Ausgabe 
10.11.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 264 Zweites Bleit. Mittwoch de« 10. November

1SOT

Der

Gießexer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener ^^«itieuvtLiter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelrgt.

Gießener Anzeiger

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig * * freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwMgen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen­den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll­ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Eommiffion nur dann einzureichen, roemt der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs­pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufent­haltsort hat.

2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird.

Der Nachweis der Berechtigung zum ein­jährigen Dienst ist bei Verlust des Anrecht» spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen. (Wenn z. B. mit Rücksicht auf das Lebens­alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus­geschoben, das vorschriftsmäßige Schicheugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April nachfolgen werde.

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a) Geburtszeugniß;

d) Einwilligungs - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit­willigkeit, den Freiwilligen während einer ein­jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig- keitlich zu bescheinigen;

c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real­gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasten, Real­schulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Director der Anstalt, für alle übrigen jungen

Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte | Dienstbehörde auszustellen ist;

d) das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zu poa. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein muß.

Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmüich nach Muster 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 Reg.-Bl. Nr. 27 von 1894 ausgestellt sein müssen.

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.

Großh. Prüfungs-Commission für Einjährig - Freiwlllige zu Darmstadt.

Der Vorsitzende: Dr. Kayser.

Kinzenbach, 7. November. Ein stattlicher Trauerzug bewegte sich heute Nachmittag durch unser Dorf. Der hie­sige ueugegrüudete Kriegerverein hatte zum ersten Male Gelegenheit, einem verstorbenen Mitgliede da» letzte Geleit zu geben. Am Grabe sangen die Krieger ein einfache» Grablted, welche» auf die Trauerversammluug einen er­greifenden Eindruck machte.

Frankfurt a. M, 6. November. Eine gelungene Epi­sode, die trotz der traurigen Veranlassung zur Heiterkeit reizt, hat sich kürzlich auf dem hiesigen Friedhöfe abgespielt. Ein verein gab einem Mitgliede da» letzte Geleite. Der VereinS- diener trug einen großen Kranz und der BereinSvorfitzende eine große Rede bet sich. Al» er beginnen wollte, gab er dem Diener ein Zeichen, mit dem Kranze vorzutreteu. Die­ser verstand da» Zeichen falsch, trat vor und sandte dem Verstorbenen einen längerenwarmen Nachrufs in da» kühle Grab nach. Der Vorsitzende und die zahlreichen Mitglieder sperrten Mund und Nase auf, und ehe sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, hatte der redelusttge und redegewandte BeretnSdiencr mit einer schwungvollen Apostrophe an den Heimgegangenen geendet. Der Vorsitzende aber nahm seine Rede wieder mit nach Hause.

* Halle a. d. 6., 6. November. Durch den Scharf­richter Retndel wurde heute der wegen Ermordung de» Spar­kassenrendanten Böttcher in Wettin zum Tode verurtheilte GertchtSsecretär Hering enthauptet. Ein Geständoiß der That hatte er nicht gemacht.

* Gleiwitz, 4. November. Die hiesige Strafkammer verurtheilte den Stenographen Franz wegen Beleidigung

de» Srcondlteutenant» Bötze vom 22. Infanterie-Regiment zu 300 Mk. Geldstrafe. Franz hatte dem Lieutenant beim Betreten eine» Restaurants®uten Abend, Brüsewitz!" zu- gerufen.

Wilhelmshaven, 6. November. Der 20jährige Werft­arbeiter Gl äs en er wurde in der letzten Nacht von einem Matrosen 2. Klaffe durch Messerstiche getödtet.

Budapest, 7. November. Im Ofener Bürgerclub spielte gestern der in Berlin preisgekrönte Schachspieler Charousek gleichzeitig 18 Schachparthien, von denen er 16 gewann, eine verlor und eine remis wurde.

Die bösen Röntgenstrahle«! Hatte da ein biederer Einwohner von Hettstedt eine Rente bezogen, weil er an GeleukmauS leiden sollte- durch eine Durchleuchtung de» Kniegelenks mit Röntgenstrahlen ist der Mann nun nicht nur um seine GeleukmauS, sondern auch um die Reute gekommen.

