Sonntag den 7. März
Nr. 56
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Vom Laude der Sphakioten.
(Zu den kretischen Wirren.) Von Dr. Julius Pasig.
l Nachdruck verbot«.)
Die Augen der ganzen gebildeten Welt find gegen- üoärtig nach der schon seit Langem von Unruhen durchwühlten Insel Kreta gerichtet, wo fich Ereignisse vorberetten, die zu den schwersten politischen Verwickelungen in diesem stürmischen Ende de« Jahrhunderts führen können. ES dürfte daher gerade jetzt ein Blick auf jene Jasel von hervorragendem Jatereffe sein.
Kreta, von den Italienern Kandia und von den Türken Kirid genannt, ist die größte Insel des griechischen Archipels. Sie ist schmal von Osten nach Westen gestreckt, hat eine Länge von 260, eine durchschnittliche Breite von 69 Kilo» «etero und einen Flächeninhalt von 8640 Quadrat Kilo« »eterv. Sie zeigt einen sehr unregelmäßigen Umriß, besonders an der Nordküfte, reich an Golfen und Vorgebirgen. Bin hoher, aus drei Theilen bestehender Gebirg-zug durch- zieht die Insel ihrer ganzen Länge nach. Den westlichen GebirgStheil bilden die Weißen Berge, die Lenka Ore des AlterthumS, im mittleren Theile ist das Joagebirge, im Osten daS Lafithigebirge. Sie find ungemein wild und zer« klüftet, jetzt fast gänzlich entwaldet, während sie im Alter- thum wegen ihrer prächtigen Wälder und ihres RcichthumS an Arzneipflanzen berühmt waren. Die Ausdehnung der Thäler und Ebenen, deren Abhänge von Eichen, Kastanien, Platanen, Pinien und Oliven bedeckt find, ist gering, aber sie find äußerst fruchtbar. Die Flußläufe sind kurz und trocknen im Sommer aus. DaS Klima ist mild und an- genehm,- Frost ist an den Küsten unbekannt und selbst die Gebirge werden im Hochsommer schneesrei. Häufig wird die Insel von Erdbeben heimgesucht, die mit großer Heftigkeit »uftrrteu.
Die Zahl der Einwohner, in der Blüthezeit der vene- tianischen Herrschaft auf etwa eine Million geschätzt, beträgt jetzt ungefähr 294,000 Seelen, wovon etwa 204,000 Christen und der Rest Muhamedaner und Israeliten find. Die Christen find meist griechischer Abkunft, darunter die mit ihren Schafheerden im südwestlichen Gebirge hausenden Sphakioten, die ihren nationalen Character am reinsten be- wahrt haben. Trotzdem daß die Muhamedaner -um größten Theile eingeborene Kreter find, deren Vorfahren zum Glaubenswechsel gezwungen wurden, aber die griechische Sprache beibehtelten, tst der gegenseitige Haß größer als irgend wo anders. Gewerbe, Handel und Schifffahrt liegen, fett die Insel unter türkischer Oberhoheit steht, darnieder
und dte unter veuettanischer Herrschaft noch blühenden Häfen sind fast alle versandet. DaS Haupthaudel«product ist Olivenöl, auch vortreffliche Seide, Orangen, Wein und der | in der Levante sehr beliebte Sphakiakäse werden exportirt.
Dte älteste Bevölkerung der Insel scheint karischen Stammes gewesen zu fein. In den ältesten Zetten herrschte hier nach der altgriechischen Sage der König Mino«, der berühmte Gesetzgeber, der auch als Begründer der kretischen Seeherrschaft gilt. Im zweiten Jahrtausend v. Chr. wurden bereits von den Phöntctern auf Kreta Colonien gegründet, auch griechische Stämme ließen fich nieder, zuerst Achäer, später dorische Einwanderer, welche der Insel eine eigene Staatsverfassung gaben, dte mit den Einrichtungen Sparta« große Aehulichkett hatte. Einen einheitlichen Staat hat die Insel in jenen Zetten nicht gebildet, sondern eS waren etwa zwanzig unabhängige Staaten vorhanden, dte in fortwährender Uneinigkeit lebten, fich häufig bitter befehdeten. Im Jahre 67 v. Ehr. wurde Kreta, da es fich an dem Mithrtdattschen und dem Seeräuberkriege betheiligte, von den Römern erobert und 27 vor Chr. durch den Kaiser Augustus mit Ehrenaika zu einer Provinz vereinigt.
