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19.11.1897 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Freitag den 19. November

1897

2lints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

] chratisöeitage; Hießener Kamikienötätter.

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Der

Oteteeer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Kichmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Die österreichisch-ungarischen Delegationen.

8üh Dtenltog find die Delegationen in Wien zusammen, getreten. Die beiden politisch selbstständigen RetchShälften der österreichisch ungarischen Monarchie bilden bekanntlich in einzelnen Angelegenheiten ein Ganze-, so u. A. in Bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten und da« Heer, sowie betreff« bestimmter Ftnanzsachen. Deßhalb haben beide Reiche ge- »eiusam einen Minister des Aeußern, einen Retchskrteg«' Minister und einen Reich-Minister der Finanzen. Neben den Sonderparlamenten tu Oesterreich und in Ungarn werden all« jährlich Au-schüffe gebildet, welche die beide Reichthälfteu be­treffenden Angelegenheiten zu berathen haben und sowohl für Oesterreich wie auch für Ungarn au- 20 Mitgliedern der ersten und 40 Mitgliedern der zweiten Kammer bestehen. Da- find die Delegationen, welche abwechselnd in Wien und Budapest tagen und diesmal in der Hauptstadt CiSletthanienS ihre Berathungen ausgenommen haben. Im Allgemeinen herrscht in diesen beiden parlamentarischen Körperschaften von jeher ein ruhiger Ton, der Partetleibenschaft wurde nur ein ganz geringer Raum gewährt, wetzhalb der Verlauf der Ver­handlungen auch im Au-lande eine gewisse Beachtung fand, umsomehr al- die au-wärtigen Beziehungen Oesterreich- Ungarn- bet dieser Gelegenheit immer eingehend erörtert zu werden pflegen.

Ob fich die Verhandlungen diesmal auch so ruhig ge­stalten werden, ist sehr fraglich, da e« leider nur zu gewiß erscheint, daß die verworrenen politischen Verhältnisse in Oesterreich auch in die DelegationSberathunge« übergretfen «erden. Schon in der EröffnungSfitzung am Dienstag trat die« in die Erscheinung, al- bei der Präsidentenwahl mehrere Abgeordneten der österreichischen Minderheit erklärten, sie könnten fich an der Wahl nicht betheiligen, weil die Majorität e- nicht der Mühe werrh gehalten habe, fich darüber mit der Minorität in- Einvernehmen zu setzen. Auch die Er­klärung de- Abgeordneten Hofmann v. Wellenhof, daß seine Partei an den Delegattonsverhandlungen wohl theilnehmen, aber daraus keine Schlüsse gezogen sehen wolle auf ihr künftige- Verhalten im österreichischen Abgeordnetenhause, ließ erkennen, daß der Frieden noch nicht al- geschlossen an- gesehen werden kann, sondern daß der Kriegszustand noch un­geschwächt fortdauert.

Wie wir schon oben angedeutet haben, legt mau auch außerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie den Dele- gattonSverhandlungen eine gewisse Bedeutung bet, und die erste Rebe des gemeinsamen Ministers des Aeußern wird immer mit derselben Spannung erwartet, mit welcher mau z. B. den jährlichen Ausführungen des englischen Premier­ministers in der Guildhall zu London-Ctiy entgegen zu sehen pflegt. Mau erwartet vom Minister de- Aeußeren Auf­klärungen über die internationale Politik und über daS Ver- hältutß der habsburgischen Monarchie zu den auswärtigen Staaten. Man erinnert fich noch, daß bei dieser Gelegen­heit Graf GoluchowSkt bedeutsame Winke und Warnungen nach Belgrad hinübersandte, wo sowohl die inneren Ver­hältnisse fich zugespttzt hatten, als auch da« Auftreten der dortigen Regierung gegenüber der österreichisch-ungarischen Regierung ein sehr unangemessenes geworden war. Jene Warnungen haben ihre Wirkung nicht verfehlt, und vielleicht kann es ganz Europa dem Grafen GoluchowSkt Dank wissen, daß er damals gerade noch zur rechten Zeit die maßgebenden Kreise Belgrads auf die Gefahren hinwtes, denen man dort eutgegeuging.

