Ausgabe 
19.2.1897 Zweites Blatt
 
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Der Vorstand.

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Nv. 42 Zweites Blatt. Freitag den 19. Februar 1S9?

Der

Giehener Anzeiger erfcheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener

A« mikien v tatter «erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelrgt.

Gießener A nzeig er

Kmerat-Anzeiger.

Vierteljähriger Äbonucmcntsprets: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

SchntgraßeAr.7.

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Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

chratisöeikage: Hießen« Ifamikienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Lorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» ' Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 15. Februar 1897.

Betr.: Lehrmittel in den Volksschulen und erweiterten Volksschulen.

Die

Grotzh. Kreis-SchuleovunWou Gießen

au die Tchnlvorftärrde des Kreises.

Die oberste Schulbehörde hat bestimmt, daß für die rrweiterteu Volksschulen das für die einfachen Volksschulen aufgestellte Verzeichntß der etnzuführenden Lehrbücher nicht maßgebend sein soll, sondern daß bet Einführung eines Lehr­buches in jedem einzelnen Fall die Genehmigung des Großh. Ministeriums einzuholen ist, wonach Sie fürderhin handeln wollen.

Als Lehrmittel für die erweiterten und auch für die einfachen Volksschulen empfiehlt vorgenannte Behörde die geographischen Lehrmittel von Reallehrer Adolf Mang in Heidelberg:

1. Tellurium-Lunarium. Preis 25 Mk. L. Preis

15 Mk. (Hierzu Gebrauchsanleitung je 1.25 Mk.)

2. Eine ganz einfache Ceutrifugalmafchine zur Erklärung der Abplattung der Erde usw. Preis 8 Mk., mit Fuß 10 Mk.

3. Zerlegbares Hortzoutarium zur Darstellung des scheinbaren Laufes der Gestirne. Preis 25 Mk. (Jllustrirte Anleitung 1.25 Mk.)

Zur Einführung in vier« bis achtklassige Volksschulen sind von dem Realtenbuch von Müller & Völker (Verlag oon Emil Roth in Gießen) folgende Hefte zugelassen worden:

1. Pflanzenkunde. 2. Der menschliche Körper. 3 Thier­kunde. 4. Naturlehre. 5. Geographie. 6. Geschichte.

v. Gajger n.

Bekanntmachung.

Die Directionen des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Mannheim und des Badischen RennveretnS Mannheim werden aus Anlaß des Anfangs Mai l. I. in Mannheim abzuhaltenden Pferde« und RindviehmarkteS etue Verloofung von Pferden, Rindvieh und gewerblichen Gegenständen veranstalten, bet welcher 60000, eventuell btö zu 100000 Loose ä 1 Mk. auSgegeben and Gewinne tm Gesammtwerthe von 36000, eventuell bt« zu 60000 Mk. verlasst werden sollen.

Großherzogliches Ministerium des Innern hat den ge­dachten Unternehmern auf ihr Nachfuchen gestattet, die zur Ausgabe gelangenden Loose im Großherzogthum zu vertreiben.

Gießen, den 16. Februar 1897.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend: Gesuch des S. Nußbaum von Gießen um Genehmigung zur Errichtung einer Anstalt zum Trocknen und Einfalzen ungegerbter Thierfelle.

Der S. Nußbaum von Gießen beabsichtigt auf dem Grundstück Flur VII Nr. 35 und 36 am Gleiberger Weg (Neustädterfeld) in der Gemarkung Gießen eine Anstalt zum Trocknen uad Einsätzen ungegerbter Thterfelle zu errichten.

Pläne und Beschreibung hierüber liegen bis Montag den 22. l. M. auf dem Bureau der unterzeichneten Behörde zur Einsicht der Interessenten offen.

Bis zu dem bezeichneten Tage können Einwendungen gegen die Anlage bet uns vorgebracht werden.

Gießen, den 17. Februar 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold. »SSB

R. Reichelsheim i. W., 17. Februar. Unser Städtlein wurde gestern früh dadurch in Bewegung gesetzt, daß sich am Rathhause und einigen anderen Gebäulichkeiten Placate, fein säuberlich in Rundschrift ausgeführte, auf hölzernen Schildern aufgeklebte Pasquillen befanden, worin etliche hiesige Einwohner durchgehechelt wurden. Also so eine Art Haberfeldtreiben auf schriftlichem Wege.

Kr. Stade», 15. Februar. Dem Verwalter des Guts­besitzers May ist heute hier ein schreckliches Unglück pasfirt. Derselbe war mit dem Kutscher seines Herrn auf der Entenjagd. Durch Unvorsichtigkeit entlud sich die Flinte, ging dem Kutscher in den Oberschenkel, woran derselbe heute starb. Der Verwalter, ein hier allgemein geachteter Mann, wird sehr bedauert, er hat sich sofort an dem Gerichte gestellt.

