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26.7.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. i74 Zweites Blatt. Sonntag den 26. Juli

Der -tthtner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Ia«ilie«SlL1ter werdm dem Anzeiger Wöchentlich dreimal brigrlegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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vringerlohn. s

Durch die Post bczog« 2 Mark 50 Pfg.

Rcboction, Expeditiv» und Druckerei:

ZchntNraße Ur.7«

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt fut? den Ttreis Gieren.

chratisöeikage: Hießener Jamilienökätter.

Annahme von Anzeige« zu der Nachmittags für bei jofgmben Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Verrnischter.

Wahlershausen, 21. Juli. Durch eine nichtswürdige, rohe That, der ein 8 jähriges Kind zum Opfer fiel, wurde heute, derC. Z." zufolge, tn den Nachmittagsstunden unsere ganze Gemeinde in Aufregung versetzt. Der jugendliche Mctzgergeselle Everding, beim Metzqermeiüer Butte in Stel­lung, war in dem Schlachthause seines Meisters mit Hacken von Fleisch beschäftigt. Der achtjährige Sohn des Meisters, ein aufgeweckter, blühender, freundlicher Knabe, stets zum Spaßmachen geneigt, neckte den Gesellen bei seiner Arbeit. Der Geselle ergriff nun in seiner Wuth daS große, schwere Schlachtmrffer und warf es dem davonlaufenden Knaben nach. DaS Meffer drang durch den Rücken in die Lunge, sodaß ter Knabe in wenigen Minuten seinen Geist aufgav. Der Thäter wurde gefesielt nach Caffel abgeführt.

Ausstellungsopfer gesucht! Aus Berlin, 19. Juli, schreibt man: Wie sehr sich die Bermiether rnvblirter Woh­nungen geirrt haben, wenn fie glaubten, durch die Ausstellung eia gutes Geschäft zu machen, davon bekommt man erst ein Bild durch folgende Mittheiluug, die wir derNordd. Allg. Zig" entnehmen: Ein Lehrer in Schwiebus suchte durch In­serat in einer Berliner Zeitung für die Ferien eine möbhrte Wohnung in Berlin. Innerhalb dreier Tage erhielt er 87 2 Offerten (!) und zwar gleich 218 mit einer Post!! DaS Inserat hatte einschließlich Briefporto 1 Mk. gekostet. Die Poft hat an Porto für die Offertbriefe und Karten 27 Mk. 35 Pfg. eingenommen. Unter den Anbietenden roeren alle Stände vertreten: Ein Regierungsrath, vier adelige Damen, Doctoren, Beamte, Kaufleute, Handwerker und Wittwen. Bis zur Länge von drei Briefseiten großen Formats waren die Vorzüge der angcpriesenen Wohnungen gerühmt. In einer Wohnung sollte man sogar den Genuß haben, vom Bett aus die ganzen Linden übersehen zu können. Die Preise schwanken zwischen 1 und 6 Mk. für Tag und Zimmer. Jedenfalls kann fich dieses Inserat rühmen, größten Ei folg gehabt zu haben, denn die 372 Offerten gehen in SchwiebuS von Hand zu Hand, und Jeder, der nach Berlin reisen will, sucht fich etwas Paffendes heraus.

Der Reform Bildung«verein, über deffen gemeinnützige, segensreiche Tdättgkeit sich jeder BorwärtSstrebende unter­richten sollte, hat eine Internationale Corresp ou- denz-Anftalt inS Leben gerufen, mit der ausgesprochenen Äbficht, dieselbe zum Sammelpunkt der überaus großen Zahl

Feuilleton.

Dss Hexenkraut l.

Erzählung von Robert Hiller.

(Schluß.)

Der Tag war mittlerweile ganz angebrochen und schon stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Zweige. End- itch wagte der Franz einen verstohlenen Blick zu seinem Bruder hinüber, der noch immer tief gesenkten Haupte- an bei Erde kniete. -

Toni!" rief er ihm zu.

Ja," antwortete der leise.