Die Einhundertfünfnudfiebeuzigste Orieutfahrt ist e», dieEarlStaugens Reifebureau, Berlin^., Mohren­straße 10, am 8. Januar autritt. Diese Reise dauert 100 Tage und führt die Theilnehmer nach allen wichtigen Punkten de» Orients- in Aegypten wett über die Nubische Grenze bis zum zweiten Nilkatarakt, in Palästina zu allen bekannten biblischen Stätten, daun nach Kleinasien, Griechenland und der europäischen Türket. Diese Reise sowohl, al» auch die von demselben Bureau veranstaltete Sondersahrt nach dem Orient am 1. Februar mit dem eigens sür diesen Zweck gemietheten Schnelldampfer Bohemia vom Oesterreichtschen Lloyd finden bestimmt statt. Da bei der Sonderfahrt die ganze Seefahrt auf demselben Dampfer zurückgelegt wird, hat Carl Staugens Bureau für größte Bequemlichkeit Bor- sorge getroffen. Der Dampfer enthält 164 Betten, doch werden davon nur 120 bi» 125 untere Betten belegt. Eabiueu, deren Fenster nach der Innenseite de» Schiffe» gelegen find, enthält der Dampfer gar nicht. Alle Mitreisenden erhalten Verpflegung erster Klaffe. Die obere Leitung der Reise übernimmt Herr Laut» Stangen, Sohn von Earl Stangen, der nicht nur den Orient vtelmal», sondern alle Eulturftaaten der Erde wiederholt bereift und sich große Praxi» und Kennt­nisse tm Reisewesen erworben hat. Die fiebente Carl Stangensche Gesellschaftsreise um die Erde wird am 12. November angetreten.

Eine ungewöhnliche Art von vezahlnug leistete fich ein Fremder, der al» Ingenieur auftrat und io einem Gasthofe tu der Nähe des Dome» in Köln vornehm einige Tage fich seine» Daseins freute. Schließlich wurde ihm, al» er au»- gehen wollte, im Hausgang die Rechnung vom Kellner über­reicht. Der Gast nickte freundlich, nahm die Rechnung in Empfang und gab dem Kellner eine Ohrfeige, daß diesem Hören und Sehen verging. Ehe fich der Kellner von seiner Ueberraschung erholt hatte, war der Fremde aus Nimmerwiedersehen verschwunden.

Feuilleton.

Nieten!

Bon Ernst Konrad.

(Nachdruck verboten.)

Da» schadet gar nichts," erklärte der Bureauhilf»- arbeiter Wohlgemuth und legte da» Zeitungsblatt aus der Hand, au« dem er ersehen batte, daß seine Nummer auch bei der letzten Ziehung der Lotterie glattwegdurchgeraflelt" war.ES ist wir sogar ganz recht so, da die großen Gewinne schon heran» waren, hatte für mich die Sache jede» Interesse verloren. Man muß eben Geduld haben, auf den ersten Hieb fällt kein Baum."

Da hast Du vollkommen recht, lieber Mann," ant­wortete ihm seine kleine zarte Frau,aber fieh mal, nun tragen wir schon ein Jahrzehnt lang unser sauer verdiente» Geld zum Lotterie-Collecteur und noch immer ziehst Du lauter Nieten. Du weißt doch, wie nothwendig wir jeden röschen brauchen, wie ich mich einrichten muß, daß der Möbelhäudler ... und der Schuhmacher ... der Schneider und"

