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üt. 98 Zweites Blatt. Sonntag den 26. April
1899
Der HLejever **jetger erscheint täglich, oh Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
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Zum Prozeß gegen den Freiherrn von Hammerstein.
Unter einem colossalen Zudrange von Neugierigen und Berichterstattern deutscher und auswärtiger Zeitungen hat am lrtztm Mittwoch vor dem Landgerichte in Berlin der Straf« po,v§ gegen den deS Betrug-, der Urkunden« und Wechlel- filslj'uug augeklagten früheren Ehefredacteur der „Kreuz« Zritlvng" und ehemaligen Führer der Confervativen, Frei« pn v. Hammerstein stattgefunden, aber die von gewissen kriten gehegte Hoffnung, daß dieser Strafprozeß einen hoch- ftlituschen Character tragen werde, hat sich glücklicherweise licht erfüllt, und ist dadurch unserem öffentlichen Leben viel ibrrSiüsfige Aufregung und neue versuche, die öffentliche Aeinung zu verwirren und zu vergiften, mit Scharfblick er- Ipi'i worden. Der den Prozeß leitende Laodgerichrsdirector Rie H wies auch bei Beginn der Verhandlungen ausdrücklich laravf hin, daß es sich in dem Prozeffe um keine Politik, stlldrnn um eine Rechts« und Strafsache handele, die durch« Bl nicht- mit der Politik zu thun habe, er werde daher irm Prozeffe jeden politischen Beigeschmack nehmen. Der, •nie bereits gemeldet, wegen Betrug und Fälschung zu drei führen Zuchthaus verurtheilte Freiherr von Hammerstein, H time gefallene politische Größe, aber nicht gefallen wegen ihr Politik oder als Opfer der von ihm vertretenen Politik, Itinbcrn lediglich Leichtsinn und die Leidenschaften deS keine aiNhßchaftlichen und sittlichen Grenzen kennenden Lebemannes tybts ihn zu Verbrechen getrieben und in einen tiefen Ab« Hiunl gestürzt. Der unglückselige Mann besaß ohne Zweifel
KeifteSgaben, aber die Tugend, sich wirthschaftlich einzu« Nichte« und vor allen Dingen ein strenges Pflichtleben zu Ähren, hat er wohl nie besessen. Im Alter von 25 Jahren Sitte er daS väterliche Rittergut Schwartow, übernahm deffeu Amirrthschaftung im Jahre 1863, daS Rittergut mußte atgti; Ueberschuldung im Jahre 1885 versteigert werden, tttr 'schon damals als Abgeordneter und zeitweilig auch i'ion als Redacteur und Zeitungsverleger eine politische Rolle s'prlende Freiherr v. Hammerstetn besaß nun seit 1885 nur mch Schulden, aber kein Vermögen mehr. Er hatte aber im Glück, sich zu einem der Führer der konservativen Partei zuarbeiten und Chefredakteur der „Kreuz • Zeitung" Ml $4 000 Mk. Gehalt jährlich zu werden. Außerdem i er Diäten als Abgeordneter des preußischen Landtags, 1 wenn man auch zur Tilgung alter Schulden jährlich
10 000 Mk. in Abzug bringt, v. Hammerstetn immer noch jährlich 17 000 bis 18 000 Mk. zum Lebensunterhalte für sich und seine Familie hatte, wovon er wohl noch standeS» gemäß hätte leben können. Trotzdem machte er coloffale Schulden, in der Zett vom Jahre 1885 bis 1895 über eine halbe Million Mark und griff zur Deckung derselben zu den verwerflichsten Mitteln. Er spiegelte unter Anderem dem Papierhändler Flinsch vor, daß die „Kreuz »Zeitung" 200 000 Mk. brauche und erschwindelte von Fltnsch die 200 000 Mk. durch einen seltsamen PapterlieferungSoertrag, wobei er den Namen der Grafen Finckenstein, deS Verleger- der „Kreuzzeitung" und des AmtSvorsteherS Badicke fälschte. Die Kaffe der „Kreuzzeitung" hat v. Hammerstein durch von ihm bewirkte Bezahlung zu hoher Papierpretse um circa 100 000 Mk. betrogen, saft ebensoviel verliert der Papier- Händler Flinsch. Ferner wurde von der Anklage dem Angeklagten die Unterschlagung deS sogenannten StöckerfondS zur Last gelegt, konnte aber nicht ganz genau nachgewieseo werden. Wo diese coloffalen Summen in den Händen HammersteinS geblieben sind, ist bei dem