JS'S nit 'S Best, wan mer mit'm Aufknüps'n bis morgen warten? Leicht (vielleicht), daß die Ursel doch no amal g'sund wird," meinte der Franz.

Akrat so hab ich a gleich g'dacht, mer soll nix Über- Mrzen," entgegnete der Tont.

Beide rafften ihren Strick auf und steckten ihn in die Hosentaschen. Dann schlichen fie hinten weg inS Dorf, mengten fich mit unter das Gefinde und thaten so, als ob (le eben erst auS ihrer Kammer herabgekommen wären.

DaS Frühstück wollte nicht recht hinuutergleiten, aber fie legten fich doch tüchtig drein, damit ihnen nichts anzu­merken wäre. Darin hatten fie sich natürlich getäuscht, denn Ne sahen leichenblaß, hohlwangig und mindeftenS um zehn sjahre älter aus. DaS ganze Gefinde war aufs Höchste ver- rnundert. Bisher war es den beiden Brüdern gelungen, fich dem Blicken ihrer Eltern zu entziehen, sonst würden diese die HLnde über dem Kopfe zusammengeschlagen haben, so fürchter- lljj elend sahen fie aus. Zu dem Gefinde sagten fie, daß fie im Busche zu thun hatten- der wahre Grund jedoch war der: fie wollten so schnell wie möglich wieder fort. ES trieb fie mächtig nach dem Hegerhause, um zu erfahren, wie ti mit der Ursel stünde. Es war mittlerweile die Zeit her angekommen, um welche im Falle eines TodeS stets daS ötirbeglöcklein zu läuten begann. Mit furchtbarem Bangen »er strich ihnen Minute um Minute. Endlich wurden fie des

der In- und Ausländer zu gestalten, die fich mit der Er­lernung fremder Sprachen beschäftigen. Hat fich beispiels­weise Jemand durch die Schule, durch Privat- oder Selbst­unterricht Kenntnisse der fremden Sprachen erworben und bleibt damit nicht in fortwährender Hebung, so gehen die Früchte früherer Mühen nur zu bald wieder verloren. Hier tritt nun helfend und fördernd die Internationale Corre- spondenzanstalt deS Reform Bildungsvereins ein und ermög­licht in freier intereffanter Weise die practische Erweiterung bezw. die fortgesetzte Hebung in der Fremdsprache. Jedes Mitglied tritt als Correspondent mit einer, unter fach männischer Leitung stehenden Correctur-Commisfion in Berlin in Verbindung, setzt da ein, wo er beim Studium stehen ge­blieben ist und sendet auf Grund deffen Arbeiten zur Revision ein. Diese Einsendungen werden einer eingehenden Prüfung unterzogen und mit den nöthigen Bemerkungen bezw. Ver- brfferungen versehen zurückgesendet. Man wird hiernach von Brief zu Brief seine Kräfte wachsen fühlen, dadurch immer mehr Interesse gewinnen und so in der anregendsten Weise zum Ziel gelangen. Die I. C. A. ist namentlich auch als Ergänzung für den Privat-, Schul- und Selbstunterricht außerordentlich zu empfehlen, ebenso wie sie zur Erlernung der Handelscorrespondenz ganz unentbehrlich ist. Da der Reform Bildungsverein, dessen Hauptcanzlei fich in Berlin SW., Jerusalemerstraße 63 befindet, eine Volksinstitution sein will, so find die Beiträge sehr gering, um Jedermann den Beitritt zu ermöglichen. Näheres durch die VeretnScanzlei, Berlin SW., Jerusalemerstraße 63.

Die Mediciner bei Tafel. Für das Festmahl der am SamStag zur Vorberathung der neuen Prüfungsordnung für Aerzte in Eisenach versammelten Vertreter der medicinischen Facultäten Deutschlands war folgende beziehungsreiche Speise­karte aufgestellt:

Eisenach 18. Juli 1896. Tafel-AuSrichtung für die

Erwählten der medicinischen Facultäten Deutschlands

unter HygieaS besonderer Protection hrrgerichtet in RöhrtgS HausGroßherzog von Sachsen".

