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1.10.1897 Erstes Blatt
 
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'M. 2S0 Erstes Blatt Freitag den 1. October

1897

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Weitere Reichstagsarrfgabeu.

Je näher der Augenblick heranrückt, in welchem sich die Psorten des RrtchStagSgebäudeS öffnen, desto mehr beschäftigt fich die öffentliche Meinung mit den Aufgaben, welche der Reichsboten harren. Wir haben schon darauf htngewiesen, daß einer off ciöfen Kundgebung zu Folge nur die allernoth- wendigsten Vorlagen dem Parlamente zugehen sollen und dabei auch mehrere dieser Gesetzentwürfe namhaft gemacht. Abfichtltch haben wir dabei der Martnepläne keine Erwähnung gethan, weil wir dieselben zum Gegenstand der besondere« Besprechung machen wollten. Schon seit Jahren gehen Mel« düngen um, daß die Regierung fich mit einem großen Flotten- Reorgantsalionsprojeete trage, dessen Durchführung mehrere hundert Millionen beanspruchen werde. DaS Wort von den uferlosen Flottenpläneu" stammt aus dieser Zelt und soll bedeuten, daß die Regierung vorhabe, eine unsere Mittel überschreitende und in vieler Hinficht über das Bedürsniß hiuauSgehende Kriegsmarine zu schaffen, um Deutschland in dieser Beziehung mit in die erste Reihe der maritim starken Nationen zu stellen. Daß diese Pläne an einer sehr hohen Stelle warme Fürsprache finden, ist bekannt, eben so auch, daß Herr v. M.quel viel Geld für solche Zwecke zur Der- fügung stellen würde, denn er hat ein warmes Herz und eine offene Hand für die Marine, für die Armee, überhaupt für Alles da-, was die große Mehrheit deS Volke- nicht mit so reichen Mitteln auSgestattet sehen möchte. Die Pläne des Admiral- Hollmann find au dem Widerstande deS Reichs­tages gescheitert, aber Herr Hollmann hat einen Nachfolger erhalten, dem man große Dinge zutraut, dessen Leistungen derartig gewürdigt werden, daß man ihn denRoon der Marine" nennt, freilich ohne daß man bisher Thateu von ihm gesehen hat. Den Ruhm, ein tüchtiger Marineoffizier zu sein und ein großes ReorganisationStalenr zu haben, wird ihm Niemand streitig machen, aber diese- Verdienst theilt er vielleicht mit einer größeren Anzahl seiner (Sollegen, die das­selbe leisten würden, wenn man sie an feinen Platz stellte. Wir müffen jedoch jetzt mit Herrn Tirpitz und seinen Plänen rechnen, die angeblich für die nächsten fieben Jahre 420 Mill. Mark in Anspruch nehmen und zwar nur für außer­ordentliche Schiffsbauten. Man könnte fich vielleicht für diesen Plan befreunden, wenn man die Ueberzeugung Härte, daß damit de« außerordentlichen Forderungen ein für alle Mal eine Ende gemacht sein würde, aber diese- Vertrauen kann Niemand hegen. Lappetit vient en mangeant, nach diesem Worte ist bet den Forderungen für Militärzecke ver« fahre« worden, und danach wird auch bet den Flottenplänen gehandelt werden. Allzuviel Vertrauen tu die Regierung zu setzen, wird kaum von Jemanden verlangt werden können, denn die Regierung ist wandelbar- Niemand weiß, wer morgen oder übermorgen die Verantwortung zu tragen be­rufen wird.