Prozeffe nicht zu Tage gekommen, denn Hammerstein hat selbst nur angegeben, daß er damit drückende Schulden bezahlt habe. Daß er das Geld im übertriebenen politischen Etser sür Partei« zwecke au-gegeben habe, ist indeffen so gut wie auSgeschioffen, denn dies hätte v. Hammerstein, der seine Person als für ungeheuer wichtig für die konservative Partei und für die „Kreuzzeitung" hinstellte, in den Prozeßverhandlungen sicher nicht verschwiegen. ES bleibt daher nur die Annahme Übrig, daß er in einem zügellosen Leben diese riesigen Summen vergeudet hat, und dasür hat ihn auch die gerechte Strafe ereilt._________________________________________________________________________
Vermischtes»
* Ein hartnäckiger Ausbrecher. Als vor etwa fünf Jahren der vielberüchtigte Dieb und Räuber Preß!er, der bereits vorher einmal aus dem Zuchthause zu Halle ansgebrochen und entwichen war, in Meiningen zum höchsten Straßmaße von 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, rief er, nach Mittheilungen des Coburger Tageblattes, in cyntscher Weise dem Gerichtshöfe zu: „Meinetwegen ver« urtheilen Sie mich zu hundert Jahren Zuchthaus, ich sitze sie doch nicht ab — raus komme ich doch aus dem Zucht« Hause!" Damals glaubte wohl Niemand, daß sich dieser Ausspruch bewahrheiten sollte, denn die größte Wachsamkeit
im Zuchthause zu Untermaßfeld wurde ihm gegenüber äuge- wendet. Er war trotzdem während der bisherigen fünfjährigen Haft der Schrecken der ganzen Maßselder ZuchthauS- beamten, da er während dieser Zeit mit einer saft unglaublichen Zähigkeit mindestens 20 Fluchtversuche unternahm, die glücklicherweise alle noch rechtzeitig entdeckt und vereitelt wurden. Einmal war er aus seiner Zelle auSgebrochen, hatte im Wärterzimmer sich den Mantel und die Mütze eines Aussetzers angeeignet und war gerade daran, mittels weggenommener Schlüffel sich die Thür zu öffnen, als ihn ein Wärter erkannte und Lärm schlug. In lakonischer Weise hatte er damals dem Wärter gesagt: „Ich könnte Sie tobt« schlagen und wäre sret, ich begehe aber keinen Mord." Ein andere- Mal war er glücklich bis auf den Dachfirst gekommen, wobei ihn aber noch rechtzeitig der Militärposte« entdeckte und mit angeschlagenem Gewehr zum Herabsteigen nöthigte. Nach jedem Fluchtversuche wurde von der Anstalt-- directioo da- Möglichste gethan, um den gefährlichen Menschen festzuhalten. Er wurde in Ketten gelegt, die an der Wand in einen großen Stein eingelaffen waren. Preßler löste den Stein au- der Wand und entledigte sich der Ketten, worin er schon früher eine unglaubliche Kraft und Gewandtheit gezeigt hatte. Die Anstalt-direction mußte die Erfahrung machen, daß die sichersten Zellen des neuerbauten Maßfelder Zuchthauses trotz Ketten und Eisen dem Sträfling Preßler nicht unwiderstehlich waren, und so richtete «an demselben mit einem Koftenaufwnde von 1800 Mk. eine eigene Zelle ein. Aber alles umsonst. In der Nacht vom 10. bi- 11. d. M. hatte der Revisionsbeamte Nacht-12 Uhr den Sträfling ruhig auf seinem harten Lager schlafen sehen, und Morgen- 6 Uhr bei der Revision fand man die Zelle leer. Preßler scheint diesmal die List zu Hülfe genommen zu haben, er soll die Thür seiner Zelle und eine Anzahl anderer Thüren anscheinend ohne Gewalt mittelst Schlüffel- geöffnet und die Riegel von außen wieder vorgeschoben haben, muß dann über den Hos in ein andere- Hau-, wo die Civilkleider der Züchtlinge aufgehoben werden, eingedrungen sein und hat fich au- den dortigen Garderobenschränke« seinen eigenen Civilauzug mit einem grauen Havelock angeeignet. Auf welchem Wege er daS Zuchthaus dann verlaffen, da alle Zugänge scharf bewacht werden, ist bisher nicht bekannt geworden. Den Sicherheitsbehörden wird e- schwere Arbeit verursachen, den gefährlichen Menschen wieder dingfest zu machen.
