1897
Samstag dm 3. Juli
Nr. 153 Zweites Blatt
Aints- und fiw den Levers Gieren.
Gratisbeitage: Gießener Aamilienötätter.
„Ich
bleiben, ist mir zu peinlich.
ES ist mir
n
Für Kopenhagen
Gott bewahre!
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Von einer Seite auf die andere.
„öaS mag wohl darin stehen?" fragte er zerstreut, mit seinen Gedanken noch immer bet dem neu zu bestellenden Sommeranzug. c
Die Gattin zuckte die Achseln, da er aber die vorherigen Worte wiederholt, ohne zu überlegen, daß er den Brief nur zu lesen braucht, um seine Neugier zu befriedigen, so räth fie zu diesem einfachen AuSkunftSmittel.
anderen beiden fahren wir einmal nach Rösktlde, der alten KöuigSgruft, und das andere Mal nach der Rosenborg. Die Abende dagegen gehören dem Besuch deS Tivoli — eS soll baß schönste Etablissement der Art sein, daß überhaupt e?ifttrt — ein prächtiger weiter Park mit Riesen Larouffelß, Rutschbahnen, Labyrinthgarten, Wachsfiguren — Zwergen — und anderen Schaubuden, verschiedenen Theatern, kurz,
„Ünfinn!"
wein, 1 Kilo Zucker, 10 Gramm Ziwmt, 5 Gramm Gewürz, nelken und 60 Gramm bittere Mandeln. Diese Mischung stellt man drei biß vier Wochen in ein Glaßgefäß an, filtrtrt den Liqueur und süllt ihn auf Flaschen. Ein hochfeiner Liqueur und besonders ein Liebling der Damen.
4. Birnen«Liqueur wird in ganz derselben Weise hergestellt wie Quitten-Liqueur.
6. Nuß-Ltqueur. In 2V3 Liter Branntwein setzt mau 1 Kilo grüne, unreife Walnüffe in Stückchen zerschnitten an und laßt fie ca. drei biß vier Wochen stehen. Dem filtrtrten Saft werden nun 20 Gramm Zimmet und 10 Gram« Gewürznelken zugesetzt und bleiben mit ihm nochmalß acht Tage stehen. Nachdem der Saft nochmalß filtrtrt, setzt man nun auf daß Liter 250 Gramm geläuterten Zucker zu und füllt den nun fertigen Liqueur auf Flaschen. Er ist einer der feinsten Fruchtl'queure.
Vierteljähriger Aöounementspreisr 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchutllraße Wr.7.
Fernsprecher 5^
Tage in Kopenhagen, Schweden —"
vernichtet. Die Bäume der Frühjahrs- und Herbstpflanzung find immer noch, namentlich soweit sie nicht üppig wachsen wollen, reich zu bewäffern, wo eß angängig ist, auch ihre Kronen in den Abendstunden tüchtig außzusprttzen. So gibt es immer noch für die kühleren und angenehmeren Abendstunden Arbeit in Hülle und Fülle, die aber gewürzt wird durch die Freude am Gedeihen der Pflanzen und durch den reichen Ertrag, den bereitß viele Pflanzungen unß liefern.
In diesem Monat macht sich der Maulwurf im Garten mehr als je bemerkbar. Er ist ein gegen schlechten Geruch empfindlicher Geselle. Geeignete Stoffe zu seiner Vertreibung find z. B. Härtngßköpfe und Häringßlake, lobte Fische und Krebse, Aas jeder Art, faul gewordenes Sauerkraut und die saure auf demselben entstandene Flüssigkeit, daß Wasser von abgewaschenem alten Käse, gewöhnlicher Theer und noch mehr Stetvkohlentheer, ganz besonderß aber Steinöl, sehr stark- rtechende Kräuter, wie Baldrian rc., ja sogar die abgeschabte Rinde vom Beereuhollunder. Alleß dies vertreibt ihn. Mau braucht also bet Samen oder Pflanzenbeeten, um ihn abzu- halten, rtngßum nur Einiges von dergleichen Stoffen hin und wieder in den Boden zu gießen oder zu vergraben und mit Erde zu bedcckeu. Dann wird er monatelang fern davon bleiben.
