Ausgabe 
20.6.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 142 Drittes Blatt. Sonntag den 20 Kim

1897

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Deutsche» Reich.

Darmstadt, 18. Juni. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin fuhren gestern Vormittag per Bahn nach Station Isenburg, von da zu Wagen nach Offenbach. Auf der Fahrt wurden die Aller» höchsten Herrschaften vom Publikum jubelnd begrüßt. Nach */,stündigem Aufenthalt bet der Familie v. Hanneken wohnten Ihre Königlichen Hoheiten der Trauung deS Fräulein ». Hanneken mit Lieutenant Bogt vom Jäger-Bataillon Nr. 4 in der Kirche und dem darauf folgenden Diner bei. Bei der Rückfahrt nach Jagdschloß WolfSgarten besuchten die Allerhöchsten Herrschaften noch die Familie deS Geheimen RegierungSrathS Haas in deffen Wohnung. Im Gefolge der Allerhöchsten Herrschaften befanden fich die Hofdame Freiin v. RotSmann und Flügeladjutant Major Freiherr tz. Röder. Darmst. Ztg.

Schwurgericht.

W. Gieße», 19. Juni. (Schluß).

Nach erfolgter Verkündigung der Schuldfragen in der Sache W e p p l e r von Lauterbach wegen des Versuchs der räuberischen Erpressung bittet der Geschworene Wörner von Bad'Nauheim, den Zeugen Sterz noch einmal fragen zu dürfen. Herr Wörner fragte den Zeugen, warum und ob derselbe, als der Angeklagte ihn angepackt, sich nicht gewehrt habe, er sei doch viel kräftiger als Weppler. ES sei doch kaum glaublich, daß er sich so ruhig habe inS Waffer werfen laffen können. Der Zeuge erklärt, er wäre in dem Moment, als Weppler auf ihn eingedrungen, ganz willenlos gewesen, giebt aber aus weiteres Befragen des Vorsitzenden zu, er hätte fich jedenfalls, wenn er keine Hülfe bekommen und es zum Aeußersten gekommen, ermannt und fich dann feiner Haut gewehrt.

Hierauf nahm der Herr StaatLanwalt Koch dar Wort zur Begründung der Anklage und plaidtrte für Bejahung der Schuldfrage wegen des Versuchs der räuberischen Erpreffung, ober auch sür Bejahung der Frage, ob dem Angeklagten mil­dernde Umstände zuzubilligen seien.

Der Vertheidiger, Herr Rechtsanwalt Metz, vertritt die Meinung, daß die ganze Angelegenheit fich als weiter gar nichts darstelle, als ein dummer Bubenstreich, wie solcher alle Tage vorkommt unter so jungen Leuten, wie fie hier be- theiligt seien. Auch der Gendarm, der die erste Anzeige von dem Vorfall gemacht, ein Beamter, der derartige auf dem Lande alle Tage vorkommende Dinge unmittelbar am aller- richtigsten beurtheilen könne, sah nach der ganzen Sach­lage in des Angeklagten Thun nichts weiter als groben Unfug und beantragte auch dieserhalb in seiner Anzeige die

Bestrafung. Der AmrSanwalt, der sich mir der Anzeige zu beschäftigen hatte, war der Ansicht, liege Nöthigung vor, während die Staatsanwaltschaft mit großem juristischem Scharfsinn aus der That des Angeklagten ein Verbrechen construirte, welches der That eines Räubers gleich zu achten sei.

ES folgte die Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden, und die 5 Minuten dauernde Berathung der Jury, worauf der Obmann Wörner aus Bad-Nauheim den Wahrspruch verkündete, welcher dahin lautete, daß der Angeklagte des Versuchs der räuberischen Erpreffung nicht schuldig, die Frage aber wegen des VorliegenS von grobem Unfug bejaht fei. Der Angeklagte wurde vom Gerichtshof daraufhin zu 4 Wochen Haft verurtheilt und auf freien Fuß gesetzt, ohne daß der Gerichtshof sich veranlaßt sah, die 6 Wochen lang verbüßte Untersuchungshaft gegen die erkannte Strafe auf- zurechnen, Zieil der Angeklagte kein Geständniß abgelegt.

