Ausgabe 
8.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 56 (S-rftrö Blatt. Dienstag dm 8. März

1898

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Bekanntmachung.

Samstag de« 19. März d. I., Vormittags IO Uhr, findet tu dem Regieruugsgedäude dahier die die«« jährige ordentliche Sitzung des Kreistages de« Kreises Gießen mit folgender TagkSorduung statt:

1) Vorlage der Kreiskaffetechnuug für 1896/97; hierzu Bericht dr« Krei-au-schufirS über die Verwaltung !

und den Stand drr KretSverbandß-Angelegenheiten;

Genehmigung der vorgekommeneu Credtt Ueber« fchreitungen zu Lasten der nachgewiefeneu Deckungs­mittel.

2) Festsetzung des Kreiskaffe Voranschlag- für 1898/99. Gießen, den 6. März 1898.

Der Vorfitzende des Kreistage- des Kreises Gießen.

v. Gagern.____

Bekanntmachung.

betreffend: die Viehmärkte zu Gießen.

Auf Grund des § 17 des RetchSgefetzeS über die Abwehr

23. Juni 1880 nnb Unterdrückung von Viehseuchen vom * ^at 1894 wird hiermit bestimmt, daß alle- anläßlich der Gießener viehmärkte aufgetriebene und in Gast, Privat- oder sonstigen Stallungen zu Gießen und den Orten Wteseck, Heuchelheim und Klein Linden untergebrachte Vieh au den jeweiligen Markttagen von 7 Uhr MorgeuS ab an dem dazu bestimmten Platze nächst dem Biehmarkt? zwecks Untersuchung durch das Großh. KreiSveterinäramt Gießen vorgeführt werden muß.

Gießen, den 5. März 1898.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern.

Gießen, 5. März 1898.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes vom 22. Mat 1895 wegen Gewährung von Beihilfen an ehemalige KrtegStheilnehmer.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

au die Grotzh. Bürgermeistereien des KreiseS.

Nach einer Mittheilung des Herrn Reichskanzlers find zur Beseitigung von Zweifeln, die fich neuerdings hinsichtlich der Behandlung von Zahlungen aus dem Kaiserlichen DiS« pofitionSfondS bei der RerchS Hauptkaffe bei Uebersendung au die Empfänger durch die Post ergeben haben, die Reichs« Postaustalrea angewiesen worden,

1, die auf Grund deS Allerhöchsten ErlaffeS vom 22. Jnlt 1884 Armee Verordnungsblatt S. 139 gewährten Unterstützungen au diejenigen ehe­maligen Unteroffiziere und Mannschaften, welche durch eine im Kriege 1870/71 erlittene innere Dienstbeschädigung invalide geworden find, denen aber ein Rrcht zur Geltendmachung eine- Versorgungs» onspruch« nach den gesetzlichen Vorschriften nicht zur Seite steht, und

2. die Unterstützungen und ErziehungSbethilfen für Hinterbliebene von solchen ehemaligen Militär- Personen portofrei zu befördern.

Wir empfehlen Ihnen, vorstehende« in Ihren Gemeinden ort-üblich bekannt zu machen.

__________________v. Gagern.

Deutsches Aeich

Berlin. 5. März. Die Budget-Commission de« Reichstages har heute den Antrag Müller-Fulda, nach dem die erforderlichen Sch.ffSbauten in sechs anstatt in fiebeu Jahren fertiggrstrllt fein müssen, mit großer Mehrheit an­genommen. Der Staatssekretär Tirpitz hatte vorher seine Zustimmung zu diesem Anträge ausgesprochen.

Berlin, 5. Marz. Die Budget-Commission deS Reichstags setzte heute die Beraihung der Marine-Vorlage fort und nahm zunächst Stellung zu dem Antrag Müller« Fulda, die erforderlichen Nrubauteu bereit- in sechs anstatt in fieben Jahren durchzusühren. Nachdem StaatSsecretär Tirpitz erklärt, daß technische Gründe diesem Antrag nicht entgegenstehen und Graf PosadowSky auSgesührt hatte, die verbündeten Regierungen würden die Ausführung des An­trages mit Freuden begrüßen, da er erhebliche militärische und politische Bortheile im Gefolge habe, wird der Antrag Müller«Fulda gegen die Stimmen der beiden Volk-Parteien,