E. Echzell, 17. Februar. Infolge des eiugetretenen trockenen, hellen Wetters haben die Arbeiten an der neuen Bahnlinie, besonders die Grundtransporte, wieder be­gonnen. Die Bersteinung der Linie, Aufbringung der sog. Packlage, steht in naher Aussicht. DaS Hochwasser, daS sich jetzt saft ganz wieder verzogen hat, fügte den Bahnan-

lagen keinen Schaden zu. Auf den großen Wiesenflächen, die überschwemmt waren, treiben sich massenhaft Wasservögel umher, denen aber schwer betzukommen ist. Mehrfach ver­suchte Fischzüge an der Horloff in unserer Umgegeud haben bis jetzt keine sonderlichen Erfolge gehabt. Da» Ehepaar Schultheiß, das im Herbste seine diamantene Hochzeit feierte, ist durch den Tod des Mannes, der getter« zur letzten Ruhestätte geleitet wurde, getrennt worden- die Jubilarin ist noch gesund und kräftig.

Citeratur uub Arrnst.

I/Kcho littSraire, publi6 par Aug. Reitzel (Heilbronn. Eugen Setzer). Sem. 2.. Für die Gediegenheit dieser Zeit­schrift spricht am besten der Umstand, daß fiH bereits tm 17. Jahr­gang erscheint, demnach einem wirklichen Bedürfnisse entgegenge- kommen ist. Sie ist eines der anziehendsten Hilfsmittel zur Befestig­ung und Erweiterung der erworbenen Kenntnisse im Französischen. Dabei ist sie außerordentlich billig Sie enthält Romane, Novellen, Gedichte, wissenschaftliche Aufsätze, Grammatik und UeberletzungS- übungen, Briefe, Räthsel. Es sind in diesem Blatt Schriftsteller ver­treten, die zu den besten der Gegenwart gehören. Selbstverständlich enthält die Zeitung nichts Anstößiges, so daß sie geradezu als Fa­milienblatt sich eignet. Jede folgende Nummer bringt die franzo- stche Übersetzung der in der vorhergehenden enthaltenen UebersetzungS- Übungen. Zahlreiche Anmerkungen machen es möglich, ohne zeit­raubendes Suchen im Wörterbuch zu lesen. Wer das Echo littenure kennt, mag es nicht mehr vermissen; denn eS giebt in dieser Art nichts, das ihm gletchkommt. Der Herausgeber ist ein gründlicher Kenner des Französischen, und das erklärt auch die Vortrefflichkeit feines Blattes. Wir möchten außerdem noch darauf aufmerksam machen, daß im neuen Jahrgang außer einer Romanbeilage (Ren6 Bazi», StSphanette), noch als weitere eine Anthologie des poetea fran^ais au XIX aieole beigegeben wird-

Wöchentliche Ueberftchi der Todesfälle in Siete».

7. Woche. Vom 7. Februar bis 13. Februar 1897. Einwohnerzahl: angenommen zu 23 000 (tncl. 1600 Mann Militär). GterblichkettSziffer: 22,60, nach Abzug der Ortsfremden 11,30°/».

Kinder

ES starben an: Zusammen: Erwachsene: tm oo«

1. Lebensjahr: 2.15.3«6c

Influenza Krebs

1

1 (1)

1

1 (1)

Lungenschwindsucht

1 (1)

1 (1)

Herzfehler

1 (1)

1 (1)

Gallensteinen

1 (1)

1 (1)

Wochenbettfieber

1

1

Altersschwäche

1

1

Lungencatarrh

2 (1)

2 (1)

Krämpfen

1

1

Summa: 10 (5)

7 (4)

2 (1)

1

A n m. Die in Klammern gefetzten Ziffern geben en, wie viel« der Todesfälle in der betreffenben Krankheit auf von au»wärts nach

Gießen gebrachte Kranke kommen.

AmMetsn.

Dienstmädchen und Fabrikmädchrn.

(Schluß.)

Mutter, dort kommt der Vater! Gelt, jetzt bekommen wir ein Stückchen Brod?"

Die Frau zuckte zusammen und schüttelte sich wie im Fieber.

Ist» Traum, ist« Wirklichkeit, wa» nun folgt? Sie weiß e» nicht mehr, der höllische Vorgang wiederholt sich zu oft. Sie hört wüstes Fluchen, Ktndergewimmer, Schläge fallen auf fie nieder, bis sie bewußtlos zufammenbricht. Und wie fie wieder zu sich kommt, da kauert fie in einem Winkel an der schmutzigen Wand und vor ihr liegt auf einem eklen Lager ihr Mann und schläft feinen Rausch aus.

Ach, wo find die Träume der Jugend? WaS ist aus ihr, der einstmals fo gefeierten Wanda geworden? Die Jugend hat ihr ein Paradies versprochen, aber da« Schicksal hat fie in eine Hölle geführt, aus der eS keinen Aus- gang gibt.

