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1897
Nr. 126 Zweites Blatt
Dienstag de» 1. Juni
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Deutsche» Leich.
Darmstadt, 29. Mai. Die Großherzogin ist heute nach Loburg abgereist, vou wo fie mit der Herzogin von Loburg eine Reise nach Bukarest antritt, da da» Befinden de» Prinzen Ferdinand ein besorgntßerregeodeS ist.
Berlin, 29. Mai. Se. Majestät der Kaiser traf heute früh 72/3 Uhr hier ein und fuhr zum Königlichen Schloß, von wo er sich alsbald zur Abnahme de» BrigadeexercirenS nach dem Tempeldofer Feld begab.
Berlin, 29. Mai. Im Abgeordnetenhause werden die Pftngstferien, falls am Montag ein positives Er- gebniß mit der Novelle zum BereinSgesetz erzielt werden sollte, DieoStag den 1. Juni beginnen.
Berlin, 29. Mat. Die Conserv ativeu brachten im Abgeordnetenhause einen Antrag ein, die Regierung möge die Controle für alles zum öffentlichen Verkauf gelangende Fleisch in die Wege letten, für Fletschbeschauer allgemein gtlttge Vorschriften erlassen und tm BandeSrathe dahin wirken, daß die im Auslande geschlachteten Thiere und alle Fleischwaaren fremden Landesursprunges hinsichtlich der Lontrole bei uns ebenso wie die des Inlandes behandelt werden.
Sigmariogeu, 29. Mat. Nach den neuesten Meldungen ist der Zustand des Prinzen Ferdinand von Rumänien noch immer bedrohlich. Wenn jedoch die Kräfte ausreichen, ist noch Hoffnung auf Genesung vorhanden.
Arr-land.
Wie», 29. Mai. Heute Mittag fand ein Minister- rath statt, in welchem die unerquickliche parlamentarische Situation besprochen wurde. Wie verlautet, steht die Auflösung deS ReichSrathS bevor.
Budapest, 29. Mat. Der deutsche Kaiser trifft hier am 20. August ein und wird in der Wiener Hofburg wohnen. Große Festlichkeiten werden für diese Gelegenheit vorbereitet.
Budapest, 29. Mai. Aus allen LandeStheilen laufen HtobSposteu über coloffalen Schaden ein, welchen Hochwasser und Wolkenbrüche angerichter haben. Biele Orte stehen unter Waffer. Auch mehrere Personen find umS Leben gekommen.
vozeu, 29. Mat. Zwei junge Studenten, angeblich aus Wien, find bei den Uebergangen über daS Fafla- Joch infolge Unwetters spurlos verschwunden. Man befürchtet, daß dieselben verunglückt und todt find.
Rom, 29. Mai. Der Leibarzt deS Papstes, Lepponi, erklärte, daS Befinden des Papstes fei trotz der Anstrengungen, die die Feier am 27. Mai mitbrachte, ausgezeichnet, und stimmte zu, daß 2000 lothringische und lombardische Pilger am 31. Mai der Meffe beiwohnen können, die der Papst im Loggiasaale abhallen wird.
Pisa, 29. Mai. Bei der kirchlichen Feier in der hiesigen Kathedrale entstand durch Herabfallen einer Kerze Panik. Mehrere Personen wurden erdrückt, 25 leicht verwundet.
Paris, 29. Mai. Der „Figaro" veröffentlicht Einzelheiten über die Bertheilung der Summen, welche er für die Hinterbliebenen der bei der Bran d»Katastrophe Verunglückten gesammelt hat. Der Kutscher Georg, welcher bereit» den Orden der Ehrenlegion erhalten hat, bekam 3000 Frcs. Die verschiedenen Wohlthätigkeits-Bereine von Paris erhielten Summen von 20000 bis 50000 FrcS.
Pari», 29. Mai. Der „GaulotS" setzt heute die Veröffentlichungen der unsinnigsten Antworten über eine event. Reise deS deutschen Kaisers nach Paris fort.
Athen, 29. Mai. Infolge des energischen Eingreifen- de» Ministerpräsidenten Ralli stellen sämmtliche oppositionelle Blätter die Veröffentlichung antidynastischer Hetzartikel ein. DaS Blatt „Hestia" erklärt sogar kategorisch, eS wäre ein Unding, den Kronprinzen für die Ereignisse verantwortlich zu machen.