CoceUs und ptwhjklkfe

Gießen, den 19. Juni.

* Sommerfest. Auf das im Jnferatentheil heute be­kannt gegebene große Sommerfest derGießener Floresei" machen wir auch an dieser Stelle aufmerksam. Den ge­troffenen Vorbereitungen zufolge wird dasselbe mit zu den größeren Sommerfestlichkeiten gehören. Es ist das erste Sommerfest, welches in diesem Jahre auf der Liebighöhe stattfindet und auf welches die Witterung fast keinen Einfluß hat, da die auf der LtebigShöhe von Herrn Brauereibefitzer I. H- Jhring aus Lich neu erbaute große Festhalle einige 1000 Sitzplätze enthält. Außer Militär-Coucert der Capelle des hiefigen Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm, sowie allerlei Volks- und Kiuderbelustigungen ist dea Besuchern des Festes auch gegen ein sebr mäßiges Entree Gelegenheit geboten, das seit einigen Tagen hier anwesende Theater lebender Photographien durch den neuesten Ktnematographen Vttagraph (Clement und Gilmer, Paris) sehen zu können. Der von dem Verein bei diesem Fest erzielt werdende Ueber- schuß soll zum Theil zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden.

* Die Einnahme an Wechselstempelstener im Ober-Post- directionS-Bezirk Darmstadt betrug im Monat Mai l. I. Mk. 12,091.20. Hierzu die Einnahme im Vormonat mit Mk. 14,205.30, gibt zusammen Mk. 26,296.50. Die Ein­nahme in demselben Zeiträume des Vorjahres betrug Mk. 25,467.50. Mithin ist in 1897 ein Mehr von Mk. 829. zu verzeichnen.

Billingen, 13. Juni. Zwei verdächtige Indivi­duen trieben fich in letzter Nacht in der Nähe des StatiouS-

gebäudeS herum. Der noch im Bureau befindliche Stations­führer bemerkte dieselben- ans Zurus flüchteten die zwei Burschen durch die Waschküche deS Nebengebäudes und von da durchs Fenster in der Richtung nach Nonnenroth. Marr vermuthet, da eine beträchtliche Geldsnmme am vorher­gehenden Tage eingezahlt worden war, daß es auf einen Ein­bruchsdiebstahl abgesehen war. Ein SohosdeS hiefigen Pfarrers Sellheim, Herr Apothekergehilfe Sellheim, hat die Apotheke in U l r i ch st e i n zum Kaufpreise von 60,000 Mk. erworben. Die Apotheke geht am 1. Juli in den neuen Besitz über._______