Und nun zur Deckung der Kosten für weitgehende Flottenpläue! Daß unter allen Umständen eine drückende Steuervermehruug eintreteu muß, ist zweifellos. Es hieß zuerst, die Regierung habe es auf eine erhebliche Erhöhung der Brausteuer abgesehen, doch wird dieser Nachricht jetzt von osficiöser Seite widersprochen. Die Regierung hat mit dieser Steuer übrigens schon so schlechte Erfahrungen gemacht, daß man begreifen kann, wenn sie fich scheut, mit einem solchen Projecte nochmals vor den Reichstag zu treten, der eine derartige Forderung bereit- verschiedene Male abge- wtesen und unter Anderem die Wehrvorlage im Jahre 1893 nur unter der Bedingung angenommen hat, daß von einer Erhöhung der Brausteuer abgesehen werde. Denn wurde nachgewiesen, daß die damals geplante Verdoppelung derselbe« eine große Anzahl Betriebe zu Grunde richten, und die übrigen schwer schädigen würde. Aber wenn nun auch die Regierung nicht mit dem Plane der Erhöhung der Brausteuer umgeht, so kann doch andrerseits nicht geleugnet werden, daß auf irgend eine Weise die Kosten für weitgehende Flottenpläne aufgebracht werden müffen- die Steuerschraube muß in der einen oder anderen Weise angezogen werden. Mit dieser Gewißheit haben die Reichsboten zu rechnen und sich aus eine eventuelle Heimschickung vorzubereiten, wenn sie den Forderungen der Regierung nicht nachkommen sollten. Denn es scheint als ficher angesehen zu werden, daß der Reichstag aufgelöst werden wird, wenn er die Etat-forderungen für die Marine sowie die Steuerprojecte der Regierung ablehut. Uns scheint eS überhaupt nicht richtig zu sei«, den jetzigen Reichstag in seiner letzten Tagung mit Vorlagen zu befaffen, die vielleicht bindend aus eine ganze Reihe von Jahren sind. Wird aber ein neuer Reichstag berufen, so darf man über- zeugt sein, daß die Marinevorlage und die Steuerprojecte der Regierung die Wahlparole sein werden, wogegen die

Reform des MilttärstrafproceffeS mehr tu de« Hintergrund treten würde. (xx)

Deutsches Reich.

Darmstadt, 29. September. Ihre Königliche« Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren am Montag mit Ihrer Kaiserlickeu und Königlichen Hoheit der Kronprinzesfin - Wittwe Stephanie vo« .Oesterreich- Ungarn, Höchstweiche mittlerweile mit dem bekannten Ge« folge die Rückreise nach Wien angetreten hat, und Ihrer Hoheit der Prinzessin Aribert von Anhalt zum Lnncheon bet dem Königlich Großbritannischen Geschäftsträger Mr. Buchanan und Gemahlin. Seine Königliche Hoheit der Großherzog nahmen Anlaß, bet der am 27. d. M. stattgehabteu Feier des 2 5jährigen Bestehens de» Alice-Frauen-BereinS für Watfenpflege an dte Hohe Präfidenttn des Vereins, Ihre Großherzogi. Hoheit Prinzessin Ludwig von Battenberg, folgendeS Schretben zu richten:

Durchlauchtigste Prinzesfin 1 Freundlich vielgeliebte Frau Schwester!

Der Alice-Frauen Verein für Watsenpflege begeht in diesen Tagen die Feier seine- 25jährigen Bestehen-. ES gereicht Mir zur wahren Freude, bei diesem Anlaß Eurer Großherzoglichen Hoheit als der Hohen Präfidentin des Ver­ein- zu sagen, daß diese Schöpfung Unserer Hochseligen Frau Mutter im Geist der Stifterin weitergeführt, während deS Vierteljahrhunderts ihres Bestehen- eine Quelle reichen Segens gewesen ist. Au- warmem Herzen spreche Ich darum Meine dankbare Anerkennung aus sowohl für die Thätigkcit Eurer Großherzoglichen Hoheit als Präfidenttn des Vereins und für die verständnißvolle, nie ermüdende Mitwirkung der Mitglieder de- Borstande-, wie auch für die hingebende Arbeit aller dem Verein angehörenden Damen, welche in der Ueberwachuug der Erziehung und Entwickelung so vieler armer Waisen weder Mühe «och Opfer scheuen, um ihre« Pflkgebesohlenen da- Fehlen der elterlichen Fürsorge zu er­setzen. Möge Gottes Schutz auch ferner über dem Alice- Frauen'Beretn für Waisenpflege walten.

