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Politische Wochenschau.
Nach der am SamStag der letzten Woche erfolgten Ab. stimmung über daS Flott eng es etz in zweiter Lesung war oas Interesse für den Gegenstand merklich abgekühlt, und die Formalität der dritten Berathung erregte nur geringere Thrilnahme. Welchen großen Werth der Kaiser aus die Durchdringung deS Gesetze- gelegt hat, geht unzweifelhaft auS den mehrfachen Kundgebungen deS Monarchen hervor. Am besten hat Staalsstcretär Tirpitz dabei abgeschnitten, welcher bekauntlich zum Mitgliede des preußischen Staat-. Ministeriums ernannt worden ist und fich auch sonst der desouderen Huld deS Kaisers zu erfreuen hatte. Schließen wir unsere Betrachtungen über die Flottenvorlage an dieser Stelle mit drm Wunsche, daß die Opfer, welche daS Volk mit der Bewilligung der Mittel zur Verstärkung unserer Marine gebracht hat, dem deutschen Vaterlande znm Segen gereichen und dazu beitragen mögen, den deutschen Namen im Au-lande immer mehr za Ansehen zu bringen und unserem Handel und Verkehr einer kräftigen Fortentwickelung zuzu. führen.
Die Osterferien des Parlaments haben ihren Anfang
entfachen kann. , '
Die gesammte politische Welt harrt mit Spannung der Entwickelung der kubanischen Angelegenheit. Die Beziehungen zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten waren nahe daran, einen vollständigen Riß zu erhalten- aber die Ohnmacht de- ersteren Staat- ist hauptsächlich die Ver- avlaffung, daß bisher ein Krieg vermieden wurde. Wenn Spanten klug ist, dann nimmt es die ihm gebotenen echten Dollar- an und macht einem Zustande ein Gude, der utemal-
andere Haltung verlangt.
Der Orient hat keine besonderen Ereignisse gezeitigt. Die Beziehungen zwischen der Pforte und Bulgarien waren sehr trübe geworden; jedoch ist jetzt in dem Berhältniß beider Staaten eine kleine Besserung riugetreten. Auch von Unruhen in der Türkei hat man Nicht- gehört in den letzten Tagen, womit freilich nicht gesagt werden soll, daß da- Feuer nicht unter der Asche glimmt und plötzlich zu Hellen Flammen sich
genommen, und es steht zu erwarten, daß die nächsten Tage eine stille Zeit bringen nach den Aufregungen der letzten Periode der Parlamentstagung. Freilich wird die Politik fich nicht an d!e durch die Charwoche gebotene, Ruhe kehren unb dieselbe durch die Vorbereitungen für die nächsten Wahlen auszunutzen suchen. Denn der Kampf wird ein schwerer werden, jeder Zoll politischen Bodens wird heiß erkämpft werden müssen, umsomehr alö durch die Aufstellung des wirthschaftlicheu Programm- eine Verschiebung der Partei« Verhältnisse stattgefunden hat, welche in keiner Weise einen Ausblick auf den AuSgang der künftigen Wahlen gestattet.
Unsere Beziehungen zum Auslande find anscheinend die besten. Kaiser Wilhelm hat fich zur Erholung nach Homburg begeben und Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird dar Osterfest auf seinen russischen Besitzungen verbringen. Daß daS Berhältniß zwischen dem Berliner und dem PetertSburger Hose ein recht herzliches ist, geht auS der Entsendung des Flügeladjutanten Grafen Moltke zum Zaren behufs Ueber. retchuug der diesem vom Kaiser geschenkten Jagdgewehre neuerdings hervor.
Die Bedeutung de- jüngsten UebereinkommenS zwischen Rußland und China wegen der Abtretung Port Arthurs und TaltenwanS haben wir bereits ausführlich gewürdigt und brauchen deshalb den Act an dieser Stelle nur noch zu regiftrtren. Einspruch gegen den Vertrag ist bisher noch nicht ersolgt, und selbst die Engländer müssen fich schweigend fügen, so schwer eS ihnen auch werden mag. Anscheinend wollen sie für die Zukunft solchen Ueberraschuugen vorzu. beugen suchen, indem sie eine Abgrenzung der Interessen, sphären in China Vorschlägen.
In Oesterreich ist eine Beruhigung in der inner, politischen Situation eingetreten, wenn eS auch in dieser Woche nicht an Scandalen im dortigen Abgeordnetenhause gefehlt hat. Hoffentlich kehrt auch den ausgeprägten Radaumachern bald das Bewußtsein wieder, daß die Würde de-Parlaments
Erscheint täglich mit Ausnahme de» Montags.
Die Gießener M«mitie«Stätter werden dem Anzeiger wdchentlich viermal beigelegt.
Nr. 79 Viertes BlM.
zu seinen Gunsten endigen kann. ES soll damit keineSweg- gesagt werden, daß die prahlerischen Erwartungen der Jaukee- sich erfüllen und letztere in einem Kriege Lorbeeren ernten werden - aber Spanien ist finanziell zu zerrüttet, um de» Kumpf lange aurhalteu zu können.
