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26.11.1897 Zweites Blatt
 
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278 Zweites Blatt. Freitag den 26. November

1897

Der

Gietzeaer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.

Die Gießener

werben dem Anzeiger

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Gießener Anzeiger

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ilmtlidxr Lheit.

Local-Polizei-R.glement für die ProvinM-HaopPadt Gießen, die Aus­führung des Art. 57 der Allgemeinen Bau­ordnung detr.

Auf Grund de- Art. 2 und 67 deS Gesetze- vom 30. April 1881, die Allgemeine Bauordnung betr., und deS § 6 der Verordnung vom 1. Februar 1882, die Ausführung der Allgemeinen Bauordnung betr., wird nach Anhörung der Stadtverordneten-Bersammlung unter Zustimmung de- Kreis- auSschuffeS und mit Genehmigung de- Großherzoglichen Ministerium» des Innern zu Nr. M. I. 24747 vom 9. November 1897 unter Aufhebung de- § 20 der Local- poltzeiverordnuug vom 6. Juli 1888 für die Provinzial» Hauptstadt Gießen verordnet, wie folgt:

§ 1.

Alle an Straßen oder Plätzen stehenden Gebäude, deren Dachtraufen nach der Straße oder dem Platz gehen, find mit Schutz- resp. Schneefangvorrichtuogen an den Dächern in geeigneter Weise nach der Straßenseite hin zu versehen, sofern die Dachneigung steiler ist als 1 : 3.

Bet vorhandenen Gebäuden hat die- innerhalb sechs Monaten nach Erscheinen dieses Local-Polizei-Reglement- zu geschehen.

§ 2.

Verfehlungen gegen die Vorschrift des § 1 unterliegen den Rechtsfolgen der Art. 79 und 80 der Allgemeinen Bau­ordnung.

Gießen, den 15. November 1897.

Großherzogliches Poltzeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme auf vorstehendes Local-Polizei Regle- ment fordern wir die Etgenthümer der in Betracht kommen­den Gebäude auf, längstens bis zum 16. Mai k. die Dächer ihrer Häuser mit geeigneten Schueefangvorrichtuugeu versehen zu lasten.

Gießen, den 15. November 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

CoceUs uttfc proohtiieCUjio

Geborene. Gestorbene und Eheschließungen im Trotz- herzogthum in 1896. Die Zahl der Geborenen betrug im Jahre 1896: 34 956 und zwar 18 018 männliche und 16 937 weibliche. Darunter: 30 935 lebeudgeborene eheliche und 2740 uneheliche Kinder, zusammen 33 675 Kuder- Todtgeboren waren 1280 Kinder, davon 1157 eheliche und 123 uneheliche. Auf die drei Provinzen vertheilt, wurden in Starkenburg 16 075, in Oberheffen 8196 und in Rhein- hesten 10 684 Kinder geboren. Die Gesammtzahl der Ge­storbenen ('ncl. der tobt geborenen) betrug 20 846 und zwar 10 738 männliche und 10 108 weibliche. Auf Starken­burg entfallen 9058, auf Oberhesten 5089 und auf Rhein­hessen 6699 Gestorbene. Die Zahl der Geborenen gegenüber den Gestorbenen weift somit ein Mehr von 14109 auf. Eheschließungen fanden im Berichtsjahre im Großhrr- zogthum 8817 statt, davon in Starkenburg 4003, Oberheffen 2145 und Rheinhessen 2669.

Der Verein zur veschastignug Arbeitsloser für das Großherzogthum Hessen und die Provinz Hessen-Nassau veröffentlicht seinen Bericht über da» Brtriebsjahr 1896/97, dem wir Folgendes entnehmen: Die Arbeiter-Colonie Neu- Ulrichstein weist im Berichtsjahre einen wechselnden Be­stand von 240 Colouisten auf, gegen 286 im Vorjahre. Zur Lnrlaffung kamen innerhalb des Jahres 193 Mann. Wie in den übrigen Arbeiter-Colonieeu ist auch in der von Neu-Ulrichstein ein Rückgang der Zahl der Colouisten fest- zustrllen, der tägliche Bestand war etwa 60 Köpfe gegen 70 im Vorjahre. Die Zahl der BerpflegungStage betrug 20 889. Der geringere Besuch der Colonie wird in dem Bericht auf erhöhtes Arbeitsangebot zurückgejührt, doch dürfte nicht un­wesentlich dazu beitragen, daß den Colonieen im Allgemeinen keine große Sympathie entgegengebracht wird, denn eS ge­steht selbst der Bericht zu, daß ein Theil der Eolonisten eS darauf anlege, daß sie entlaffea werden müssen undtrotz aller Vorstellungen erzwingen sie sich den Abgang". Hessische Staatsangehörige waren 53 in der Anstalt, davon entfallen 22 auf Oberheffen, 18 auf Starkenburg und 13 auf Rhein­hessen - 181 Arbeitslose kamen aus dem Übrigen Deutschland und 6 aus dem Auslande, darunter 3 Schweizer und je 1 au- Oesterreich, Rußland und Italien. Die Zahl der Ge­werbe, welche durch Arbeitslose in der Colonie vertreten waren, umfaßte 44, und stellten dazu die Kaufleute die größte Anzahl, nämlich 11 Mann. An Tagesarbeit wurden 17 852 Tage, davon umsonst geleistet für die Colonie 269 7^ Tage, gezählt. Die Verpflegungskosten, vertheilt in die Gesammt- verpflegungStage der Colouisten (20 889), ergaben für den Mann und Tag 61,21 Pfg. gegen 48,41 Pfg. tm Vorjahre. Die Einnahme der Hauptkaffe des Vereins im Rechnung--

jahr 1896/97 betrug Mk. 24 732.25 und die Ausgaben Mk. 18 639.45. Das Capitalvermögen beträgt Mk. 96 600.

