zu Gunsten der hier abzuhalteude» deutschen Nationalfeste die gleiche laufende Garantie­summe, wie fie der Commuual'Landtag tu Wiesbaden be­schlossen hat.

Cassel, 7. Mai. Andauernde Regengüsse haben dir Thäler der Fulda und Eder überschwemmt und großen Schaden angertchtet.

Kürzel, 7. Mai. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin find mit dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Luise Victoria um 3 Uhr 26 Mtn. hier etngetroffeu. Zum Empfange auf dem Bahnhofe waren der commandirrude

Nicht den Göttern, holde Marke, e» sei denn heute dem Schalk, dem Cupido- deu Musen bin ich unterthan."

So glaub ich Dich zu kennen. Fama trug Deinen Namen schon längst zu mir. Zeig Deine Hand!"

Ihr rosiger Finger malte geschwind ein F und ein S in seine Handfläche.

In der That, Du hast recht," erwiderte er überrascht. Ich aber stehe vor einem Räthsel und freue mich, daß bald die mitternächtige Stunde e» löst und ich Dein schöne» Antlitz schaue."

Die Phantasie zaubert wohl dem Dichter ein Bilduiß vor, da» der Wirklichkeit nicht entspricht. Ich bin keine schwärmerische Luise Millerin, keine Amalia"

So sag, in welche Farben muß ich meinen Pinsel tauchen, um Dich zu malen?"

Sie zuckte die vollen Schultern.

Ein Weltkind bin ich," antwortete fie in leichtem Tone, bald ernst, bald lustig, bald gut, bald böse."

Also ein reizende» Gemisch!*

So ging da» Gespräch fort, theil» scherzhaft, theil» ernst. Den jungen Herzoglich Weimarischen Rath Friedrich Schiller zog das reizende, geistvolle Mädchen mächtig au- ungeru nur überließ er e» anderen Tänzern, und al» die Uhr Zwölf schlug und alle Larven fielen, auch die der Veuetiaueriu, stand er in ihrer unmittelbaren Nähe. Sie verneigte fich neckisch, mit einem Lächeln um den holden Mund.

Nun sind ®<e enttäuscht, nicht wahr, Herr Poete?"

Der feurige Blick feiner großen Dichteraugen widersprach lebhafter als jede Betheueruvg.

Kommen Sir," sagte fie vertraulich,ich will Sie Mama vorstellen." Und fie führte ihn zu einer vornehm aussehenden älteren Dame, Frau v. Arnim, einer Offizier»- wittwe.

Neben dieser tauchte da» pikante Gefichtcheu seiner Freundin, der begabten Frau Doctor Sophie Albrecht, auf, die er bereit» vor Jahren in Frankfurt kennen gelernt, wo fie ihre ersten Triumphe auf der Bühne gefeiert. Sie, die für Schiller» Genin» eine schwärmerische Verehrung besaß, begrüßte ihn fröhlich und bald kam eine lebhafte Unterhaltung in Gang.

De» Dichter» Blicke lösten fich kaum von dem beseelten

General des 16. Armeecorps, Graf Haeseler, Beztrkspräfideut v. Hammerftein, KreiSdirector v. Gundlach und der Bürger­meister anwesend. Vom Bahnhöfe au» fuhren die Majestäten in offenem Wagen nach Urdille, von dem zahlreich zusammen- geströmten Publikum au» Kürzel und Umgebung mit herz­lichen Zurufen begrüßt.

Arr-laird.

Wien, 7. Mai. Dr. Rimberg in Namur sandte an den Präsidenten der hiefigen Gesellschaft der Aerzte eint Zu­schrift , in welcher er behauptet, ein unfehlbare», selbst In den verzweifelndsten Fällen nicht versagende» Mittel gegen Tuberkulose entdeckt zu haben.

Budapest, 7. Mai. Die schriftliche Antwort der ungarischen Regierung, tu welcher dieselbe erklärt, daß fie in eine Auf­hebung der Getreidezölle nicht einwilligen könne, wird noch heute, nachdem etn diesbezüglicher Ministerrath stattgefunden hat, der österreichischen Regierung übermittelt werden.

