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4.9.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 207 Erstes Blatt.

Sonntag den 4. September

1898

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Die GikHmer

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Gießener Anzeiger

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Fernfprrchrr Nr. 61.

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Gefunden: 1 Portemonnaie mtt Inhalt, 1 Regen« schirm, 1 Spazierstock, 1 Brille mit Futteral, 1 Stehkragen, 1 Frauenrock, 1 Handtuch, 1 weißer Stauchen, 1 Strumpf­band und 1 Strickzeug.

Gießen, den 8. September 1898. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. v.: Roth. '7, * " ' ' -. ..... ~~=

Deutscher Reich.

Berlin. 2. September. DerReichsanzeiger" veröffent- licht eine große Anzahl von Auszeichnungen und Ordensverleihungen anläßlich der Anwesenheit des Kaiser« in der Provinz Hannover «Ehrend der diesjährigen großen Herbstmanöoer. Unter Anderen wurde dem Oder- Präsidenten Grafen Stoiberg-Wernigerode der Stern zum Rronenorben zweiter Klaffe verliehen.

Berlin, 2. September. Profeflor Dr. Nasse, erster Aifisteozarzt der Berliner chirurgischen UniverfitätSklivik, ist bei Poatrrstoa io der Schweiz abgestürzt. Er wurde tobt aufgefunden.

Berlin, 2. September. Der vorfitzende des deutschen Vereins für obligatorische internationale Friedenljustiz, Dr. Eduard Hohenthal, hat au deo Kaiser von Rußland tin Glückwunschschreiben gerichtet, worin der Hoffnung A '»druck verliehen wird, daß die vom Kaiser eiuberufene F iedensconfereoz nicht beendet werde, ohne daß die Er- r chtuog einer obligatorischen Friedenßjustiz zur Schlichtung aller künftigen internationalen Streitigkeiten vereinbart set.

Berlin, 2. September. In Edinburgh ist, wie dem ^Local-ünzeiger" telegraphtrt wird, eine Prtvatdrpesche ein- Gegangen, wonach Mac Kinley in Ohio von einer uuzu- ßrtedenen Volksmenge hart bedrängt und beleidigt worden sei Wnd zwar infolge der bekannt gewordenen Beruachläsfiguug »er im Felde stehenden Truppen. Eine Frau stürzte sich mit «inrm Mrffer auf den Präsidenten. Die Polizei trat recht­zeitig dazwischen. Auf der Berliner Botschaft der vereinigten Staaten ist von einem solchen Vorfall nicht» bekannt.

Berli», 2. September.Bismarck und sein Werk*. Leber da» Maauscript zu dem bet S. Hirzel tu Leipzig er- gchieuenen Buche von Herrn Busch:Bismarck und sein Werk* wird derVoss. Ztg." au» Leipzig nach der Mtttheilung «ine» Augenzeugen, dem da» Manuskript zur Ansicht vor- zelegeu hat, berichtet: In diesem Mavuscript, einem dick­leibigen Volumen, find die Blätter von Busch etwa bi» zur Hälfte der Läug»seite beschrieben worden. Der leere Raum bet ist gefüllt mit verbefferungen, Ergänzungen, Anmerk- engen u. s. w. von der Hand Bismarck» selbst. Denu diesem tat, auf seinen eigenen Wunsch, da» Manuscript bi» zum Schluffe zur Durchsicht vorgelegen. Er hat berichtigt, au»« Geschieden und eingeschaltet. Ja, er hat sogar an einzelnen Stellen lebhafte Gefühlsausdrücke dem Papiere anvertraut, wenn ihm die Erinnerung diese oder jene Episode wieder lebhaft vor feine Phautafie zauberte. So gedeokeu wir our eine» wenig schmeichelhaften Prädicat», da» er im Manuscripte mit seinen kräftigen steilen Schriftzügen einem gewtffen Grafen bei der Erwähnung seine» Namen» verleiht. Diese »ein persönlichen Bemerkungen find vom Druck au»geschloffen worden. Im Uebrigrn aber hat da» Werk, wie er uns vor- liegt, von Anfang bi» zu Ende die Eensnr BiSmarckS pafsirt Und ist von ihm für druckreif befuudeu worden.