Hessische Staatsanleihe. Zur Deckung außerordent­licher Bedürfnisse deS Staates hat das Großh. Finanz­ministerium augeordnet, daß eine Staatsanleihe im Nennwerthe von 14703000 Mark, verzinslich zu 38/,pCt., ausgenommen und in geeigneten Zeitabschnitten be­geben werden soll. Zu diesem Zwecke werden von der Staatsschuldenverwaltung zu 3*/, pEt. verzinsliche Schuld­verschreibungen über 5000, 2000, 1000, 500 und 200 Mark auSgegeben. Die Zinsen werden bei der Großh. Haupt- staatSkaffe zu Darmstadt oder bei anderen Staatskaffen, sowie bei den hierzu beauftragten Bankhäusern am 1. April und 1. October eine* jeden Jahres bezahlt. Die Tilgung des Schuldcapitals erfolgt in der Art, daß die jeweilig durch den Hauptvoraoschlag der Staatseinnahmen und Ausgaben dazu bestimmt werdenden Mittel zum Ankauf einer ent­sprechenden Anzahl von Schuldverschreibungen verwendet werden.

AuS Ruttershausen, 22. November, ging un» folgende Zuschrift zu: ES dürfte selten Vorkommen, daß Jemand in einem Schreiben seine Absichten so schlecht verdeckt wie der Schreiber des Artikels in Nr. 273 dieses Blattes über die hiesige Schlauchtrockenvorrichtung. Derselbe giebt in etwas humorvoller Weise seine« Wunsche Ausdruck, daß da» geplante Unternehmen gelinge und von Großherzoglicher Schulbehörde kein Htnderotß in den Weg gelegt werde. Der eigentliche Herzenswunsch de» Schreibers, den ein einiger­maßen Unbefangener zwischen den Zeilen lesen kann, würde etwa lauten: Wollen wir hoffen, daß Großherzogliche Schul­behörde dem Vorhaben der Gemeinde ein Bein stelle. So­viel wir in Erfahrung gebracht haben, liegt e» auch nicht in der Absicht deS hiesigen OrtSvorstandeS, die in, Rede stehende Schlauchtrockenvorrichtung in dem Garten der hiesigen Schule zu errichten, sondern dieselbe sollte an dem südlichen Giebel der Schulscheuue angebracht werden. Vorgesetzte Baubehörde findet jedoch Bedenken, da hier kein Raum für eine derartige Vorrichtung sei. Dieser Raum könnte jedoch unserer Anficht nach recht gut gewonnen werden, wenn eine Hierselbst befindliche Dunggrube, welche noch aus der Zeit stammt, wo auch ein Lehrer es noch al» rentabel erachtete, ein Bischen Landwirthschaft zu treiben, eingeengt oder gänzlich beseitigt würde. Wir wollen hoffen, daß Schreiber des erwähnten Artikels der Entfernung der Dung­grube keine Thräuen nachweioen wird, denn wir zählen ihn zu denjenigen glücklichen Sterblichen, welche ihre Schuhe durch Arbeiten in einer Dunggrube nicht zu beschmutzen brauchen. Schreiber scheint übrigens keine große Gewandt­heit in der Abschätzung von Gelände zu besitzen, indem er bei

Feuilleton.

Das Tüpfelchen auf dem i.

Von E. Ritter.

(Nachdruck verboten.)

Bin i mal a lustger Schweizerbub, Hab immer frohen Muth, WerS mir uet glauben will Schweig nur gleich still.

Dirididuida, duida, duida, diridal

Mit Heller, jubelnder Stimme gesungen, tönten die Klänge de» fröhlichen Liede» vom Garten her in das ernsten Studien geweihte Gemach des Oberlehrer» Dr. Gründlich, des Ordinarius der Untersecuuda am königlichen Gymnasium zu B. Der Besitzer de» Zimmer- schien nicht sehr erbaut von dem Gesang. Wie konnte man nur solchen Unsinn fingen und ernsthafte Menschen dadurch stören._______ _

Zieh' mit der Sonne au», komm' mit der Nacht nach Hau»" ein Ruck die mathematischen Arbeiten, die Gründlich eben corrigiren wollte, flogen über den ganzen Schreibtisch hinweg bei der Siugerei arbeiten un» möglich! .