DaS Schicksal? Nein, nein, fie weiß eS längst, sie fie allein hat diese Hölle geschaffen. Sie allein ist schuld, daß au» der schöaeu Wanda ein elende», verkommene», fchmutzstarrende» Weib geworden ist. Sie allein trägt die Schuld, daß au» ihrem Manne, einem früheren braven und fleißigen Maschinenwärter, dieses Thier geworden ist, da» fich vor ihr sinnlos trunken auf dem Lager wälzt. Langst ist ihr die Erkenntuiß gekommen:Du bist Frau geworden, aber Du warst keine Hausfrau!" Bon der bittersten Reue gefoltert, ringt da» Weib die Hände und stöhnt auf vor seelischem Schmerz.

Der Säugling wälzt sich auf dem Boden und wimmert. Die Frau achtet nicht darauf.

Ach, Mutter, liebe Mutter, gib un» doch ein Stückchen Brod!"

Erst zaghaft, wird die Bitte der Kinder immer lauter und dringender.

Mutter, liebste, gute Mutter, nur ein kleines Stückchen! Sieh mal, nur fo viel.!"

Ganz nahe hält eine» der kleinen Mädchen feine mageren Hände vor dem Gesicht der Mutter zusammen.

Da rafft fich die Frau aus ihrem Brüten auf. Ver­gessen ist das Elend und hoch auf wallt ia ihr die Mutter­liebe. Hastig ordnet fie ihre dürftige Kleidung, rafft den Säugling vom Boden auf und eilt hinunter in das Thal, dorthin, wo fich neben der qualmenden Hütte eine lauge Häuserreihe hinzieht.

Wer im Jndustriebezirk die Hände fleißig rührt, der bringt e» schon zu etwas, und namentlich ein tüchtiger Hand­werker findet hier den goldenen Boden, von dem das Sprich­wort erzählt. Als armer Handwerksbursche war der Bäcker­meister Held einst eingewandert und heute besitzt er ein eigen Haus, nebenbei ein ganz nettes Sümmchen, einen guten Ruf und das ehrende Amt eines Gemeindevertreters. Frei­lich hat er e» fich die Jahre hindurch fauer werden lasten, aber er wäre lange nicht so wett gekommen, wenn er nicht eine so tüchtige, wackere Frau wie seine Marie,seine Heldin", gefunden hätte.

Gegenwärtig hat sich Marie tm Laden niedergelasten und ist mit der AuSbefferung von Ktnderkleideru beschäftigt. In der rundlichen, behäbigen Frau würde Mancher nicht mehr da» ehemals fo unscheinbare Dienstmädchen erkennen. Eben ist fie mit der Betrachtung einer geradezu unnatürlichen Woude eines KnabenbetnkletdeS beschäftigt, da öffnet fich die Ladeuthüre und in dem Eingang bleibt eine hohe Fraueu- gestalt mit einem Kinde auf dem Arme stehen. DaS «eußere

de» Weibes erweckt Mitleid und Grauen zugleich. Entsetzt springt die kleine Bäckersfrau von ihrem Seffel auf.

Um GotteSwillen, Wanda, Du btst'S? Und v^te fiehst Du aus? DeinLKopf "

Mein Mann hat mich geschlagen."

Du Aermste!"

Laß das Mitleid. Schenk mir nur noch einmal ein wenig Brod. Die Kinder hungern so!"

Gleich, gleich, aber setz Dich doch erst. Ach, da» arme Würmchen!"

Im Fluge hat nun Marie einen Korb mit Eßwaare« gefüllt.

Da, nimm und"

Ach, wie gut Du doch immer bist!"

Nimm, nimm und geh! Die Kinder sollen nicht hungern!"

Damit schiebt die energische Wohlthäterin die arme Jugeufreundin zur Thür hinaus.

ES geht nicht auderS, die Kinder müssen inS Waisen­haus." Mit diesem Gedanken hat sich Marie wieder tm Sessel niedergelassen und die Flickarbeit zur Hand genommen.

Der warme Herbstsoonenschein drangt fich weiter in de» Laden hinein und spielt bald auf dem Schooße der fleißigen Frau. Da taucht plötzlich, fie weiß nicht wie, das Bild eines Sonntag-Nachmittags auf die schöne Freundin, die wehenden Federn die Nadel ruht in den sonst so flinken Fingern, ein verklärender Schein fliegt über daS stille Ge­sicht und die Hände finden fich in innigem Dankgebete zu­sammen.

Ja, Marte Held ist heute im ganzen Orte als die tüchtigste Hausfrau bekannt, und im Frauenvrrein scheuen fich die vornehmsten Damen nicht, ihr die Hand zu drücken. Nächstens wird für die Fabrtkmädchen eine HauShaltung»- fchule errichtet, und mau weiß heute schon, wem die «usficht über diese Schule übertragen wird.