Ausgabe 
2.6.1897 Zweites Blatt
 
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Ne. 127 Zweites Blatt. Mittwoch den 2. Ami

Der

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 31. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben flch am Samstag Abend mit ihrer Grohherzogltcken Hoheit der Prinzessin Elisabeth nach Schloß Hetligenberg zurückbegeben. Seine Königliche Hoheit werden voraussichtlich morgen Vormittag oder heute schon wieder hier eintrcffen. Am Mittwoch finden im Neuen Palais Audienzen, Meldungen und Vorträge statt. Seine König­liche Hoheit der Großherzog werden fich am 8. Juni nach Mainz begeben. An genanntem Tage findet im dor- tigen Großherzoglichen Palais Hoftafel für das Offizier- corpS und die alten Herren de« 3. Großh. Infanterie-Re­giments (Leib-RegimentS) Nr. 117 statt. Das Regiment begeht bekanntlich in der Pfingstwoche die Feier seines 200jährigen Bestehens.

Proeetz v. Tausch-Lützow.

Berlin, 31. Mai.

Die heutige Sitzung begann mit der Vernehmung deS GeheimrathS von PhiltppSborn aus dem Ministerium deS Innern, der über einen vom Minister von Köller übergebenen anonymen Brief mit Anschuldigungen gegen den Bureau- Director deS Reichstages, Geheimrath Knaack, auSfagt. Der nächste Zeuge ist Geheimrath Friedheim vom Berliner Polizei- Präsidium. Derselbe hat von Tausch als Vertreter deS Polizeipräsidenten wiederholt über den Stand der Unter­suchung wegen deS Artikels in derWelt am Montag" be­fragt. Tausch hat dem Zeugen erklärt, Lützow gebe an, daß Leckert im Auswärtigen Amt empfangen werde. Tausch habe ihm, dem Zeugen gegenüber, den Wunsch geäußert, da« Mißtrauen deS Auswärtigen Amtes gegen die politische Polizei zu zerstreuen und zu beweisen, daß die Annahme, die politische Polizei treibe auf eigene Faust Politik, eine irrthümliche sei. Ueber die Affaire Levisohn bekundet der Zeuge, von Tausch habe ihm den imBerliner Tageblatt." erschienenen Artikel gezeigt und dazu bemerkt, daß er, von Tausch, Dr. Levisohn einige Mittheilungen unter strengster DiScretion gemacht, Lev sohn aber diese Angaben sofort in seinem Blatte veröffentlicht und gleich mehr geschrieben habe, als er von Tausch gesagt, von Tausch spricht besonders davon, daß Äckert im Auswärtigen Amt empfangen werde und bemerkt dazu, daß er Lrckert inzwischen kennen gelernt habe und daß ihm wohl Niemand zutrauen könne, es für glaublich zu halten, daß ein solcher Mensch von Excellenz von Marschall empfangen werde. Graf Philipp Eulenburg wiederholt im Wesentlichen seine Aussage aus dem Leckert- Lützow-Proceß und gibt zu, Tausch um Zusendung tatet» effanter Notizen ersucht und daraufhin den Artikel in der Welt am Montag" empfangen zu haben. Generalsecretär Abgeordneter Bück bestreitet, daß Schweinburg vom Central- Verbande deutscher Industrieller 30,000 Mk. erhalten habe. Es folgt dann eine beinahe zweistündige Vernehmung deS

Poiizelpräfidentrn von Windheim, welcher fich über oie Orga­nisation der politischen Polizei ausspricht und es als inopportun bezeichnet, daß von Tausch eine von seinem Agenten be­gangene Urkundenfälschung zur Anzeige bringe. DaS sei unter Umständen den Staatsinteressen zuwiderlaufend, weil die Agenten dann dasjenige auSplaudern würden, was fie leider erfahren müßten. Auf eine Anfrage des Präsidenten, weshalb von Tausch seinem Vorgesetzten, dem Grafen Still­fried, eine Mittheilung von der Urkundenfälschung gemacht habe, giebt Tausch an, daß nur das KriegSmintsterium au dieser Mitteilung Jutereffe hatte, waS der Herr Polizei­präsident auch bestätigt. Der Vorfitzende bemerkt hierauf, daß damit dieser Punkt der Anklage falle. Bei der weiteren Vernehmung deS Polizeipräfidenten bringt Rechtsanwalt LubczynSkt den Fall Wedekind zur Sprache. Dem Schrift­steller Wedekind zu Berlin, der eine Adels-Correspondenz herausgebe, sei durch eine von der Polizei begangene Fäl­schung ein Manuscript abhanden gekommen. LubczynSkt sieht den Fall Wedekind als strafmildernd für seinen Clienten von Lützow an.