Die Zahle« mußten sich verwirren, e» war zu schwie­rig, den Zusammenhang im Kopfe zu behalten, wenn man so gestört wurde. Der Doctor sprang auf, um da» Fenster iju schließen. Unten jodelte es lustig weiter. Da stand die :iöage Nachbarin und nahm Wäsche ab. Wie konnte sie nur iba» Lied dabet fingen! Ersten» war sie doch kein Schweizer- Ibub, sondern eine junge Dame, zweitens trieb fie keine Kühe über Ziegen au», fonberu nahm Wäsche ab, dritten» befand j Ife sich nicht in den Alpen, sondern in einem erbärmlichen, 1

von hohen Mauern umgebenen Stadtgarteu. Da» Lied wurde also unter ganz falschen Voraussetzungen gesungen. Ebenso gut hätte er, Gründlich, beim Corrigiren fingen können: Al- ich noch im Flügelkleide in die Mädchenschule ging l Aber natürlich, junge Mäd^eu kennen keine Logik, kein klares Denken, fie leben und fingen in den Tag hinein, ober­flächliche, leichtsinnige Wesen. Schade fie schienen alle so alle, die er bereit» kennen gelernt. Biele waren das nicht, denn Gründlich war keinDamenherr", tanzte ungern und kam infolge deffen wenig mit jungen Mädchen in Be­rührung. Aber dennoch glaubte er au» den wenigen Exem­plaren, die er bi» jetzt kennen gelernt, auf die ganze Gattung Wiegen zu können. Bis vor Kurzem hatte ihn keiner dieser Lebewesen, denen allerdings eine gewiffe Daseinsberechtigung nicht abzusprecheu war, besonders interesfirt. Aber daS war anders geworben seit GerichtSrathS im Nebenhause wohnten. Seitdem beschäftigte fich Gründlich öfter» mit dem Gedanken, daß jauge Mädchen eigentlich wohl zum Heiratheu bestimmt seien. Er fand, daß Magda Gendner, de» GerichtSrathS einziges Töchterlein, ein allerliebstes Exemplar ihrer Gattung sei. Er machte sich klar, daß e» nicht gut fei, wenn der Mensch allein sei. Er sagte fich, daß zum Heiratheu zwei gehören und daß er, Oberlehrer Dr. Gründlich, wohl in der Lage wäre, fich ein Weib zu nehmen, und waS derlei ernste Erwägungen mehr waren Ja, wenn der Doctor nur feinem Herzen, diesem seltsamen Muskel, deffen Vorhandensein ihm mitunter io der letzten Zeit durch ein heftige» Klopfen be­merkbar wurde, hätte folgen wollen, dann würde er nicht gezögert haben, die holde Nachbarin für fich zu gewinnen. Sie war ein gar zu aumuthigeS Geschöpf. Da» sagte er fich jetzt wieder, al» er die schlanke, ebenmäßige Gestalt mit dem zierlichen Köpfchen so emfig au der Wäsche hauttren sah. Wenn fie nur nicht da» dumme Lied dazu fingen

wollte. E» ließ auf große Oberflächlichkeit schließen, daß sie e» that. Und Oberflächlichkeit war ihm, dem Dr. Gründ­lich, in tiefster Seele verhaßt. Schon von der Schule her. Die noch so geniale Lösung einer mathematischen Aufgabe von feiten eine» Schüler- konnte ihn nicht befriedigen, wenn ein Flüchtigkeitsfehler fich in derselben befand. Dagegen konnte eine saubere Arbeit, die von Fleiß und Gründlichkeit sprach, wenn auch nur wenig Genie fich darin zeigte, ihn sehr günstig für den betreffenden Schüler stimmen. Nun, und was ihm bei einem Schüler schon wichtig, wie wüßte daS erst bei der Wahl einer Gattin in Betracht kommen! E» stimmte sonst alle» so hübsch. Der GerichtSrath war ein wohlfituirter Beamter in geordneten verhältoiffen, hatte nur drei Kinder, eine Zahl, die der Oberlehrer geneigt war, als normal anzunehmen ja, es stimmte alle». Man schien ihn drüben im Nachbarhaus auch nicht mit ungünstigen Augen anzuseheu. Magda war immer lieb und freundlich zu ihm. Gewiß, er würde fich keinen Korb holen. Aber ihr Character! Diese stete Munterkeit, die konnte nicht» Gutes zu bedeuten haben. Eine derartige Munterkeit konnte nur in oberflächlicher veranlagurg ihren Grund haben. Magda hatte doch, da die Mutter tobt, den Haushalt zu leiten, ben Vater, bie vrüber zu versorgen wenn fie e» ernst mit ihren Pflichten nahm, bürste fie entschieben nicht so viel fingen unb lachen, als fie es that. Er hatte fie noch nie anber» gesehen, al» vergnügt. DaS konnte nicht mit rechten Dingen zugrhen. Wer ihm nur gesagt hätte, wa» eigentlich in bem Mädchen steckte! Er konnte fich doch nicht eher entscheiden, trotzdem er Magda liebte. Eben sah fie bei ihrer Arbeit zu ihm auf, er grüßte höflich, fie dankte ihm mit einem allerliebsten Reigen deS hübschen Köpfchen-, dann verschwand fie im Hause.

(Fortsetzung folgt.)