Berlin, 2. September. Zar AbrüstuvgSfrage be­merkt dieNeue Züricher Ztg.":Haben die fortwährenden Rüstungen etwa zu einer Gefährdung de» Frieden» geführt? 6» ist doch eigenthümltch, daß der Fttede in neuester Zeft gerade von solchen Staaten gebrochen worden ist, welche am allerwenigsten gerüstet waren. Griechenland, da» vor andert­halb Jahren so lange an der Grenze die Türken reizte, bi» ter Krieg dann wirklich auSbrach, war so schlecht al» möglich gerüstet und hat diese Uaterlaffuug»sünde dann auch theuer genug büßen müffen. Und die vereinigten Staaten, die den Krieg mit Spanien vom Zaune gebrochen haben, waren, ab- gesehen von der Flotte, noch weniger gerüstet, und die Folge de» Kriege», wenn nämlich dir Idee der Wrltpolitik in Amerika zum Siege gelangt, wird seiu, daß die vereinigten Staaten ein Heer erhalten müffen, daS sechsmal größer sein wird als da» bisherige. Andererseits ist unter den großen, earopäischen Nationen, die mächtige KriegSherre in Bereit- schäft halten, der Frieden seit mehr al» einem vierteljahr- handert erhalten geblieben. Und warum? Weil Deutschlaud s» stark und mächtig war, daß Fravkreich eS fich avzugretfeu

nicht getraute, daß also der Weltbraud nicht loSbrechen konnte, der so allgemein gefürchtet wird. Also haben, wie die Er» riguiffe lehren, die Rüstungen nicht zum Kriege, sondern eher zur Erhaltung deS Frieden» geführt.*

Ein neuer Krieg»hafen? Kürzlich brachte die Danziger Ztg." eine kleine Denkschrift überbtt strategische Bedeutung von Danzig", die vor dem Abdruck au maßgebender Stelle geprüft und au» leicht erklärlichen Gründen um manche Bemerkung gekürzt war. Handelte e» fich io dem Aussatze auch zunächst um die Beseitigung der Rayonbeschränkuogen, so stand darüber doch eigentlich der Gedanke an die Errich­tung eine» großen KriegShafen» an der Danziger Bucht. Dieser Gedanke entbehrt in der That nicht der tieferen Be­gründung- e» ist bereits mit den Besitzern weiter Küstev- läodereien zwischen Neufahrwaffer und Zoppot wegen de» Ankauf» der Ländereten durch den Miltlä'fiScuS verhandelt worden, vorläufig allerdings noch ohne feste» Ergebniß. Allem Anschein nach ist der Plan noch nicht endgiltig fest­gestellt. Der Bau des großen KriegShafen» in Libau zwingt Deutschland mit eiserner Nothwendigkeit zum Bau einer Gegenwehr- daß dabei tu erster Linie Danzig und die Danziger Bucht in Frage kommt, leuchtet ein. Kiel allein vermag gegenüber den großartigen rusfischen Rüstungen keinen aus­reichenden Schutz zu gewähren- auch Stettin wäre von Ruß­land zu weit eotsernt, und Köntg»berg ist, ebenso wie Stettin, wegen der Hafflage wenig geeignet. Der Hafen von Ptllau bildet immerhin nur einen kleinen Stützpunkt, während io der Danziger Bucht die beste Gelegenheit zu einer Anlage in wahrhaft großem Stile gegeben wäre.

Vorbereitung der HandelSverträa e. Die Bert. P. N." theilra Folgendeo mtt:Wie wir hören, ist der neue Zolltarif, dessen Ausarbeitung seinerzeft Graf von PosadowSky al» Staat»secretär de» Reichsschatzamtes im Reichstage al» ein dringende» Grforderoiß für den Abschluß neuer Handelsverträge bezeichnet hat, nunmehr in der ge­nannten Behörde fertiggestellt und wird den beteiligten Reffort» zur Aeuheruog zugehen. Die Stutheilung wird, wie schon vor mehreren Jahren vom Grafen von PosadowSky hervorgehoben ist, eine wesentlich specialifirtere sein und ins­besondere den Fortschritten der Technik und Chemie, welche seit der letzten Faffung de» Zolltarifs zahlreiche neue Maaren und Produkte hergestellt haben, Rechnung tragen. Der neue Zolltarif wird voraussichtlich auch nach seiner Systematik derart eingerichtet sein, daß nicht nur jede Waarengatrnng leicht aufzufinden ist, sondern daß auch eine so umfangreiche Ergänzung, wie fie durch daS amtliche Waareoverzeichmß in Form einer Instruction an die Nachgeordneten AuSführnvgS- behörden statlfiadet, nicht mehr nothwendtg sein wird.