Seit ihrer letzten Tagung find so bedeutsame Ereignisse etugetreten, daß Graf GoluchowSkt in den Delegationen häufig tu die Lage kommen wird, Rede und Antwort stehen zu müssen. Die Ortentavgelegenheit, welche durch den Aus­bruch des griechisch türkischen Krieges eine Zuspitzung erfahren hatte, die Verkündigung der franko-rusfischen Allianz, daS Berhältniß Oesterreichs zu Italien und noch manches Andere wehr wird einen Unterhaltungsstoff bieten, welcher auch im SuSlande mit Jutereffe verfolgt werden dürfte. Ob aber der wirkliche Zweck, zu dessen Erledigung die Delegationen zusammengetreren find, nämlich daS AuSgleichSprovisortum, erreicht werden wird, daS wissen die Götter und die öfter- reichtfche AbgeordnetenhauS-Obstruction. Graf Badeni thäte wohl daran, wenn er seinen bisher eingenommenen Stand- paukt aufgäbe und aufrichtigen Herzen- den Deutschen die Hand zur Versöhnung böte. DaS würde im Interesse der Gesammtmonarchie liegen und im Interesse eines glatten Verlauf- der diesmaligen Delegationsverhandlungen. (xx)

Wolffs telegraphische« Lorrefpondenr-Bnrea«

Norderney, 16. November. Der gestrige Seefturm brachte fünfzehn etnlaufende Fischerbote am Riff in schwere

Gefahr. Alle überstanden fie bi« auf etu« mit den vier Insassen BentS, dessen Sohu, HarmS uud Visser, die alS ertrunken gelten.

XUftt, 17. November. Die Memel geht mit EtS- die Schifffahrt ist geschloffen.

London, 17. November. In einer heute stattgehabten vorläufigen Sonferenz der Arbeitgeber uud der ausständigen Arbeiter der Maschineubaubranche wurde beschloffeu, am 24. d. Mts. tu London eine förmliche Cooferenz abzuhalten, zu welcher Arbeitgeber uud Arbeiter je 14 Vertreter entseoden sollen. Bis zu der Conferenz werden beide Thetle fich eines feindlichen Vorgehen« enthalten.

Petersburg, 17. November. Infolge eines heftigen WeststurmeS trat gestern hier Hochwasser ein, welckeS mehrere niedrig gelegene Stadttheile überschwemmte. Die Kellergeschosse liefen voll Wasser und die Einwohner derselben wurden obdachlos- auch Verkehrsstörungen traten etu. Auf der Newa riß der Sturmwind zahlreiche Barken von den Ankern los uud beschädigte mehrere Dawpferstege sowie schwimmende Badeaustalten. Glücklicherweise ist Niemand verunglückt- gegen 1800Obdachlose wurden durch die Polizei gespeist und untergebracht. Bon Nachmittag 3 Uhr au verlief fich die Hochfluth. Auch auS Reval wird gemeldet, daß dort gestern und vorgestern etu heftiger Sturm wüthete.

Konstantinopel, 17. November. Heute hat die 20. Sitzung der Bevollmächtigten für die'Friedensverhandlungen stattgefunden zur Paraphtruug de« Artikels 7 des Friedens- Vertrages, betreffend die freie Auswanderung. In Betreff der Ban kau lei he faud heute eine Botschafterversammluug

Washington, 17. November. Präfideut Mac Kinley unterzeichnete den jüngsten Weltpoftcougreßvertrag, welcher am 1. Januar 1898 in Kraft tritt.

Newyork, 17. November. DerNewhork Herald" meldet au« Guayaquil, die Stadt Loreto sei durch einen Orkan zerstört worden- nur wenige Gebäude feien stehen geblieben- der Verlust an Menschenleben sei groß. Nach einer Meldung deffelben Blattes aus Lima ist Präsident Pterola am Fieber erkrankt- sein Zustand ist ernst.

Depeschen bei ®urctn .Herold."

