Ausgabe 
7.11.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 262 Drittes Blatt. Sonntag den 7. November

1897

Der

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Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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«anüwirthschaftliche Winke und Kathschläge.

Was «acht -er Landwirt- im Manat November.

Von Dr. Agricola.

KO. Ist die AuSsaat von Wtntergetreide auf dem Feld» nicht bereits beendet, so muß dieses in den ersten Tagen deS Monats geschehen, in Süddeutschland kann auch noch etwas später gesät werden. Für die mitteldeutschen Verhältnisse ist eine frühe Saat einer späten stets vorzuziehen. Die Gespanne werden mit Mtstsahren beschäftigt. Die abgeladenen Haufen müssen sofort auSgebrettet werden, da selbst ein nur kurze Zett langes Liegen in kleinen Haufen Verluste an Pflanzennährstoffen verursacht. Am Besten ist ein so­fortiges Unterpflügen. Außerdem benutze man diesen Monat zum Anfahren von Mergel, Teichschlamm und anderer Düngererde, da­mit sie der Frost recht mürbe wacht. Tetchschlamm muß stets mit Vorsicht Verwendung finden, da derselbe häufig dem PflanzenwachS- thum schädliche Säuren enthält, deren Wirkung aber durch ein Aus­frieren gemildert wird.

Auf den Wies«« richtet sich jetzt die Bewäfferung thetls nach der Witterung, thetls nach der Berteselung im vorigen Monat. Ist die Wiese bereits schwarz, so braucht man die Bewässerung nur noch von Zett zu Zett vorzunehmen, anderenfalls wird ununter­brochen weiter gewäfiert, weil dann die Wiese noch nicht genügend gedüngt tst. October und November sind die wichtigsten Monate für dte Wtesenbewäfierung, da dte durch die Herdstregen ange­schwemmte Erde und somit viel düngende Bestandthetle tm Wasser enthalten find. Das Wasser braucht jetzt nicht blos zu überrieseln, sondern eS kann voll überflteßen, selbstverständlich dürfen hierdurch keine Abspielungen verursacht werden. Trockene und bemooste Wiesen werden in diesem Monat gehörig geeggt.

Im Weinberge tst jetzt dte Hauptarbeit, das Decken der Stöcke. Bei sehr günstigem Wetter kann auch noch geschnitten werden, das Schneiden vor Winter ist im Allgemeinen mehr zu empfehlen, wie im Frühjahr, da der Stock jetzt nicht so stark blutet. Die Gräben werden ausgeputzt und dte vom Wasser zusammenge­schwemmte Erde auf einen Haufen geschlagen.

Zur Anlage neuer Hopfenpflanznnge« muß jetzt mit der Zubereitung des Bodens begonnen werden.

Da nun die Arbeit etwa« leichter wird, so kann den Pferde« etwas Futter abgezogen werden, vorausgesetzt, daß nicht außerhalb der landwtrthschaftltchen Arbeit liegende Fuhren oorltegen, dte dte volle Kraft in Anspruch nehmen. Pferde, die auSrangtrt werden sollen, werden jetzt gut gefüttert und verkauft, damit man daS Winterfutter spart. Wenn auch diese im Frühjahr im Allgemeinen besser bezahlt werden, so kommen doch meist dte Kosten der Wtnter- futlerS nicht heraus. Trächtige Stuten werden geschont. Den Füllen laste man besonders gute Pflege angedeihen. Täglich min­destens zwei Mal sollten sie geputzt, oder, wenn sie hierbei nicht ruhig stehen, mit Stroh abgerieben werden. An schönen Tagen läßt man sie in den Miltagstunden frei auf dem Hofe Herumlaufen, da ihnen auch selbst der geräumigste Stall nicht genügend Bewegung bieten kann. Bewegung in frischer Luft ist für die Aufzucht etneS

jeden Thieres von allergrößter Wichtigkeit. Die zu verabfolgenden Getränke müssen eine Zeit vorher in den Stall gebracht werden, da­mit sie nicht zu kalt sind und überschlagen.

Das Rindvieh ist schon überall in den Wtnterstand gebracht und erhält noch theilweise grünes Futter, besonders Rübenblätter. Besonders wichtig ist es nun, sich eine EintheUung deS Winterfutter­vorraths zu machen, damit man auch ausreicht. Junges Vieh sollte auch tagtäglich eine Bewegung im Freien haben.

