Rr 255 Zweites Blatt
Donnerstag den 29. October
1S96
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mizeiger.
Simtss unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren
Die Gießener AamitienVtälter torrbm dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Vierteljähriger Avonnementsprcis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark BO Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei: ।
Kchutstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
chratisöeikage: Kkeßmer Kamilienökätter.
Amtlicher Tbcil.
Nachstehende Bekanntmachung des Köntgl. Landraths Marburg bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß.
Gießen, den 27. October 1896.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
I. B.: Dr. Meltor.
vekauutmachuag.
Wegen Ausbruch der Maul' und Klauenseuche in Nieder- wetmar sind die Gemeinden Weiershausen, Hermershausen, Cyriaxweimar, Haddamshausen, Ockershausen, Marburg, Gtffelberg, Niederweimar, Oberweimar Dorf, Oberwetmar Gutsbezirk, Nanz, Willershausen, Kehna, Niederwalgern, Roth, Wenkbach, Argenstein, Stedebach, Holzhausen, Fronhausen und Oberwalgern als BrobachtungSgebiet im Sinne des tz 29a der BundeSrathSinstruction vom 27. Juni 1895 (Reichs Gesetzblatt Seite 373) bestimmt und zwar zunächst bis zum 5. November d. I. einschließlich.
Bis dahin dürfen Wiederkäuer, einschließlich Fahrvteh und Schweine aus diesem Gebiet nicht ausgeführt werden und ist der Durchtrieb solcher Thtere durch das Beobachtung»« gebiet verboten. Ausnahmegestattungen sind bei den betr. OrtSpolizribehörden unter Vorlage einer thierärztlichen Bescheinigung über den Gesundheitszustand der auSzusührenden Thtere zu beantragen. Die thierärztliche Untersuchung muß unmittelbar vor dem Transport ftattfinden.
Marburg, den 22. October 1896.
Der Königliche Landrath.
Deutsche» Deich.
Darmstadt, 27. October. AuS Seeheim, 26. October, wird der „Darmft. Ztg." geschrieben: Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin, Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin SergiuS von Rußland, Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin und Ihre Großherzogltche Hoheit die Prinzessin Ludwig von Battenberg trafen heute Nachmittag gegen 4 Uhr hier ein, von der Einwohnerschaft mit Jubel empfangen. Nachdem Allerhöchstdieselben das Hoflager besucht, sowie der Kelterung der Trauben auS dem herrschaftlichen Wingert beigewohnt, i hierbei auch von dem Most gekostet, wurde die Rückfahrt nach Darmstadt angetreten. — Heute früh 8 Uhr trafen I
Seine Königliche Hoheit der Herzog von Sachsen-Coburg- Gotha zum Besuch der Allerhöchsten Herrschaften hier ein.
Bre-lau, 26. October. Am 3. und 4. November tagte hier die allgemeine Conferenz der deutschen Sittlich- keitSvereine. Außer der Berichterstattung werden Dorträge gehalten über: „Die Sittlichkeit in der Armee" in der Dele- gtrtenconferenz am ersten Tage, dann in einer öffentlichen Frauenversammlung über: „Erziehung der Kinder zur Sittlichkeit" (von P. Mützold Dresden), „Die Sittlichkeit-- bewrgung und die Frauen" (Sup. Niemann Kyritz) - in einer öffentlichen Männerversammluvg über: „Das neue bürger- ltche Gesetzbuch in seiner Stellung zur Sittlichkeit" (Landrichter Dr. Richter-Dre-den), „Kampf gegen die Unsittlich- kett" (Pfarrer Weber-M.-Gladbach)- endlich in einer gemein- fernen Hauptversammlung über „Theater und Sittlichkeit" (Dr. med. Beerwald Berlin) und „Hebung der Sittlichkeit auf dem Wege der Kirchenzucht" (Generalsecretär Henning- Berlin). Außerdem ist noch eine Studentenversammlung und eine Versammlung für junge Männer aller Stävde vorgesehen.
-f- Nidda, 27. October. In verschiedenen Gärten wurden dieser Tage blühende Vetlchensträußchen gepflückt, was hierorts um diese Zeit eine große Seltenheit ist.
4- Nidda, 27. October. Unserer katholischen Pfarr- curatie wurden dieser Tage Seitens des BouifaciuSvereinS in Paderborn 3000 Mk. zu dem Fonds für Erbauung einer Kirche nebst Pfarrhaus überwiesen, sodaß der größte Thetl des zur Geländeerwerbung und Herstellung der Gebäude nach dem Voranschlag erforderlichen Capital- beschafft ist und man im nächsten Jahre mit den Bauarbeiten zu beginnen gedenkt.
• Berlin, 27. October. Gegen den Bankier Gustav Mo-ler auS Berlin wurde heute wegen fahrlässiger Tödtung< verhandelt. MoSler hatte am 8. Februar diese- Jahres da- Unglück, auf der Jagd den Förster Konrad todtzuschießen. Da- Gericht erkannte auf Freisprechung, da eS zu der Ueberzeuguug kam, eine strafbare Fahrlässigkeit liege nicht vor.
