Ausgabe 
28.10.1896 Zweites Blatt
 
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Rr 254 Zweites Blatt. Mittwoch de» 28. October

1896

Der

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«scheint täglich, WM »u-nahme bt»

Montag«.

Di« Gießener W««itte« v tter Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Siebener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

vierteljährig« Avo»«e«ent»preiss 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohm Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

Rebaction, Expedition und Druckerei:

-chnkstraße Ar.7. Kernsprecher 51.

Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.

chratisöeitage: Gießener Aamitienökätter.

«»nähme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle «nnoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

5. 1 Protocollbuch, sowie 2 Verzeichnisse über Ab­schätzung der Obstbäume

zur Einsicht der Betheiligten offen.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen findet statt:

Freitag, den 6. November l. Js., Bormittags 910 Uhr, iw Gemeindehause zu Ruttershausen, wozu ich die Be- thelligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinen­den mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Einwendungen sind schrifttich abzufassen, zu begründen und auf Papier in Actengröße (mindestens Va Bogen) einzureichen.

Ketty mit dem Referendar Arthur Meding in Markranstädt und Lotta mit dem Rittergutsbesitzer, Lieutenant der Reserve im Feldartillerie Regiment Nr. 33 Herrn Eugen Hahn In Berlin beehren sich ergebenst anzuzetgen. Rittergut Klink, Waren, September 1896. Reinhold Hermann und Frau, Ketty, geb. Thiel."

2lmtlid?er Theil.

Bekanntmachung.

Dienstag den 17. November 1896, Nachmittags S Uhr,

wird auf Louhs Felsenkeller zu Gießen eine

Generalversammlung

deS laudwirthfchaftl. Bezirksvereius z« Gießen

abgehalten werden.

Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder deS Verein- und der landwirthschaftlicheu Localvereine, sowie alle Freunde der Laudwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Verein- von dieser Einladung Keontniß zu geben und auf recht zahlreichen Besuch der Versammlung htnzuwirken.

Tagesordnung:

1. Die Nothwendigkeit der Abänderung der hessischen Instruction sür die chemischen Untersuchungsämter zur Untersuchung der Milch. Referent: Rechts­anwalt Jost in Gießen.

2. Aufzucht der Schweine und Fütterung derselben. Referent: Herr Oberamtmann C. Hoffmann zu Hofgüll und Herr Pachter v. Oven in Hungen.

3. Beschlußfassung über gemeinschaftlichen Bezug von künstlichem Dünger.

Gießen, den 26. October 1896.

Der Director de- landwirthschaftlichen Bezirk-Verein-.

C. Jost.

veklumtmachuug.

Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen.

In der Zeit vom 23. October l. Js. bis einschließlich 6. November l. Js. und zwar an jedem Tage, auch den Sonntagen, von 8 bis 12 Uhr Vormittags und 2 bis 6 Uhr Nachmittags, liegen auf dem Gemeindehause zu Rutters­hausen die Arbeiten des dritten Abschnittes von den Wiesen r»br. Feldberetnigung, nämlich:

1. 5 Zutheilungskarten,

2. 1 Gütergeschoß,

3. 1 Heft Zusammenstellung der Gütergeschoffe,

4. 1 ZuthellungSverzeichniß,

Friedberg, den 19. October 1896.

Der BereinigungScommissär: 9301 Dr. GÜttelmann, Großh. Kreisamtmann.

Vermischter,

* Weilburg. 23. October. Ein Reisender von hier war augeklagt, unter Vorspiegelung falscher Thatsachen seiner Firma einen rechtswidrigen BermögenSvortheil ver­schafft zu haben und eine andere Firma am Orte sollte dadurch geschädigt sein. Die Beweisaufnahme ergab die volle Schuld des Angeklagten, trotzdem derselbe in ausführlicher Wette von seinem vertheidiger unterstützt wurde, undlbeantragte der AmtSanwalt die Bestrafung des Angeklagten wegen erwiesenen Betruges zu acht Tagen Gefängntß und 50 Mk. Geldstrafe sowie Auferlegung der Kosten. Da- Gericht ver­urteilte den Angeklagten zu acht Tagen Grfängniß und den Kosten.

* Berlin, 23. October. An dem Chocoladen- Obelisk, der in der GruppeNahrungsmittel" in der Gewerbe-Ausstellung zum Errathen feines Gewicht- aus» gestellt war, haben sich rund 350000 Personen im Rathen versucht. Eine Modistin, Frl. Heese, in der Thurmstraße wohnhaft, ist dem wirklichen Gewicht von 5417 Pfund bis auf ein Pfund nahe gekommen und sie hat den Obeli-k als Prämie erhalten. Sie wird sich manches Täßchen daraus leisten" können.

* Maße« Verlobung. Allen Müttern mit unversorgten Töchtern wird die folgende Verlobungs-Anzeige deSQuedlin­burger KreiSblaues" hoffnungsreichen Trost gewähren:Die Verlobung unserer Kinder Else mit dem Königl. Forstassessor und Premierlieutenant der Reserve im Magdeburger Jäger- I Bataillon Nr. 4 Herrn Walther Zehnpfund in Pfalzburg,

Literatur und Aunst.