Oberstaatsanwalt Drescher wendet fich mit scharsen Worten gegen den Vertheidiger LubczynSkt, dem er Sen- sationSsucht vorwirft, da dieser Fall nicht zur Anklage stehe und sür den Angeklagten v. Lützow nicht in Betracht komme. Der Präsident bedauert ebenfalls das Htaeinbringen dieser Sache und droht mit scharfen Worten dem RechtSanwalt LubczynSkt einen Ordnungsstrafe an. RechtSanwalt LubczynSkt erklärt hieraus, daß er die Vertheidigung seines Clienten ntederlege und verläßt hierauf den Saal. Hierauf tritt die Mittagspause ein.

Nach der Pause geben der Präsident und Oberstaats­anwalt Drescher Erklärungen ab, daß nach einer Besprechung mit LubczynSkt dieser eine Rechtfertigung über seine Frage­stellung gegeben habe und daß in Folge dessen beiderseitige Erklärungen erfolgt seien, die LubczynSkt veranlaßt hätten, die Vertheidigung wieder aufzunehmen. Der Proceß hätte anderenfalls, da die beiden Strafsachen zusammengezogen seien, vollständig von Neuem verhandelt werden müffen. Es wird alsdann Geheimrath Muhl vernommen. Zeuge bekundet, der Angeklagte v. Tausch habe bestritten, zu Dr. Levisohn Angaben gemacht zu haben, wie fie in dem Artikel deSBerl. Tagebl." angegeben gewesen seien. Er habe gesagt, solch' ein grüner Junge könnte nicht im Auswärtigen Amte em­pfangen werden. Zeuge verbreitet fich des Weiteren über die Thätigkeit deS Agenten Normann Schumann und erklärt schließlich, v. Tausch habe zu ihm gesagt, er möchte endlich Gelegenheit finden, das Mißtrauen des Herrn v. Marschall gegen ihn und die politische Polizei zu zerstreuen. Zeuge Polizeidtrector Eckhardt erinnert fich, daß Geheimrath Philipps- born ihm Mitthetlung von einem eingelaufenen anonymen Briefe gemacht habe, in welchem über Geheimrath Knack und den Journalisten August Stein Anschuldigungen erhoben worden seien. Mit v. Lützow habe er, Zeuge, infolge eines Briefes eine Zusammenkunft gehabt, in der dieser jedoch nichts von

wichtigen Mittheilungen verlauren ließ und fich auch Nicht als Schreiber deS anonymen Briefe- an den Minister von Köller bekannte. Angeklagter v. Tausch bestreitet, über den Zeugen ungünstige Bemerkungen gemacht zu haben. Aus Be­fragen deS Vorsitzenden, ob Zeuge Eckhardt im Ministerium des Innern die Aufgabe habe, die Preffe zu controHlren, entgegnet Zeuge, darüber könne er ohne Genehmigung feiner vorgesetzten Behörde keine Aussage machen. Die Zeugen Hausdiener LukaS und Dienstmädchen Schliemann wurden vom Angeklagten v. Lützow veranlaßt, Schriftproben za machen, in denen die Worte Sachs, Eckhardt, Kukutfch vor­kamen. Was damit weiter geschehen, wlffen die Zeugen nicht. Sie haben auch nicht den Namen Kukutsch unter eine Quittung gesetzt.