* WöriShofen, 22. October. Unser Kneipp Ort war in diesem Jahre von 10500 Kranken besucht, im Ktnderashl find 180 Kinder ausgenommen. Wie sehr Kneipp seinen Worten nach handelt, beweist seine Mittheilung, daß er in diesem
Alle AnnonceN'Burcaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" -entgegen.
Jahre nur fünf GlaS Bier getrunken habe. Muß da- die trinkfrohen Bayern in Erstaunen setzen!
* Ein kostbarer Sonnenschirm. Aus Venedig wird der „Franks. Ztg." berichtet: Venezianische Damen haben der Braut deS Prinzen von Neapel zur Hochzeit einen Sonnenschirm geschenkt, der ein wahres Wunderwerk an Pracht und Geschmack ist. Der Ueberzug besteht au- einem einzigen Stück alter venezianischer Spitzen. Er ist so geschickt gefaltet, daß jeder Schnitt vermieden wurde. Im Innern ist der Schirm mit weißer Seide gefüttert. Der Griff wird von einem einzigen Stück blonden Schildkröte gebildet, um den sich eine diamantene Schlange windet. Der Schlangenkopf ist nach oben gerichtet, nach der Königskrone zu, die, aus Gold, Brillanten, Saphiren und Rubinen hergestellt, den Abschluß deS Griffes bildet. Am unteren Ende des Griffe- ist eine goldene Schleife angebracht, auf der mit kleinen Brillanten die Worte eingelegt find: „Le signore veneziane 1896." Der Schirm ist in ein Etui aus Oiivenholz mit Stlberbeschlag eingeschlossen. Den Deckel de- Etui- schmücken überdies zwei Medaillen der Dogareffa Morofini (aus dem Jahre 1597) und der Dogareffa Quirint (aus dem Jahre 1694)._______________________________________
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Citerotar und ICunft* *
— Heber den Aoga-Schlaf, jene oielbewunderte und viel krttifirte Production der „iarlafenden Fakire" berichtet Dr. Freiherr von Schrenck Notzing in dem neusten (3) Hefte von „vom FslS z«m IReet* (Stuttgart, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Preis deS HesteS 75 Pf.), wobei der durch seine Arbeiten über die Wirkungen der Hypnose bestens bekannte Autor zu dem Resultat kommt, daß der bei diesem Schlaf sich vorfindende Zustand als eine einfache Selbsthypnose auszusassen ist, deren Dauer durch Hebung verlängert wurde. Dem interessanten Aussatz ist das Bildniß des Jogi Pratapa beigegeben, der nicht nur in Budapest vor einem Later Publikum, sondern auch in München vor den Mitgliedern des Psychologen- congreffes sich producirt hat. Im gleichen Hefte der bekannten illustrirten Halbmonatsschrift finden wir neben den Fortsetzungen der ausgezeichneten Romane von Ad. Wilbrandt und Ida Boy-Ed eine Reihe von belehrenden und unterhaltenden Beiträgen, unter denen A. Moszkowskis Mufikbetrachtungen unter dem Titel „Com- ponisten der Neuzeit im Lichte beS HrtheilS ihrer Zeitgenossen" und Director Dr. DronkeS mit prächtigen Farbenbitdern geschmückte .Wanderfahrt durch die Eifel" besonders anfprechen werden. Die künstlerische Ausstattung ist sehr glänzend; ein hervorragend schönes Blatt ist die farbige Aquarell-Nachbildung des Gemäldes „Sung« gesellendiner" von Emil Brack._____________________________________
Kunst-Ausstellung, «fc nähme des Samstags, von 11 bis 1 Hhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. SonatagS ununterbrochen von 11 bis 8 Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
Feuilleton.
Nur ein Virrtel-Litrr.
Humoreske von Fritz Wold eck.
(Nachdruck verboten.)
„Gottlob, mit der Arbeit wäre ich endlich fertig!" rief der Amtsrichter Stacenberg au-, indem er sich von seinem Schreibtisch erhob und zu seiner jungen Frau in die andere, sehr lauschige Ecke des großen Zimmers hinüberging.
Die hübsche, noch sehr junge Frau antwortete nicht,- nur um ihren vollen Mund zuckte eS spöttisch und sie bewegte gleichgiltig die Schultern.
„Du scheinst Dich nicht einmal mit mir zu freuen, Eraa?*
„Warum sollte ich da-, Curt? Morgen bringt der Bote doch wieder neue Acten und die Arbeit geht von Neuem au. Wenn Du auf Deinen Gehalt angewiesen wärest, wollte ich e- gelten laffeu. Bet Deinem und meinem Vermöge» brauchtest Du aber gar nicht zu arbeiten und wir könnten, statt hier in der abscheulichen Kälte, im Sonnenschein au der Riviera fitzen."