Dte Schafe dürfen jetzt nur noch bei gutem trockenem Wetter um die Mittagzeit oder nur wenig früher, jedenfalls nur, wenn Reif und Nebelfeuchttgkeit abgetrocknet sind, auf die Weide geführt werden. Je edlerer Raffe die Heerde ist, desto empfindlicher ist sie.

Bei Aufstellung der Schweine für den Winter sorge man stets dafür, daß gleich starke Thiere in den Stall kommen, weil sonst die schwächeren von den stärkeren vom Tröge weggebissen werden und dabei natürlich zurückkommen. Mastschweine müssen jetzt stärker mit Kraftfutter gefüttert werden. Wollen sie nicht mehr ordentlich mit Begierde fressen, so wechsele man häufig mit den Futtermitteln. Bei Eintritt von Frost muß das Mastfutter stets angewärmt fein.

Mit dem Mästen des Geflügel-, besonders der Gänse, kann noch fortgefahren werden. Zuchtfedervieh erhält zweckmäßig nun und in den folgenden kälteren Monaten eine einmalige warme Mahlzeit resp. Tränke.

Die Biene« müssen eingewintert sein. Tritt schon Frost und Schnee ein, so mache man die Läden der Bienenwohnungen zu und gestatte den Bewohnern an wärmeren Tagen, wenn diese schneefrei sind, einen Ausflug. Die Temperatur soll jan solchen Tagen nicht weniger wie 6° R sein.

In der Aorflwirthschafl werden der Samen der Hainbuche und Esche, sowie Fichtenzapfen gesammelt. Man betreibt nun eifrig die Pflanzungen der Laubhölzer. In den Samenschlägen beginnt der Hieb. Eichen- und. Buchensaaten müffen gegen Wild geschützt werden.

Hauptgegenstand der Jagd' ist nunmehr daß Wildschwein. Auch Hirsche, überschüssige alte Thiere und Schmalthiere können ge­schossen werden. Treibjagden auf Hasen, Rehböcke, Füchse rc. werden angestellt.

Dte kleine Aischerei auf Teichen und Seen wird bis zum Froste stark betrieben. Tritt dieser ein, so werden alle Fischerei- geräthe reparirt und an einem trockenen, vor Mäusen sicheren Orte in Verwahrung genommen. Die Fische in den Behältern erhalten regelmäßig Futter, als: Brot, Küchenabfälle rc. Frieren Teiche und Behälter schon zu, so versäume man nicht, die nothwendigen Luft­löcher in die Eisdecke einzuhauen und die Ab- und Zuflußgräben offen zn halten.

In der Harr-Wirt-schaft sind Dreschen, Flachs- und Hanf­bereiten, Spinnen und Frderschleißen dte gewöhnlichsten Arbeiten. Brunnen, Röhren rc. werden zum Schutz vor Frost mit Mist belegt.

Errichtung von Kornlagerhäusern auf Staatskosten.

In den Kreisen der Landwirthe aller deutschen Staaten wird die Frage der befferen Verwerthung der Felderzeugnisie als eine besonders wichtige angesehen und hat sich in Hessen die Zweite Kammer bereits 1893 damit beschäftigt. Eine 1895 in Gießen abgehaltene, von einigen Hunderten von Landwirthen besuchte Generalversammlung der drei landwirth- schaftlichen Provinzialvereine des Landes hat sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt und u. A. beschlossen, daß die Organisation des genosienschaftlichen Verkaufs des Getreides als ein Bedürfniß anzusehen sei. In denjenigen Landes- theilen, in welchen Lagerhäuser für die Zwecke des genoffen* schaftlichen Verkaufs nicht verfügbar sind, soll der Staat aus eigenen Mitteln solche errichten. Der Starkenburgische land- wirthschaftliche Provinzialverein hat 1896 die Angelegenheit wieder in Erinnerung gebracht und die Regierung um baldi­ges Eintreten in angeregtem Sinne ersucht.

