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Der chtt-ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de« MontagS.
Die Gießener AamtkienStätler werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Dienstag d« 21. September
1897
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzerger.
Vierteljähriger AVonncmentspreiL, 2 Mark 20 Pfg. «tt Bringerloha. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expeditia» und Druckerei:
KchulstraßeAr.7.
Fernsprecher 5k
Aints- und Eluzeiseblutt für den Itreis Gieren.
Hratisöeikage: Hießener Kamillenblätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureanx deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für de» „Gießener Anzeiger- mlfley*.
Amtlicher Theil.
Nr. 40 des Reichs Gesetzblatts, ausgegeben den 13. d. M., enthält:
(Nr. 2417.) Bekanntmachung, betreffend die dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 10. September 1897.
Gießen, den 18. September 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsche» Leich
Darmstadt, 18. September. Das russische Kaiserpaar wird während seines hiesigen Aufenthalts der Grundsteinlegung für die griechische Capelle beiwohnen.
Berlin, 18. September. Wie die „StaatSb.-Ztg." mit- theilt, hat gestern Abend in ihren RedacttonSräumen eine polizeiliche Durchsuchung nach dem Manuscript eines Anik-lS in ihrem Blatte unter der Ueberschrift „Ober-Post- direetioa contra PodbtelSkt" stattgefundeu. Der Haussuchung, wilche erfolglos verlief, lag ein Strafantrag der Oder-Post- dtrection zu Grunde, die sich durch die Besprechung eines A> grtffs gegen den neuen StaatSsecretär v. PodbltelSki wegen dec von ihm angeblich geübten „Harun al Raschld"-Methode bkleidigt fühlte.
Berlin, 18. September. Die Conferenz von höheren Postbeamten wird, wie die „Nat.-Ztg." erfährt, Wahrscheinlich am 7. oder 8. October hier zusammentreten. Der Postetat für 1898/99 ist bereits dem RetchSschatzamt zvgegangen.
Berlin, 18. September. Wie ein Berichterstatter meldet, find in der letzten Sitzung des Staatsministeriums die Vorbereitungen für die Reichstags arbeiten zur Sprache gekommen. Nach eingehenden Darlegungen Testens de - StaatSsecretätS Nteberding hat man sich dafür entschieden, ■bie Entwürfe über Abänderuugen der Civtlproceßordnung und ConcurSordnung dem Reichstage in der bevorstehenden Session zu gehen zu lösten. Aus den übrigen Restarts soll nur das abiolut Nothwendige an den Reichstag gebracht werden. Bisher steht weder fest, wenn der BundrSrath, noch wenn dec Reichstag zusammentreten wird.
Berlin, 18. September. Bon einem schweren Unfall wurde der Biererzug deS Prinzen Heinrich heute
Vormittag auf der Fahrt nach Hemmelmark, dem Gute deS Prinzen, betroffen. Wie das „Tagebl." aus Kiel meldet, find die beiden Kutscher des Prinzen, welche das vierspännige Gefährt lenkten, schwer verletzt.
Frimkfurt a. R., 18. September. Die „Franks, ßtg.* berichtet aus Straßburg: Gestern wurden in Straßburg und Umgegend mehrere Erdstöße wahrgenommeu und zwar um 12 Uhr Mittags sowie um 3 und 5 Uhr Nachmittags. Die Stöße waren so heftig, daß tn zahlreichen Häusern die Thüren außspraugen. DaS in der Nähe der Universität gelegene Gebäude der Landes-Versicherungs-Anstalt erhielt mehrere Riffe.
Frankfurt a. M., 18. September. Der „Frankf. Ztg." wird aus Zürich telegraphirt, daß infolge des anhaltenden RegeuwetterS neuerliche Bergstürze erfolgt find und die Furkastraße verschüttet ist. Der Verkehr ist gesperrt.
Wiesbaden, 18. September. Hauptmann Laufs hat im Auftrage des Kaisers einen Festprolog gedichtet, welcher in der Frstvorstellung am 18. October anläßlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrtch-Denkmals in Anwesenheit deS Kaisers vor der Aufführung des „Burggraf" gesprochen werden wird.