1. AuS direct erkennbarer Substanz: Kraftsuppe vom deutschen Huhn.,

Buckelsefs ansichtig, der eben vom Hegerhause zu kommen schien. Sie rannten ihm förmlich entgegen und schrieen beide zugleich:Ist fie tobt?"

Todt iS f no nit, aber schlecht stehtS mit ihr," ent­gegnete der Sef.

Gibt'S denn gar ka Mittel, daß f wieder h'rgestellt wird?" meinte der Franz.

WanS a schon was kosten thät," fetzte der Toni hinzu.

Der Sef sah sich die beiden Galgenvögel näher an und erkannte sofort, daß die alles thun würden, wenn fie nur ihre schwere Sorge los würden.

D'r Krampf hat ju eppers nachg'laff'n," begann der Sef.Sie braucht jetzt zunächst a Aufmunterung, daß die Lebensgeister wieder kommen."

Läßt sich die nit beschaff'n?" fragte der Franz.

Auf d' Preis kommtS nit an," erwähnte abermals der Toni.

Wird fich am End thun laff'n," meinte der Sef, wan'S Eng recht iS?" fetzte er noch hinzu.

All's iS uns recht, wan'S nur hilft," entgegneten die Gefragten.

MÜff'n wirS dermögltcheu, daß der Hrfel ihr Herzens­wunsch derfüllt wird; wan dies Stande kimmt, wird sie gleich g'sund- jawohl, gleich wird V g'sund," sagte der Sef.

Kennst'n Wunsch?" fragte schnell der Franz.

No, g'wiß," entgegnete der Sef.Sie hat halt a Schneid auf'a Jagermox, und wenn s' den kriegt, hernach iS'S g'rathen."

Soll fie'n hab'n, soll fie'n hab'n," rief der Franz.

In, hab'n wir nix mehr dargezen," bestätigte der Toni.

IS schon recht, wenn Ihr daS zugebt," nahm der Sef daS Wort,hatS aber no an andern Haken. Wan Zwei Hochzeiten wöcht'n, brauchen'S auch a Aussteuer, und da haperts bei beiden, die find allz'famm so arm wie a Kirchen­maus."

WanS sonst nix iS," sprach Franz, langte in die Brust­tasche und legte mehrere ansehnliche Scheine in die Hände deS Buckrlsef.DaS für d' G'nesung."

Alle Annoncen-Bureaux beS In- unb Auslandes nehm» Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

2. Ein Factum nackten ThatbestandeS: Steinforellen mit Thüringer Gebirgsbutter und neuen Kartoffeln.

3. Zur Erhaltung der Kraft, frei nach Helmholtz: Rost­braten im Schmuck frischer Gemüse mit edler Pilzentunke.

4. Behufs Vermeidung muskulärer Ermüdung: Galatina von jungen Enten in ASpic.

5. Ein neugewonnenes Beobachtungsobfict: Rehziemer.

6. Jnteresiante Complication: Gefüllte Artischocken mit Kräutertunkc.

7. Eine Rönigen'iche Momentaufnahme ohne lange Ex- posttionSzeit: Roseneis mit Waffeln.

8. Zur Wahrung octiver und passiver Immunität: Frische- Obst und Naschback.

9. Neuestes Dichtigkeitsbild: Käsebrödchen.

Jede immerhin mögliche Depresfion schwindet bei practischer Ausnutzung der Weinkarte.

Hauswirthschaftliches.

