Ausgabe 
6.3.1898 Erstes Blatt
 
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Ar. 55

Erstes Blatt.

Sonntag den if März

1808

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Gießener Anzeiger

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Aintlichev Theil.

Gießen, den 4. März 1898.

Betr.: Drfinitorialprüfung der SchnlamtSaspiranteu und Aspirantinnen im Frühjahr 1898.

Die

Grotzh. Kreis-Schulcommission Gießen an die Schulvorstände und Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, die Schulverwalter Ihrer Ge­meinden von nachstehender Bekanntmachung Kenutniß zu geben mit dem Bemerken, daß Gesuche, die später als am 9 April d. I. bei uu« eiugeltefert werden, keine Berück« fichtigung finden, und daß eine besondere Aufforderung, bei der Prüfung zu erscheinen, au die einzelnen Prüflinge nicht mehr ergeht.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Betr.: Wie oben.

Die diesjährige erste Definitorialprüfuug der Schul­amt- Aspiranten und -Aspirantinnen soll

Moutag den 9. Mai, Bormittag 8 Uhr, im Gebäude der Mittelschule für Knaben (FriedrtchSstraße Nr. 1) dahier beginnen.

Unter Hinweis auf § 27 der Verordnung vom 10. Ja­nuar 1876, bk Prüfungen für das Lehramt an den Volks, schulen betreffend, werden diejenigen Schulamts«Aspiranten und -Aspirantinnen, welche sich dieser Prüfung zu unterziehen beabsichtigen, aufgefordert, ihre an die unterzeichnete Behörde zu richtenden, mit Stempelmarken im Gesawmtbetrage von 1 Mk. 10 Pfg. zu versehenden Gesuche nebst den erforder­lichen Anlagen (SemtnarabgangSzeuguiß, bezw. Zeugviß der ersten Prüfung, Zeichnung und Probeschrift) bi« späte­stens zum 9. April bei der betreffenden KretSschulcommis- fiou einzureichen, welche die Gesuche weiter befördern wird.

Alle diejenigen Prüflinge, welche nicht ausdrücklich von der Prüfung zurückgewieseu oder durch besondere Zuschrift der unterzeichneten Behörde auf einen späteren Termin zu derselben etuberuseu werden, haben sich zu der am Anfang dieser Bekanntmachung bemerkten Zeil dahier zur Prüfung rinzustellen.

Die Großh. KreiSschulcommisfionen, sowie die OrtSschul- vorstände wollen die Schulamts-Aspirauten usw. von dieser Bekanntmachung in Kenntniß setzen.

Darmstadt, den 25. Februar 1898.

GrohherzoglicheS Ministerium des Innern, Abtheilung für Schulangelegenhetteu.

v. Knorr.

de Beauelair.

Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 goldene Broche, 1 Brille, 1 goldener Manschrttenknopf, 1 Dolch, 2 einzelne Handschuhe, 2 Schürzen, 1 Packet alter Kleider und 1 Schild mit der AufschriftCigarren".

Gießen, den 5. März 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Deutscher Reichstag.

65. Sitzung vom Freitag deu 4. März 1898.

Tagesordnung: Petitionen.

Ueber eine solche betr. die Aufbesserung der Pensionen bereit« im Ruhestand befindlicher Be­amten beantragt die Commission Uebergaug zur Tages­ordnung. Das Hau- beschließt demgemäß.

Ebenfalls debattelos wird eine Petition de- Vereins der Freundinnen junger Mädchen tu Heidelberg wegen Rege­lung des KellnerinnrnweseuS dem Reichskanzler zur Berücksichtigung überwiesen.

Eine Petition betr. die Miß Handlung eines Deut» scheu, des Lehrers Roth, in Brasilien und die Errtch« tuug neuer BerufScousulate daselbst, wird hinsichtlich deS ersteren Petitums durch Uebergaug zur Tagesordnung er­ledigt, sowie htufichtlich deS zweiten Petitums dem Reichs« kauzler zur Erwägung überwiesen.

ES folgen die die Sonntagsruhe betreffenden Petitionen.

Die Commission beantragt zum Theil Uebergaug zur Tagesordnung, zum Theil Ueberwetsung au deu Reichskanzler slS Material.

Abg. L e n z m a n u (frs. Vp.) weist in seinen Ausführungen auf Mißbräuche bet dem Erlag von SonntagSruhe-Verord- nungen hin und meint, es würde gut sein, wenn vom Reiche aus Einfluß genommen würde, um solche Erlaffe zu ver­hüten.

Mtnisterialdtrector v. Woedtke legt dar, daß daS Reichsamt deS Innern hierfür nicht zuständig sei. Seine Compereuz erstrecke sich nur so writ, als es sich um gewerb­liche Beschäftigung von Arbeitern an Sonntagen handele.