Wiesbaden, 2. September. Wie derRhein. Kurier" meldet, hat die hiesig: Gesellschaft der Friedensfreunde ein D anktelegramm an den Zaren zu Händen des Grafen Murawiew gesandt.

Kolo, 2. September. DieKölnische Zeitung" meldet auS Berlin: Nach hier eingegangenen ZettongSberichten scheint man in Paris den versuch zu machen, das Vorgehen der fraozösifcheu Regierung gegen den OberstHeorh sowie die Bewilligung deS Abschiede» an BoiSdeffre darauf zurückzu- führen, daß eine fremde Macht wegen Beleidigung eine» Militär-Attache» geklagt habe. Ferner soll die Verhaftung Esterhazy» hauptsächlich deshalb erfolgt seiu, weil man vom AuSlaude mit einer Broschüre gedroht habe, in der die an­geblich von Esterhazy gesälschten Schriftstücke veröffentlicht werden sollten. Allem Anscheine nach wird hiermit auf Deutschlaud gezielt. Thatfächlich habe aber Deutschlaud nie daran gedacht, fich wegen Beleidigung eine» Militär-Attache» zu beklagen. Wenn eine Broschüre mtt an Esterhazy ver­knüpften Dokumenten veröffentlicht werden sollte, so habe Deutschland damit nicht daS Geringste zu schaffen.

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Wien, 2. September. Die jungtschechische Provinzpreffe bezeichnet die Meldung polnischer Blätter, wonach die ge­mäßigten Juugtschechen der vom Grafen Thun beabfichtigten Modification der Spracheu-Verordnnngen zu- stimmen, al» erlogen und erfunden. Die Tschechen würden keiner Verstümmelung der Sprachenverordnungen zu Gunsten der Deutschen zustimmen.

Budapest, 2. September. Die vomPester Naplo" gebrachte Nachricht von einem angeblich in Pari» vorbereiteten Mordanschlag ans Baron Banfsy wird in maß­gebenden Kreisen als eine unbegründete Sensationsmeldung bezeichnet.

Nom, 2. September. DaS Befinden de» Papste» ist andauernd sehr günstig. Derselbe wird in den vatika­nischen Gärten Sommerwohnung nehmen. In den nächsten Tagen trifft hier der Kardinal Santo auS Venedig ein, um die Instructionen für den Empfang Kaiser Wilhelm» entgegen zu nehmen.

Paris, 2. September. General Pellieux hat seinen Rücktritt angeboten. Cavaignoc nahm denselben jedoch nicht an. Unter den Ministern herrschen Meinungsverschiedenheiten wegen der Wiederaufnahme de» Prockffe» Dreysu».

Pari», 2. September.Petit Republique" berichtet, daß auch die beiden übrigen Dokumente, auf Grund deren Dreyfn» verurtheilt wurde, von Henry gefälscht worden seien. DaS Blatt meldet ferner, daß die Schriftstücke, welche Judet imPetit Journal" gegen den Vater Zola» veröffentlichte, ebenfalls Fälschungen Henrys feien. General Pellienx richtete an denGauloiS" einen Brief, in welchem er mit« theilt, daß er im Zola Prozeß von den gefälschten Schrift­stücken Henry» deshalb Gebrauch gemacht habe, weil im damaligen Prozesse mehrere Geschworene ihn, Pellieux, schriftlich ersucht hatten, irgendwelche Beweisstücke für die Schuld Dreyfu» betzubringen.