Ctteratur und Annp

Ungeheure Stoffmengen in die denkbar kürzeste literarische Form zu zwingen, ohne der Verständlichkeit und Formschönhett Ein­trag zu thun das ist schwer. Eine nahezu hundertjährige Er- sahrung fetzt die Firma F. A. Brockhaus in die Lage, den Ge° sammtinhalt unserer Kenntniß des Erschaffenen und Geworden» bis auf die allerletzten Eretgntffe in den nur 16 Bänden ihre« EonversattonS-LexteMiS in systematischer Behandlung und ge­diegener Form, ergänzt durch bildlichen Schmuck, zuiammenzufeffm. Selbst 500 auserwählte Mitarbeiter, eine ständige vielköpfige Redactton und die große eigene Buchdruckerei sind aber nicht im Stande, daS Riesenwerk in kürzerer Zett als vier Jahren zu leisten. Daß Wissen­schaft und Kunst, Politik, Technik, Gesetzgebung während dieser Zeit aber nicht stillstehen, ist verständlich; und so wird eine Encyklopädie ergänzungsbedürftig am ersten Tage nach dem Erscheinen! De« abzuhelsen ist der Supplementband bestimmt, der Mitte Juni erscheint, und jedm im Hauptwerk vorhandenen Gegenstand, mit demetwas paffirt ift*, ergänzt, alle allermodernsten Errungen­schaften der Eultur, alle allerneueften Ereignisse und leitenden Per­sonen erstmalig aufführt. Dieser Band kann nicht wie seine 16 Vor­gänger nur nachgeschlagen werden, wenn man Aufklärung braucht, man mutz ihn vielmehr erst studiren, um zu sehen, waS er in seinen 5305 Stichworten alles behandelt. So enthält er z. B. im Artikel Deutschland schon die vollständige Volkszählung all-r Ortschaften deS Deutschen Reichs von 1895, theilweise offtctell überhaupt noch nicht veröffentlichte Ergebnisse. So enthält er erstmalig genealogische Tabellen der Hohenzollern und Habsburger, wahre Kunstwerke der Redaction, die bereitwillig Auskunft geben z. B. über die vielen in einem Eonversations-Lexicon sonst nicht vorkommenden Prinzen und Prinzessinnen. Ueber 1000 zweispaltige Seiten Text enthält der Band, die Stichworte de« ganzen Werkes auf über 130 000 ver­mehrend, und 59 bunte und einfarbige Tafeln und Karten, darunter acbt EhromoS von der bekannten ebenso künstlerischen alS detatllirtm kostbaren Ausführung: leuchtende Thiere; Spiel karren aus alter und neuer Zeit, aus Europa, Java, Persien, Japan; Eishöhlen: Buddhis­mus; Eier unserer Singvögel; Röntgenstrahlen; bunte Ornamente u. a. Unter den Karten seien die der actuellen Gegenden erwähnt: Cuba, Delagoabai, Sudan, Japan und Korea, orientalische Frage und die interessanten Karten der Ansteckungskrankheiten, des deutschen Welthandels, der unglaublich complicirten, bisher nirgends karto­graphisch dargestellten Währungsoerhältnisse der ganzen Welt. Auch der bisher in einem Conversations-Lexicon nicht zu findende, in Paris jüngst zu so trauriger Berühmtheit gelangte Kmematograph, die Pestconserenz in Venedig, die Darstellung der Erfolge des Diphlherte-HeilserumS werden nicht vermitzt. Kurz wer sein Conversations-Lexicon bi« 1897 ergänzt und vervollständigt haben will, muß den sich auch äußerlich an das Hauptwerk anschließenden Supplementband besitzen.

Feuilleton.

Wochendriese sus der Residenz.

(Origtnalbericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 17. Juni.

Studentisches Fest. Bom Sommertheater. Allerlei.

Im letzten Briefe schon hatte ich Gelegenheit, Ihren Lesern vom Stiftungsfeste desAkademischen Vereins", einer drr bei den Einwohnern der Stadt beliebtesten studentischen Vereinigungen und zugleich der ältesten der jetzt noch bestehenden, zu berichten. Ungleich glänzender war jedoch dasjenige, über das ich Ihnen heute zu melden habe.

Mit dem ungeahnten Aufschwung der hiefigen technischen Hochschule ist auch ein ganz bedeutender Fortschritt in dem grsammten studentischen Leben der Musensöhne Hand in Hand gegangen. In den 80er Jahren, wo das Fortbestehen der Hochschule am hiefigen Platze sehr in Frage stand, hätte man ein derartiges Fest für kaum möglich gehalten. Eigenthüm- licher Weise stand damals noch ein großer Bruchtheil der Einwohner Darmstadts den studentischen Arrangements, dem Leben und Treiben der Studtrenden geradezu skeptisch gegen- über. Heute ist das Dank der tadellosen Haltung der hiefigen Studentenschaft wesentlich anders geworden, und wenn auch die Antheiluahme des großen Publikums an dem Feste keine so allgemeine war, wie das in Ihrer schönen Alma mater, die auf Jahrhunderte alte Traditionen zurückblickt, bei der- artigen Gelegenheiten zu sein pflegt, so konnte man doch zufrieden sein mit dem Jntereffe, das die Stadt und deren Bewohner der Sache entgegenbrachte.