Der CommtsfionSantrag wird angenommen.

Alsdann steht der Antrag (Gesetzentwurf) Chartou und Genossen betr. Abänderung deS § 2 drS Gesetzes von 1875 über Verwaltung und Berfaffung von Elsaß« Lothringen zur Dtscasfion. In Verbindung damit wird auch ein gleichartiger Antrag Auer zur Berathung gestellt.

Abg. Wtuterer (Els.) befürwortet ersteren Antrag. Die Zustände, wie fie sich tu Elsaß-Lothringeu unter der Herrschaft deS Dtttaturparagraphen herauSgebtldet hätten, feien unerträglich.

Abg. Höffel (Rp.) platdtrt gleichfalls für den Antrag. Der Dictaturparagraph sei jetzt entbehrlich. Er bitte dringend, diesen Paragraphen zu beseitigen; derselbe sei zwecklos und hindere nur die Verschmelzung Elsaß Lothringens mit dem Reiche.

Abg. v. Cuny (al.) kann den Anträgen nicht zustimmen, denn wenn die Regierung, die für die Sicherheit de« Reiche- verantwortlich sei, glaube, nicht ohne deu Dictaturparagrapheu auskommen zu können, dann könne mau ihr doch nicht die Waffen, die fie fordere, verweigern. Er, Redner, werde fich aber freuen, wenn es in Zutunfr möglich fein werde, deu Paragraphen aufzuheben.

Abg. Lenzmauu (frets. Bp.) wendet fich gegen den Vorredner, der dernationalen Frage" einen schlechten Dienst erweise, wenn er fie hier hereinziehe. Wenn gesagt werde, hier handele es fich um den Schutz eine- Grenz» landeS, so antworte er, daun werde mau dort die Dickatur niemals aufhebeu können, denn Elsaß-Lothringeu werde stets Greuzland bleiben, es sei denn, es würde ganz Frankreich erobert. (Heiterkeit.) Er stimme für die Anträge.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) steht auf dem gleichen Standpunkte, wie der Abg. Cuny. Sein Fractiou-genosie Hoeffel habe nur für seine Person gesprochen.

Abg. v. Hompesch (Centr.) erklärt Namens seiner Freunde, daß dieselben für Aufhebung de- Dictaturpara- graphen stimmten.

Abg. Bebel (Soc.) ist gleichfalls für die Anträge. Er meine, wenn mau dort noch jetzt, nach 27 Jahren, nicht ohne Dictatur auSkommeu könne, oaun sei die Regierung eben nichts werth. In Elsaß Lothringen herrschten in der Regie­rung Allüren, wie fie auch sonst in Deutschland vorkämeu und aufS Tiefste verhaßt seien: Junker-Allüren. Der jetzige Zustand sei eine Schmach und Schande für da- gefammte Deutschland.

Abg. v. Levetzow (cous.) meint, mau solle e- nur der Regierung überlaffen, zu erwägen, wann der jetzige Zustand aufhöreu könne. Jedenfalls könne fie es beffer übersehen, als Herr Bebel.

Geh. Rath Halley wendet sich gegen deu Abg. Bebel, der gar keine Notiz davon genommen habe, was Alle- in deu 27 Jahren in Elsaß«Lothringen schon geschehen sei. Früher sei die Verwaltung theilweise von Berlin aus erfolgt, jetzt sei sie ganz selbstständig. Der Statthalter sei gerecht, müde, ein Beschützer der Jutereffen deS Laude- und genieße da- Vertrauen des ganzen Landes. Auch die Verdienste des StaatSfecretär« Putikamer würden im ganzen Lande aner­kannt. Auch die anderen Bramleu thäteu in vollstem Maße ihre Pflicht.

Abg. Pachnicke (sreif. Bg.) will weiter nichts sagen, al«t Weg mit dem Dictaturparagrapheu!

Abg. Werner (Autts.) spricht tu gleiche« Sinne. Er fügt noch hinzu, daß der Dictaturparagraph nur der Social- demokratie Vorschub leiste.

Die erste Lesung wird geschloffen. Vor der Abstimmung über einen Antrag Lenzmauu, sofort tu die zweite Lesung einzutreten, zweifelt Abg. Frhr. v. Stumm die Beschluß­fähigkeit de- Hause« an,

Präsident v. Buol theilt diesen Zweifel, will aber doch eine Auszählung vornehmen. Die Zählung ergibt die An­wesenheit von nur 133 Abgeordneten.

DaS Hauk vertagt sich auf Montag 1 Uhr. Tages­ordnung : Postreformvorlage.

Schluß 5 Uhr.

