Ausgabe 
19.10.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 245

Der thpan **jrte<r erscheint täglich, Bit LnSnahme de» Montag».

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1997

Zweites Blatt. Dienstag den 19 Oktober

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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Amtliche- Theil.

Bekanntmachung.

In Ruhlkirchen, Kreis Alsfeld, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrocheu und deshalb Gemarkungs­sperre angeordnet worden.

Gießen, den 16. October 1897.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Betr.: Den Schutz junger Obstbäume gegen Hasenfraß.

Wir machen die Landwirthe unseres Kreises darauf auf­merksam, ihre jungen ObstbSume in gehöriger Weise gegen Haseufraß zu schützen. Da» Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, wie vielfach üblich ist, ist nicht genügend, da der Hase diese beiden Scbutzmittel leicht durchnagt- auch nisten stch i« Stroh gern Obstbanmschädlivge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbiuden der Bäume mit Dornen. Bei der großen Bedeutung, welche der Obstbau zur Zeit hat, liegt eS im dringenden Jrttereffe der Landwirthe, ihren Bäumen diesen leicht und billig zu beschaffenden Schutz aogedeihen zu lasten.

Besonders bemerken wir hierzu noch, daß nach Art. 2 des Gesetzes vom 1. Juni 1895, den Ersatz des Wildschadens betreffend, Wildschaden nicht ersetzt wird, wenn derselbe stch ereignet an Obstbäumen, deren Ägevthümer Unterlasten hat, dieselben mit den unter gewöhnlichen Umständen ausreichenden Schutzvorrichtungen zu versehen.

Gießen, den 17. Octoder 1897.

GrohherzoglicheS Kreis amt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 16. October. Da» Geburtsfest Sr. Kgl. Hoheit der Erbprinzen von Sachsen Coburg und Gotha wurde gestern im Kreise der Grobherzoglichen Familie hier gefeiert. Während deS LuncheovS spielte die Capelle deS 2. Großh. Dragouer-RegimeutS (Leib-Dragoner-Regiment») Nr. 24 im Garten des Reuen Palais. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin von Rußland und Ihre «gl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin begaben stch heute Abend

uach Eoburg, wo morgen daS GeburrSsest Ihrer Katserl. und Sgl. Hoheit der Herzogin von Sachsen-Loburg uud Gotha gefeiert wird, und kehren nach zweitägigem Aufenthalt hierher zurück.

Arssäs»-.

Zürich, 16. Oktober. Ja Luzern strtkeu bis jetzt 400 italienische Maurer wegen Lohndiffereuzen. Die Polizei reichte zur Aufrechterhaltung der Ordnung nicht aus, weshalb Militär requirirt werden mußte.

Wie», 16. October. Im Gemeinderathe beantragte gestern der deutschnationale Dr. Fochler unter Hinweis auf die Zunahme der tschechischen Bevölkerung in Wien und deren nationalen Uebergriffe, daß künftig kein städtisches Amt und keine städtische Arbeit mehr an Tschechen vergeben werde.

Finfkirche«, 16. October. Im Kohlenbergwerk der Donau- Dampfschifffahrt» - Gesellschaft erfolgte gestern eine Gas­explosion auS unbekannter Ursache. Ein Arbeiter wurde getödtet, fünf schwer und 20 leicht verletzt.

8»nl»i, 16. October. Im Widerspruch zu dem gestrigen Gerücht, wonach ein türkisch-bulgarisches Bündniß dem Abschluffe nahe stehe, behauptetDatltz fDtatl", daß gegen­wärtig die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht die besten seien.

Lrndr«, 16. October.Daily News" läßt sich aus Berlin melden, daß man in Konstantinopel große Borde- reituogeu treffe zum Empfang des deutschen Kaisers, der nächstes Jahr auf der Durchreise nach Jerusalem fich dort aufhalten werde.

Die wichtigste Frage der Zeit.

DaS Uhreuzeicheu kommt!" Dieser Ruf erschallt jeden Morgen zu bestimmter Stunde an Über 10000 Orten Deutsch­lands tu sämwtlichen mit Telegraphenbetrieb verbundenen Post­ämtern. Jeden Morgen, im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr, wird nämlich vom Haupt-Telegtaphenamt zu Berlin über ganz Deutschland durch ein Signal die genaue mittel« europäische Zett übermittelt. Wir haben tu ganz Deutsch­land nur zwei richtig gehende Uhren. Beide stehen in der Königlichen Sternwarte am Encke-Platz, und zwar zeigt die eine Uhr, für mathematische Rechnungen bestimmt, Stern- tage, deren da- gewöhnliche Jahr 366, da» Schaltjahr so­gar 367 hat, während die zweite Uhr Sonnentage und mittlere Zeit anzeigt. Diese zweite Uhr ist die Normal-Uhr

für das ganze bürgerliche Leben Deutschland». Die mittel­europäische Zett ergtebt sich durch Additton eine» gleich- bleibenden Zettintervall» (für Berlin circa zehn Minuten).