DaS CorpsRh en ania" feierte fein 25jahrigeS Be­stehen und zugleich die Einweihung seines eigenen Heimes. Kann daS CorpShauS in seinem Comsort und Aussehen auch

nicht den Vergleich mit den herrlich gelegenen und pracht­vollen Befitzthümern der Musensöhne Ihrer Stadt aushalten eS liegt an der Dteburgerstraße und ist durch Umbau eines früheren Wohnhauses entstanden so bedeutet doch die Thatsache, daß eine studentische Corporation am hiefigen Platze schon nach 25 Jahren zu einem eigenen HauS gelangt, immerhin einen rechten Erfolg der studentischen Sache. Dieser Umstand ward auch anerkannt sowohl durch den zahlreichen Besuch der alten Herren und Freunde deS CorpS, wie besonders durch dte Theilnahme der städtischen Behörden und des RectoratS der Hochschule an den Festlichkeiten.

Die Feierlichkeiten wurden eingeleitet durch einen BegrüßungScommerS mit italienischer Nacht, der schon eine große AnzahlAlter Herren" mit ihren Damen bei­wohnten. Letzten Samstag fand daun ein Festzug der An­gehörigen deS CorpS, theilweise mit ihren Damen, von der früheren Kneipe nach dem neuen Hause unter Mufikbegleitung statt, woselbst die Uebergabe und Einweihung desselben mit entsprechenden Reden rc. erfolgte. Eine glänzende Auffahrt der Betheiltgten, an der auch der einzige anwesende Mitbe­gründer des Corps, Herr Ingenieur Koch-Gießen, theil- nahm, setzte die Festlichkeiten fort, die in dem fich anschließen­den Festcommers ihren Höhepunkt erreichten. Bei diesem brachte Herr Rector Profeffor Berndt NamenS der Hoch­schule und Herr Bürgermeister Köhler NamenS der Stadt Darmstadt die Glückwünsche zur Jubelfeier dar. Die Festivi­täten schloffen mit einer Rheivfahrt nach St. Goar auf einem prächtig geflaggten Dampfer der Köln-Düffeldorfer Gesellschaft wirkungsvoll ab.

Die Vorstellungen im Sommer-Theater find infolge des schönen Wetters fortgesetzt leider nicht in de« Maße be­sucht, wie fie es verdienten. Zeller- unverwüstlicherOber­steiger" erlebte eine recht frische, temperamentvolle Wieder-

gäbe, die den Beifall der Hörerschaft in großem Maße er­rang. Namentlich die Parthie derComteffe Lichtenau" hatte in Frl. Tont Rudolph eine sehr wirksame Vertreterin ge­funden, auch derMajoratsherr" deS Herrn Adolph Lauge war eine äußerst glücklich gegebene Figur. Weniger scheint es dem Tenor der Gesellschaft zu gelingen, seine Leistungen wirkungsvoll zu gestalten, seinObersteiger" stach sowohl was Auftreten wie Gesang aulangte, ziemlich von den übrige« Figuren ab.

Mit der Art der Aufführung leichter Lustspiele und Schwänke kann mau ganz zufrieden sein- v. Trützschler- Frieder«Die Manöverbraut" und Moser-TrothaSNur kein Lieutenant" ernteten beide recht lebhaften Applaus. Weniger gefiel die Wiedergabe von Shakespeares derbe« LustspielDie Bezähmung der Widerspenstigen" trotz recht ansprechender Einzelleistungen, unter denen namentlich die Katharina" der Frau Director Hedwig Kaufhold-Corneck zu nennen ist. Der Vergleich mit den an unserer Hofbühne stattgehabten Aufführungen liegt denn da doch zu nahe und die Direction deS Sommertheater» wird durch den schwachen Besuch der Vorstellung wohl darüber belehrt worden sein, daß ihr in der Wiedergabe solcher Repertoirstücke der Hof­bühne wenig Erfolg erwächst.

Viel Schuld au dem wenig zahlreichen Besuche der Theatervorstellungen darf indessen auch in den mancherlei anderweitigen Veranstaltungen gesucht werden. Der CircuS Lorch verließ nach mehrwöchentlicher Anwesenheit letzt» DieuStag die Stadt, nachdem täglich seine Vorstellungen vor fast ausverkauftem Hause stattfanden, im Orpheu» setzt allabendlich der geheimnißvolle MarquiS ,1homme masqeS* daS Publikum durch seine Darbietungen in Erstaunen «ud die vielen stattfindendeu Mllitärconcerte erfreuen fich deS besten Besuche».