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6.9.1898 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Dienstag den 6. September

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Deutscher Reich.

Berlin, 3. September. Wie diePost" mittheilt, herrscht tu Rußland und Deutschland die vollste Klarheit darüber, baß aus bergeplanten Friedens-Lonferenz verdeutsche Besitzstand ein noli me tangere bleiben muß. Ohne volle Sicherheit darüber zu besitzen, würde Deutschland niemals ans bie Tonfereuzidee etogegaogeu sein. Weiter bemerkt die Post", es sei müßig, heute über die Aussichten der Friedens- Konferenz viele Worte zu verlieren,- die der Sache selbst entgegenstehenden Schwierigkeiten kenne Jedermann. Ob nun bie verathuugen zu Stande kommen oder nicht, Deutschland oud seine Verbündeten haben jedenfalls von vornherein ihren guten Willen gezeigt, auf die Jntenfionen Rußlands einzu­gehen, wenn es auch noch nicht feststehe, ob die Labinette von Rom, Berlin und Wien Rußland eine gleichlautende Antwort überreicht haben.

Berlin, 8. September. DieNational-Zeitung" schreibt: Ja englischen Blättern ist von einem deutsch-englischen Schutz- und Trutz-Bündniß die Rede. Diese Meld- nngen sind selbstverständlich durchaus uubegrüudet. Weder ist eine englische Regierung in der Lage, ein solches Bündniß abzuschließen, noch besteht in Deutschland in maßgebenden Kreisen auch nur die geringste Neigung, die eigenen aus­wärtigen Jutereffen mit denjenigen einer anderen Macht zu ideutificiren. Dem Vernehmen nach kann es sich nur um eine einzelne Abmachung colonialer Natur handrln, durch welche die Stellung der Mächte im Urbrigen nicht berührt werde, da im Besonderen als gewiß gelte, daß die russischen Jutereffen dadurch in keiner Weise verletzt werden.

Berlin, 8. September. Der große politsche Lehrmeister Deutschlands Fürst Bismarck hat sich auch einmal im Reichstag über dir Abrüstung ausgesprochen. Am 14.Juni 1882 sührte er aus:Im Hintergründe steht bei Erspar- aigen schließlich immer die Verminderung des großen Milttär- i»idgets. Ja, meine Herren, glauben Sie denn, daß es uns io der Regierung Vergnügen macht, eine so große Armee zu galten? Ich weiß nicht, ob es den anderen Ländern, die an ix- S grenzen und von denen unsere beiden großen Nachbarn, Frankreich und Rußland, jeder an sich wehr Truppen unter- feilt als das Deutsche Reich, ob es denen eine besondere Freude macht, oder was sie für Zwecke damit verbinden. Das habe ich nicht zu untersuchen, sondern nur die Thatsache, ferß diese Millionen Bajonette ihre polare Richtung doch im Ganzen in der Hauptsache nach dem Lentrum Europas haben, b'i6 wir im Leutrum Europas stehen und schon in Folge nuferer geographischen Lage, außerdem in Folge der ganzen e-ropäischtn Geschichte den Coalitiooeu anderer Mächte vor« zrgsweise ausgesetzt find. Unsere Schwäche hat früher diese Loalitton gesühlt, die Loalitton der drei größten Continental- rächte der Zeit, Rußland, Frankreich, Oesterreich und das Deutsche Reich gegen Friedrich bin Großen, die Kauuitzsche Politik ist Ihnen ja bekannt. Warum kann dergleichen sich o.cht wieder erzeugen? Wir haben die Objecte, die Gegen- feinde der Begehrlichkeit für jeden unserer Nachbarn sein Kinnen nach den verschiedensten Seiten, und wenn ich mir in k:r auswärtigen Politik irgend ein Verdienst beilegen kann, sc ist es die Verhinderung einer übermächtigen Loalitton gegen Deutschland seit dem Jahre 1871. Meine ganze politische Kunst aber wäre darau vollständig gescheitert, ohne Hnblick auf die deutsche Militärorgautsatiou, ohne den leider heute nicht anwesenden Marschall (Graf Moltke) hier, und otne den Respect, den wir einflößen, ohne die Abneigung, bit man hat, mit unseren wohlgeschulteu, intelligenten und »chlgeführten Bajonetten anzubtnden. Thun Sie diesen Dspect aus der Welt und Sie find genau in der ohn- nichtigen Lage von früher, so daß Deutschland sür die anderen Mächte eine Art von Polen für die Thetlung sein ®hbe, was fruchtbare Grenzprovtvzen enthalt, die Jedermann drruchen kann, und bet dem wenig ausgebildeten nationalen 6nn der Deutschen (Oho! links.) warten Sie das Beispiel ab giebt auch keine fremde Macht die Hoffnung auf, daß ks mit anderen deutschen Landschaften gerade so gut gelingen »erde, wie es Frankreich mit Elsaß gelungen ist, sich deutsch Rechende, deutsch abstamwende Leute so zu asfimiliren, daß 8t lieber die Livree Frankreichs tragen wögen, als den Rock >ts freien deutschen Bauern. Also au die Armee, meine Herren, rühren Sie nicht! Da sage ich Ihnen auch nicht t os meine Meinung, sondern die Meinung der Majorität irr Nation, da hört die Gemülhlichkeit auf. (Unruhe Kls.)"