3«tetlalee, 7. Mai. Gestern Nachmittag fand hier ein zwei Gecunden dauernde- heftige» Erdbeben statt.

Rom, 7. Mai. Der Papst empfing heute deu Groß- Herzog von Sachsen-Weimar.

Rom, 7. Mai. Ein heute erfchteoeue» Decret über­trägt dem General Hauch die höchste Gewalt über die öffent­liche Sicherheit. Gestern Abend kam e» in Florenz wiederum zu großen Kundgebungen. Die Truppen gaben Feuer, eine Person wurde getödtet, 7 Personen wurden ver­wundet. 54 der Manifestanten kamen in Haft. Weitere Kundgebungen werden au» Livorno gemeldet. Dort blieb eine Person tobt, eine andere wurde verwundet. Die Truppen halten dir Bäckerläden besetzt.

Venedig, 7. Mai. In Ober Italien, sowie in Adria, fand gestern Nachmittag ein mehrere Sekunden dauernde» Erd- und Seebeben statt.

Petersburg, 7. Mai. DerRusfischen Telegraphen- Agentur" wird von authentischer Seite das Gerücht von 6em Erlaß eines GetreideauSfuhrverbots al» ganz unbegründet I und aus der Luft gegriffen bezeichuat.

Antlitz deö Fräulein Henriette Elisabeth v. Arnim, und wie em Rausch kam es Über ihn, wenn sie da» Wort an ihn richtete.

Noch brannte in seinem Herzen die Liebe zu Charlotte von Kalb, noch der Schwerz deS Abschiede» von ihr, die ihm nimmer augehöreu konnte- er sehnte fich nach einer theil- ueymeuden Fraueuseele, und diese glaubte er in seiner neuen Bekannten gefunden zu haben. Er gab fich heiter und ge­sprächig und beachtete nicht die abweisende, fast strenge Miene seine» Freunde» Ferdinand Huber, dem da» schöne Mädchen gar nicht zu gefallen schien. Immer mehr Verehrer sammelten fich um Henriette von Arnim, und mit Jedem wußte sie zu plaudern- Schiller aber empfand, als fie ihm abschiednehmend die Hand reichte, einen leisen Druck ihrer schlanken Finger, sah einen feuchten Schimmer in ihren dunkelen Augen.

Lange lag er tu dieser Nacht schlaflos in seiner be­scheidenen, mit Huber getheilteu Wohnung beim Hofgärtner Fleischmann in der Neustadt- alle seine Gedanken waren bei Henriette, und am anderen Tage schilderte er fie in glühen­den Farben seinen vertrauten Freunden, dem Coufistorialrath Gottfried Körner, dessen lieblicher Frau Minna und deren Schwester Dora, Hubers Braut.

Der sehnsüchtige Wunsch, von dem schönen Mädchen zu hören, e» wiederzusehen, trieb ihn zu Sophie Albrecht. Hier verkehrten die verschiedensten Elemente, hauptsächlich Schau­spieler, Schriftsteller, Gelehrte, aber auch Angehörige anderer Stände, darunter die Arnim».

Frau Sophie hatte wohl die lebhafte Bewegung ihre» genialen Freunde» in Gegenwart Henrietten» bemerkt, und da fie nach Schillers eigenem Ausspruchein Herz besaß, ganz zur Theiluahme geschaffen und über den Kleinigkeit»- geist der gewöhnlichen Zirkel erhaben", und in der einstigen Verbindung de» Dichters mit der schönen Aristokratin nicht» Unmögliche» sah, lud fie die Beiden öfters zu­sammen ein.

Schiller machte auch der Fran von Arnim seinen Be­such, und jede» neue Wiedersehen der Angebeteten schürte nur die LiebeSgluth in fernem Innern. Immer wieder be­wunderte er ihre edle Gestalt, ihre tadellosen Züge, ihren Geist, und seine Phaotafie schmückte fie mit guten Eigen­schaften, die fie nicht besaß.

(Schluß folgt.)