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Der Hl-tzener Anzeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AamitienvlLtler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Erstes Blatt
Mittwoch den 30. December
1896
Vierteljähriger Abonnementspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
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ichener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
Hratisöeitage; Hießener Aamikienökätterl
Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeg«.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
AnMirher Theil.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur allgemeinen Kenntniß, daß dem Vlehstand des Landwirths Heinrich Noll in der Mühlgasse die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und das Gehöfte unter Sperre gestellt worden ist.
Gießen, den 28. Decemder 1896.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
WslffS telegrrphifcher ^orrrwonde»r-B«rra».
Berlin, 28. December. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Im CevtralauSschuß der RetchSbank wies der Präsident Koch darauf hin, daß die Anlage im Wechsel- und Lombard, verkehr ungewöhnlich hoch gewesen sei und selbst diejenige deS Vorjahres um 60 Millionen übersteige. Das Metall habe aber nur wenig abgenommen. Die RetchSbank habe aus dem AuSlande seit Anfang des Jahres bet günstigen Wechselcurseu beinahe 100 Millionen Gold erwerben können. Daß der Metallvorrath sich seitdem fast nicht vermehrt habe, sei eine Folge der großen, alle bisherigen Zahlen übersteigenden Inanspruchnahme der RetchSbank, welche sich tn der gewaltigen Differenz des Minimums und Maximums der metallisch nicht gedeckten Noten wie in der Zunahme der Anlagen zeige. Demgegenüber fei der Zinsfuß von 5 pCt. nicht besonders hoch. Obwohl beim Jahresabschluß wiederum eine erhebliche Ueberschreitung der steuerfreien Notengrenze nicht ausbleiben werde, werde eine wettere Erhöhung des DiSconts vielleicht vermieden werden. ES sei zunächst abzuwarten, ob die Spannung nicht bald nach Jahresschluss erheblich nachlassen werde, wie im Anfang 1896. Die Versammlung war hiermit einverstanden. Der Vor- sitzende sprach sodann noch von dem in der letzten Woche in Konstanz entdeckten Manco und bemerkte, daß die Erwitte- lungen in dieser Angelegercheit noch nicht adgeschloffen feien.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 28. December. Wie der „Retchsanzeiger" meldet, ist der Fürst von Pleß zum Kanzler des schwarzen Adler- ordenS ernannt worden.
Berlin, 28. December. Die Kaiserin Friedrich ist heute früh auS Kiel zum W.nteraufenthalt hier eingetroffen. Im Laufe des Vormittags besuchte das Kaiserpaar mit den kaiserlichen Kindern die Kaiserin Friedrich tn ihrem hiesigen PalatS.
Berlin, 28. December. Dem „Reichsanzeiger" zufolge ist dem Ftnanzminister vr. Miquel das Großkreuz deS luxemburgischen Ordens der eichenen Krone verliehen worden.
Berlin, 28. December. Die AuSführungSbestimm- ungeu des Börsengesetzes find beim Aeltesten-Collegium der Berliner Kaufmannschaft eingetroffen.
Berlin, 28. December. Nach Vereinbarungen mit der ungarischen Post- und Telegraphen-Verwaltung ist die Herstellung einer unmittelbaren Sprechverbindungzwischen Berlin undBudapest beschloffen worden. Die Jnbetrteb- nähme der Anlage wird zum 1. September 1897 erfolgen können.
Berlin, 28. December. Dem „Local-Anzeiger" zufolge gilt es nunmehr als feststehend, daß die nächstjährigen Katfer-Manöver in Lothringen und zwar östlich von Metz stattfinden werden. Der Kaiser wird während der Manövertage auf Schloß Urville refidtren. Zahlreiche deutsche Bundesfürsten, an deren Spitze der König von Sachsen und der Großherzog von Baden werden den großen Manövern beiwohnen, btc zwischen dem 8. und 16. Armeecorps einerseits und dem 14. und 15. Armeecorps andererseits ftattfinden werden.
Berlin, 28. December. Wie der „Post" aus Capstadt gemeldet wird, ist der Bacillus der Rinderpest von der bacteriologischen Station tn GrahamStown in der Cap- Colonie entdeckt worden. Professor Koch hat sich bereit erklärt, die Entdeckung einer näheren Prüfung zu unterziehen. Nach den neuesten Berichten scheint die Ausbreitung der Rinderpest zum Stillstand gekommen zu sein.
Wien, 28. December. In der heutigen ersten Sitzung deS ntederösterreichtschen Landtages, welche ein vollständig antisemitisches Gepräge hatte, brachten mehrere liberale Abgeordnete Anträge auf Erweiterung des Wahlrechts ein, darunter einen solchen, wonach jeder Wahlberechtigte unter 45 Jahren eine Stimme und jeder Wahlberechtigte über 45 Jahre zwei Stimmen haben soll.