In eingehender Begründung hat der Landesausschuß der hessischen landwirthschaftlichen Vereine die Gießener Be­schlüsse ausgenommen und die geäußerten Wünsche in Form eines Antrages der Regierung unterbreitet und darauf hin- gewiefen: 1) daß der mittlere und kleine Landwirth nicht in der Lage sei, größere Posten derselben Getreideart zu produciren; 2) daß er darum nicht direct an den Groß­händler, Großmüller, an Bierbrauereien oder Mälzereien verkaufen und den Großhandelspreis genießen könne und sich so des Zwischenhandels bedienen müsse. Darum habe die genossenschaftliche Organisation des Verkaufs zunächst die Aufgabe, die Functionen des Zwischenhandels zu übernehmen, das heißt aus den vielen kleinen Posten Getreide eine größere Menge gleichartiger Maare herzustellen, um dann zu Groß­handlungspreisen in directe Verkaufsunterhandlungen mit den Großhändlern rc. zu treten.

Um diese, in dem betreffenden Anträge näher ausgeführte Aufgabe übernehmen zu können, bedürfe die Genossenschaft mit der Bahn oder Wasser leicht zu erreichender Lagerhäuser, welche mit allen technischen Hülfsmitteln der Neuzeit außge» stattet seien, um das Einlagern, Trocknen, Sortiren und Verladen auf billigste Weise zu bewerkstelligen. Als Vor­aussetzung für vortheilhafte Benützung der Getreidelagerhäuser

Feuilleton.

Lyra», der Renommirhund.

Eine Fuchfenerinnerung von P. Grabein. (Forlietzung.)

Der erste Gang mit meinem neuerworbenrn Renonmur- Hund gestaltete sich so nicht gerade zu einem Triumphzuge - nicht minder fragwürdig war der Erfolg, den ich auf der Kneipe mit meinem neuen Schützling erntete. Ein donnernde- Gelächter war der allgemeine Ausdruck de- Hohnes der herz­losen Gesellen, und einige borhafie Bemerkungen, wie die, daß die Bestie eine Kreuzung zwischen einem Karnikel und einer Ratte sein müsse, die Bethätigung deS Witzes einiger besonder- stark veranlagter Individualitäten. Mit großem Eifer gab sich dann die ganze Corona der Aufgabe hm, für daSPrachtexemplar" von einer Dogge einen angemessenen Namen zu finden. Schließlich wurde daS unglückliche Thier auf den pomphaften NamenTyraS" getauft und zwar wurde nach studentischem Brauch die T»ufceremonie mit einem Bier­guß auf das Haupt deS Täufling» in so ergiebigem Maße au-geführt, daß dieser beinahe dadurch von allen weiteren Qualen seine- Lebens für immer befreit worden wäre. Der Tag war dergestalt für Hund und Herrn nicht gerade leicht und wir athmeten beide ersichtlich auf, als wir zu nächtlicher Stunde auf meinerGrotte" gelandet waren. Bald lag ich au-gestreckt im Bett und mein getreuer ThraS auf warmer Decke daneben.

Schon wollte ich mich in sanfte Träume verlieren, da störte mich ein leises Winseln au» seliger Ruhe auf. Scht! fatyr ich den Ruhestörer an und drehte mich auf die andere Seite. Einen Moment warS still, dann scholl daS Winseln von neuem.Donnerwetter, still!" rief ich ärgerlich und gab dem Bieh einen KlapS. Da» half wieder für eine Minute, dann ging da» Wimmern abermals an. Da packte raldj jäher Zorn- ich nahm meinen Pantoffel und bearbeitete de- Prachtexemplars löwengelbes Fell nachdrücklich. Jämmer­lich heulend versprach Lyra» Ruhe und ich glaubte ihm und legte mich besänftigt in die Kiffen zurück. Aber es währte keine drei Minuten, da ging der Tanz von neuem an.

Kanaille, infame!" WÜthend sprang ich aus den Federn, fuhr in Schlafrock und Pantoffeln, nahm, nicht ge* rade sanft, meinen Renommirhund in die Arme, trug ihn in mein Über dem Flur gelegenesWohnzimmer" hinüber und kehrte eilend- in mein Bett zurück, denn e» war grimmig kalt draußen. Bald wurden meine erregten Athemzüge friedlicher und abermals stand ich vor der Pforte de» Para* diese» der Traume. Da erscholl, laut und vernehmlich, noch jämmerlicher klagend denn zuvor, da» gellende Sümmchen meines vereinsamten ThraS herüber.Ja, brüll' Du nur," sagte ich ingrimmig vor mich hin und versuchte ein­zuschlafen.