Citeratur unt ArttHL»
— Um nicht weniger denn zwei neue GratiS-Beilagen wird mit dem im October d. I. beginnenden 12. Jahrgange die Zeitschrift „Die» Blatt gehört de» HavSfra«!" bereichert werden. Erstens erscheint neu allwöchentlich, als Erweiterung deS Feuilletons, die „Romanbibliothek zum Blatt der Hausfrau", mit werthvollen, spannenden Romanen; dann allmonatlich als Widmung für die Heranwachsenden Backfische „Da« Blatt der jungen Mädchen." Jns- gesammt also bringt „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" vier Gratis-Beilagen, da die beiden im Vorjahre eingeführten: „Aus aller Welt - Für alle Welt" (Jllustrirte Zeitchronik) und „Das Blatt der Kinder" (für die jüngere Kinderwelt) bestehen bleiben. Auf die beiden neu erscheinenden Romane „Schwimmendes Land" von Robert Kohlraufcb (tm Hauptblatt) und „Auf Irrwegen" von Nina Meyke (In der Romanbiblioihek) sei aufmerksam gemacht, als auf zwei hervorragende, sehr fesselnde Erzählungen von großer Anziehungskraft. Rechnet man dazu den anderen reichen und bekannten Inhalt, von den belehrenden Artikeln angefangen, bis zu den praktischen Recrpten aller Art, die schöne Modenzeitung mit zahlreichen Abbildungen und Schnitten für die Garderobe (auch für Kinder-Garderobe), für Wäsche, die Vorlagen für practische Handarbeiten, so muß man sagen, für den geringen Preis von Mk. 1.40 für das 13mal im Vierteljahr erscheinende Blatt kann unmöglich mehr geboten werden. Es ist geradezu jeder Hausfrau Pflicht, ihr Blatt zu halten, und man wird eS uns Dank wissen, dazu angeregt
zu haben. Jede Buchhandlung oder Postanfialt übernimmt Bestellungen. Der Preis von Mk. 1.40 versteht sich incl. Zustellungsgebühren.
— München. . . . Don Interesse für jeden Baubeflissenen dürfte die Nachricht sein, daß am 1. October 1897 im Verlage von Franz Mondrion in München-Dachau ein »ale«der f«k »tu Süddeutsche« Ba««eiste» erscheint. Letzterer wirb bearbc tct unter Mitwirkung von hervorragenden Fachgenossen von der Redaaum der „Süddeutschen Bauzeiiung" und wird thaisächlich, in practischer und übersichtlicher Weise zusammengestellt, Alles das enthalten, waber Baumeister auf dem Bau, unterwegs, über Land rc. wissen muß. Der elegant und dauerhaft gebundene, mit einem schon« PriSma und Winkel, ferner einer Beilage versehene Kalender, dürfte bald ein beliebter Rathgeber jeden süddeutsch« Fachmannes werd«.
— Berlin, 18. September. Max Halbes Tragödie „Mutter Erde" wurde heute im „Deutschen Theater" in den ersten drei Acten, besonders nach dem lyrisch reizollen zweiten Act, mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Die tragisch ausklingenden Schlutz- acte verblaßten dagegen. „Mutter Erde" ist symbolisch zu sassen. Ein Mann hat, von Illusionen geblendet, seine Heimath verloren, und als er sie sehnsüchlig wieder gewinnen möchte, ist eS zu spat geworden. Seine Kraft ist gebrochen.
Uirk>erfitäts - Nachrichten.
— Heidelberg, 18. September. Professor Fischer-Berlin hat den an ihn ergangenen Ruf zur Nachfolge deS Chemikers Victor Meyer an die hiesige Universität abgelehnt.
— Berlin, 18. September. Der bisherige außerordentlich« Professor zu Berlin, Dr. Georg Winter, ist zum ordentlichen Professor in der medicinischen Facultät der Universität Königsberg i. Pr. ernannt.
tyitlfta In rnrtri|tn Jtatyurta vparmho«».
