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Rr. 256 Zweites Blatt. Freitag den 30. October 1890
Der y<te*tr erscheint täglich, mit Ausnahme m Montag».
Die Stieß-ner AnmiktenSkLIter Weröen öem Lnznger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr. l. Anzeige« für den „Gießener Anzeiger" -entgegen.
A »ertlicher Theil.
Zu Nied er-Weisel und Wohnbach, Kreis Friedberg , ist die Maul- und Klauenseuche auSgebrochen und kteserhalb Gehöftsperre verfügt worden.
Gießen, den 27. October 1896.
GroßherzogltcheS KretSamt Gießen.
I. B.: Dr. M>ltor.
fcseeiw *#6 p»6t»$«gSeSe». >
%• Lollar, 28. October. Dem Formermeister Conrad Wolf, welcher vor einigen Monaten fein 40jährige» Dienst- jnbiläum bei der Firma BuderuS'fche Eisenwerke dahier feierte, wurde von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog da» Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
□ Darmstadt, 28. October. Der heutige dritte Noack'sche Vortrag verbreitete sich über Homer und die mhkentsche Cultur. Es wurde zunächst darauf htngewtesen, daß die homerischen Gedichte kein einheitliches Werk, die Ilia» älter als die Odyssee, beide später Zuthateu erfahren u. dgl. m., dann gezeigt, wie sich fast alle baulichen Elemente der mykenischeu Paläste bei Homer vorfinden, wie daun namentlich die Einzelfunde in den mykenischen Gchachtgräben so werthvolle Aufschlüsse über KampfeSwetse, Tracht, Schmuck, Baukunst, Kunstgabe usw. der alten Mhkener gegeben und hierfür Analogieen in den homerischen Gedichten vorhanden find. Ein weiterer Nachweis ging dahin, daß nur die von Schliemann ausgegrabene sechste Stadt auf dem Schutthügel von Hissarlik als das Troja HomerS bezetchnet zu werden verdient und es höchstwahrscheinlich auch darstellt/ die ältesten Ruinen dieses Schutthügels reichen dann bis ins 3. Jahrhundert vor Christus hinauf und mit den dortigen Ausgrabungen hat Schliemann der Wissenschaft die ältesten Culturperioden auf griechischem Boden geschloffen. Pläne und mit dem Sktoptikon hergestellte Lichtbilder ver- auschaultchten'daS Borgetragene. — Wegen des überaus parken Andrang- werden die Noack'schen Vorträge jetzt als jeweilige Parallelvorträge, einmal für Erwachsene, einmal sür Schüler gehalten.
Nur rin Viertel-Liter.
Humoreske von Fritz Wold eck.
(1. Fortsetzung.)
„Die Leute werden glauben/ rief Erna entrüstet, „daß Hier ein Droschken-Halteplatz ist — mit Deinem ewigen Brrr!"
Curt blickte seine Frau erstaunt au.
,@rnö, dar ist der erste Witz, den Du gemacht hast, seitdem ich Dich kenne."
„Ach geh I* schmollte der neueutdeckte Witzbold, „ich bin »tcht zum Scherzen aufgelegt. Jetzt willst Du wieder fortgehen. Weißt Du, ich habe eine Idee."
„Auch daS noch, Erna? Erst ein Witz und daun noch 'ne Idee?!"
„Curt, Du wirst unartig! Aber trotzdem, Du kannst Dir ja das Bier herüberhole» lassen,- da oben auf dem Bort pehen die schönen Krüge noch ganz unbenutzt."
Der Amtsrichter schellte.
„Gut, schließen wir daS CompromiS!"
Das niedliche Hausmädchen — in jungen Wirthschaften Pud die erste« Hausmädchen immer niedlich — erschien in ver Thür.
„Gnädige Frau befehlen?"
Dieses Mal befahl die gnädige Frau ausnahmsweise nicht», wohl aber der Herr Amtsrichter.