der Polen und der Socialdemokrateu angenommen. Auf Antrag deS Dr. Lieber (Centrum) wurde § 8 dahin abge« ändert, daß der Reichstag bis zum Jahre 1903 nicht mehr al- 408900000 Mk. einmalige Ausgabe und 4900000 Mk. jährliche Steigerung der fortdauernden Ausgaben bewilligen müffe. Abg. Richter brachte einen Antrag auf Einführung einer Vermögenssteuer ein. In der Debatte erklärte Graf PosadowSky, baß der Reichskanzler zu dem Antrag keine Stellung nehmen könne, ohne sich mit den Einzelstaateu in- Einvernehmen gesetzt zu haben. Darauf entspann fich eine Debatte darüber, ob die DiScusfiou nicht mir Rückficht auf diese Erklärung abgebrochen werden solle. Man entschied fich aber schließlich für Fortsetzung derselben. Die Abgeordneten Gröber und Genoffen haben den CeutrumSantrag wegen der Vermögenssteuer etwas abgeänd.'tt. Der Eingang lautet jetzt dahin, daß diejenige Summe, welche den Betrag von 117 525 494 Mk. jährlich für Mehrausgaben übersteigt, durch außerordentliche Matricularbriträge gedeckt werden soll. Abg. v. Bennigsen beantragt, an Stelle des Anträge« Lieber nur zu sagen, daß der Mehrbetrag nicht durch Erhöhung der direkten Reich-steurrn aufgebracht werden dürfe und bemerkt, der CeutrumSantrag bedeute einen noch nie dageweseuen Ein­griff in die ReichSverfaffung, der für die Einzelstaateu un­annehmbar sei, weil er den Beginn der Verletzung aller unserer Gerechtsame bedeute. Abg. Lieber meint, mit einigem guten Willen laffe fich wohl eine Verständigung erzielen. Eine bloße Erklärung der Regierung oder eine Resolution sei für ihn nicht genügend. Er könne fich darauf nur ein- laffen, wenn die Erklärung von sämmtlicheu Bundesregierungen in autoritativer Form abgegeben würde. Er ziebe jedoch vor, seine Gedanken in daS Gesetz aufzunehmen. Mit der An­nahme der von ihm verlangten Sicherheit wegen der Mehr­belastung stehe oder falle die Vorlage. Er weise die ver­bündeten Regierungen auf den Ernst der Lage hin. Die Bevölkerung werde, wenn die verbündeten Regierungen etwa seinen Antrag ablehnen sollten, daraus schließen, daß die Flottenfragr keineswegs so ernst sei, wie mau die- hinstelle. Hierauf trat eine Pause ein.

Berlin. 5. März. DaS Abgeordnetenhaus trat heute in die Berathung des CultuSetatS ein und bewilligte \ die Einnahmen nach längerer Debatte. Der TitelMinister- j gehalt" gelaugte nicht zur Erledigung. Die DiScusfiou i darüber wird am Montag fortgesetzt.

Berlin. 5. März. Durch kaiserliche CabinetSordre find über die Verwaltung von Siaotschau folgende Be­stimmungen getroffen worden: An der Spitze der Militär- und Civil-verwaltung in Kiaotschau steht ein Seeoffizier mit dem Titel Gouverneur. Derselbe ist oberster Befehlshaber der militärischen Besetzung in Kiaotschau und Vorgesetzter der in diesem Gebiet angeftellten Militärpcrsonen sowie der Beamten der Militär- und Ctvil-Derwaltung. Der Gouverneur hat gerichtsherrliche DiSciplinar- und UrlaubSbefugniffe. Der Marinestatiouschrf erhält für innerhalb seines Befehlsbereiches eine Flagge wie die der Gouverneurs von Ostafrika. Flagge und Persou deS Gouverneur- erhalten eineu Salut von 13 Schüssen. Der Gouverneur und die Befehlshaber der Marine stehen in keinem UnterorduungS.Berhältniß. Der StaatSsecretär deS ReichSmarineamtes hat über die ihm unter­stellte militärische Besetzung von Kiaotschau und über die au- gestellten Militär-Persoueu die Besugniffe bei commandirendeu Admirals. Die Inspektion der Marine Infanterie und Artillerie find mit Bezug auf alle Angelegenheiten der militärischen Besetzung des Ktaotschau-Gebtete« dem StaalSsecretär des ReichSmarineamtes unterstellt. Die Besatzung ist im Uebrigeu ihrer respectiveu Inspektion unterstellt.

Oppeln, 6. März. Im Etnverständuiß mit dem Cardinal Fürstbischofs Dr. Kopp erließ die katholische Geistlichkeit OberschlefienS eine scharfe gemeinsame Protesterklärung gegen baß weitverbreitetste aller Poleublätter, benBeutheuer Katholik", weil berselbe gegen bit Geistlichkeit agitire unb bemokratischeu Umtrieben hulbigt.

Au-land.

Wien. 5. März. DaS Befinben ber Kronpriu- zessin«Wittwe Stefanie hatte fich heute vormittag etwas verschlimmert, später trat jedoch wieder eine kleine Besserung ein.

Wien. 5. März. Die Morgenblätter besprechen die neuen Sprachen-Verorduungeu ziemlich abfällig. Besonders diejenige für Mähren wird als grober Fehler bezeichnet.

Wien. 5. März. Wie dieNeue Freie Preffe- meldet,

hat fich der Zustand der Krouprinzessiu-Wittwe Stephanie in der letzten Nacht wesentlich verschlimmert. Die Entzündung in der rechten Lunge ist zurückgekehrt. Die Patientin hat Anfälle von quälender Athemnoth. Ein Arzt wachte die ganze Nacht bei derselben. Während der Nacht mußte der Burgpfarrer Mayer geholt werden. Die Krou- Prinzessin Wtttwe wurde vergangene Nacht mit ben Sterbe­sakramente« versehen. Kaiser Franz Joseph würbe am frühen Morgen von der Verschlimmerung der Erkrankung verständigt unb erschien sofort am Krankenlager.