Die Cortesw ahleu find vollzogen worden und haben zu dem erwarteten Ergebniß geführt: da- liberale Cabinet hat eine große Majorität erhalten, ebenso wie die frühere eonservative Regierung die Mehrheit im Parlament hatte. Die Zustände bei den Wahlen, die Beeivflußungen ungeheuer- lichster Art sind zu bekannt, als daß darüber noch irgend ein Wort gesagt zu werden braucht.__(.xx)
Deutscher Reich»
Berlin, 1. April. Das „Militärwochenblatt" meldet: Feldmarschall v. Blumenthal ist von seiner Stellung aU Generaltnspeeteur der 3. Arrmeiuspectiou entbunden und der Juspecteur der 1. Eavallerieinspeetiou, v° Krosigk, zu den Offizieren von der Armee versetzt worden. Der cowma». dtreude General deS 7. ArmeecorpS, Goetze, ist zum Chef der JnsanterteregimevtS Nr. 130 ernannt worden.
Berli«, 1. April. Der „Volkszeitung" wird auS Ham- bürg telegraphirt: Uürst Bismarck W fi4 an seinem heurigen 83. Geburtstage entschlossen, dem Oberförster Lauge dre von demselben beanspruchte Penfiou in Berücksichtigung der treuen Dienste, welche Lange ihm während langer Jahre geleistet hat, in vollem Umfange zu bewilligen.
Berlin, 1. April. In der Sitzung, zu welcher heute die Reichs-Schulden « Commission im Reich-«Justizamt zusammentrat, handelte e- fich, wir die „Post" meldet, nur um eine Vorbesprechung der Frage, ob au- Anlaß de- Falles Grünenthal eine Aenderuug der bestehenden Controlvorschriften am Platze sei. Da vollständige Klarheit darüber, war Grünenthal verbrochen hat, noch nicht besteht, und der Gang der Untersuchung nicht gestört ist, kann thatsächlich erst nach Abschluß der letzteren Weiteres in die Wege geleitet werden.
Homburg v. d. H., 1. April. Der Kaiser unternahm gestern Nachmittag einen zweistündigen Spaziergarg durch die Karanlagen und den Parkwald. Die kaiserlichen Prinzen auS Plön sind heute mit dem fahrplanmäßigen Zuge 10 Uhr 19 Miu. hier etugetroffeu. In Begleitung derselben befand fich Oberhofprediger Dr Dryander, ihr Militär« Gouverneur, fowie mehrere Lehrer. Am Sonntag wird Dr. Dryander in der Hoscapelle für die Mitglieder der kaiferlichen Familie Gottesdienst halten.
Frankfurt a. M-, 1. April. Der „Franks. Zrg." wird au- St. Johann gemeldet: Freiherr von Stumm erklärte fich bereit, die Candibatur für den Reichstag wieder anzunehmen. m
Köln, 1. April. Der „Köln. Ztg." wird au-Madrid gemeldet, im gestrigen Ministrrrath herrschte eine energische Stimmung gegenüber den amerikanischen Ansprüchen, die mehr
Anrtllche* Theit.
Gießen, den 1. April 1898.
Betr.: Die Erhebung und Beitreibung der Geldstrafen und UntersuchungSkosten.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «» die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
In drm die Erhebung von Geldstrafen und Unter- suchungskosteu betreffenden Verfahren wirken die Großh. Bürgermeistereien insofern mit, al- fir die Zustellung der ihnen von den Großh. DistrictSeiunehmereien mitgetheilten Anforderungszettel zu veranlaffen und demnächst die mit der Zustellung- - Bescheinigung versehenen Verzeichnisse an diese zurückzusenden haben. Da erfahrungsmäßig hierbe» Ver- zögeruugen Vorkommen, empfehlen wir Ihnen auf Anordnung Großh. Ministeriums der Innern eine beschleunigte Zustellung derAuforderungSzettel und Rücksendung der bescheinigten Verzeichnisse h'ermit an.
v. Gagern.__________________________
Gesunden : 1 Armband, 1 Uhr kette, 1 Manschetten- knöpf, 1 Brille, 2 Bücher, 1 Cigarrenetui-, 1 Chaisentritt, breit, 1 Paar Handschuhe, 1 Brecheisen und 1 Mistgabel.
Gießen, den 2. April 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Feuilleton.
Franksnrtrr Bries.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
DaS Jbsen-Repertoire de» Frankfurter Etadttheater». Richard Strauß' neueste» Werk. 3m Schneider'fchm Kuustsalou.