Derstscher Reich»

Berlin, 4. März. Die Budget-Commifiou de« Abgeordnetenhauses hat heute die Erhöhung de« Dis­positionsfonds de« EtseubahumtntsterS von 20 auf 50 Millionen beschlossen.

Berlin, 4. März. Die Commission für die Post- dampfer-Vorlage hat heute die zweite Lesung beendet und da« Gesetz gegen die Stimmen der sreifiunigeu Volks- Partei und der Soeialdemokrateu angenommen. Au der Vor­lage ist nur die Abänderung beschloffen worden, daß bk Dampfer abwechselnd von Hamburg und Bremen abgehen müffen.

Berlin, 4 März. Nach einer Meldung derTime«" au« Peking wird der Ankunft des Prinzen Heinrich tu Wusuug ungefähr am 20. März eutgegengeseheu. Rach einem eintägigen Aufenthalt wird die Reise nach Kiaotschau fortgesetzt. Der Vicckönig von Nanking und der Gouver« ueur von Kiangsu find beordert, den Prinzen zu empfangen.

Bremen, 4. März. Der Kaiser traf heute Nachmittag 3 Uhr von Bremerhaven mittelst Souderzuge« hier ein und begab fich sofort nach dem Raihhautkeller tu Begleitung der beiden Bürgermeister und mehrerer Senatoren. Im Rath« hauskeller wurde ein kalte« Frühstück eingenommen. Der Kaiser unterhielt fich lebhaft tu bester Laune. Mehrmals wurde die Flottenfrage erwähnt. Um 5 Uhr erfolgte die Abreise de« Kaisers.

Arrrkrnd.

Löten, 4. März. Die htefigeu Zimmerleute ver­langen eine Lohnerhöhung und Reductrung der Arbeitszeit. Im Falle der Verweigerung drohen fie in deu Strike ein- zutreteu.

Wien, 4. März. Wie verlautet, werden die morgen zur Publikation gelangenden Sprachenverorduuugen ausdrücklich al« provisorische bezeichnet sein und so lange t« Kraft bleiben, bis der ReichSrath über ein Sprachengesetz beschloffen hat. Böhmen erhält eine rein deutsche, etue gemischtsprachige und eine rein czrchtsche Bezirksetntheiluog.

Budapest, 4. März. Die hiefige soctalistische Partei­leitung erhielt /von den französischen, englischen, deutsche«, schweizerischen und österreichischen Parteileitungen Geld- Unterstützungen, sowie die Zusicherung weiterer Geld- sammlungeu. Biele Sympathie Kundgebungen find ein» getroffen.

Rom, 4. März. Au« Anlaß der Feier de« 50. Jahres­tage« der Verfassung ist die Stadt glänzend beflaggt und gewährt einen äußerst festlichen Anblick, viele Kauf­häuser find geschloffen. Auf den Straßen herrscht rege« Treiben, da« sich infolge der fortwährenden Ankunft von Deputationen au« den Provinzen noch steigert. Der Himmel ist bedeckt. Um 8 Uhr Morgen« läutete die Glocke des Capitols da« Fest ein. Um 9 Uhr ritt der König mit dem Grafen von Turin, dem Krieg-Minister, deu fremdländischen Militärattaches und einem zahlreichen militärischen Gefolge nach der Esplanade Macao, um über die Truppen der Garnison Parade abzuhalten. Die Königin erschien zu Wagen. Eine ungeheure Menschenmenge, die fich auf de« Wege, welchen daS König-Paar nahm, aufgestellt hatte, brach tu stürmische Hochrufe au«. Nachdem der König und die Königin die Front der in fünf Treffen ausgestellten Truppe« entlang geritten, bezw. gefahren waren, begaben fie fich um 98/t Uhr nach dem Unabhäugtgkettrplatze, um deu Vorüber« marsch der Truppen abzunehmeu. Die Parade verlies glänzend und rief große Begeisterung hervor. Die Majestäten und die Truppen wurden stürmisch begrüßt. Darauf kehrte daS KöotgSpaar nach dem Qairiual zurück unter stürmische« Kundgebungen der Menge, für welche e« durch Erscheinen auf dem Balkon dankte.

Parts, 4. März.Echo de Pari«" schreibt, daß die letzten Beförderungen und Ernennungen vou Generälen in der Absicht geschehen find, den Armee- CorpS tm Inneren und Westen dieselben Auszeichnungen zu geben, wie fie die Armee-Corps im Osten bereit« schon lange besitzen.

CocaU» und provinzielle#*

Sieben, den 5. März 1898.

Herr Stabsarzt a. D. Dr. med. Ernst Klewttz f. Der Verstorbene nimmt in der Geschichte der htefigen Secttou de« D. u. Oe. A. V. etue rühmliche und hervorragende Stelle ein. Schon bevor hier etue Sectton bestand, war er