Dienstag den 21. September: C armen. Mittwoch de» 22. September: Eine Nacht in Venedig. Donnerstag bm 23. September: Die Jüdin Freitag den 24. September: Die Fledermaus. Samstag den 25 September: Königin von Saba. Sonntag den 26. September: Der Freischütz. Montag ben 27. September: Girofle-Girofla.
Schauspielhaus.
Dienstag den 21. September: Neu-Frankfurt. Mittwoch ben 22. September: Hans Lange. Donnerstag ben 23. September: Die versunkene Glocke. Freitag den 24. September: Die relegirten Studenten. Samstag den 25. September: Am Tage des Gerichts. Sonntag den 26.September, Nachmittags3V,Uhr: Neu-Frankfurt. Abends 7 Uhr: Am Tage des Gericht». Montag den 27. September: HanS Lange.
......
Feuilleton.
Der geheimnißvoUe Neffe.
Von H. Erlin.
(Schluß.)
Wenn Herrn WorbkeS Neffe aus Berlin kam, war er verwöhnt, wie alle Großstädter, und da war es leicht mög- 11», daß Thekelchen auf seine verfeinerten Nerven den Eindruck eines LandpomeränzchenS machte. DaS mußte um jeden vrritz verhütet werden, denn man konnte nicht wissen . . . 6in elegante-, kleidsames Eostüm macht manchmal viel anbei j mgen Mädchen . . . Gut denn! Mit mütterlichem Opiermoth entschloß sich Frau Eleonore zu der großen Au-- gabt uod bestellte in Hertng-dorf ein reizende-, mattgelbes Str^ikcostÜm sür Thekla, für sich selbst aber kaufte sie einen hm. 5er nachher Herrn Pfeifer beinahe Nervenkrämpfe ver- vrsuchre. Daun kehrte sie befriedigt heim.
«o kam der große Tag endlich heran.
U iten im Garten hatten Pfeifer- den Kaffeettsch gedeckt.
Thekelchen stand im neuen Kleide und servirte. Es war ibr üc> rhaupt anbefohlen worden, heute das Licht ihrer hauS« ltckiii Erziehung leuchten zu lassen. Der Herr Rechnung»« tatb ober lehnte malerisch io seinem Korbstuhl und las „seine ße rutiß*, während Eleonore, angethan mit einem leben-- ritre. Schwarzseidenen, von Zeit zu Zeit Thekelchen einen au- Knigges Umgang mit den Menschen tu- Ge- bä-b l-iß zurückrief. Zuweilen auch warf sie unruhige Blicke Hier, i em HauSeingang, ob sich denn dort noch immer Nichten dem »großen Eretgniß" zeigte..
Da — plötzlich ertönen im Hausflur Schritte — daun lassen sich Stimmen hören. „Er" war also da!
„Männe," flüstert Frau Pfeifer, um diesen aufmerksam ,zv machen.
In diesem Augenblick erscheint im Thürrahwen eine trolfibekannte Gestalt — Herr Worbke. Ihr folgt eine andere, hoch und schlank, wie eS schien, — jetzt kann man HiiN'.Her sehen und . . .
„Himmlische Machte, habt Erbarmen! Da» ist ja Schnittchen, der leibhaftige Schnittchen ou» N. I*
Frau Eleonore drohte zur Salzsäule zu erstarren, während ihr Ehegemahl ein kräftige- „Himmelkreuz . . ., das kann gut werden!" losläßt.
Mehr zu äußern war ihm leider nicht vergönnt, denn schon nahte Herr Worbke mit seinem Neffen.