Bei der Theilung des römischen Reichs 395 n. Chr. fiel Kreta an das oströmische Kaiserreich. Häufig wurde eS von Raubzügen der Araber hetmgesucht, die eS 823 gänzlich tu Besitz nahmen. In der Zeit der ersten Kreuzzüge kam eS in dte Gewalt der Franken, Baldutn I. trat eS an den Markgrafen BouifaciuS von Montserrat ab und dieser vertauschte es an die Benetianer, welche eS bis zur Mitte des 17. Jahrhundert« behaupteten, aber unter dem türktfchen Sultan Muhammed IV., nachdem die Türken schon vorher Morea, Negroponte, Cypern und andere Inseln erobert hatten, nach heldenmüthiger Vertheidigung verloren. Zwanzig Jahre dauerte die Belagerung der Insel durch die Türken, endlich wußten die Venetlaner doch capituliren und dte Herrschaft der Türken annehmen. Zwar versuchten dte Kreter wiederholt, daS türkische Joch abzuschütteln, aber vergeblich- auch ihre Theilnahme am Aufstande der Griechen im Jahre 1821 gab ihnen ihre Unabhängigkeit nicht wieder. Der Aufstand wurde 1824 durch den Viceköntg von Egypten, Mehemed Alt, unterdrückt, dem der Sultan dte Jusel auch überließ, doch wurde er genöthigt, sie 1840 dem Sultan zurückzugeben. Im Jahre 1858 erhoben sich die Kreter von Neuem gegen den beispiellosen Steuerdruck der Türken, welche sie durch daS Versprechen von Reformen zu beschwichtigen suchten- als die versprochenen Reformen nicht auSgeführt wurden, kam eS 1866 zu einem neuen Aufstande, bei welchem die Ausständt- I scheu mehrmals siegreich waren- aber was dte Waffen gut gemacht hatten, verdarb dte Diplomatie auf der Conferenz
der Mächte tu Parts tm Jahre 1869, und Kreta blieb türkische Provinz, da« Wilajet Kirid bildend. In den Jahren 1887 und 1889 war die Insel der Schauplatz neuer Aufstände, dte aber bald unterdrückt wurden, bis jetzt die Kreter, gereizt durch dte blutigen Metzeleien der Türken, fich aufs Neue erhoben haben und entfchlosien zu sein scheinen, für ihre Befreiung vom türkischen Joche und Wtederveretntguug mit dem Mutterlande bis aufs Aeuherste zu kämpfen.
Unter venetianischer Herrschaft hieß Kreta »dte Insel der hundert Städte", aber der alte Glanz ist längst dahtn und von den hundert Städten find nur noch drei geblieben: Kandia, Kanea und Rettmo, alle drei nicht größer als eine mittlere deutsche Provinztalstadl.
Kandta, dte frühere Hauptstadt der Insel, wurde tm 9. Jahrhundert von den Arabern an Stelle des alten Herakleton gegründet und hat seinen anSschlteßlich orientalischen Character behalten. ES hat jetzt etwa 13000 Einwohner und ist der Sitz deS Generalgouverneurs und eines griechischen Erzbischofs. Sein einst so blühender Hafen ist versandet und wird nur von kleinen Fahrzeugen aufgesucht. Zur Zeit der venetiam- schen Herrschaft erfreute fich Candia einer großen Wohlfahrt, während eS heute nichts mehr tst, als daS Gerippe einer Stadt. Dte Erdbeben, welche dte von den Benettanern errichteten Denkmäler zerstörten, und die wiederholten Kriege haben der Stadt nichts von ihrem alten Glanze gelaffen. Sie hat die Form eines Dreiecks und zerfällt in Neustadt und Altstadt, welch letztere der am Hafen gelegene Stadttheil tst. Hier sieht man noch dte Ruinen der St. Franziskus' kirche und dte alte lateinische Cathedrale. Dte Stadt tst von Befestigungen umgeben, hat 14 Moscheen, ein Kapuziner- kloster und viele Seifenfabriken.