Ergebnisse der ReichstagSwahlev. Eine üorläufige Zusammenstellung der Ergebntffe der Reichstags- Hahlen nach den Havpiwahlen ist im Bureau des Reichstogs

auf veranlaffung und unter Leitung des stellvertretenden Directors beim Reichstag, RechnungSrath Jungheim, aus­gearbeitet worden: Darnach waren wahlberechtigt 11,440,858 (im Jahre 1893 10,628,292) Personen. Abgegeben wurden 7,787,090 Stimmen (im Jahre 1893 7,722.265 Stimmen). Gütig waren 7,552,353 Stimmen (gegen 7,673,973 im Jahre 1898); ungtltig dagegen waren 34,737 (gegen 28,292 im Jahre 1893). Bonden giltigen Stimmen fielen auf: deutsch- conservative Fraction 872,973 (1893: 1,038,858). Deutsche Reich,Partei 331,538 (im Jahre 1893 338,435). Deutsch- sociale Reformpartei 222,447 (1893: 263,861). Antisemiten, bie nicht ber Reformpartei angehören 19,599. Lentrum 1,454,278 (1893: 1,468,501). Polen 243,847 (1893: 229,531). Natiovalltberale Fraction 975,534 (1893: 996,980). Freisinnige Vereinigung 194,945 (im Jahre 1893 258,481). Freisinnige volkspartei 553,740 (1893: 666,439). Auf unbestimmte liberale Richtung 65,822. Deutsche Volks- Partei 108,493 (im Jahre 1893: 166,757). Socialdemokraten 2,105,305 (1893: 1,786,738). Bund der Landwtrthe 121,874. Bayerischer Bauernbund 140,304(1893: 119,559). Elsaß Lothringen 107,415 (1893: 14,702). Welfen 105,161 (1893: 101,810). Dänen 15 439(1893: 14,363). Ehrtstltch- Sociale 48,734. National-Sociale 23,185. Unbestimmt und zersplittert 42,221 (1893: unbestimmt 110,993, zersplittert 13,972, zusammen 128,970. Es haben somit an Stimmen gegen 1893 verloren: Deutsch-Conservative 165,880, Deutsche Retchsparlet 106,877, Deutsch-Sociale Reformpartei 41,414, Lentrum 14,223, Nationalltberale 21,446, Frei- finnige Bereinigung 65,536, Deutschfretfinntge Volkspartei 112,699, Deutsche Volkspartei 58,264, Elsaß-Lothringer 7287, unbestimmt und zersplittert 81,747. Es Haden an Stimmen gegen 1893 gewonnen: Polen 13,685, Social- demokraten 318,567, Bayerischer Bauernbund 20,745 und Welfen 4351.