„Minna, nehmen Sie den großen Krug da oben und holen Sie mir von drüben aus dem Weihenstephau zwei Liter — aber wischen Sie das Ding erst aus."
„Ist in meiner Wirtschaft nicht uöthig!" rief die junge Frau empört, „bei mir wird alle Tage Staub gewischt."
Miuna winkte de« „Hausherrn" halb herablassend, halb vertraulich zu: „Werde schon machen, Herr Amtsrichter!" Damit war fie bereits zur Thür hinaus.
Frau Erna aber blickte den Gatten vorwurfsvoll au. „Curt, Curt, was muß ich hören?! Du läffest Dir zwei Eiter kommen? Bor dem Mädchen wollte ich allerdings nicht- sagen. Das ist ja völlereiß"
„Du lieber Gott!" seufzte Curt.
Ein originelles Militärbefreiungsgesuch.*)
(Aus alter Zeit.)
Ich Johann Jacob B.......r, 63 Jahre alt
und fie Eva Catharina geborene S .... l, 58 Jahre alt, beide vor Altersschwäche zitternd, wobei bemerkt wird mit franco anliegender TodteSscheiuangelegenheit, daß ältester Sohn Konrad bereits im Jahre 1845 als hochverordneter, wohlverlobter RegimentSministeriumSbedieusteter bitterlichem Spitaltod zu Darmstadt für daS hohe Vaterland sich noth- dürftig unterzöge» hat.
2. Und im Jahre 1848 haben wir unseren zweiten Sohn Johannes gestorben, welcher als Schwollescheh im badischen Feldzug mit demokratischen Blessuren behaftet fluchwürdiger Weise diese- irdene Jammerthal verlassen mußte.
3. Nun ist noch ein dritter fortlaufender Sohn, welcher auf den Namen Kaspar hört und taubstumm ist, weshalb wir ihn auch eine Zeit lang nach Friedberg hatten in die Anstalt gethan, welcher jedoch als tödtlicher Hausgenosse mit tobsüchtigem Athem bereit- in miserabelen Betracht zu ziehen kommt.
4. Und dann ist unser vierter Sohn Hau-joft vor zwei Jahren von einem unverständlichen Pferde bei der Schwemme an den Kopf geschlagen worden, welcher Schlag hinter dem linken Ohre einzudringen versuchte, welches der Herr Doctor Pr. und der Herr GirurchuS K. gleich in Verwahrung genommen auch mit vielen innerlichen und äußeren Mitteln kurirt, aber nicht ganz reparirt, weshalb er seit jener Zeit Starkes und Windiges nicht genießen darf, auch Beinkletder- träger mit Allerhöchstem Refpect zu sagen, stets in Entfernung bleiben müssen.
5. Und nunmehr ist besagter Sohu HanSjost bei der letzten Rekruthierung zu Biedenkopf zu einer berittenen Cavallerie nummeriret worden, wobei verschiedene Ziegel- lostgkeiten losgehen können, wenn ein hochverordnetes, wohl- verlobteS Großherzogliches RegimentSmintsterium sich seines uuschuldSvollen Temperament» nicht aller huldreichst und gnädigft erbarmen sollte.
6, Daher bitten wir segensreichst und kniefälligst um eine weiße Regierung, auf daß die Rückerstattung unsere»
•) Da» Manuskript diese» originellen Schriftstücks hat ein Geistlicher unter alten Papieren gefunden und es dem „Hinterländer Anzeiger" mitgetheilt.
zwangsweise reitenden Sohnes HanSjost nicht zu Schanden werde und verbleiben in dieser gesegneten Hoffnung eines Großherzoglichen hochverordneten, wohlverlobteu Regiment»- Ministeriums beide vor Altersschwäche zitternden Eheleute.
(Unterschriften.)
titerotur Kauft.