Dte zweite Stadt ist Kanea, der Haupthandelsplatz, Sitz des Bischofs und dte Residenz zahlreicher Consuln, welche in der Vorstadt Halepa wohnen. Sie liegt an der Nordseite an einem tiefen Meerbusen zwischen zwei Vorgebirgen, auf der Stelle des alten Cydonta, und hat gegenwärtig etwa 12,000 Einwohner. Dte ganze Stadt tst von Bastionen umgeben, die noch aus der Herrschaft der Benetianer stammen- der Hasen, der beste der Insel, ist von einer vierhundert Meter langen Mole geschloffen, an deren Ende ein Leuchtthurm steht. Diesem gegenüber liegt die Citad'.lle, Akrotivi, ebenfalls aus der Zeit der Benetianer stammend, welche den Eingang des HafenS beherrscht. Der Löwe von San Marco schmückt noch heute daS Hospital, und Wappen reicher Patricier finden sich noch an vielen Häusern, an dte entschwundene Macht der alten Republik Benedtg erinnernd. Zahlreiche Kaffeehäuser befinden sich am Hafen, und besonders intereffant tst eS, daß dte auf der linken Seite
Feuilleton.
Glatteis
Skizze von Frieda Storck.
(Fortsetzung.)
Ueber diesen Reflexionen merkte er kaum, wie sie mit ächt weiblicher Neugier ihm Auskunft über seine Personalien entlockte. So erfuhr sie, daß er der Sohn deS Medicinal- rath« aus B. fei und hier als GertchtSaffeffor thätig, daß feine Mutter längst tobt und die Großmutter, die seither dem Hanse vorgestanden, seit Monden durch einen Schlaganfall gelähmt wurde.
Einmal meinte ec einen schmerzlichen Seufzer zu hören, doch er täuschte fich wohl.
»So l Im Flügel dieses Hauses wohne ich nun. Vielen Dank, junger Herr, wenn Ihnen am Dank einer alten Frau etwa« gelegen ist."
Sie reichte ihm verabschiedend die Hand.
»O ho! So haben wir nicht gewettet. Ich soll ja Ihre Behausung sehen!" rief er eigenfinnig.
»Heute Abend nicht. Die alte Mamsell Sommer hat zu keiner Zeit auf den Abend noch Herrenbesuch empfangen," spottete sie. »Wenn Sie aber morgen keinen Katzenjammer haben und die Acten expedirt find und Sie den Weg bei Tage wiederfinden, nun, so werde ich mich freuen."
Damit schob fie ihn bei Seite und schloß die Thür mit nachdrücklichem Dröhnen. Erst stand er verblüfft, dann lachte er kurz auf und schritt der eleganten Neustadt zu. Doch nicht zu den lichtfluthendeu, prachtstrotzenden Sälen LeS Stadtgartens, sondern in seine komfortable Junggesellen- Wohnung. Dte Zimmervermietherin erstaunte höchlich, da er, statt wie üblich gegen Mitternacht, schon um 10 Uhr heim- Zehrte und, o Wunder, noch frische- Feuer verlangte, denn tr wolle arbeiten. —--
Katzenjammer hatte er nicht und die Acten waren früh Morgen« expedirt. Das Glatteis war Dank des regen Verkehrs abgestumpft. Affeffor Wenzel stand- Nachmittag- — eS war heute Sonntag — vor der niederen Stubenthür und la« die mit verblaßter Tinte geschriebene Karte: „Erwine Sommer." Die fich im Hofe herumbalgenden Jungens hatten ihn grenzenlos erstaunt angestarrt, als er fie nach Fräulein Sommer fragte. Sie schien wirklich eine von der Welt Bergeffene zu sein.