Indem Ich bitte, die» zur Kenntniß der Mitglieder de- Verein- zu bringen, verbleibe Ich mit der Berficherung Meiner aufrichtigen brüderlichen Zuneigung stets

Eurer Grohherzoglichen Hoheit und Liebden treuer Bruder

Ernst Ludwig.

Wolff- telegraphische- Korrespondenz-Bureau.

Berit«, 29. September. DieBerk. Corr." meldet: In einem Erlaß de- Ministers Thielen vom 26. September wird den Etsenbahndtrectionen und den Vorständen der Eisen« bahnbetrieb-inspectionen, sowie den Maschineninspectiooen strengste Beachtung der Vorschriften über die tägliche Dienstdauer des Betrieb-Personals wiederholt ein­geschärft. Gleichzeitig wird eine Bestimmung getroffen über die Beseitigung von Abweichungen von diesen Vorschriften, ferner über die Bereithaltung und den Befähigungsnachweis von Aushilfskräften und über die Grenze der zeitweiligen Heranziehung des Personals aus anderen Dienststellen.

Berlin, 29. September. Anläßlich der 50jährigen Jubel­versammlung de- Evangelischen Vereins der Gustav- Ad ols-Stiftung läuteten heute Morgen die Glocken aller Kirchen Berlin-. Von einigen derselben wurden Choräle geblasen. Die Festtheilnehmer begaben fich im Zuge um 8/<9 Uhr vom Rathhaus nach der Marien« und Nikolaikirche, wo Festgottesdienst stattfano.

Drelde«, 29. September. In Gegenwart de- Königs, de- Prinzen Georg, des Cultu-minister- v. Sehdewitz und zahlreicher Würdenträger wurde heute Vormittag 9 Uhr im Verein-Hause die zahlreich besuchte 44. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner feierlich eröffnet.

Cuxhaven, 29. September. Die Leiche de» Herzog- Friedrich Wilhelm von Mecklenburg ist an Bord eines DivifionSbooteS hierher gebracht worden. Sämmtliche Leichen der mit dem Torpedoboot 8 26 Untergegangenen bis auf eine find geborgen und um 4 Uhr 55 Min. Nachmittags gelandet. Sie wurden in feierlichem Zuge nach der Kaserne übergeführt, woselbst eine Trauerfeier stattfand.

Bern, 29. September. Dar eidgenösfische Finanz- departement kündigt zum 31. December die eidgenössische Staats - Anleihe von 1887 im Restbeträge von Frcs. 24,248,000. Den Titelinhabern werden neue 3proc. Obligationen al pari angeboten, die, bi» 1905 unkündbar,

von 1906 bi» 1940 rückzahlbar fein sollen. Anmeldungen zur Converfiou werden vom 11. bis 25. October angenommen. Eine Baarsubscriprion findet nicht statt.

Kanea, 29. September Die muselmanische« Notabel« auf Kreta richteten circa an die Minister de» Aeußeren der Mächte, sowie an den der Türkei folgende- Telegramm: Unsere Lage wird unhaltbar, der Winter naht. Wir find 40,000 Familien ohne Unterkunft und fast nackt. Un» fehlt alle». Wir leben allein von Mehl, 100 Gramm auf die Person, da» uns die Wohlthätigk it der Muhamedaner käuflich zugehen läßt. Unsere griechischen Landsleute fahre« fort, die Olivenbäume niederzubrennen. Die Insel wird bald baumlo» sein. Auch nehmen unsere Landsleute, trotz de- Cordon», der uns erdrückt, die wenigen uns gebliebene« Herden weg. Die Saatzeit beginnt im October. Wie solle» wir unser Leben bis zur nächsten Saat stiften, wenn wir nicht nach unseren Heimftätteu zurückkehren? Die öffentliche Wohlthätigkeit hat bereit» mehr als eine Million beigesteuert. ES ist keine Gewähr dafür, daß wir noch einen Monat au»- halten. Wir find auch Geschöpfe Gotte». Im Namen der Menschlichkeit bitten wir, unseren letzten Nothschrei zu höre« und der verzweifelten Lage ei« Ende zu machen.