— Das „Jllustrirte ConnfagiHatt* ist am 1. October in den 44. Jahrgang getreten. Diese von Otto RuppiuS und Franz Duncker in Berlin begründete Wochenschrift hat im Laufe der Zeit nicht nur eine große Verbreitung gewonnen, sondern ist auch selber gewachsen und hat sich unter Rudolf Elcho's Leitung zu einem Famtltenblatt im besten Sinne des Wortes entwickelt. Wa» das „Jllustrirte Sonntagsblatt" (Berlin W., Lützowstraße 105) für den billigen Preis von 1,25 Mk. pro Quartal feinen Lesern bietet, ist erstaunlich. Aus den beiden ersten Nummern deS neuen Jahrgang« seien zwei Novellen erwähnt: „Der rothe Faden" von Marie DierS und „Leben um Leben" von E. Schwetchel, ferner Humoresken von Stockton und Gardonys. Daran schließt sich „GerichtSfaal- Humor", eine Plauderei aus den Erinnerungen eines alten Crimt- nalisten von Strom. Von belehrenden Aufsätzen erwähnen wir: Die „Thierwelt einsamer MeereSinseln" von Curt Grottewttz, „Ein Wunoerbaum" von Dr. Thiessen und „Das Zweirad" von Silberstein. Unter der Aufschrift „Eine Jubilarin" wird die Entstehungsgeschichte der Nähmaschine erzählt. Ueberraschend reich und geschmackvoll ist die Illustration dieses Sonntagsblattes. In feinster und charactischer Ausführung prSsmttren sich die Bildnisse des Kronprinzen von Italien und seiner schönen Braut, die Porträts der Königin Elisabeth von Rumänien, der schwedischen Nachtigall Sigrid Arnoldson und deS ChesconstructeurS der kaiserlichen Marine Alfred Dietrich. „Der Abfchied des Wilderers", von Sturtz und „Auf dem Heimwege" von Brouce, sind prächtige Vollbilder und daran schließen sich humoristische und ernste Darstellungen namhafter Maler. Wer ein billiges Famtltenblatt zu halten wünscht, das mit gemüthvoller, spannender und sittlicher Unterhaltungslectüre, Beiträge auS allen Wissensgebieten und sehr gefälligen Bilderschmuck verbindet, dem können wir daS „Jllustrirte Sonntagsblatt" warm empfehlen.
— Die soeben zur Ausgabe gelangte Nummer 42 de« „Reporter", illustrirteS Weltblatt, Berlin (Preis 10 Pfg., Postzeitungsliste Nr. 5899), hat folgenden Inhalt: MimtS Puppe mit Den gläsernen Augen. Eine Artistengeschichte von Oscar Linden (mit 2 Illustrationen). — Porta Westphalica (mit 2 Illustrationen). — Zum 18. Oktober 1896. — Ueberfahren (mit 1 Illustration). — Aus der Frauenbewegung (mit 1 Portrait). — Die Mörderin ihres Mannes (mit 1 Illustration). — Ragout fln. — Der Zar in Pari» (mit 1 Illustration). — Nützliches. — Anzeigen. — Die Späht» bet der Armee in Chalon (mit 1 Illustration). — Die heilige Gertraud! (mit 1 Illustration). — Vexirbtld. — Briefkasten.
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„Papa trinkt nie wehr al» einen Schoppen Mosel oder Bordeaux."
„Weißt Du auch, was er außer dem Hause trinkt^ fragte der iudtScrete Schwiegersohn.
„Curt!" rief die ehrerbietige Tochter, „Du scheinst Papa verdächtigen zu wollen. Zuerst diese einsilbigen Bemerkungen — daun diese Frage! Mein Papa ist da» Muster eine» Gatten, eine» Vater», eines Unterthaneu und Steuerzahler» — er hat fich sogar richtig eingeschätzt! Aach in seinem Aeußeren stet» k quatre epinglea. Und nun tritt Du einmal da vor den Spiegel und steh, wie Du auSschaust."