Eine dritte Uhr zeigt mitteleuropäische Zett an. Alle drei Uhren werden in übereinstimmendem Gang erhalten und bei klarem Wetter jeden Mittag uud jede Mitternacht durch Sounen- resp. Sterneubeobachtung controlirt. Sternwarte und Haupttelegrapheuamt find durch eine« Leitungsdraht ver­bunden, welcher hüben wie drüben in einem Morse-Telegrapheu- Apparat endigt. Da» Haupt-Telegraphen-Amt besitzt nun ebenfalls eine gut regulirte, große Uhr mit Seeuudenpendel und Secundenzetger, und zwar steht diese Normal-Uhr tu einem besonderen Raum deS ersten Stockwerks neben dem sogen. Thurmztmmer. Neben dieser Uhr befindet sich auch der vorerwähnte Morse Telegraphen-Apparat, doch steht die Uhr selbst tu keiner direkten Verbindung mit der Sternwarte.

Die Controle und Regultrung dieser Normal Uhr de» Haupt-Telegrapheu-Amt» erfolgt durch mehrfache», uach Secunden abgemeffene» Drücken auf die Morse-Taste, worauf die Sternwarte die ermittelte Differenz dem Amt tele­graphisch mittheilt. Diese Differenz beläuft sich nut auf Bruchtheile von Secunden. Nach dieser Normal-Uhr wird nun Punkt 7 Uhr früh da» Uhrenzetchen über ganz Deutsch­land gegeben. Zu diesem find alle Leitungen, auch die mit Hughes betriebenen, auf Morse gelegt und alle Apparate mit Beamten besetzt. Zehn Minuten vor 7 Uhr ertönt ein von einem vor der Normal-Uhr postirten Beamten gegebene» kurze» Klingelfignal durch alle Räume. Fünf Minuten vor 7 Uhr mahnt ein längere- eindringliches Klingelzeichen zu« Aufpaffen. Der Betrieb auf allen Linien wird eingestellt. Punkt 7 Uhr auf die Sekunde ertönt die Glocke, und sämmt- liche Morsetasten werden auf den ArbeitScontact gedrückt, wo fie genau eine Minute verbleiben.

Der Strom sämmtlicher Batterien de» Haupt Telegraphen- Amte» fließt nun durch sämmtliche Leitungen über daS ganze Reich, überall durch Anziehen deS Anker» genau die Zett von 7 bi» 7,01 marktrend. Ein abermaliges Klingelzeichen und der Bann ist gelöst. Alle Tasten find in Bewegung, und durch ganz Deutschland geht der Gruß:h b l n g m m r" (Hier Berlin, guten Morgen, Monfieur), und von allen Aemtern kommt e» zurück:h b g g r" (Hier Hamburg rc., guten Morgen, Monfieur). Und dann geht eS gleich los. Berlin sagt:f g" (Fertig, ich habe Telegramm), da» andere Amt antwortet:l" (Komm, ich bin bereit), und der Betrieb beginnt.

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Feuilleton.

Die beiden Virr-Feldwrbel.

«US den »tiefen von Fräulein Anna Schröder en ihre Freundin Gustel mUgethellt von Fritz Wold eck.

(2. Fortsetzung.)

Neuenteich, 27. 8. 1894. Gustel!

Neber da» eine Wort kann ich'» nicht bringen! 6» ist entsetzlich, wa» ich Dir zu berichten habe. Al» ob e» an der einen Blamage noch nicht genug gewesen wäre! Gestern bekommen wir also richtig neue Einquartierung, wieder ein Vice-Feldwebel mit vierzig Mann. Als wir fie von fern sahen, ritt Papa auf» Feld und ich setzte mich in die Plättstnbe und trennte da» neue Kleid auf, denn offen gestanden die Taille fitzt doch nicht so recht, und jetzt brauche ich'» ja nicht mehr. ES ist da» die letzte Ein­quartierung, die wir bekommen- nachher rücken die Truppen weiter ostwärt» zum CorpSmanöver, sagt unser Verwalter.

Ich ließ mich während deS ganzen Nachmittag» nicht am Fenster sehen, denn ich wollte doch den Herrn Bice- Feldwebel, der gewiß von seinem Kameraden gehört hatte, wie gastlich dieser bei uns ausgenommen war, nicht verletzen. Nachmittag» traten die Leute wie immer an, da» konnte ich hören, aber nicht da» Fluchen, wa» ich dabei unerläßlich glaubte. Auch Abends ging ich nicht aus dem Hause- erst heute vormittag, als die Soldaten zum Exereiren abgerückt waren, denn am Nachmittag hatte ich ja doch wieder Stuben- Arrest. Ich wollte eben durchaus keinen Soldaten sehen. Gegen fünf Uhr aber war zu schön, al» daß ich länger hätte im Zimmer aurhalten können. Ich zog ein ganz un­scheinbare» Kleid an Du weißt doch: da» marineblaue Pereal mit den weißen Tupfen und schlich «ich durch bin Garten in den Wald nach meinem LieblingSplätzchen, wo btt Bach um die großen Granit-Findlinge murmelt und die Buchen ihre Aeste in Spitzbogen zueinander neigen. Papa» Diana wie stet» hinter mir. Als ich näher komme, ist die