Fe«»Ueton.
Wochrnbriesk aus der Residenz.
(Originalbcricht deS „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 24. April.
Wellung der HandelLgärtuerverbindung. — SruteauSfichten. Au8 dem BereiuSleben. — Von der Hochschule.
Eine angenehme Aufgabe ist es, über die FrühjahrS« t lltl Teilung d er Darmstädter Kunst- und hhnvt'elSgärtnerverbinduog zu berichten, die zu Uähi der verflossenen Woche und in den ersten Tagen der l mftniben zahllose Besucher in den städtischen Saalbau lockte. Wil Uhr wurde die Ausstellung von Herrn Hosbouquet« lmsnaat Henkel am SamStag eröffnet, dann sand ein Mehnang deS Vorstände- und der geladenen Gäste statt. Ad>li Anblick, den die sonst nüchternen Räume deS Saalbaus 611*1, war in der That überaus lieblich, mau glaubte fich tos dne blühende FrühlingSlandschaft versetzt und konnte sür
Zeit vergessen, daß draußen so ganz kaleuderwidrig stiw der lauen Lenzlüste rauhe Winde pfiffen wie im Spät« WK
Alle Zonen und Länder schienen die Sinder ihrer Flora IVlMt zu haben. Da waren große Palmen, Dracaeneu und Lluitlvrbäume, Laumfarren und Lärchen in großer Zahl. 3|ale« Mitte des Saale- hatte man eine große Fontaine Luohrlmut und diese mit einem prachtvollen Blumenparterre umMn. DaS außerordentlich geschmackvolle, herrliche A inilllgemeut wurde mit Recht von jedem Besucher ganz budMer» bewundert und gelobt. Da gab es ganze Culturen v iv Tumelien, Rosen, Nelken, Levkohen, Flieder, Geranien, APilicm, Hyazinthen, Tulpen, Spiraea, Orchideen, Magnolien, Gstbsmilitterchen, Hortenfien, Goldlack, Maiblumen, Fuchsien rc. Z^ayodium, d'a- in einen wahren Palmeohaiu verwandelt WM», fführten Brücken au- Naturholz hinauf. Neben den ÄN|üngen waren Lauben angebracht, die von grünenden WSniem, Birken und Lärchen, überragt waren. In künstlich HÄN^ktllten Schluchten prangten Taufende von Maiblumen nttü anderen FrühliugSkindern. Wollten wir alle Aussteller
hier namhaft machen, so wüßten wir sämmtliche Darmstädter Firmen aufführen, so fei jedoch nur kurz festgestellt, daß die ganze Handelsgärtnerverbioduog einen neuen glänzenden Beweis ihrer Leistungsfähigkeit erbracht hat, der ihrem alten Ruf Ehre macht. Verschönt wurde der Aufenthalt in der reizenden Ausstellung noch durch flotte Militärconcerte, und mancher Besucher fand im Saalbau am Sonntag die Erholung, die im Freien zn suchen ihm die Ungunst der Witterung unmöglich machte.
Ueberhaupt macht sich die naßkalte Ditternng der letzten Wochen jetzt überall unangenehm sühlbar. Die Touristenplätze im Odenwald und an der Bergstraße find verödet und auch die Laudwirthe, die wegen des Ausfall- der Frühobsternte bedenklich find, machen trübe Gesichter und hoffen auf Eintritt wärmerer Tage, die ja nun nicht mehr lange auSbleiben können und schon einige Vorboten auSgesandt haben.