Werder jüngste Kreuzritter" im Feldzuge 1870/71 gewesen ist? DaS ungemein inhaltsreiche und fesselnde Werk: KrlegS- «»innerungenr Wie wi» tmf« «tser» Kretrz erwarben. Nach persönlichen Berichten bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe, General-Lieutenant z. D. Selbsterlebntsie. Jllustrttt von ersten deutschen Künstlern. Berlin, Leipzig. Deutsche« VerlagShaus Bong & Co." giebt in seiner soeben erschienenen Liefe­rung 17 der neuen Supplement-AuSgabe Antwort auf jene Frag«. Es ist der im Jahre 1853 geborene Fähnrich Fritz von Ekensteen. Schon des 18jährtgen Jünglings Brust schmückte das Eiserne Kreuz für sein muthtges Vorgehen gegen die Zuckerfabrik von Grugtes in der Schlacht von St. Quentin am 19. Januar, von Ekensteen ge­hörte dem Hohenzollern'schen Regiment (40) an. Jetzt ist er Lieute­nant «. D. und Polizei-Commissär in Metz. Der Inhalt der 17. Lieferung des schönen PrachtbucheS ist wieder reich an trefflichen Illustrationen und ausgezeichneten Vollbildern, unter ihnen ein aus­gezeichnetes farbiges Kunstblatt:Sturm der preußischen Garde­schützen auf Le Bourget am 21. December 1870" vom Maler Jrt. Knötel. Auch der Text bringt hervorragende Episoden aus den blutigen Kämpfen damaliger Zeit. Volksthümlich ist der ganze Inhalt. Durch die Erzählungen der Selbsterlebnisse der Ritter des Eisernen Kreuzes geht ein frischer, lebendiger Zug, der jeden Leser mitten hinetnführt in diese Tage, da deutsche Tapferkeit und Vater­landsliebe den Steg errangen. Die Bildnisse der Ritter deS Eisernen KreuzeS find beigefügt. Kaiser Wilhelm II. hat dem Herausgeber Freiherrn von Dincklage für das Wert seine Anerkennung in warmen Worten zu erkennen gegeben. Haus und Schule finden kein besseres Buch, um die Liebe zum deutschen Vaterlande in ihren Gliedern zu kräftigen. Die gesammte Ausstattung zeugt von dem feinen Geschmack des Herausgebers und Verlegers. Trotz der Schön­heit und Reichhaltigkeit des Gebotenen beträgt der Preis einer Lieferung nur 50 Pfg.

Armenier» und «retak Wie soll fich Deutschland zur armenischen Frage stellen? ist eS genug, daß man sich über die ge­schehenen Greuel entrüstet? daß man hie und da einige wenige der armenischen Waisen versorgt, während hunderttausende unversorgt bleiben? Der Verfasser obiger Broschüre verneint die Frage auss Entschtedmste; er verlangt vielmehr, daß fich Deutschland auf den bevorstehenden Zusammenbruch der Türkei rüste, damit eS nicht bci der Thellung der Erbschaft wieder leer ausgeht, wie der Poet bei der Theilung der Erde. Unser Vaterland bedürfe einesneuen Deutschlands", um den jährlichen Ueberschuß seiner Geburten dahin abzugeben; und dazu sei Klein-Astm wie geschaffen.

KttrMeton.

IBk Bnkkl Johnny ?u seiner Fra« Kam.

Erzählung von O. Sandor.

(Schluß.)

Nach vier Wochen kam die Antwort und welche Ant­wort: Eine glückstrahlende, überschwengliche Epistel, in der fie mir schrieb, daß sie, sobald ihre Sachen drüben geordnet wären, mit dem nächsten Schiff käme.

Ich muß gestehen, daß ich diese Bereitwilligkeit deS Eingehens auf meine Wünsche von dem stillen Mädchen, da- mich kau« dem Ansehen nach je gekannt hatte, nicht erwartet hatte, ja, daß fie mich etwas befremdete. Biel eher hatte ich eine ablehnende oder auch gar keine Antwort befürchtet.

Sie schrieb, daß fie eigentlich habe ledig bleiben wollen - die Treue, die Selbstlosigkeit und die Gluth meiner Liebe habe sie aber gerührt und so hoffe fie auf ein wahre-, reines Glück an meiner Seite.

Ich weiß nicht, wie mir in den nächsten Wochen und Monaten zu Muthe war. Zuweilen stieg etwas wie eine Ahnung in mir auf, daß ich einen dummen Streich begangen habe, und dann mußte ich mir erst RiekchenS Bild vor da- Gedächtniß citiren, um dieser Gedanken Herr zu werden.

Ich hatte weder meinen Eltern etwas von meinen Entschlüssen geschrieben, noch Onkel Johnny in meine Pläne eingeweiht.