Bank besetzt- natürlich auch wieder einer von der Ein­quartierung! Ich will mich unbemerkt zurückztehen, aber Diana knurrt den Soldaten an. Ich eile natürlich hinzu, denn ich weiß, daß Diana keinen Spaß versteht und der Soldat vielleicht auch nicht- der springt auf und vor mir steht o ihr allmächtigen Götter! der Affeffor Klenzig. Auch al» Bice-Feldwebel da» sah ich an den großen Knöpfen am Kragen und an dem Schleppsäbel: so viel hatte ich schon gelernt.

War der etwa bei unß einquartiert? Hatten wir den der zweifelhaften Kochkunst der Frau Verwalter und der Gesellschaft der Unteroffiziere Überlaffen? Aber nein, er hatte ja 40 Manu bet sich, und die vertraut man, wie der Hauptmann gesagt hat, einem OffizierS-ASpiranten nicht an. Jedoch tu der Nähe ist kein andere» Gut die Osfiztere liegen beim Grafen eine Meile von uns. Alle» da» schwirrte wir durch den Kops in einer Secunde so sollen Er­trinkende im letzten Moment ihr ganze» Leben in einem Augenblick an fich vorüberziehen sehen und natürlich platzte ich mit einer ungeheuren Dummheit heraus:

Ah, Herr Affeffor, find Sie auch hier in der Gegend einquartiert?"

Gewiß, gnädige» Fräulein! Auf Reuenteich."

Ich glaubte, der Buchendom bräche Über mir zusammen.

Auf Neuenteich?! Bei un»?! Aber ist daS möglich, daß man Ihnen vierzig Mann anvertraut? Da» konnten wir ja nicht ahnen."

Sehr schmeichelhaft!" entgegnete der Herr Affeffor, Du kennst ja sein spöttische» Lächeln.Also «an ver­traut mir keine vierzig Manu an?"

Ja, der Hauptmann von Gellin sagt eß," antwortete ich, alß ob ich acht Jahre alt wäre.

Nun, dann ist wenigstenß keine persönliche Beleb digung - der ist ja von dem anderen Regiment."

Sie find also so ganz besonders tüchtig?" rufe ich weiter in meiner Verlegenheit, nnr um etwa» zu sagen.

Wenn eine besondere Tüchtigkeit dazu gehört, um mit Hilfe eine» Sergeanten und zweier Unteroffiziere fieben-

unddretßig Manu zu befehligen, dann bin ich so tüchttg." Wieder daß spöttische Lächeln.

Und warum haben Sie fich bei unß nickt sehen lassen? Sie mußten doch wiffen, wer Schröderß auf Neuru- tetch find."

Der Name Schröder ist sehr verbreitet und daß Ihre Heimath gerade Neuentetch hieße, daran dachte ich wirk­lich nicht mehr, gnädigeß Fräulein."

Daß Ungeheuer hatte den Namen unseres Guteß ver- geffen! Da fiehst Du, wie Unrecht Du mit Deinen Necke­reien hattest! Keine Spur von Interesses Daß ist doch sonnenklar I

Aber nun machen Sie unß doch heute Abend daß Ver­gnügen?" sage ich jetzt ganz ruhig, da ich nun wußte, daß er kein wärmere» Gefühl für wich empfand.Papa wird fich sehr freuen."

Ich bedauere unendlich! Ich habe mtt einigen Herren vom Regiment, welche die Gastfreundschaft de» Herrn Grafen ebensowenig Über die Gebühr in Anspruch nehmen wollen, wie ich die de» Verwalter», ein Zusammentreffen in dem Wtrthßhau» an der Kreuzung der beiden Chauffeen verab­redet." Dabet sah et nach der Uhr.Gnädige» Fräulein, Sie entschuldigen mich!"

Er legte die Hand an die Mütze, schlug die Absätze zu­sammen, daß der Säbel nur so klirrte, und fort war er.

Wenn mir meine Frisur nicht immer so entsetzliche Mühe wachte, hätte ich mir die Haare gerauft. Wa» wird Papa sagen? dachte ich und raffte mich auf, um heimzugehen. Papa sagte gar nicht», alß:

Na, e» ist gut, daß er morgen früh abmarschirt- aber ein ordentliche» Frühstück soll er doch mitbekommen, und ich werde bei Zeiten au» den Federn sein, um mich bet ihm zu entschuldigen."

Gute Nacht, Gustel! ES ist jetzt ein Uhr, vielleicht kann schlafen

Deine völlig gebrochene

Anna.

(Schluß folgt.)