Prag, 28. December. Der heutigen Eröffnung des Landtages sieht man mit großer Spannung entgegen. Die Deutschen sind entschlossen, falls die Tschechen neuerdings auf Einführung des böhmischen Staatsrechts bestehen sollten, auS dem Landtage auszutreten.
Rom, 28. December. Der Vorsitzende des anti-türkischen Central-Comites, Murotti Garibaldi, ist davon benachrichtigt worden, daß in Makedonien ein neuer Auf st and bevorstehe. Auch in Creta droht ein neuer Aufstand.
Beuedig, 28. December. Hier ist daS Kriegsschiff Christoph Columbus eingetroffen, an dessen Bord Prinz Ludwig von Savoyen, ein Neffe des Königs,
als Osfizier eine Reise um die Erde zurückgelegt hat. DaS Schiff war 26 Monate unterwegs. König Humbert gratulirte seinem Neffen telegraphisch.
Venedig, 28. December Wie auS BreScia gemeldet wird, hat die spanische Regierung in der dortigen Waffen- fabrtk 15 Millionen Patronen und 19000 Gewehre bestellt, welche bis Ende Januar geliefert werden müssen. Ferner hat Spanien für den Bau der vier in italienischen Arsenalen bestellten Dampferkreuzer solche Eile befohlen, daß bet Nacht gearbeitet werden muß.
Brüssel, 28. December. Gestern traten hier zweihundert socialisttsche GemeinderathSmitglieder zu einem Congreß zusammen. Sie beschlossen, einen soctaltstischeu Verein zu gründen, welcher sich tn jedem Jahre während der Pfingsttage versammeln soll. Die katholischen Blätter befürchten, daß die Organisation der soctaltstischeu GemeinderathS-Mitglieder ebenso wie vor der französischen Revolution der Jacobiner-Club eine Schreckensherrschaft organtfiren könnten und fordern die Regierung auf, die geplanten Versammlungen zu verbieten.
Brüssel, 28. December. Infolge der tuwultuarischen Auftritte während der letzten Kammersitzung anläßlich der Berathung der Civtlltste deS Königs fordern die gemäßigten Blätter eine bedeutende Verschärfung deS Kammer- Reglements. DaS „20. Siöcle" erklärt, dem Präsidenten müßten Mittel und Wege gegeben werden, um eine Wiederholung solcher gehässigen Auslassungen gegen die Königliche Familie zu verhindern.
Paris, 28. December. Der frühere Ftnanzminister Doumer nahm den Posten deS General-Gouverneurs von Jndochtna an.
Paris, 28. December. Einem Berichterstatter des „Temps" zufolge gab die Wittwe StambulowS folgende Erklärung ab: Mein Gemahl wußte, daß er ermordet werden sollte. OesterS hat er mir von seinen Ahnungen gesprochen. Alsdann schilderte Frau Stambulow die Einzelheiten der Ermordung ihres Mannes und klagte bitter über die Ungerechtigkeiten, welche sie von Setten der Behörden zu erdulden habe.
Löudon, 28. December. Nach dem „Obferver" soll ein sensationeller Proceß wegen Verrath von Staatsgeheimnissen bevorftehen. ES sei erwiesen, daß eine fremde Regierung alle Einzelheiten über Pläne einer englischen Vertheidigung besäße, eine andere verfüge nicht nur über einen vollständigen JnvafionSplan, sondern führe auch eine Liste über alle hervorragenden englischen Kunstschätze.
Konstantinopel, 28. December. Am zweiten Weihnacht--
Feuilleton.
Mutter und Sohn.
Eine Skizze von Hugo Klein.
(Nachdruck verboten.)
Es war ein kalter Herbstabend mit frostigen Sonnenstrahlen, die um die Dächer der Häuser spielten. In dem großen, etwas nüchtern auSgeftatteten Arbeitszimmer deS Raths Flemming war eS noch unfreundlicher als sonst. Der Herr Rath war eben aus dem Amte heimgekommen und saß, tote er eS gerne that, in seinem Lehnstuhl am Fenster. Bon dort ließ sich der Park vor dem Hause Überblicken mit Bäumen und Büschen, die fich gelb und roth färbten. Der Mann mit dem stillen, verschlossenen Gesicht blickte da wieder hinüber und sah zu, tote die welken Blatter von den Bäumen fielen und im Winde spielten.
Am Tische inmitten der Stube saß eine alte Frau mit weißem Haar und bleichem Gesicht. Ihre Hände ruhten im Schooße.
„Ja, ich werde alt und müde," sagte sie. „Indessen — Arbeit bin ich gewöhnt von früher Zeit. Gern säbe ich nur Dich versorgt, eine Frau und liebe Kinder an der Seite, die Dir das Leben schön machen könnten —"
„Laß daS," sagte der Sohn mit einer abwehrenden Bewegung der Hand.