Weiß ich, weiß ich," unterbrach fie ihr Maun,da- nach geht» aber nicht. Einer der Hauptgewinne ist doch für mich reservtrt, ich calculire, der 500,000«, der wird» schaffen . . . Dann kriege ich so praeter propter für mein Zehntel etwa zweiundvierzigtausend, zweihundert und einige Mark, der Fiskus will ja auch seine Procente haben. Ich meine, daß man dann eine Billa kaufen könnte, gleich wie fie steht und liegt. Dann bleibt noch immer so viel übrig, daß man fich gute Tage machen kann. Warte, ich werde da» ausrechnen. Also circa 43 Tausend, Emmchen,

davon ab die Villa, und der Rest in preußische Consol» ] dreiprocentige, denn unsereiner hat mehr auf beffere Be- I Handlung denn auf hohe Zinsen zu sehen. Unserem Jungen, | der so um diese Zeit bet uo» eintreffen würde, würde ich eine Amme aus dem Spreewalde besorgen, daun melde ich ihn an beim Gymnafium, Staatscarriöre, Diplomat reicher Junge wie er ist ah, die Geschichte wird noch die Namen der Wohlgemuth» mit eherneu Lettern in ihre Tafeln etngrabeu . . /

Da» ist ja alles sehr gut und schön," wandte seine Frau ein,aber lieber wäre es mir schon, wenn Du mir Geld geben möchtest, damit ich Petroleum kaufen kann wir müffen sonst heute im Finstern fitzen."

Der Bureauhilfsarbeiter Wohlgemuth versank tu tiefes Nachdenken. Dann stülpte er fein Portemonnaie auf deu Tisch und begann die Häupter seiner Lieben zu zählen.

ES geht wieder einmal höllisch knapp her," erklärte er schließlich,vier Mark und neunzig Pfennige bilden mein ganzes Verwögen. Aber das schadet wieder nicht». Bald hagelt mir der Fünfhunderttausender ins Hau» . . . Wenn wir dann in der Billa wohnen und die Eousol» haben und unser Sohn Diplomat ist und die Wohlgemuth» hof- sähig find und . . ."

Und heute Abend mit dem Petroleum?" fragte seine Frau mit bittender Stimme.

Hm, nun ja, Petroleum," antwortete er etwa» verlegen.Solche Kleinigkeiten vergesse ich so leicht . . . Na, nun sei mal ein verständiges Frauchen, Du weißt, wa» auf dem Spiele steht. Hier hast Du vier Mark und vierzig Pfennige, damit erneuerst Du mein Zehntel. Dann besitze ich noch immer fünfzig Pfennige, die muß ich mir

sehr eintheileu. Aber das schadet bald ungezählte Tausende sein eigen mal ohne Licht schlafen gehen."

ES ist keine Kleinigkeit, ein

zu fein. Zum Glück war der Frau Ambrosia Langhuber die Wittwenschaft nicht schlecht angeschlagen- fie nahm nicht nur zu au Jahren, sondern auch an Körper und Gewicht. An die zwei Centn« war fie beinahe heran, und mit Grausen dachte fie an eine Entfettungskur ä la Schweuiuger. Sie liebte Ruhe, Ordnung, Reinlichkeit und war eineein­gefleischte" Feindin jeglicher Aufregung.

Deßhalb hatte fie auch die Controle der Ziehungslisten der Lotterie ihrem Nachbar, dem Barbier Frohwein, über­tragen zum Gedenken an ihren Seligen spielte fie noch immer dessen Zehntel (Nr. 10848) weiter. Gewonnen hatte ihr Seliger bei Lebzeiten nicht» und fie nach dessen Tode erst recht nicht» . . . Aber das erschütterte ihren Gleichmuth nicht, solche aufregende Sachen, wie viel Geld gewinnen, waren gar nicht nach ihrem Geschmack.

Da ließ fich eines Tages Herr Frohwein melden.

Sie sind beinahe ein Glückskind," begann der mit einem Eifer, der Frau Ambrosia schaudern machte.An einem Haar . . . es hing an einem Haar," rief der Barbier, indem er mit der flachen Hand klatschend auf die breite Liste schlug, die er auf dem Tische anSbreitete.Unglück­selige Frau, wie köuueu Sie solches Pech haben, ach, mau ahnts ja kaum ..."

Damit klappte er in einen Sessel, schlug die Hände vor» Gesicht und begann ganz jämmerlich zu stöhnen.

(Fortsetzung folgt.)

nichts . . Jemand, der nennen wird, kann auch

Dutzend Jahre Wittwe