Der junge Ehemann gehorchte, besah fich von allen Seiten und weinte daun trocken: »Nun, ich sollte denken, ganz leidlich."
„Da» Jaquett ist entschieden salopp, Curt!"
„Aber gut genug für die Kneipe. Erna, Erna, ich warne Dich. Wenn ich mal allein ä quatre epinglee au»- gehe, so hast Du allen Grund zur Eifersucht."
„Als ob ich Deine Anspielungen nicht verstände! DaS soll wieder auf Papa gehen- Unfiun, so ein alter Manu!"
„Dein Papa ist doch kaum fünfzig Jahre alt."
„Nun, daS ist doch uralt!" rief die junge Frau erstaunt, „wenigsten» —" hier hielt fie erröthend ein.
„Erna, Ihr Frauen altert zwar eher, al» wir Männer, wenn aber einer von Dir in dreißig Jahren sagen wollte, Du wärest eine alte Frau, dem würdest Du schön Heimleuchten."
„Ich soll mir wohl mit fünfzig Jahren noch den Hof machen laffen?"
„Du wirst wohl noch danach auSsehen," versetzte der galante junge Ehemann.
Fran Erna erröthete, dann sagte fie, scheinbar schmollend, aber doch geschweichelt: „Ach geh, Du Schelm! Du hast ja einen förmlichen Anfall von Galanterie! Gut, nun werde ich auch nett sein und versuchen, Dich für Deine geliebte Kneipe zu entschädigen. Freilich, solche Geschichten, wie Ihr Euch da erzählt, damit kann ich nicht dienen."
„Soll ich Dir ein paar erzählen, Erna?"
„Ich muß sehr danken," erwiderte die junge Fra»,
wieder in den ihr gewöhnlichen steifen Ton zurückfallend, „Papa erzählt Mama nie dergleichen."
„Und dabei erfreut er fich in dieser Hinficht doch eine» gewissen Rufe»."
„Curt, eS scheint mir, als ob Du von Papa nicht mit der nöthigen Ehrerbietung sprichst. Papa ist eine Respect- Person! So haben wir ihn zu Hause stet- angesehen."
„Zu Hause, Erna!"
„Jetzt habe ich'S aber satt! Du untergräbst ja mit Vorbedacht die kindliche Verehrung, die ich pflichtmäßig vor Papa haben muß."
„Durchaus nicht meine Absicht, liebe Erna! Ich will Dich nur darauf aufmerksam machen, daß die Männer, die in ihrem Hause so geduckt werden, wie Dein Papa, fich dafür außerhalb deffelben zu entschädigen wissen. DaS möchte ich für meine Person in der Folge nicht gern und wollte Dich durch meine Andeutungen nur gewarnt haben, nicht in die Fußtapfen Deiner verehrten Frau Mama zu treten."
„Jetzt geht» auch über die Mama her!" rief Erna, mühsam ihre Thränen bekämpfend, „Du willst Dich jetzt rächen, weil sie unsere Verbindung zuerst nicht zugebeu wollte!"
„Erna, denkst Du wirklich so klein von mir? Wahrlich, Euch Frauen thäte eS gut, auch öfter» im Kreise verständiger und gebildeter Männer zu kneipen. Da lernt man unter Anderem auch Menschenkenntniß."
„Zu kneipen?" rief die kleine Frau entsetzt.
„Gewiß! zu kneipen, damit Ihr von Suren kleinlichen Borurtheilen loskommt und einen weiteren Gesichtskreis gewinnt."
„Alles in der Kneipe und bei Sure« entsetzlichen Bier?!" rief Erna geringschätzig.
Die DiScussiou wurde durch Minna» Erscheinen unterbrochen, die den großen Krug auf den Tisch stellte und den kleineren daneben setzte, durch den fich der Amtsrichter bei den Mahlzeiten in die Illusion zu versetzen pflegte, daß er Faß- »nd kein Flaschenbier tränke.
(Fortsetzung folgt.)