„Warum?" fragte die Mutter beharrlich. „Warum soll ich daS lassen? Wenn Du wüßtest, welche Freude Du mir damit machen würbest!"
Der Mann lachte bitter.
„Freude?" wiederholte er. „Besonders, wenn ich eine vornehme Dame nähme, mit deren Adel Du Dich brüsten könntest, Staat machen vor den Basen und Ge- vateriunen, wie?"
„Nimm, welche Du willst. Mir ist schon alles rech/," sagte die Alte. „Wenn ich Dich nur wieder einmal froh sähe nach so langer, langer Zeit."
„So sprichst Du?!" klang eS mit leisem Spott zurück.
Die Alte schwieg dieses Mal.
„Ich verstehe," fuhr der Mann fort. „Du empfindest auch etwa- wie Reue, — Du wärest keine Mutter, wenn Du nicht versuchen wolltest, gutzumachen, wenn Dir mein Glück nicht über alleSj ginge. Leider erweist fich aber dieses mütterliche Gefühl zu spät als da- sieghafte. Und daß ich Dir'- nun einmal sage, da Du doch immer wieder dieselbe Leier spielst: ich werde niemals heirathen, niemals Frau und liebe Kinder um mich sehen, die mir „das Leben schön machen" könnten. Warum? Auch da- will ich Dir sagen. Weil ich nicht vergessen, daS Vergangene nicht begraben kann. Auch mich quält die Reue unausgesetzt, Tag und Nacht, und sie wird niemals von meiner Seite weichen. Reue — über meine kindliche Schwäche in jenen längst- vergangeneu Tagen, Reue, daß ich Deinem Hochmuth, Deiner Prahlsucht ein Wesen opfern konnte, schön und edel und jedes Glückes werth. O, wie ich sie liebte! Wie ich sie noch liebe! Wie ich sie immer lieben werde, lieben, bis zu meinem letzten Athemzuge! Und diese stieß ich hinweg, hinaus in Nacht und Unglück — Deines Dünkel- wegen. Sie ist verdorben und gestorben und ist in ihrem Elend ins Wasser gegangen. Erscheint Dir niemals ihr Rachegespenst, schrecklich und furchtbar?"
„Hans," bat die Frau leise und weinerlich, „sei nicht grausam!"
„Nun, mir erscheint er, mir," sagte der Mann, indem er schwer aufathmete. „Und mit Recht. Denn nur ich bin der allein Schuldige, nur ich! WaS bist Du ihr gewesen?
WaS erwartete sie von Dir? Nur Feindschaft. Hat sie Dir vertraut, ihr Glück in Deine Hände gelegt? Gewiß nicht. Ich war Derjenige, der sie schützen und vertheidigen sollte, von dem sie alle- erhoffte, welchem sie ihr ganzes Herz geschenkt. O, über diese unselige Stunde, da ich mich von Dir überreden ließ, nur auS Dummheit und Schwäche, weiß Gott, nicht aus Schlechtigkeit — denn keinen Bortheil wollte ich daraus ziehen, daß ich sie von mir stieß, Deine Argumente übten keine Wirkung auf mich! ... Ein reiches, adeliges Mädchen sollte ich nach Deinem Wunsche heirathen, daS meine Carriäre fördern, mir zu Pracht und Wohlleben verhelfen könnte! Pracht und Wohlleben! WaS liegt mir daran, was lag mir daran! Meine Carriöre. ES ist zum Lachen! Ein RuhmeSzug durch verstaubte Alleen, kaum gut genug zum Broderwerb, daS soll den Ehrgeiz eines ManneS ausmachen, ein Menschenleben ausfüllen! ES wäre verächtlich, wenn eß nicht so lächerlich wäre."
„Ich habe eß gut gemeint," sagte die Alte schüchtern. „Ich wußte nicht —"
„Alles wußtest Du," unterbrach sie der Sohn. „Ja, Du wußtest, wie sie mir ins Herz hineingewachsen war, und doch rissest Du sie heraus. Doch wozu in den alten Wunden wühlen? Sie bluten noch, ob auch zehn Jahre fett jenem Abend verflossen find . . . Noch sehe ich die Aermste vor mir, tn ihrer ganzen Schönheit und Hilflosigkeit, mit den blonden Locken, die ich so liebte, mit den süßen Augen, die in Thränen schwammen, mit den Händen, die sie in ihrer Verzweiflung ineinander geschlungen hatte . . . Sie war so sanft und schüchtern, daß sie keinen Widerstand wagte, keine Bitte, nur ihr Blick, fragend und entsetzt, war auf mich gerichtet . . . Und ich ließ sie hinau-weisen tote eine Magd, weil sie arm war und hilflos! Und die arme Lehrerin ging, — als ich fie suchte, fand ich sie nicht mehr, fie verbarg fich vor mir, und nie mehr hörte ich etwas von ihr,