Einen günstigen Einfluß hat die kalte Witterung auf da- Kunstleben auSgeübt, denn die letzten Concerte waren gut besucht und im Hoftheater ließen sich seit dem zweiten Osterfeiertage nicht weniger al- 10 auSverkauste Häuser registriren, wobei allerdings die sechs Faustabende und die Jubiläumsvorstellung die größte Anziehungskraft auSübten.
Bon einem rührigen Verein, besten Thätigkeit die Residenz manches schöne Resultat zu verdanken hat, drang gelegentlich der letzten Generalversammlung wieder Lunde in die Oeffeutlichkeit. SS wurden dabei verschiedene auch sür auswärtige Kreise iuterestaute Mittheilungen gemacht. So weist die Fremdenstatistik nach, daß im Jahre 1895 45495 Fremde die hessische Hauptstadt besucht haben, von denen 28800 in Gasthöfen, 16690 in Herbergen einquortirt waren. Der Plan, ein Waldhotel mit 25 Fremdenzimmern in unseren städtischen Waldungen zu errichten, ist der Verwirklichung näher gerückt, der Grundriß zum Bau ist bereits entworfen. Dann wurde im Verein die Frage nach einer ständigen Festhalle und eine- Festplatze- erörtert, ebenso da- Projekt von großen SubscriptionSbällen im Hoftheater, 8er» besterungSvorschläge für den Betrieb der Maiu-Neckar-Bahu u. s. w. Eine besonder- dankeoSwerthe Agitation betrieb
der Verein sür da- Volksbad mit Winterschwimmhalle. Bereits in ter nächsten Woche soll eine größere Versammlung von Angehörigen aller Stände berufen werden, die fich mit diesem überaus wichtigen Projekte befaffen soll. Eine Hauptthätig« keit deS Vereins besteht darin, daß er auswärts auf die Vorzüge von Darmstadt namentlich al- Ausenthalt sür solche Leute, die die Vorzüge einer großen Stadt ohne deren Rach« theile lieben, aufmerksam macht und dadurch — wie ihm da- schon in vielen Fällen gelungen ist — begüterte Familie« zu dauernder Ueberfiedelung nach Darmstadt veranlaßt. Die Propaganda erfolgt meist durch Annoncen in großen in« und ausländischen Zeitungen, durch Versendung von Fremdenführern u. bergt, mehr.
Die Turngemeinde ist sür ihr Jubelfest unausgesetzt thätig. Neuerding- find Einladungsschreiben an benachbarte und befreundete Turnvereine abgegaogen, in denen dieselbe« aufgefordert werden, fich an den turnerischen Wettkämpfen am 8. Juni zu beteiligen. Für Ehrenzeichen und Eriuue- rungSschleifen für die theilnehmenden Vereine ist ausreichend Sorge getragen.
An der Technischen Hochschule hat am Montag da- neue Semester begonnen und zwar wiederum unter einem außerordentlichen Zudrang von Siudirenden, sodaß auch für dieses Semester ein Steigen der Frequeozziffer zu erwarten ist. Mit der Ausführung der durch den ganz ungewöhnlich steigenden Zudraog schon jetzt nöthig gewordenen Erweiterungsbauten ist bereits begonnen worden. Die alte Hochschule ist nun völlig geräumt und fie wird nach Vollendung der uoth« wendigen Reparaturen der Realschule zur Verfügung gestellt werden, die jetzt in kaum genügenden Räumen untergebracht ist. Auffallend groß ist auch in diesem Semester, wie in akademischen Greifen gesagt wird, die Anmeldung der Aus« länder. Namentlich Ruffen, Rumänen, Serben und Bulgaren laffen fich hier al- Studirende der technischen Fächer imma- trikuliren. Der starke Andrang veranlaßt auch ein ständiges Anwachsen der studentischen (Korporationen, deren Zahl fich in wenig Jahren fast verdreifacht hat.