Für die Hausfrau möchte ich diesmal einige erprobte Vorschriften für die Bereitung von Obstliqueureu geben und zwar:
1. JohanutSbeer-Liqueur (Cassis). Schwarze Johannisbeeren kommen zerquetscht in einen Glaßbehälter, werden mit dem gleichen Gewicht guten Brauntweiuß über- goffen, worauf daß Gefäß gut verschloffen vier Wochen in die Sonne oder an einen warmen Ort aeftellt wird. Hierauf läutert man guten Hutzucker in Va biß 2/s deß Beerengewichtß und setzt ihn dem filtrirteu Safte zu, welcher in gut ver- korkten Flaschen biß zum Genuffe ausbewahrt wird.
2. Liqueur auß schwarzen Johannisbeeren und Heidelbeeren. 2 Kilo schwarze Johannisbeeren, 1 Kilo Heidelbeeren bleiben, mit 10 Gramm gebrochenem Zimmet und mit 6 Liter gutem Branntwein überschüttet, in einem gut verschloffeneu Glaßgefäß vier Wochen stehen.
3. Quitten-Liqueur. Reife Quitten werden geschält, entkernt, auf einem Reibeisen zerkleinert und der Saft abgepreßt. Auf 2 Liter Saft nimmt man l1/, Liter Brannt
vier Tage? Ist daß nicht etwas Bedenke doch, weder Du, noch ich
Der Garten im Juli.
Von I. E. Schmidt, Kunstgärtner in Erfurt.
(Nachdruck verboten.)
Glühend heiß brennt jetzt die Sonne- unter ihrem Einfluß wächst Alles rasch empor, um aber ebenso schnell wieder zu verblühen. Der Hauptflor der Rosen ist vorüber, bei sachgemäßem Schnitt blühen sie aber weiter und weiter. Die königlichsten Sommerblumen bedecken sich jetzt reich mit stattlichen Blüthen, aber welk und schlaff hängen überall die Zweige herab, wenn wir nicht Alles von Tag zu Tag tu reichster Weise bewäffern. Drängende Arbeiten find nicht mehr außzuführen. Wer Alleß früher rechtzeitig gepflanzt und bestellt hatte, der darf fich jetzt ungetrübt am Gedeihen der Lieblinge erfreuen. Die ungewöhnlich warme Witterung macht ja das Arbeiten im Garten nicht zur Annehmlichkeit- man wird deshalb die Mußestunden deß Tages zu beschaulicher Ruhe in der dicht umrankten kühlen Laube verwenden und erst am Abend, wenn die Sonne im Untergehen begriffen, zur Gießkanne und wo es noth thut auch zu Harke und Spaten greifen. In der Hauptsache ist der Garten so zu halten, wie er im vorigen Monat zu vollem Glanze vollendet wurde.
Namentlich auf den Teppichbeeten muß man die ver- fchiedenen Pflänzchen scharf auseinander halten: zu üppig wachsende zurückschneiden, zu hoch wachsende niederhaken, damit die verschiedenen Farben nicht ineinander wachsen und so die oft hübschen Muster verloren gehen. Hecken und Einsaffungeu von Buchs werden jetzt geschnitten, Gladiolen und blühende hochwachsende Stauden, die fich nicht selbst länger aufrecht erhalten, recht sorgfältig an Stäbe geheftet.
Im Gemüsegarten steht jetzt baß Ernten im Vorder- gründe des Jutereffeß. Man nimmt schon reife frühe Kartoffeln uab reife Zwiebeln auß, erntet Gewürzkräuter, Wurzeln und Kohlgewächse, muß aber auch gründlich bewäffern, behacken, behäufeln und dem Ungeziefer zu Leibe gehen. Namentlich find jetzt die Eier und späterhin auch die Raupen des Kohlweißlings abzusuchen, welche fich sonst in der verderbenbringendsten Weise in den Kohlpflanzuugeu ver- bnlte3m Obstgarten beginnt die Ernte deß frühen Obstes, schwerbeladene Aeste werden mit Stützen versehen, Spaliere sorgfältig angeheftet und Fallobst gewiffenhaft gesammelt und
Wir müssen reisen.