Nach etwa zwei Monaten theilte mir Riekchen oder wie sie fich immer unterzeichnete,Friederike", mit, daß fie sich nunmehr einschiffen werde, nnb nach einigen Wochen meldete wir unser Llerk eines Morgens, daß im Comptoir eine Dame auf mich warte, die fich Friederike Wallau nenne und bie mich zu sprechen wünsche.

Ich stürze, stiege vielmehr die Treppe hinunter. Bei «einem Eintritt erhebt fich eine Dame vom Stuhl und geht

mir entgegen. Erschrocken pralle ich zurück, denn trotzdem fie verschleiert ist, sehe ich, daß diese untersetzte, korpulente Gestalt nicht dem Bilde entspricht, daö ich von dem schlanken, zarten Riekchen vor Augen habe. Jetzt lüftet fie den Schleier und ich blicke in das behäbige, freundliche Geficht einer etwa sünfundvierzigjährigen Frau, da- mir in diesem Moment eher wie ein Medusen- al- wie ein menschliches Antlitz erscheint.

Sie find Fräulein Riekchen Wallau au- B. ?" stottere ich.

Natürlich ja," erwidert fie,und Sie . . verzeihen Sie, ich hatte Sie mir ein wenig älter vorgestellt"

Ich murmelte etwa- Unverständliche- und denke im Stillen, daß ich mir lieber eine Kugel in den Kopf jage, als diese alte Schachtel hetrathe. Mit dreiundzwanzig Jahren ist man noch leicht zu tragischen Entschlüssen geneigt, selbst wenn man akklimatifirter Amerikaner ist.

Dann stottere ich plötzlich eine Entschuldigung, renne aus dem Zimmer und komme wie ein Rasender in Onkel Johnny- Comptoir gestürzt.

Onkel Johnny hörte fich meine konfuse Beichte ruhig an.

Scheint ein Jerthum vorzuliegen," sagt er, als ich geendet.Mißverständniß I Ruhig Blut, old boy! Zum Todtschießen Hais noch immer Zeit. Schlimmsten Falle- opfere ich mich und heirathe die Alte, da- heißt, wenn fie den Stellvertreter annimmt. Werden gleich sehen."

Damit ist er auch schon zur Thür hinaus.

Ich bleibe mit gemischten Gefühlen zurück. Nach einer Stunde öffnet fich die Thüre wieder, und herein tritt Onkel Johnny, Arm in Arm mit der Alten.

Meine Braut, Deine zukünftige Tante," stellt Onkel Johnny vor.Fräulein Wallau und ich haben uns soeben verlobt . . ."

Tableau!

Fräulein Friederike macht noch ein etwas verlegenes Geficht, scheint aber nicht unzufrieden mit dem Personen­wechsel und Onkel Johnny steht auch nicht so au-, al- ob

ihm das Opfer große Schmerzen bereite. Aufrichtiger ist sicher nie ein Glückwunsch gesprochen worden als der meine. So nach und nach erkundigte ich mich so um den Busch herum nach dem jüngeren, demrechten" Riekchen.

Da wird Fräulein Wallau plötzlich ganz verwirrt. Da­sei der wunde Punkt, meint fie, zwar sehne sie fich sehr nach dem Schutze und der Liebe eines Lebensgefährten, aber das Riekchen, ihrer verstorbenen Schwester einzige- Kind, könne fie darum nicht verlassen. Und darum habe fie e- mitgebracht, e- warte im Hotel auf ihre Rückkehr. Hoffentlich habe ihr lieber Bräutigam nicht- dagegen, daß ihr stille-, bescheidene- Ntchtchen bei ihr bleibe.

Nein, Onkel Johnny hatte nicht- dagegen und ich auch nicht. Mir wurde plötzlich ganz schwimmelig und confu- vor lauter Freude. Ich erfuhr noch, daß da- rechte Riekchen mit Vatersnamen nicht Wallau, sondern Petersen heiße (daher die Adreffenverwechselung und der heillose Jrrthum), dann war ich auch schon auf dem Wege zum Hotel, zu ihr, der Einzigen Rechten.

Sieben Jahre find seitdem vergangen. Tante Rieke ist meine mütterliche Freundin geworden. Sie ist aber auch eine liebe verständige Frau- daß ihr damals auf ihre alten Tage der HeirathSteufel zu Kopf gestiegen, ist ihr weiter nicht zu verübeln und ist uns Allen zum Glück geworden.

Denn Riekchen, die jüngere, mein liebes Frauchen, der ich später die komische Verwechselung beichtete, versicherte mir, daß fie auf ben schriftlichen HeirathSanttag des un­bekannten Amerikaners sicher nicht so nolens volens rein­gefallen wäre, und das glaube ich ihr ohne jede weiteren Bethenerungerr.

'S ist ein herzige- Weibchen mein Riekchen!

So ist Onkel Johnny zu feiner Frau gekommen und ich zn meiner.