Aus dem Hinterlande von Togo. Wie dring­lich und nothwendig eine Abgrenzung zwischen England und Deutschland über die neutrale Zone ist, zeigen die neuer­lichen Vorgänge daselbst, welche wieder ein Eingreifen der Engländer veranlaßt haben. Im letzten Herbst war bekannt­lich schon eine große Expedition vom Volta aus in die neutrale Zone eingedrungen, hatte Salaga besetzt und ein Thetl war nach Norden gegen die Dagomba gezogen, ohne aber Besonderes anSrichten zu können. Denn diese Dagomba sind durchaus kriegerisch und haben auch mit den Deutschen schon früher angefaugeo, ohne daß es aber zu einem ent­scheidenden Kampfe gekommen war. Jedenfalls bilden die Dazomba das gefährlichste Element iu der neutralen Zone. Auf die Reklamationen der deutschen Regierung hat nun im Februar dieses Jahres das Colonialamt bin Gouverneur ber Golbküste angewiesen, bie engltscheu Agenten und Truppen aus der neutralen Zone zurückzuziehen. Wenn es hiernach erfreulicher Weise gelungen war, dem rechtswidrigen Zustand, wie er in der neutralen Zone eingetreten war, ein Ende zu bereiten, so durfte «an nun auch hoffen, daß Verhandlungen zwischen den beiden intereffirten Mächten eivgeleitet würden, um endlich hier zu einer befriedigenden Abgrenzung zu ge­langen. An Anregungen dazu hat es auch sonst nicht ge­fehlt, denn die Deutsche Colonialgesellschaft hat auf ihrer letzten Hauptversammlung diese Frage eingehend behandelt und eine Art Programm ausgestellt. Aber es hat davon nichts verlautet. Statt deffen wird als neueste Nachricht aus West-Afrika in englischen Blättern folgende Mittheiluug gemacht aus dem Hinterlande von Lagos unb der Gold- kÜsten-Lolonie: Die unruhigen Dagomba, welche das neutrale Gebiet zwischen der britischen Lolonie unb dem deutschen Togoland bewohnen, haben wieder Schwierigkeiten gemacht. Lolonel Norhcote war im Begriff, eine kleine Strafexpedition gegen sie zu organifiren und man dachte, daß darauf die neutrale Zone zwischen Deutschland und England vertheilt werden würde. Die Pläne der Engländer werden hier ganz offen enthüllt; die Expedition des Colonel Norhcote, welcher übrigens die höchste englische Persönlichkeit im Hinterland der Goldküste ist, soll die Dagombas Niederschlagen, um eine vollendete Thatsache zu schaffen, damit die Engländer nachher Ansprüche erheben können, die im Berhältuiß zu ihren Auf­wendungen stehen. ES ist hohe Zeit, daß die Grenzregnltrung hier endlich stattfiadet.

Berlin, 3. September. Neue Schiffsartillerie. Dem vernehmen nach steht eine Abänderung der Ausrüstung der Marine-Artillerie bevor. An Stelle der 28 Centimeter- Geschütze sollen die neueren Schiffe Kanonen von 24 Lenti- «eter-Kaliber erhalten, die aber in Zeit von drei Minuten dreimal geladen unb abzefenert werden, währenb die j

28 Lentimeter-Kanonen in der gleichen Zeit nur einmal zu« Schuß gebracht werden können. Mau ist gegenwärtig über­zeugt, daß bie Schnellfeuer-Artillerie viel vernichtender, all diejenige großen Kalibers zu wirken vermag. Die Hand­habung ber letzteren erforbert eben zu viel Zeit. Die neuesten Schiffe unserer Marine werben mit wenigstens 12 S.ück Kanonen vom Kaliber 8,8 Centimeter, 12 Schnellfeuer- geschützen von 3,7 Centimeter Kaliber unb 46 Mitrailleusen ausgerüstet werben. Sie sollen dieser Gestalt befähigt sein, in der Minute mit 148 Schuß 4244 Kilogramm Geschoß- gewicht auf den Feind zu schleudern. Wir geben diese Meldung einstweilen mit Vorbehalt wieder.

Ausland.

Wien, 4. September. Der Kaiser verlieh dem General- Mufikdirector Felix Mottl in Karlsruhe den Orden der eisernen Krone dritter Klaffe.