Depeschen de- Bure« .Herold.'

Darmstadt, 29. September. Die Ankunft deS russi- fchen Kaiserpaare- nebst den beiden Töchtern Olga und Tatiana Hierselbst erfolgt derDarmft. Ztg." zufolge SamStag den 2. October, Nachmittags 4 Uhr.

Berlin, 29. September. Auch dieNat.-Ztg." berichtet, daß die Martne-Berwaltung einen Gesetzentwurf auS- gearbeitet hat, durch welchen die Bewilligungen zu Schiffs­bauten und deren Verwendung für die Zett bi» 1905 fest- gelegt werden soll. Wie weit dadurch die Mitwirkung de- ReichStage- bei der alljährlichen Aufstellung des Schiffsbau- ctat» ausgeschlossen oder gewährt wird, ist dem Blatte nicht bekannt. ES bleibt abzuwarten, welche Form die Vorlage im BundeSrath erhält.

Berlin, 29. September. Die Kaiserin traf heute Morgen aus Potsdam hier ein, um dem Gottesdienste, der heute aus Anlaß der Versammlung des Gustav'Adolf Vereins stattfand, beizuwohnen. Als Vertreter des Kaiser- nahm Prinz Albrecht am Festgottesdieost Theil.

Berlin, 29. September. Gestern Abend sande« wiederum mehrere Versammlungen von Metallarbeitern statt, in welchen der FormerauSstand besprochen wurde. Man wählte schließlich eine Commisfion, welche mit der Wahrung der Interessen der Arbeiter beim Gewerbegericht betraut wurde. Die Arbeiter hoffe«, daß eine Einigung erzielt werden wird, da auch die Arbeitgeber eine solche herbeizuführen wünschen.

Berlin, 29. September. Wie dieVolk-ztg." hört, ist ein Majestät-beleidigung-proceß gegen die Frankfurter Zeitung anhängig gemacht worden wegen eine- Artikels über die Schwankungen, denen dte Politik der Regierung ausgesetzt fei. I« dem Artikel glaubte die An­klagebehörde eine Beleidigung de- deutschen Kaiser» erblicken zu sollen.

Berlin, 29. September. Die Verhandlung de» Landes­hauptmann» von Schlesien mit dem Staat-Minister v. Miquel hatte folgende» Ergebviß: Sobald die amtliche Ermittelung des Hochwasserschaden» abgeschlossen ist, soll ein Gesetz­entwurf ausgearbeitet werden, der einen weiteren namhaften Betrag zur Unterstützung von einzelnen Beschädigten vorfieht. Dieser Gesetzentwurf würde dem Landtage der Monarchie alsbald nach seinem Zusammentritt zugehen. Die Frage einer planmäßigen Regelung der schlesischen Gebirg-flüffe auf Staatskosten oder wenigstens der Gewährung erheblicher weiterer Hilfe au» Staatsmitteln müsse getrennt behandelt werden, weil die Borberathung und ihre Lösung ungleich schwieriger und zeitraubender sei.

Berlin, 29. September. Der hundertjährige Gedenktag der Thronbesteigung König Friedrich Wilhelm» UI. (10. November) soll im Königreich Preußen durch einen FestgotteSdienft gefeiert werden. Die königlichen und öffentlichen Gebäude werden an diesem Tage Flaggen- schmuck anlegen.

Berlin, 29. September. Officiö» wird die Nachricht, daß die Regierung eine Verdreifachung der Brau» steuer plane, als vollständig unbegründet bezeichnet.

Köln, 29. September. DieKöln. Volk-ztg." nimmt gleichfalls heute Stellung zu dem Ttrpttz'fchen Klotten- plan und sagt, das Entscheidende fei, daß nach dem in Rede stehenden Plane die hohen Forderungen gleich für sieben Jahre erhoben werden. Von einem solchen Septennat könne keine Rede fein. Die Forderung eines solchen wäre ein Angriff