Crtminalschutzmann Krüger schildert die Derhastung Leckens und Lützows. Desgleichen Wachtmeister Beck. Letzterer bestreitet, daß Tausch ihm bezüglich der Verhaftung und der Haussuchung sehr lose Instructionen gegeben habe, sodaß flch daraus eine Pflicht-Verletzung folgern laffen könnte. ES wird nun Heinrich Leckert auS der Strafhaft vorgeführt und ver- nommen. Er habe von Lützow wiederholt Informationen erhalten, die er als Artikel verwerthet. v. Lützow habe ihm niemals gesagt, daß er feine Informationen von Herrn von Tausch habe. Er habe geglaubt, sein Gewährsmann sei ein Hosbeamter oder auch ein Beamter deS Ministeriums deS Innern. Angeklagter v. Tausch wird nun vom Bor- fitzenden gefragt, was er unter Inspirationen verstehe, v. Tausch zergliedert den Begriff Inspiration. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob Zeuge Leckert noch weitere Artikel von Lützow erhalten habe, antwortet Tausch mit: Ja. Bei einem Artikel über die Verhaftung deS Anarchisten Kosche- mann habe Lützow gesagt, er solle daS Mantacript vernichten. Die Informationen stammten von der Hand des Polizei­präsidenten. Der Artikel wird verlesen. Angeklagter Tausch erklärt, er sei über den Inhalt de« Artikels erstaunt. Er habe alsdann mit ihm gesprochen über die anarchistische, sozialistische und antisemitische Bewegung, aber keine Infor­mationen gegeben. Zeuge Leckert hatte auch Informationen über eine StaatSrathSfitzung von Lützow angeblich erhalten. Auf die Frage, von wem die Information zu dem Artikel derWelt am Montag" herstammte, entgegnet Leckert, er bebaute, seine Aussage darüber verweigern zu müffen. Ober- ftaatSanwalt Drescher und Vertheidiger Sello wünschen dringend, daß der Name genannt würde, während Verthei­diger LubczynSkt nur erfahren will, ob Tausch damit in Ver­bindung steht. Der Vorsitzende fordert Leckert auf, den Hintermann zu nennen, er sei verpflichtet dazu. Zeuge Leckert entgegnet, sei ihm mitgetheilt wordendaß man von englischer Seite zu hintertreiben suche, daß eine An­näherung des Zaren an Deutschland stattfinde". Zu diesem Zweck habe man die Depesche gefälscht. Wer daS gesagt, könne er aber nicht angeben. Staatsanwalt Eger beantragt, nun gegen den Zeugen Leckert wegen Zeugnlß-Verweigerung auf eine Geldstrafe von 30 Mk. eoentl. 3 Tage Haft zu er-

Femlleton.

Vamensport.

Von M. Kos fak.

(Schluß.)

Eine korpulente Dame reiferen Alters in Pumphosen Ist ein lächerlicher und unästhetischer Anblick und auf die Promenade einer großen Stadt gehören die Pumphosen auch nicht. Bel größeren Parforcetonren laffe Ich fie allenfalls gelten, bei anderen Gelegenheiten ober nimmermehr. Frei­lich muß ich hier wieder die Frage aufwerfen:Dürfen Damen überhaupt Parforcetonren unternehmen?" Meine Antwort lautet:Nein", ich verabscheue fie für baß weib­liche Geschlecht ebenso sehr, wie bte hentzuge so en vogue stehenden Preis-Wettrennen.

Man verlangt von den Frauen, daß fie anmnthig er- scheinen sollen- maß aber wirkt wohl unschöner, alß eine Dame, die in ihrem Eifer, zuerst an baß Ziel zu gelangen, mit angespannten Muskeln und degagirten, wett ausladenden Bewegungen vorwärts hastet, daS Gesicht dunkel geröthet, die feuchten Haare in Strähnen an der Stirn klebend! Und dann der Schaden für die Gesundheit, welcher der Renn­sport einer Frau gar so leicht bringen kann!