München, 17. November. Heute Vormittag stürzte in einer Brauerei in der JSmanningerstraße ein Kellergewölbe ein, wobei 17 Arbeiter verschüttet wurden. Bisher find 13 Schwerverletzte auS den Trümmern hervorgezogen.

Wien, 17. November. Die Thronrede, welche heute anläßlich der Eröffnung der Delegationen gehalten worden ist, bezeichnet die politische Situation Europa- Dank der Einwüthigkett der Großmächte, welchen e« gelungen ist, den griechisch.türkischen Coofltct zu localtfiren, al« äußerst srted- lich. Die Aufgabe der Großmächte sei e« nun, zur Regelung der Kretafrage zu schreiten und der Insel unter der Suze- räuität de« Sultan« weitgehendste Autonomie zu gewähren. Die Thronrede bezeichnet sodann die Beziehungen Oesterreich« Ungarn« zu allen Machten, namentlich zu Rußland, al« die besten. Nach wie vor bilde da« BundeSverhältniß zu Deutsch- land uud Jtalieu die unverrückbare Basis der österreichisch- ungarischen Politik. Mit warmer Genugthuuug gedenkt bi« Wetteren die Thronrede de« Besuche« Kaiser Wilhelm« in Wien und Budapest, sowie de« römischen König«paare«. Weiter wird constatirt, daß die Krtegsverwaltung trotz der Er­gänzungen und Neuanschaffungen den Etat nur mäßig über­schritten habe und schließlich, daß die wirthschaftliche Ent- Wickelung Bosnien« und der Herzegowina in befriedigender Weise fortschreite.

Wien, 17. November. Die Abendblätter bezeichnen die Thronrede al« eine eminente Friedenskundgebung, welche in ganz Europa mit größter Befriedigung ausgenommen werden dürfte. Besonder« befriedigen dürfte die markige Hervorhebung der freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland, sowie die Worte, in welchen der Kaiser sein persönliche« Ber- hältuiß zu Kaiser Wilhelm erwähnt.

Wien, 17. November. Die gestern Abend stattgehabte Versammlung socialistischer Studenten, welcher auch Studenten aller anderen Parteischattirungen beiwohnten, mußte wegen tumultuarischer Scenen zwischen den Zionisten und Soctaltsten aufgelöst werden. Der Saal wurde polizeilich geräumt.

Budapest, 17. November. In den Waldungen in der Nähe von HuSzt wüthet seit zwei Tagen ein großer Wald­brand, welcher von Wilddieben gelegt ist.

Marseille, 17. November. Infolge fortgesetzter Scandale ist die hiesige große Oper geschlossen worden.

Landon, 17. November. An« Buenos-Ahre- wird derTimes" berichtet, daß die Ernte tu den Provinzen

von Bneuos-Ayres, Rosarta und Santa Fs durch die in den letzten Tagen aufgetretene Kälte viel gelitten habe.

Petersburg, 17. November. Ein furchtbarer Sturm, von der See her wehend, hat eine Ueberschwemmung ver­ursacht, wie fie lange nicht dagewesen ist. Der Stadttheil Petrowski ist total überschwemmt. In den Canälen steht da« Wasser bereit« so hoch, daß e« fich in die Straßen ergießt. Die Bewohner der Kellerbehausungen find in furchtbarer Lage. Sie mußten auf die Straße flüchten. Von der Festung werden ununterbrochen Stgnalschüsse abgefeuert.

Madrid, 17. November. Der heutige Mintsterrath wird die Frage der Aufhebung des Belagerungszustände« von Barcelona prüfen.

Wien, 18. November. Anläßlich der Einberufung der Delegationen sagte der Kaiser beim Empsange derselben zu Dr. Herold, die namentliche Abstimmung im Abge- ordnetenhause sollte abgeschafft werden.

Wien, 18. November. Das Abgeordnetenhaus wählte Kramarcz zum 1. Vicepräfidenteu. DaS Kaiserpaar empfing gestern den Prinzen und die Prinzesfin Albrecht zu Schaumburg.Lippe, welche auch an der Abendtafel in der Hofburg theilnahmen.