Wie«, 4. September. Das Gerücht, daß in den Kreisen der parlamentarischen Linken die Abstinenzfrage in Frage gezogen werde, entbehrt vorläufig der Actualität. Die Be­sprechungen des Grafen Thun mit den Parteiführern werden entgegen anderweitigen Meldungen erst nach de« Zusammen- teilt des Relchsrathes erfolgen.

Budapest, 4. September. In der Mittwochs-Sitzung des Abgeordnetenhaus.'s wird die Opposition^ eine Jäter- pellation an die Regierung richten, um zu erfahren, welche Haltung die Regierung gegenüber dem Frtedensmanifest des Zaren einzunehmen gedenkt.

Rußland. Aus Petersburg erhält die ^Tägl.Rund­schau" zur auswärtigen Lage eine Mittheilung, die zwar noch unmittelbar vor der AbrÜstungSkundgebung des Czaren nieder­geschrieben und deßhalb von dieser zum Theil überholt worden ist, aber immerhin auch jetzt noch Wiedergabe verdient, weil fie all Stimmungsbild bemerkenswerth erscheint: Augen­blicklich würde es wohl selbst für die zumeist beteiligten Staatsmänner schwer fein, die auswärtige Lage genau zu schildern, da zur Zeit so gut wie Alles in der Schwebe bezw. in der Vorbereitung liegt. Was bei den Verhandlungen zwischen Rußland und England bezüglich der chtnefischen Streitfragen herauskowmeu wird, läßt fich in diesen Tagen noch ke neSweg» übersehen. Auf rnsfischer Seite pflegt man solche Fragen nicht im Handumdrehen zu entscheiden, und der in Petersburg neueingezogene britische Botschafter, Sir Charles Scott, hat vorläufig noch nicht einmal seine Antrittsbesuche voll­ständig abgestattet, geschweige denn, daß er bereits die große Lhinasrage hätte erledigen können. Die englischen Zeitungs- Meldungen, daß ein grundsätzliches Einvernehmen schon jetzt erzielt sei, bezogen fich lediglich auf die unverbindlichen Bor- be'prechungen, deren befriedigendes Ergebniß darin bestand, daß man beiderseits die Bereitwilligkeit anSsprach, die schwebenden Streitfragen auf dem Wege der friedlichen Verhandlung zn lösen oder auszugleichen. Aber damit ist noch lange nicht ge­sagt, daß eS «un auch in den Eiuzelfragen zu einer wirklichen Verständigung kommen wird. Indessen verdient die Thal­sache beachtet zu werden, daß die rusfische Ortentpolitik i« Lause der letzten Wochen eine ganz überraschende Lebhaftig­keit gewonnen hat, welche den Wunsch, in Ostasien vorläufig noch einen Waffenstillstand mit England abzuschließen, wohl erklärlich machen würde. Fürst Ferdinand will den Auftrag erhalten haben, unter dem Schutz des Czaren eine Bundes­vereinigung der Balkaostaaten zu Stande zu bringen, welche jeden anderen als den russischen Einfluß aus der Balkan- Halbinsel ausschließen solle. In Kleinasien, Syrien und Mesopotamien will Rußland durch die von Graf Kapnist ge­forderten Eisevbahnconeesfionen mit einem Schlag den ent­scheidenden Vorsprung vor Deutschland, England unb sogar auch Frankreich erlangen. Am persischen Meerbusen tauchen rusfische Commisfionen auf, um die Inbesitznahme eine- Hafens als rusfischen Flottenstützpunktes vorzubereiten. In Abysfinien haben die rusfischen Pläne bereits eine so greifbare Gestalt erhalten, baß es selbst dem Prinzen Heinrich von Orleans gerathener erschien, eine kleine Scheibung zwischen seinm franzöfischen Unternehmungen und benen seiner rusfischen Freunde vorzusehmen. Die- Alles bringen hier gewiffe Kreise in Verbindung mit brr Orientreise des deutschen Kaisers, die nach der Meinung jener Kreise Rußland grnöthigt habe, zur Sicherung seiner Jutereffen ün Orient stärkere Schutzmittel zu schaffen. Natürlich entspringt eine solche Ausfaffung einer wenig freundschaftlichen Gefinnnog, von der fich die amtlichen Kreise gewiß frei sühlen; aber die Verhältnisse find nun ein­mal noch immer schwankende.