Triest. 5. März. Im hiefigeu Politeama-Theater kam gestern Abeub anläßlich der italienischen Jubiläumsfeier zu großen Demonstrationen. ES wurden Hochrufe ans Italien ausgebracht und viele Personen verlangten de» italienischen Königsmarsch. Um die Ruhe wieder herzustellen, veranlaßt die Polizei die Schl-eßung deS Theater« und nah« mehrere Verhaftungen vor.

Preßburg. 6. März. Um Mitternacht wurde folgendes Communiqus rnitgetheilt: Seine Majestät der Kaiser hat die vom Gesarnrntministerium erbetene Demission in Gnaden angenommen unb den Geheiwrath Franz Graf von Thun zum Minister-Präfidenteu allergnädigst zu er­nennen und mit der Bildung de« neuen CabinetS zu betraue« geruht. Die gesammte Preffe drückt ihre Ueberraschung über den über Nacht erfolgten Ministerwrchsel au«. Allgemein ist die Anficht vorwiegend, daß bet beutsch feiubliche Einfluß an maßgebender Stelle viel zum Rücktritt bes Ministeriums Gautsch beigetragen hat. Nur bieFreie Preffe" glaubt, daß ben Haupraustoß zu bet Dewisfion bet schlechte Stand bet AnSgleichSverhavblungen mh Ungarn gegeben hat. Graf Franz Thun soll, wie verlautet, bereits bie wichtigsten Ministerposten besetzt haben. Baron BieliuSky soll baß Finanz-Portefeuille, Dr. Steinbach baß bet Justiz unb MarquiS Bacquehem baß Ministerium beß Innern übernehmen. Graf Franz Tbun bat fich lediglich das Präsidium Vorbehalten.

Bozen, 5. März. In der Nähe von Cißmane hat zwischen österreichischen Schmugglern vnv italienischen Zollwächtern ein blutiger Kampf stattgefundeu. Zwei Schmuggler wurden dabei erschaffen, einer wurde in einen Abgrund ge­worfen, woselbst man ihn schwer verletzt sand.

Rom, 5. März. Die gestrige Illumination ist glänzend verlaufen. Die Stadt bot einen feenhaften Anblick. Störungen find wenig vorgekommen. Nur van dem Cacia« listenclnb wurden viele Individuen verhaftet, welche Hochrufe auf bie Sacialdemokratie ausbrachten.

London, 5. März.Daily Mail" wird auß Newyork telegraphirt, daß eine ungeheure Menge Munition für dal in Honkong liegende amerikanische Geschwader eingeschtfft wurde. Fünf amerikanische Panzerschiffe haben Ordre, die Blakade des stillen Oceanß vorzunehmen, sobald der Krieg zwischen Amerika und Spanien erklärt werden sollte.

totales und provinzielle».

Gießen, ben 7. März 1898.

* Justiz-Personalien. Durch Entschließung Großherzog­lichen Ministeriums der Justiz wurde der Gerichisaffeffor Dr. Johann Schneider in Mainz mit Wahrnehmung bet Dienstverrichtungen eines Amtsrichters bei Großh. Amtsgericht Alzey ernannt.

* Bon ber Universität. Dem theologischen Can bi- batenexamen haben fich fünf Stubirende unterzogen und eS sämmtlich bestanben. Da im vorigen Termine nur vier Canbibateu daß Examen abgelegt haben, so finb in biesem Studienjahre nut 9, b. h. nut etwa die Hälfte beß Bedarfs zugegangen. Auch im nächsten Termin wirb, wie man hört, das Verhältniß kein anderes sein. fordert zum Nach­denken herauß, daß die ehrenvolle Laufbahn eineß evange­lischen Geistlichen anscheinend süc die Heranwachsende Jugend wenig Anlockende- hat, während gleichzeitig andere akademische Berufe geradezu hoffnung-lo- überfüllt find.

<EL Stadttheater. find schon einige Jahre her, daß der gestern ausgeführte SchwankEin toller Ein­fall" von C. Lauf- hier zum erstenmal gegeben wurde. Damals schon zündete daß originelle, über alle Maßen be­lustigende Stück, unb daß von dieser Wirkung trotz ber neueren, zum Theil noch drastischeren Werke beß Verfassers, (wir erinnern anPension Schöller", unbBocksprünge") nichts eingebüßt, baß bewies bet gestrige überzeugende stür­mische Beifall. Schade, daß nur einem schwach besetzten Hause dieser Heiterkeitsgenuß geboten war, gar Biele vom vorgestrigen Abend hätten wie die heute Erschienenen hoch- befriedigt gesagt: das war wirklich ein amüsanter Abend! Schon bie dem Schwank zu Grunde liegende Idee, welche