Wir erlauben uns, die geehrten Hausfrauen auf ein Wasch- präparat aufmerksam zu machen, das sich als ein ebenso vorzüg­liches als bequemes Waschmittel bewährt und sich seit einer Reihe von Jahrm tn tausenden von Haushaltungen ganz unentbehrlich aemacht hat. Es ist dieses das in unserem Annoncen-Thetl erwähnte Dr. Thompson'sche Setfenprrlver. Man erzielt damit blendend weiße Wäsche, auch ohne Bleiche, und spart Zeit und Geld bei größter Schonung der Stoffe. Da bet dessen Anwendung das viele Reiben der Wäsche vermieden wird, so ist es einleuchtend, daß sie viel länger in gutem Zustande bleibt, als bei jeder anderen Wasch­methode. Auch bekommt die Wäsche einen angenehmen, frischen Geruch, während über den widerlichen Geruch der Schmierseifen oft geklagt wird. Verschiedene der bedeutendsten Chemiker haben dieses Dr. ThomsonS Seifen-Vulver analysirt, und sich dahin ausgesprochen, daß es der Hauptsache nach eine Kernseife bester Qualität sei. ES wurde ganz frei gefunden von Wasserglas und Eolophonium, womit jetzt die Seifen und Wasch - Präparate gewöhnlich gefälscht werden. Dieses reelle Waschmittel ist aber nicht nur bequem zum Waschen, sondern auch billig, denn wenn man 1 Theil Dr. ThompsonS Seifen- Pulver mit 5 Theilen kochendem Wasser vermischt »nd die Lösung stehen läßt, bis sie sich abgekühlt bat, so erhält man eine schöne, weiße, weiche Seife, die nur ca. 6 Pfg. per Pfund kostet, und mit welcher man waschen, reinigen und scheuern kann. Das ist also wohl einen Versuch werth!

Der Preis für Dr. Thompsons Seifen - Pulver ist sehr mäßig gestellt.

Dasselbe ist zu ba^en in den meisten Droguen, Colonial» waaren- und Seifen - Geschäften. Man achte jedoch genau auf den NamenDr. Thompson" und die SchutzmarkeSchwan", da minder- werthige Nachahmungen angeboten werden. Alleiniger Fabrikant: Ernst Sieglin tn Aachen. 1571

Unb hier deSglich'n," sagte der Toni und drückte dem verblüfften Sef nicht weniger in die Hand als sein Bruder.

Unb bet Ursel sagst D' a noch, baß wirS einseh'n 's Unrecht, waS wir ihr ang'than," fügte der Franz hinzu.

Unb baß wirS nie toteber thun werden, g'lob'n wir obendrein," ergänzte der Toni.

Hierauf ließen fie ben noch ganz perplex breinschauenbeu Sef stehen unb begaben fich ins Dorf zurück. Unterwegs legten fie nochmals ein heiliges Gelübde ab, nie wieder einem armen Dirndl in dieser Weise mitspielen zu wollen.

Der Sef aber sah abwechselnd den Davoneilenden nach und bann baß viele Gelb an, baß er in ber Hanb hielt. Er hatte wohl gehofft, ben frivolen Burschen burch seine List ein gut Stück Gelb für bie Aussteuer ber Ursel abzugewinuen- aber baß waren mehrere hundert Mark, bie er immer noch ganz ungläubig in ber Hanb hielt. Enblich raffte er sich auf unb rannte, was er rennen konnte, inS HegerhauS birect in bie Kammer ber Ursel, warf ihr bie Scheine auf baß Bett unb rief in Heller Verzückung:Schau her, Ursel, schau her, baß is atlß Dein, unb jetzt bärfst fich'r ben Jagermax hochzeit'n."

Die Ursel sah erst wie geistesabwesend auf die Summe Gelbes, bie vor ihr lag, bann aber sprang sie wie toll au- bem Bette, fiel bem Sef um ben Hals, stampfte mit ihm in ber Kammer umher unb küßte ihn ab, so viel fie konnte. Der Sef holte nach biesem Hexensabbat schwer Äthern, währenb fich bie Ursel auf ihre mäßige Toilette besann und rasch ins Nebengewach stürzte. Dann kam fie, zwar etwas verschämt, aber boch glückselig lächelnb zurück unb fragte ben Sef, ob benn baß viele Gelb wirklich ihr Eigenthum sei. Der Srf bejahte unb erzählte ihr bie Großmuth ber beiden Bauernbuben.

Hal'S Hexenkräutl doch a Wunder g'wirkt", rief die Ursel andächtig die Hände faltend.

ß Busserl, was ich berfür kriegt hab, war a nit schlecht," meinte hingegen ber Sef unb schleckte fich auf- Neue die Lippen.