Humoristische Plauderei von M. Possak.
(Nachdruck verboten.)
Cocales rsird provinzielle».
-e. Neu - Ulrichstein, L Juli. Monatsbericht der Arbeiter - Colonie pro Juni 1897. Ende Juni 1897 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 47 Mann. Dieselben Vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Heffen 5; Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 8, Regierungsbezirk Wiesbaden 5; Provinz Rhein- lande 8, Provinz Sachsen 2, Provinz Schlesien 2, Pro- vinz Brandenburg 1, Provinz Westfalen 1, Provinz Hannover 1; Königreich Bayern 3, Königreich Württemberg 1, Königreich Sachsen 1; GroßherzogthumBaden 2; thüringische Staaten 3- Reichßlande 1; Freie Stadt Hamburg 1. Aus- land: Ungarn 1, Rußland 1. Hiervon waren: Arbeiter 19, Anstreicher 2, Bäcker 2, Conditor 1, Drechsler 1, Former 2, Gärtner 2, Kaufleute 3, Kellner 3, Küfer 2, Kupferschmiede 1, Klempner 1, Oeconom 1, Schneider 2, Schuh, macher 1, Schlosser 1, Schmiede 1, Tüncher 2. Gear- beitet wurde an 1267 Tagen. Verpflegt wurde an 1472 Tagen. Im Monat Juni 1897 wurden entlassen 14 Mann, und zwar tn Arbeit durch eigenes Bemühen 1, auf eigenen Wunsch 7, wegen Arbeitsscheu (Contract- bruchs) 5, wegen Arbeitsunfähigkeit 1. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen worden im Ganzen 3269, da- gegen abgegangen im Ganzen 3222 Mann, bleibt Bestand am 30. Juni 1897: 47 Mann.
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Ai«miktenökätter werden dem Anzeiger «oächenklich dreimal beigelegt.
... «... zu peinlich. Was für einen Grund soll ich anführen? Ich kann doch nicht sagen, daß wir nicht daß Geld dazu haben? Waß würde baß für ein Gerebe geben! Auch könnte eß Deiner Stellung schaden."
„Hm ja — hm — eigentlich hast Du recht. Man möchte am Ende wirklich Schlußfolgerungen darauß ztrhen, btc —----Weißt Du waß, wir wollen ruhig zu B.'s
gehen und erzählen, daß wir reisen. Späterhin findet fich dann schon ein Grund, um eß zu widerrufen."
„Wie Du meinst. Aber wohin?"
„Nun, nach Dänemark, wohin Du so gern wolltest. Vierwöchentlicher Aufenthalt tn Skodßborg, vorher zu Schiff eine Fahrt an der Küste von Seeland hinauf — Klampen- borg — Tromsöe — Marialyst — und zum Schluß vier
von da ein kleiner Abstecher nach
allem, waß Du willst. Dazu jeden Abend Concert von zwei Orchestern und festliche Illumination beß ganzen Parkes — htrrlich, sage ich Dir — Herr—lich! Logiken werden wir im Hotel de l'Europe, eß liegt bequem, hat vortreffliche Küche und keine übermäßigen Preise."
„Und wie machen wir die Reise?"
„Biß Stettin mit der Bahn und! von dort zu Schiff. Der Dampfer ist mit allem Comfort eingerichtet. Ach, und eine Seefahrt überhaupt! Eß gibt nichts Köstlicheres!"
Um die Lippen der Frau spielt ein triumphirendes Lächeln. A _ n
„Du hast Dich ja recht gut unterrichtet," meint fie mtt kaum verhehlter Ironie.