Proeetz v. Tarrsch-Lützow.
Berlin, 29. Mai.
Nach Eröffnung der heutigen Sitzung erbittet sich der Angeklagte v. Lützow daS Wort zu etwa folgender Erklärung: Ich bin den Herren Verthetdigern Dr. Sello und Dr. Schrindt auf ihre Anfrage vom verfloffeoen Mittwoch noch eine Ant- wort schuldig. Ich war am Mittwoch in einer großen fee» lifcheu Verstimmung, sodaß ich nicht antworten konnte. Die Herren hatten mir entgegengehalten, daß ich gegenüber Dr. Limann die ungeheuerliche Behauptung aufgestellt hätte, Ge. Maj. der Kaiser habe die unrichtige Redactiou des Zaren- toaste- veranlaßt. Ich habe nun genau über meine Unter
redung mit Dr. Limann nachgedacht und erinnere wich, gesagt zu haben, Se. Maj habe Ihr allerhöchstes Mißfallen ausgesprochen gegenüber dem StaatSsecretär Frhrn. v. Marschall und dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, daß daS Wolffsche Telegrapheubureau eine falsche Fassung der Rede deS Zaren verbreitet habe und wie dies überhaupt möglich fein konnte. Ich habe stets in meinen Berichten an Tausch, in meinen Artikeln und im vorigen Prozesse diesen Punkt betont, eS ist daher unmöglich, daß ich 14 Tage nach der Verhandlung des letzten Prozesses und 14 Tage nach dem Erscheinen deS Artikels zu Dr. Limann das Gegentheil hiervon gesagt haben sollte. DaS ist eine logische Unmöglichkeit.
ES entspinut sich dann zwischen dem Oberstaatsanwalt Drescher und dem Angeklagten v. Tausch eine längere Debatte über die bekannten Artikel bezüglich der Geldaffaire des Ministers v. Bötticher. Als Zeuge wird alsdann der Herausgeber der „Zukunft", Maximilian Harden, vernommen, welcher seine Begegnungen mit dem Angeklagten v. Tausch schildert. Bei der Zusammenkunft am 5. December v. I. mit Tausch habe er, der Zeuge, an dem Angeklagten Tausch nicht gemerkt, ob er sich schuldig fühle- er habe ihn nur für aufgeregt und nervenschwach gehalten. Auch von dem Besuch In der Redaction des Dr. Levisohn habe Zeuge nicht den Eindruck gewonnen, daß Tausch etwas befürchte. Der An- geschuldtgte v. Tausch, welcher bis dahin, mit der Hand den Kopf stützend, theilnahmSlos dasaß, sängt heftig zu weinen an. Der Zeuge Harden betont schließlich noch, daß ihn auch Leckert wiederholt ausgesucht hätte und Artikel sür die „Zukunft" aubot. Der Zeuge lehnte jede Mitarbeiterschaft rundweg ab und war erstaunt, welche Informationen dieser junge Bursche über den bevorstehenden Rücktritt deS Ministers v. Bronsart an den Tag legte. Zeuge hatte den Eindruck, daß Leckert eine sehr gute Quelle für feine Nachrichten haben müßte. Hierauf beginnt *bie Vernehmung des StaatSsecre- tärs Frhrn. v. Marschall. Der Zuhörerraum ist plötzlich übersüllt. Die Richter- und Anwaltsplätze find dicht besetzt und lautlose Stille herrscht im SchwurgerichtSsaale. DaS Verhör deS Frhrn. v. Marschall dauert mehrere Stunden. In demselben stellt Zeuge in eingehender Weise die Beziehungen des auswärtigen AmtS zur politischen Polizei dar. Der Bruch mit dieser Behörde erfolgte durch daS schwachvolle Treiben deS Polizei-Agenten Normann-Schuwann, der in fast allen Ländern Spuren von Verbrechen hinterlassen habe und den der StaatSsecretär als einen Schwindler und Hochstapler der schlimmsten Sorte bezeichnet. Infolge der schmählichen Artikel gegen das deutsche Kaiserhaus in der französischen Presse machte die französische Regierung daS auswärtige Amt auf jene scandalöseu Vorgänge aufmerksam. Weil die Spuren wieder auf Normann-Schumann hindeuteten, wurden die Beziehungen zur politischen Polizei nach und nach eingestellt. Der Zeuge kann aber nichts darüber bekunden, ob v Tausch diese Artikel oder überhaupt politische inspirtrt