Die Mahnung der Alten lag ihm heute schwer auf der Seele. Seine DiffertationSschrtft, dieses Schreckgespenst, tauchte au- dem Wirrwarr luftig durchlebter Tage auf. Sein guter Alter daheim dachte, er säße bis Mitternacht hinter den Pandekten und tüftelte sich da etwas noch nie Erörtertes, die höchsten Herren Verblüffende« heraus, dahingegen man ihm unverweilt den Doctorhut aufs Haupt drücken werde. Und derweil that er noch keinen Federstrich und amüfirte fich auf seines nachsichtigen Vater« Kosten. Wirklich, e« war ihm zu Muthe wie in seinem ersten Schuljahre, wenn der alte Cantor seine mangelhaften Schreibübungen einfach mit dem Rothstift durchquerte — er schämte sich.
Und nun stand er Erwine Sommer in dem niederen, mit altmodischen, verblichenen Tapeten bekleideten, sonst aber blitzsauberen Stübchen gegenüber. Die schmalen, viel zu kurzen Mullgardinen zierten selbstgestrickte Kanten und der Ueberzug de« wurmstichigen SophaS wollte trotz allen Kunststopfens nicht mehr halten. DaS alte Fräulein selbst schaute aus den Hellen, klugen Augen schier ungläubig auf den eleganten Besucher.
„Sie waren so freundlich, mich einzuladen, und nun komme ich, doch scheints unerwartet," sagte er lachend mit einem halb spöttischen Blick über ihre überaus schlichte Gestalt.
„Beileibe nicht, Herr Affeffor! Ich hab'« nur kaum glauben können, daß Sie die Einladung ernst nahmen. Es
freut mich doppelt, daß Sie kommen, denn ich stellte ja Bedingungen und ich will nicht glauben, daß Sie mich betrügen."
Er hatte fich gegen diefes Einmischen in seine internsten Angelegenheiten aufiehnen wollen, aber als sie ihn jetzt so freundlich, ernst fragend anschaute, sagte er nur leichthin: „Alles besorgt."
Dann nahm er den ihr gegenüber gebotenen Stuhl und musterte mit sarkastischer Kritik die mit allerlei Bildwerken thatsächlich zugepflastcrten Wände. Silhouetten in abgeschabten Goldleisten, wäfferige Aquarelle von zweifelhaftem Wrrthe und wenige moderne Photographien.
Plötzlich schnellte er empor und war mit zwei langen Sätzen vor dem Bildniß eines jungen hübschen Jägersmannes.
Sie hatte fich, ein wehmüthigeS Lächeln auf dem guten Gesicht, gleichfalls erhoben, al« habe fie feine seltsame Erregung erwartet.
„Ja, genau so sah er aus, Ihr Großvater, da er noch unbesoldeter Forstcandidat war," sagte fie.
„Allerdings, mein Großvater. Großmama hat dieses selbe Bild von ihm in ihrem Zimmer hängen. Aber wie kommt —"
„Ja, wie kommt eS in da- Hinterstübchen der alten Jungfer, von deren Vorhandensein Sie keine Ahnung hatte«, wollten Sie sagen. Zu jener Zeit hatte ich ein heilige«, gute« Recht darauf. Wenn auch mein unscheinlicheS Bild bei ihm durch ein stolzes in reicher Goldfaffung jäh in den Hintergrund gedrängt wurde, ich war thöricht genug, fein Bild als meinen köstlichsten Schatz in Ehren zu halten, trotz Allem, was er mir angethan."
Paul Wenzel war e« plötzlich sonnenklar: seine Großmama, die stolze, noch immer stattliche Forstmeisteriu, hatte diesem einsamen, mit be« Lebens Noth ringenben Wesen schweres Leid und Unrecht angethan.
(Schluß folgt.)