Dr. M. Die Frankfurter Theaterleitung genügte nicht nur einer sogenannten Ehrenpflicht, al8 sie zu Ibsen- siebzigsten Geburt-tage den „Baumeister Solneß" einstudtrte, sondern that damit auch einen Schritt weiter auf der Bahn des pietätvollen Verständnisse-, welche sie nicht erst seit heute und gestern zu dem „Magu- des Nordens" ßeleitet hatte. Für sie bedurfte eS keines besonderen TageS, um sich durch den Kalender daran erinnern zu lassen, daß die Bühnen ein gewisse- inneres und äußere- Berhältniß zu einem Dichter und Deuker fühlen .ollten, der fein Lebeu-werk ausschließlich ihnen gewidmet hat. Denn in Frankfurt hatte Ibsen bereit- eine Stätte gefunden, al- man andertwo die Auf- sühruog seiner Werke noch al- ein „Experiment" bezeichnete, an welche- man fich nur unter vielen Verklauselirungen wagen mochte. Und zwar hatte man dort den Anfang mit Werken gemacht, die besonder- dazu angethan waren, Widerspruch und Mißverständnisse hervorzurufen: mit den „Gespenstern" enb dem „Bolstfeind". Hieran schloffen fich in den nächsten Jahren bald „RoSmerSholm", „Wildente", „Gabriel Bork« manu" und jetzt „Baumeister Solneß", alle- sogenannte
Etappenwerke, die einen Wendepunkt in der geistigen Ent« Wicklung ihre- Autor- besonders scharf betonen. Auf diese Weise hat fich beim Frankfurter Theaterpublikum nicht nur em ziemlich lückenlos fortschreitendes Berständniß für die Jbsen'sche Muse eingestellt, — auch die Darsteller haben eine intime Fühlung mit einem Stil bekommen, der so außerordentlich verschieden ist von der früheren Bühuensprache, indem er vom elementaren Affectleben unb seinen Au-brücheu völlig abfieht und die entscheidenden Momente von den feinsten Schwingungen deS Seelenleben- ausgehen läßt.
Gerade im „Baumeister Solneß" find die äußeren, fichtbaren Vorgänge nur daS Gleichniß, der populäre Ausdruck für Seelenwandlungen- da- Wort, der gesprochene Text deutet immer noch etwa- an, dessen Sinn den Wortlaut Übersteigt. In dieser Art will er von den Schauspielern be* handelt sein. Und da ist e- nun in Frankfurt vor Allem Herr Bauer, der als Baumeister Solneß die innere Tragik eine» solchen Menschenschicksal- mit großer und wahrer Kunst aufzudecken vermag.
Da- letzte MuseumS-Covcert gab wieder einmal zu he'ßeu wufikästhettschen Debatten Anlaß, indem die Auf- führung deS „Don Quixote" von Richard Strauß, der seine Schöpfung selbst dirigirte, die alte Frage wachrief: Welche Stoffe fallen in den Bereich der Au-druck-mittel der Instrumentalmusik, wo liegen für fie die Grenzen, »der ist die Annahme solcher etwa» rein Willkürlicher, keineswegs ander inneren Natur der Sache selbst Geschöpftes? Im vorliegenden Falle lautete die Frage: Rann da- Wesen ve- „Ritter- von der traurigen Gestalt" un- durch die Instru
mentalmusik dermaßen vorgeführt werden, daß wir da- Gefühl haben, eine thatsächliche Nachdichtung und Neuschöpsung zu erleben? Mit einem kurzen, ehrlichen „Nein" müssen wir darauf antworten. Da- Srrauß'fche Opu- enthält eine Fülle geistreicher Einfalle und klangcombtnatorischer Schönheiten, — aber die eigentliche tragikomische Grundstimmung be» Originals läßt fie nicht vernehmlich unb nicht einheitlich ge- nua erklingen. Das Weltgedicht de« Cervantes behandelt den ewigen Gegensatz -wischen weltentrückter Phantasie und klugem nüchternen Wirklichkettssinn. Die Musik könnte diesen Gegensatz doch nur mit Zuhilfenahme de- vocalen Element- schildern. Der reinen Instrumentalmusik ist da- ein ver- schloffrne- Gebiet; fie kann eS so wenig zwingen, als eS ihr möglich wäre, den Grundgedanken der „Meisterfinger" rott ihren Mitteln zu erschöpfen. Auch Richard Strapst bedarf für sein jüngstes OpuS eine- sehr ausführlichen Wort- commeutar-, tote solchen denn auch Arthur Hahn geliefert hat.
Im Schneider'schen Kunstsalon behauptet gegen- wärttg die Landschaft den ersten Platz. Kallmorgen, Trübner, Keller - Reutlingen, Brown, Hartmann, P. Andorff — da- find die Künstler, deren Namen schon günstige Borurtheile «ecken und deren mrS- gestellte Arbeiten auf der Höhe ihrer LeistungLkrast stehen. Han- Thoma hat uu- bet anderen Gelegenheiten schon tiefer ergriffen al- mit feinem „Frühling in der Campagna , in welchem un- die mythologische Staffage mehr stört al erfreut, weil fie »n-, wenn auch nur indirekt, daS süstna- Roeocogetändel zurückruft.