habe. Man hätte Normann hier behalten sollen und nicht erst den Haftbefehl erlassen, dann wäre Vieles ans Tageslicht gekommen. Auffallend war dem Zeugen jener Umstand, daß nach den Verhaftungen von Leckert und Lützow der Angeschul- digte für seinen Agenten Lützow eingetreten sei, weil er behauptete, daß derselbe sicherlich Hintermänner hätte. Belastend find die Aussagen deS Zeugen insofern, als er erklärt, daß Dr. Levysohn vor der Verhandlung deS Leckert-ProzeffeS ihm auf das Bestimmteste mitgetheilt und wiederholt versichert hätte, daß ein Jrrthum ausgeschlossen sei. v. Tausch habe gesagt, Leckert werde im auswärtigen Amt empfangen. Mittheilungen über die Polizei habe Herr v. Marschall weder von Dr. Levisohn noch von irgend einer anderen Seite erhalten. Herr Gingold Stärk sei eineß Tages gekommen und habe die anonyme Karte gebracht, die in den Papierkorb gewandert sei. Es sei möglich, daß der Büreaudiener am anderen Tage die Karte Herrn Stärk wieder ausgehändigt habe. Angeklagter Tausch wird nun von dem Oberstaatsanwalt gefragt, auf welche Weise Normann-Schumann in den Besitz des Briefes gelangt sei, welchen Brentano an Caprivi gerichtet hätte. Tausch versichert auf das Heiligste, daß ihm der Brief niemals vor Augen gekommen sei. Oberstaatsanwalt Drescher führt aus, ein schlüssiger Beweis dafür, daß Tausch hinter den Preßtreibereien deS Normann gestanden und mit dessen Artikeln eng verbunden gewesen, sei auch heute nach den Bekundungen des StaatSsecretär» Marschall nicht erbracht. ES könne zwar ein schwacher Verdacht nach dieser Richtung hin nicht weg geleugnet werden, ein schlüssiger Beweis liege aber nicht vor. Zeuge Freiherr v. Marschall lehnt es hierauf ab, ein Gutachten darüber abzugeben, ob die in Frage stehenden Artikel politischer Natur seien ober nicht. Betreff» Normann wolle er noch anführen, daß derselbe laut den Acren Vertrauensmann eines Cardinals, zu
gleich aber auch eines radicalen Abgeordneten und daß er im Xantener Proceß Vertrauensmann von Philosemiten und Antisemiten gewesen sei und beide Theile zur vollen Zufriedenheit habe bedienen können. Die Vernehmung Marschalls ist damit beendet und es tritt eine Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wird Staatsminister Köller vernommen. Derselbe erklärt, er habe Tausch zwei Mal gesehen: 1. am Tage nach seiner Ernennung und nach de« Artikel der „Münchener Neuesten Nachrichten". Tausch habe damals gesagt, eS werde sehr schwer halten, den Verfasser des Artikels zu ermitteln. Herr v. Köller wird nun über den Brief vernommen, den Lützow anonym an ihn geschrieben hatte. Der Minister weiß sich an diesen Brief deshalb za erinnern, weil darin der Ausdruck Leib-OfficiosuS Stein von der „Frankfurter Zeitung" vorkam. Er glaube aber, daß er den Brief zerrissen habe. Zeuge behauptet weiter, er habe weder im Sinne des Zustandekommens der Militär-Straf- proceßordnung noch entgegengesetzte Nachrichten veröffentlicht. Der Vertheidiger Dr. Lubczinski betont, v. Tausch habe ia seinem Verhör bereits erwähnt, daß Oberstlieutenaut Gäbe ihm gesagt habe, der Kriegsminister habe dem Minister von Köller Vorhaltungen gemacht, daß et über die Specialsitznng zum General v. Pleffeu bei der Jagd in Letzlingen Angaben gemacht hätte. Ferner soll Tausch bei der Unterredung dem Minister v. Köller verschiedene Namen genannt haben, darunter den von Lucanus. Der Minister soll darauf gesagt haben: ES ist richtig, ich sehe, daß Sie orteotirt find. Zeuge v. Köller bezeichnet es als richtig, daß Namen genannt wurden, aber unrichtig, daß er die übrigen Worte gesagt habe. Angeklagter Tausch bleibt bei seiner Behauptung.