Ja, ich gehe sogar so wett, daß ich die Beteiligung bet Damen an öffentlichen Lawn-TenniS- und Croquet- Meetings nicht unbedingt billige. Leben und Gesundheit bleiben dabei freilich ungeschädigt, aber WaS ich vorhin über die fehlende Harmonie und Grazie der Person gesagt, gilt auch hierfür. Außerdem und dleS scheint mir die Haupt­

fache zwingen dergleichen Veranstaltungen die Frau, fich vor einer spottenden, meinetwegen auch bewundernden Menge zur Schau zu stellen und ihr Zartgefühl, daß durch daß Angegafftwerden nothwendig unangenehm berührt werden muß, gewaltsam zu Überwinden. ES ist wahrhaftig keine leere Phrase, wenn man behauptet, daß daS ungetane Heraus- treten in die Oeffentlichkeit einer Frau viel von dem Zauber zarter Weiblichkeit raubt. Kein vernünftiger Mensch wird ihr baS verargen, wenn ihr Beruf fie bazu nöthlgt- was man aber nur loben kann, wenn es an« Wissensdurst, Drang zu nutz- und fegenbrtngenber Thätigkeit oder auch aus Noth- wendigkeitSgrÜnden geschieht, daS gestattet man noch keines­wegs, sofern Eitelkeit allein die Triebfeder dazu bildet. Daß ethische Motiv ist zudem nicht nur für die Beurteilung, sondern auch für die sittliche Entwickelung deß CharacterS von maßgebendem Einfluß. Während bei der Aerztin, Be­amtin oder Künstlerin die freie Ausübung ihres Berufes allerhand tüchtige Eigenschaften zeitigt, wird die Streiterin in so und so viel Wettspielen allmälig innerlich verflachen, rücksichtslos vorwärts strebender Ehrgeiz, Neid und Eifer­sucht auf vom Glück Begünstigtere werden in ihrer Seele Raum gewinnen und fie mehr und mehr für ernste Arbeit und ein streng geregelte« Leben untauglich machen. Es mag dies allzu hart klingen, auch weiß ich, daß es rühmens- werthe Ausnahmen von der Regel gibt, aber im Großen und Ganzen glaube ich daS Gesagte vertreten zu können.

Doch verlassen wir die leidige Rennbahn mit allem, waS drum und dran hängt und sehen zum Schluß noch zu, welche Arten des DamenspottS außer den erwähnten die Neuzeit geschaffen hat. Da finden wir den Schwimm-, Fahr-,

Turn- und Bergsteigespott. Damen, die schwammen, suhreu u. s. w., gab zwar ehedem vereinzelt auch, nur betrieben fie ihre Liebhaberei nicht derart, daß ihr die Bezeichnung Sport" gebührte. Betrachten wir unß z. B. eine Dame, die hoch von ihrem kleinen Selbstkutschirer herab mit fester Hand das Ein- oder Zweigespann lenkt. ES liegt in ihrer Haltung, in ihrem GefichtSauSdruck ein gewisser leidenschaft­licher Ernst, welcher zeigt, daß die Sache ihr keineswegs ein Spiel oder müßiget Zeitvertreib ist. Auch hat fie fich mit keinerlei überflüssigem Putz behängt, jedes Stück ihres Anzuges erscheint, wenn auch tadellos im Sitz, so doch von äußerster Einfachheit. Freilich kommt diese Einfachheit recht teuer zu stehen, der Preis für ein echt englisches Kutschir- dreß der SpottSwoman strenger Observanz spricht näm­lich nie von ihrem Kleide, sondern stets nur von ihrem Dreß" möchte einem sparsamen Hausvater gerechten Schrecken einjagen. Freilich kann ein solcher seinen Damen auch nicht Wagen und Pferde anschaffen. Er schätzt fich glücklich, wenn Gattin und Töchterlein gelegentlich eines sommerlichen Landaufenthaltes, beim Rudern und Herum- klettern auf den Bergen fich rothe Wangen und gesunden Appetit holen dürsen. Die Costüme ober, welche fie dazu brauchen, find billig eine Anzahl Meter dunkler Leinwand oder Baumwollenstoffes genügen dafür. Und doch pochen ihre Hetzen darunter nicht minder froh, als das der stolzen Dame unter dem englischen Dreß. Die Welt um fie her ist so schön, der Himmel so blau und die Sonne so goldig! Wer sollte fich da nicht seiner Sorgen ledig fühlen und mit offenen Sinnen sich an den Wundern der Schöpfung erfreuen!