„Und unserem Herrgott die Tage abstehlev? Net», «etn Schatz! Der Manu, der nicht arbeitet, kommt auf allerlei böse Gedanken —"
»Papa ist schon lange Rentier und ist noch auf keinen bösen Gedanken gekommen."
„Du mußt e- ja wtffeo," entgegnete Stavenberg und feine Lippen kräuselten fich spöttisch.
„Du willst doch nicht etwa andeuten —?* fuhr Frau Erna auf.
„Ach, wo denkst Du hin, Kind!" lenkte Curt ein, und «« von diesem, wie er wohl wußte, gefährlichen Thema ab« zukomwen, fuhr er fort: „Ich muß nun einmal meine Beschäftigung haben, — und Du solltest mal sehen, wie viel ich z» thun haben würde, wen» ich nicht- zu thun hätte."
Frau Erna lächelte matt.
„Du gefällst Dir ta Paradoxen!"
„Keineswegs! Da würden fie mich bald zu allerlei städtischen Aemtern herankrtegen, in denen man reichlich so viel umsonst leisten muß, wie ein bezahlter Staatsbeamter."
„Da- brauchtest Du aber doch nicht!* warf Frau Erna ein.
„O doch! Einmal ist da- eine Ehrensache für jeden guten Bürger und daun hätte eine Weigerung auch sehr beschämende und für den Geldbeutel empfindliche Folgen . . . UebrigenS arbeitest Du ja auch," setzte der Amtsrichter hinzu, indem er auf die Stickerei wies, mit der seine Frau beschäftigt war.
„WaS soll ich andere- thun?"
„Du könntest doch, während ich an den Acten saß, etwas gelesen haben und jetzt mit mir darüber sprechen."
Die junge Frau sah ihren Gatten erstaunt an.
„Mama liest sehr viel, aber ich habe fie nie, so lange ich zu Hause war, mit Papa darüber sprechen hören."
„Na ja, Deine Mama!"
„Curt, Deine ironischen Lakonismen, wenn Du von meinen Eltern sprichst, berühren mich eigeuthümltch!" rief Frau Erna erregt, „wenn Du etwas gegen die Eltern hast, muß ich Dich bitten, eS zu sagen."
„Ra, was ist denn da viel zu sagen . wich Curt auS.
Erna aber fuhr fort mit einer Ernsthaftigkeit und Urberzeugung-treue, die fie allerliebst kleideten: „Die Eltern führen eine sehr glückliche Ehe- ich habe noch nie eine« Streit betgewohut — nicht einmal einer DiScusston, wie fie doch schon öfter- — auch in diesem Augenblick — zwischen uuS vorgekommeu ist. ES findet zwischen ihnen nie die geringste Meinungsverschiedenheit statt.-
„viel Vergnügen!" lachte Stavenberg.
„Schon wieder solch' lakonischer Spott!" brauste Erna auf.
Der Amtsrichter, der mit seiner jungen Fra» — fie waren ja kaum ein halbes Jahr verheirathet —- picht in
Zwist gerathen wollte, meinte ruhig: „Erna, wie mir scheint, bist Du heute — gegen Deine Gewohnheit — etwas streit- sücht'g- ich will aber mit Dir lauch eine solche Ehe führen, wie Du fie mir soeben, als glänzendes Beispiel aufgestellt hast. Du gestattest deßhalb wohl, daß ich in den Weihen« stephan htnübergehe. Er ist heute Donnerstag — da treffe ich eine Menge Bekannte."
„Schon wieder au-gehen?!" schmollte die junge Frau. „Vorgestern warst Du erst in der juristischen Gesellschaft, deren Sitzungen doch nicht bis halb zwei Uhr dauern, denn eher bist Du nicht hetmgekommen. ES ist jetzt halb zehn- Papa ist nie so spät auSgegangen."
„Weil er eben am Tage Zeit hat."
„Er geht um fünf Uhr in den Club und ist spätestens um neun Uhr zu Hause."
„Ich habe aber erst spät Abends Zeit, und vor zehn Utzr trifft man eigentlich in Berlin keinen vernünftigen Menschen in der Kneipe."
„ES ist aber nicht hübsch von Dir, daß Du mich allein läffest!" klagte Frau Erna, „wir haben so schöne- Flaschenbier im Hause, wenn Du durchaus Bier trinken mußt.-
Der Brust deS Amtsrichters entrang fich ein schauderndes „Brrr."
„Ich weiß nicht, wie man dabei „baten* kann! Bier ist Bier!" rief die sittlich entrüstete Frau Amtsrichter.
„Da sieht man, daß Du keines trinkst."
„Mama sagt, das sei unwetdlich. Die Eltern find nie in ein Bter-Restaurant gegangen — am wenigsten in meiner Begleitung,- wenn wir im Sommer einen Ausflug machte« oder auf Reifen —*
„Na, da haft Du doch Bier trinken müssen?"
„Bitte sehr, nur Limonade oder Zuckerwaffer."
„Brrr!" Dieses Mal schauderte der biergerechte Amtsrichter »och mehr.
(Fortsetzung folgt.)