Patts, 81. August. Wie der KriegSmiuister Eavaignac der Fälschung Henry» auf die Spur kam, ist noch nickt bikannt. Es gereicht ihm aber zur Ehre, daß er ihr nach­forschte und den Muth hatte, an dem e» seinen Vorgängern im Amt, den Generalen Billot und Mercier, gebrach. ES ist anzunehmen, daß die Untersuchung, welche der R chter Fabre feit dem 14. Juli gegen Picquart und LebloiS führte, zu der Ergründung der Wahrheit beitrug, denn Henry wurde in dieser zu verschiedenen Malen al» Zeuge vernommen. Auch verlautet, die Acten der Enquete gegen Esterhazy, die seit einigen Tagen in seinen Händen find, dürften ihn über Manche» aufgeklärt haben. Nur so viel ist jetzt ficher, daß Cavaignac seit seiner Rückkehr auS Le Mau», wo er wieder zum Prä- fibenten des GeueralrathS der Sarthe gewählt wordeu war, die GeueralstadSoffiziere, die Genauere» über die Dreyfu»- Affaire wiffen könnten, zu fich beschied, aber Nicht» von ihnen erfuhr. Gestern ließ er unvermittelt den Oberstlieutenant Henry in sein Cabinet rufen und nahm ihn in Gegenwart seine» EabinetSchesS, General Roger, in» Gebet. Henry sollte ihm sagen, wie er zu dem Brief vom October oder November 1896 gekommen war, unb da» Verhör enbete mit einem umfassenden Geständnisse. Nur suchte Henry den Standpunkt zu verfechten, daß er, als die Dinge einmal fo weit gediehen waren, e» für feine Pflicht gehalten habe, Be­lege für die Schuld von Dreysu» anzuhäusev. Nun ließ der Kriegsminister den Oberstlieutenant Hemy sofort verhaften, fuhr zu dem EonseilSpräfidenten, der mit seiner Zustimmung nicht gekargt haben soll, unb ertheilte dem Mtliiärgouvernenr von Pari» die Weisung, für einen höheren Osfizier eine Zelle auf dem Mont-Valerien bereiten zu laffen. Um 9 Uhr Abend» wurde Oberstlieutenant Henry in einem Artilleriebreak dort­hin abgesührt. DerSiscle* gibt einfach die Notiz über die Fälschung Henry» in Fettschrift wieder und fügt hinzu: Recht so. Wir find de» Weiteren gewärttg." Die Aurore" frohlockt: Seit einem Jahr hat man nicht genug Schmähungen für Die gehabt, welche sagteo, bc Schriften­fälscher müßten in den Eanzleien de» Großen Generalstabe» gesucht werden. Jetzt läßt der KriegSmioister, den Rochefort und Dmmoot aufgedrängt haben, den Oberstlievtenant Henry festnehmen und durch Hava» der Preffe sagen, daS geheime Schttftftück, der Tchlüffel der ganzen DreyfuS-Affaire, sei da» Werk eine» Fälscher». Ja, Zola hat Recht gehabt: die Wahr- heit ist im Vormarsch begriffen! Mit Ausnahme der Blätter, für welche der Anti-DrehfnStSmuS Patteifache ge­worden ist, hält nun Jedermann die Revifion de» KriegS- gerichtSproceffe» von 1894 für wahrscheinlich. DerJn- traufigeavt* hütet fich wohl, da» Tage»eretgviß im Unter­titel anznkündigeu- da»Petit Journal" meldet e» ebenfalls in kurzen Worten und dieLibre Parole" erörtert die Vor­gänge im Eondttiovali». DaSJournal de» Debat»" führt au»: Die jetzige Regierung habe fich auf den Stand­punkt gestellt, die Rcvifiou ablehnen zu müffen, weil jener im October 1896 zugegangene Bries den unbedingten Bewtt» für die Schuld Dreysa»' bildete. Nachdem dieser Beweis hinfällig, bleibe der Regierung Nicht» übrig, al» dem Antrag auf Revifion stattzugeben und der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. DerTemps" erblickt in dem Vorgehen gegen Henry den Anfang der Lösung der DreyfuS-Frage. Da» Blatt beglückwünschtEavaignac, der durch sein energische» Vorgehen gegen Henry, sobald er die Fälschung erkannt, be­wiesen, daß er stets in gutem Glauben gehandelt habe. In-