Aber daS war bei dem ständigen Geheul einfach un­möglich und jetzt was war da» ? Ein taute» Fluchen ertönte, dann öffnete sich eine Thür draußen auf dem Flur, ein harter Gegenstand flog donnernd gegen die meine und eine wüthende Stimme rief:Zum Donnerwetter! Bringen Sie die verdammte Bestie zur Ruhe, man kann ja kein Auge zmhun!" Und krachend flog eine Thür wieder ins Schloß.

Scham und Wuth schoß mir in- Herz, während ich auf* sprang und in meine Kleider fuhr. Da» war der Teutone, der mir gegenüberwohnte. Ich öffnete meine Thür, richtig, da lag der.Stiefelknecht des Herrn B. vor meiner Schwelle. Ich hob ihn auf wie einen Fehdehandschuh und schwur ihm blutige Rache, sobald fich Gelegenheit dazu bieten würde. Dann aber stürmte ich hinüber, packte da» Unglück»vieh, daß e» erbärmlich aufkreischte, und raste- es fortwährend prügelnd, die Treppe mit ihm hinab, hinaus in die stockdunkle Winternacht.

Aber wa» nun ? Mein erster Gedanke war, bi» zur nahen Lachenbrücke zu gehen und ihn einfach zu erf. Pfui! Und gerade jetzt, in diesem eiskalten Wafler! Nein, so unmenschlich war ich doch selbst in meinem berechtigten Grimm nicht. Doch, was bann? Unschlüssig stand ich da, da zappelnde und wimmernde Geschöpf im Arm. Da fiel mein Blick von ungefähr vor mir auf die Buden, die tm matten Schimmer einer Laterne auf dem Platze an der Stadt­kirche standen. E» war gerade Topfmarkr. Ein Gedanke durchzuckte mich und ich eilte hin, ihn au-zuführen. AuSsetzen

wollte ich meinen Unglückshund, da mochte ihn finden und behalten, wer Lust hatte.

Bald hatte ich eine schöne große Kiste entdeckt, in der fich sogar Stroh befand- da war er ja besten» aufgehoben. Doch in dem Augenblick, wo ich ihn gerade hineinsetzen wollte, packte mich eine kräftige Faust beim Kragen und eine scharfe Stimme rief:Hollah, was machen Sie denn da?" Ich fuhr herum und sah einen Mann tm Pelz, e» war der Markt­wächter. Da» war ja vorzüglich, nun wurde ich auch noch al» vermeintlicher Dieb feftgenommen, und da» allu um dieses RenornmirhundeS willen. Na, da hörte doch alle» auf! Und wüthend schnauzte ich, mich loSreißend, den Kerl an: Sehen Sie denn nicht, wen Sie vor fich haben?" Ja, das war aber nicht so leicht, mich als Studenten sofort zu erkennen. Ich war imPhilister" (Hut) au»gegangen, und damals recognosctrte mich auch noch keinDurchzieher" al- akademisch gebildet. Doch um e- kurz zu machen, die Sache löste fich, angesichts des lebenden Entlastungsmoments in der Kiste, in ungeahnt befriedigender Weise. Der Mann erklärte fich nämlich sogar bereit, das Thier an sich zu nehmen und gegen ein mäßige- Entgelt aufzuziehen. Ich war froh, die Bestie überhaupt irgendwie lo» zu werden, und willigte ein. Er gab mir feine Adreffe und ich kehrte eilend- heim, wo ich endlich meinen Schlummer fand.

Die Wethnacht-ferien waren vorüber und ich weilte wieder in meinem lieben Jena, dem ich Über drei Wochen fern gewesen war. Ich benutzte den ersten freien Vormittag zu einer Vifitentour bei den Familien, wo ich verkehrte. Mit besonderer Erwartung gab ich meine Karte im Haufe des penfionirten Gerichtsraths A. ab, dessen jüngstes, neckische- Töchterlein mir al- Partnerin bei mancher Dilettanten-Theater* aufführung besonder» lieb und werth geworden war. Meine Eouleurbrüder behaupteten sogar, ich sei in sieverschossen". Die Erwartung war diesmal besonders groß, weil Fräulein Mieze mir eine Dedication gelegentlich eine» Bielliebchen», über die Ferien anzufertigen, zugesagt hatte. Ich war be­gierig, wa» e» sein werde.

(Schluß folgt.)