Eger, 18. November. Gestern Morgen gegen 7 und 78/i Uhr wurden hier zwei äußerst heftige Erdstöße wahr- genommen.

WB. Berlin, 18. November. DieKöln. Ztg." meldet: Der durch die Kreuzerdivtfion besetzte Hasenort Ktaotschau war vorher durch 6000 Chinesen besetzt, welche fich augen­scheinlich ohne Gefecht zurückzogen.

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Stehen, 18. November 1897.

** Schwurgericht. Behuf« Bildung der Spruch liste für die am 6. December 1897 beginnende Sitzungsperiode de« Schwurgericht« wurden gestern folgende Haupt­geschworenen au« der Jahresliste für 1897 auSgeloost: 1. Wil- Helm Bechstein, Friedberg- 2. Joh. Wagner IX., Langgön«- 3. Hermann Reitz, Butzbach- 4. Martin Zehner, Rödgen b. Friedberg- 5. Reinhold Schäfer, Blofeld- 6. Wilhelm Kunkel, Eschenrod- 7. Georg Konrad Emil Jacobi, Rod- heim v. d. H.- 8. Karl Roth IL, Kaichen- 9. Karl Bierau, Friedberg- 10. Jean Dem, Gießen; 11. Richard Wester- nadjer, Ltndheim- 12. Hermann Mettenheimer, Gießen - 13. Karl Wilhelm Bernbeck, Friedberg- 14. Heinrich Wilhelm Jacob Brack, Altenstadt- 15. Georg Geck II., Melbach - 16. Frhr. Moritz v. Leonhardt, Groß-Karben- 17. Adam Peter Pauli, Leihgestern- 18. Georg Philipp Müller, Ober- Hörgern- 19. Emil Ptstor DL, Gießen- 20. Arnold v. Jungen- feld, Gießen- 21. Christoph Leonhard, Okarben- 22. Heinrich Hahn, Hartershausen- 23. Balthaser Häuser L, Steinberg- 24. August Klipftetn, Laubach- 25. Karl Diehl, Münch- Leusel- 26. Heinrich Euler, Ober-Breidenbach - 27. Ludwig Kiesselbach, Butzbach- 28. Johanne« Weil, Münzenberg - 29. Hermann Zorn, Hoch-Wetsel- 30. Heinrich Neeb, Nieder- Ohmen.

H. Stadttheater. Da« lobenöwerthe Bestreben unserer geschätzten Theaterdirection, immer Nene« und Effektvolle« zu bieten, bestätigte fich wiederum durch die Gewinnung de« Ballet'Ensemble«Excelsior", welche- gestern Abend zum ersten Male das sehr zahlreich erschienene Publikum durch seine vorgeführten Productioucn entzückte. Die Au-sührnng des theatralischen Tanzes, de« Ballets, ist jetzt viel voll­kommener, aber auch schwieriger, als e« in früheren Zetten der Fall war und kann die« durch die an größeren Bühnen inscentrteu Pracht- und prunkvollen Balletaufführnngev, mit welchen pompöse Ausstattungsstücke sich den Beifall der Menge erobern, bestätigt gefunden werden. Der Hauptzweck dieser Tanzkunst, durch stumme Geberden menschliche Em- pfindungen und Leidenschaften künstlerisch darzustellen, sowie der gute Geschmack für da« Schöne und wirklich Anmuthtge in der An-führung choreographischer Erfindung-gabe, leidet zwar sehr oft und verliert fich in Entartung, doch behauptet fich in Deutschland noch eine bessere Richtung, die in Ver­körperung vollkommener Grazie unter Zuhilfenahme wirkungs­voller scentscher Ausstattung wahrhaft Künstlerisches zu erreichen und festzuhalteu bestrebt ist. Wa« nun die Leistungen de« Ballet'Ensemble«Excelfior" betrifft, so schließen wir nn« den lobenden Urtheilen auswärtiger Berichte voll und ganz an. In dem erst gebotenen Balletdivertiffement einer Walzer- Fantasie zeichnete sich besonder« die Solotänzerin Fräulein Kunschmann durch ihren mit allem Reiz und Zauber der