Nun war die Reihe an diesem, verblüfft seinen Vorgesetzten anzustarren. DaS that er denn auch wortlos, während sein Onkel freudeleuchtend die gegenseitige Vorstellung besorgte, die Schnittchen mit keiner Silbe unterbrach, da er au« allem gehört hatte, daß Rechnung-raths daS Städtchen, au- dem sie gebürtig waren, hier verleugnet hatten. Mit Thekelchen aber wechselte er einen stummen, bedeutungsvollen Blick. Dann ließ er sich am Kaffeetisch nieder, erzählte in der harmlosesten Weise und versicherte einmal über daS anderemal, er wisse seinem Onkel gar nicht Dank genug für die liebenswürdige Bekanntschaft, die er ihm hier vermittelt habe. Schade nur, daß er fi n durch einen kleinen Abstecher nach Berlin um einige Tage verspätet hätte. Freilich, er konnte ja nicht ahnen . . . Und wie er daS sagte, warf er Thekelchen wieder einen jener geheirnnißvollen Blicke zu, unter denen sie jedesmal erröthete.
Der Herr RechnungSrath aber mußte wohl oder Übel gute Miene zum bösen Spiel machen — war er, der früher so glühende Vertheidiger kleinstädtischer Verhältnisse, ja so wie so schon vor dem jungen Secretär durch da- Verleugnen seine- Wohnsitze- blamirt. Wenn da- in N. herauSkam! Freilich, wenn Schnittchen dort ebenso viel Taet besaß, wie hier Herrn Worbke gegenüber, dann kam e- nicht heran-. In seiner Hand war man aber immerhin, und wer trug die Schuld daran? Die Weiber trugen sie! Mochten sie eS nun au-baden. Er kümmerte sich um nicht- mehr - so bemerkte oder wollte er auch den Glück-au-druck nicht bemerken, der Tikelchens Antlitz geradezu verklärte.
Und Herr Worbke erst! Der schwamm in Seligkeit. So ganz tm Geheimen deutete er der immer noch völlig geknickten Frau Eleonore sogar an, daß er seinen Neffen zum
alleinigen Erben seiner Südfrnchthandlung einfetzen wolle, sobald sich eine Frau für den jungen Sausewind gefunden habe. Diese Worte gaben der bekümmerten Mutter neuen Leben»- muth — und neue Plane.
Von Schnittchen kam man, seitdem man hier falsche Thatsachen vorgespiegelt hatte, überhaupt nicht mehr lo-, da» war klar. Außerdem hatte da- Schicksal, dem man immer folgen soll, doch recht merklich durch den Zufall gesprochen, schließlich mußten Thekelchen- Gefühle berücksichtigt werde« und endlich . . . Herr Worbke mit der Südfrnchthandlung.
Während dieser schwerwiegenden Erwägungen lebte Thekelchen beinahe in den Gefilden der Seligen, dabei dachte sie weder an die Südfruchthandlung, noch an den Kummer von Frau Eleonore. Sie dachte überhaupt nicht und da» war immer ein Hauptvor-ug ihres Wesens gewesen. Biel- leicht lag c» an dieser ihr anhastenden Eigenthümlichkeit, daß sie da- Lieben um so schneller lernte.
Und Dank Thekelchen« heiß entflammter Liebe gelang e» Secretär Schnittchen schon nach drei Wochen das zu erreichen, wonach er in N. Jahre umsonst gestrebt hatte — er durste nämlich die Sorge für das leibliche und geistige Wohl von Fräulein Thekla Pfeifer auf Lebenszeit übernehmen.
Der RechnungSrath hatte sich zwar bedenklich gesträubt, seine Einwilligung dazu zu geben, doch rechte Energie besaß er seit seinem Ahldecker Fiasko nicht mehr, und so hatte Schnittchen leichtes Spiel gehabt.
„Nun aber heim!" war alle«, was Männe dann noch wünschte.
In seinen alten vier Pfählen angekommen, schwor er seiner Eleonore mit feierlichstem Eide, daß er eine Sommer« reife in seinem ganzen Leben nicht wieder mache.
Und sie konnte diesmal ausnahmsweise mit ihm fühlen, denn wenn mau eS so recht bedachte, Schnittchens Bekao^- schaft hätte man eigentlich auf billigere und bequemere Weife machen können.