Der folgende Zeuge ist der frühere Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, welcher aussagt, er kenne den Angeklagten von Tausch nicht persönlich, er habe von ih« nur gehört, daß er ein sehr geschickter Beamter sei. Um ben Verfasser der Artikels in den „Münch. Neuest. Nachr." kennen zu lernen, sei er, Zeuge, durch Oberstlieutenant Gaede mit der politischen Polizei in Verbindung getreten. ES seien auch verschiedene Namen genannt worden, deren Unrichtigkeit sich aber bald herauSgestellt hätte. Schließlich sei gemeldet worden, Herr Tausch habe durch seinen Agenten die bestimmte Nachricht, daß Minister von Köller dahinter stecke. Er, Zeuge, habe antworten lassen, daß Herr von Tausch recht vorsichtig nachforschen möchte, denn er halte die Angaben für nicht wahrscheinlich. Der Minister kommt sodann auf die Absendung deS anonymen Briefes mit dem bekannten DerS zu sprechen. Er habe die Forderung Tausch für berechtigt gehalten, daß der Minister nicht erfahre, daß zur Ermittelung die politische Polizei in Anspruch genommen worden sei. Zeuge Gaede schildert übereinstimmend mit dem Kriegsminifter seine Unterhandlungen mit dem Angeklagten von Tausch. Letzterer habe gesagt, die Herren vom literarischen Bureau wüßten, wer hinter dem kleinen „h* in den „Münch. Neuest. Nachr." steckt. Als Kukutsch bet seiner Vernehmung gesagt habe, er wisse nicht«, habe er Zweifel bekommen. Tausch habe gesagt: Nun, ich will doch einmal sehen, ob Lützow auch mit Kukutsch verkehrt hat- ich werde mir eine Quittung geben lassen. Der Vorsitzende erklärt nun, eS ist von Wichtigkeit festzustellen, ob von Tausch selbst die Rede auf die Quittung gebracht hat. Wenn er mit Lützow übereinstimmend gehandelt haben sollte, müßte er ja geradezu vou einer Manie eine Urkundenfälschung zu begehen, besessen gewesen sein. Zeuge Gaede bemerkt, er hätte keine Quittung verlangt. Die Quittungsangelegenheit habe bei ihm immer die Annahme hervorgerufen, daß Tausch an der Fälschung unbetheiligt sei. Die Quittung sei im Besitz deS Ministeriums verblieben. Wenn Herr von Tausch daß Corpus delicti hätte vernichten wollen, hätte er es jederzeit herausbekommen. Auf die Frage deS Staatsanwalts Eger, welche Gründe von Tausch angab, daß Herr von Köller die Jutriguen eingeleitet habe, erwidert Zeuge, er habe an* gedeutet, daß der Minister von Köller gegen den Kriegs- Minister eingenommen sei, weil dieser bei der Vertretung der Umsturzvorlage größere Erfolge gehabt habe, als er selbst. ES folgt die Vernehmung des Fräulein Katharina Wenz, der früheren Geliebten von Lützow. Di.selbe bekundet heute, daß Lützow sich tu seiner Thätigkeit als Polizeiagent bedrückt gefühlt habe und schildert dann die Herstellung der anonymen Postkarte an den KrtegSwtnister. Wann und wo die gefälschte Kukutsch Quittung geschrieben wurde, vermag die Zeugin heute nicht mehr zu sagen. Sie habe wiederholt anonyme Briefe an Normann schreiben müssen. In denselben wurde ihm mit Gefänguiß gedroht, wenn er nicht Deutschland verlasse. Lützow habe zu ihr gesagt, daß geschehe im Auftrage deS Tausch. Um 6Vs Uhr wird die Weiterverhandlung auf Montag früh 9 Uhr vertagt.