„Ja — hm — warum sollte ich nicht?" Er wird etwas verlegen. „Wenn eß auch nur ein Spiel der Phantasie ist — am Ende macht auch daß Vergnügen."
„Schade, daß eß nicht Wahrheit werden kann."
„Ja — allerdings — sehr schade!"
Er will fich entfernen, um die Zusage an Geheimerath B. zu schreiben, bevor er geht, streift er an ihrem Nähtisch vorbei. „Waß machst Du denn da?" fragt er. „Daß steht ja gerade auß wie ein Reisesack — waß?"
Nun wird sie ihrerseitß befangen.
„Ja, ich will ihn Mama schenken. Sie wird, wie all- sommerlich, die heißen Monate außwärtß zubringen, — in Juterlaken diesmal. Waß mir übrigens etnfällt — fie schreibt mir nämlich, daß fie Lilly gern mitnehmen mochte. Wenn wir verreisen, meint ste, möchte eß unß vielleicht in Verlegenheit setzen, wo wir das Kind währenddessen hingeben sollen. Die gute Mama! Sie weiß ja noch nichts von unserem neuerlichen Entschluß." (Schluß folgt.)
Gießener Anzeig er
Gmemt-Anzeiger.
„In diesem Jahre bleiben wir zu Hause," erkort mancher Hausherr mit Entschiedenheit. „Wir haben in letzter Zeit so viele Ausgaben gehabt, daß eß unmöglich noch zu einet Reise langt. Also —"
„Bleiben wir zu Hause," wiederholt die Gattin, — wenn sie klug ist, notabene- andernfalls widerspricht fie. ES würde dieß zwar an dem unvermeidlichen Schlußresultat richtß ändern, aber immerhin vereinfacht ihre anscheinende Fügsamkeit bte Sache wesentlich. Warum soll fie fich nicht unliebsame Auseinandersetzungen ersparen? Die Männer sind ja ganz zufrieden, wenn man ihnen nur recht gibt, waß dann später geschieht — hm!
Also — eS wird zu Hause geblieben. Trotz diese- beiderseitig gefaßten unbeugsamen Entschlusses hat die Hausfrau heimliche Louferenzen mit Schneiderinnen und Putz, macherinnen, Berge von CartonS kommen in die Wohnung, Auguste, der unvergleichliche Hausgeist, holt die Koffer vom Boden - kurz, eß geschieht alles, was zu geschehen pflegt, wenn man fich zu einer längeren Reise rüstet. Dem Haus- derrn entgehen diese Vorbereitungen keineswegs — man gibt sich freilich auch nicht die mindeste Mühe, fie vor ihm zu öerbetflen, - aber er äußert keine Silbe darüber.
Eines Tages beim Frühstück bemerkt er so beiläufig zu seiner Frau: „Weißt Du, ich werde mir doch wohl noch einen Sommeranzug bestellen müssen."
Sie steht rasch von ihrer Arbeit auf — fie ist gerade damit beschäftigt, ein längliches Stück leinenen Congreßstoff mit russischen Kreuzstichborten in marineblau und roth zu h.stjcken — „wozu?" fragt fie scheinbar erstaunt. „Dein vorjähriger ist ja noch ganz gut — für bie Reise würbe et fld) allerdings nicht mehr widerstandsfähig genug erweisen, __ abet da wir daheim bleiben "
Sie vollendete nicht, denn eben öffnete fich die Thür _ und Lilly, baß zwölfjährige Töchterchen beß Paares, stürmte viel? Herein, einen Brief in der Hand.
Er folgt ihrer Weisung.
„Eine Einladung zu morgen Abend," sagt er. werde gleich schreiben, daß wir kommen."
„Aber nein doch — auf keinen Fall. Für mich wenigstens, bitte ich Dich, nicht avzunehmen."
„Warum denn tn aller Welt?"
„3a —" fie zögert einen Augenblick mit der Antwort — „ja, — die Leute fragen dann alle, wohin wir in diesem Sommer reisen, und immer von Neuem erklären zu müssen, daß wir zu Hause bleiben, ist mir zu peinlich."
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