Ausgabe 
25.2.1896 Zweites Blatt
 
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Der chie^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag».

Die Gießener D««ikie»5rL1ter »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal brigclegt.

Zweites Blatt. Dienstag den 25. Februar

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

188«

vierteljähriger AösnnementspreiB» 2 Mark 20 Pfg. m* Bringerloha.

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Redaetion, ErpeditioK Hiib Druckerei:

Kchulstraße Mr.7, Fernsprecher 51.

Anrts- unb Airzeigeblatt für den Ttveis Giefzen. « . " - - - - '------ , -'"1 ".1 - ............

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den (ftrrtfkfirtTrtrtf ßfrtftoY «nnoncen-Bureaux deS In. und Auslandes r.eijmm

t°kgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. | ^tttllSoeilage. ^aMllreNVlaUer. «zeigen für denGießener Anzeiger" n.tgege»

»w.^mnuwaM

Amtlicher Theil.

Gießen, den 22. Februar 1896.

Vetr.: Das Landgestüt, hier den Abgang der Landgestült« befchälcr nach den Landgestütsstationen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a» die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, in Ihren Gemeinden bekannt machen zu lassen, daß die LandaestütSbeschäler für die Land- gtstütSstationen Berstadt, Butzbach und Grünberg abgegangen fimd.

v. Gagern._______

Lekaantmachuug,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Die f. Z. zu Ober-Wöllstadt, KrclS Friedberg, avAgebrochene Maul- und Klauenseuche ist erloschen.

Gießen, den 22. Februar 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Dermifd?tes.

* Eine gefährliche Luftballon-Fahrt wahrend der Belage« tMg von Part», 1870. Das vergangene Jahr, welches so relichltch Beranlaffung bot, die sünsundzwanztgjährtge Wieder- kchr der Ereignisse dieses KriegSjahreS zu gedenken, hat auch in eigenartiger Weise die Universitär zu Chriftianta an riN dcm deutsch-französischen Kriege zu verdankendes Object feiner physikalischen Sammlung erinnert, welches in nichts Gcliugerem, als in einem tu Norwegen am 26. No­vember 1870 gelandeten Luftballon besteht, der an dem brttreffenden fünfundzwanzigstcn Grdenkiag deS vorigen Jahres timen Profeffor der dortigen Universität veranlaßte, die Ge- fd) lebte dieses BallonS und die Abentiuer seiner kühnen In saffen den Studirenden genannter Hochschule mitzutheilen. Vnkanutlich war nach der gänzlichen Einschließung von Paris durch die deutschen Truppen ein Entkommen auS der Stadt nur durch Luftballons möglich, und wurde dieser Weg denn auch von etwa 150 Personen mittelst 65 BallonS benutzt, die außerdem noch 4 Millionen Briefe beförderten. Bon düsen 65 Ballons wurden fünf vom Feinde gefangen, zwei gingen verloren und kamen wahrscheinlich im Canal um, wöhrend jener, um den eS sich hier handelt, auf dem Dipfel des Lifjeld in Norwegen landete, nachdem er die

weite Reffe in etwa 14 Stunden zurückgelegt hatte. Die Helden dieser kühnen, ungewissen Luftreise waren der damals 29 Jahre alte Ingenieur Paul Roller und der Fcanctireur- Offizier L. Dechamps, welche am 24. November, Abends 11 Uhr 40 Minuten in Paris aufstiegen, um Depefcken deS General Trochu, des Befehlshabers von Paris, nach der Loire Armee zu übermitteln, außerdem aber noch 5 Centner Privatbriese, zehn Säcke Ballast und sechs Brieftauben mit« nahmen. Der Wind blies scharf ouö S. S.-O. und alles g'Ng anfangs gut, bts sie Morgens gegen sechs Uhr beim Anbruch des TageS sich über dem Meere w ederfanden, ohne irgendwo Land zu erblicken. Dechamps verlor sofort,alle Fassung, wogegen sein Gefährte Ro.ier kaltblütig der kriti­schen Lage entgegensoh, bis er gegen 11 Uhr Morgens ein Schiff erblickte, weßhalb er den Ballon bis auf einige Meter über dem W fferspiegel herab! in der Hoffnung, daß sie von der Bemannung deS Schiffes bemerkt, und gerettet werden könnten; aber dasselbe änderte plötzlich seinen CurS und die Luftschiffer stiegen hierauf, nach AuS- werfen sämmtlicher Ballafisäcke und etueS Briefbeutels wieder zu einer Höhe von etwa 2000 Meter empor. Gegen 1 Uhr jedoch erfaßte beide Jnfaffen der Gondel eine solche Muth- lofigkett, daß sie sich entschlossen, den Ballon anzvzünden und lieber freiwillig in den Tod zu gehen, als die Qualen der Angst und der grimmigen Kälte noch länger zu ertragen. Aber glücklicherweise gelang eS ihnen nicht, die mitgenommenen Streichhölzer zu entflammen, da diese, ganz feucht geworden und ihre Kleider und jede Fläche mit dickem Reif überzogen waren. Kaum eine Stunde später, nämlich gegen 2 Uhr 30 Minuten, bemerkten sie einen Berggipfel, weshalb sie das Sinken des BallonS veranlaßten, und auch sofort mit der Gondel in einem Baumgipfel hängen blieben. Rolier schwang sich sofort heraus, wogegen Dechamps mit den Füßen sich im Ankerseil verwickelte und mit dem Kopf nach unten an diesem hing - in diesem Moment begann der Ballon plötzlich wieder rasch zu steigen, doch gelang eS Rolter noch rechtzeitig seinen Gejährten zu soffen und zu befreien, während der Ballon ihren Elicken sofort entschwand. So standen wir nun, berichtete nachher Dechamps, wie durch ein Wunder gerettet, ober unsere Aussichten waren sehr wenig tröstlich. In einem unbekannten Lande, Hunger und Kälte auSgrsrtzt, ohne weitere Kleidung, da der Ballon entwichen, und unsere ganze Ausrüstung, Lebensmittel sowie die Brief­schaften, mitgenommen hatte! Aus gut Glück wählten wir die Richtung nach Süden und marschirten zwei Stunden angestrengt weiter, als Roller vo> Ermattung zusammenbrach und im Schnee liegen blieb. Mit Mühe schleppte ich ihn

in etn nahes Gebüsch und bettete ihn daselbst, wo er sofort einschlief, während ich, ebenfalls todmüde, den Marsch fort- s'tzen wollte, dabei aber in nächster Nähe eine kleine mit Heu gefüllte Hütte entdeckte, in die ich den halberstaanen Rolter trug, ihn und mich in das Heu eingrub, wo wir warm gebettet bis zum Morgen des nächsten TageS lagen ehe wir erwachten. Bet Fortsetzung unserer Fußreise fanden wir bald die Spuren eines Schlittens und gelangten, diesen folgend, in eine von Menschen bewohnte Hütte AuS den Holzhauern, als welche wir unsere Wtrthe erkannten, brachten wir trotz der Unmöglichkeit einer weiteren Ver­ständigung doch heraus, daß wir in Norwegen und nicht sehr weit von Chriftianta seien. Nachdem diese unS mit Schweine fleisch, Kartoffeln, Schinken und Milch in liebens­würdigster Weise gestärkt, fuhren sie uns mit einem Schlitten zunächst nach Siljord, von wo man uns nach eintägigem Aufenthalt über KungSberg nach Christtania brachte, wo unser Abenteuer sich mit Bl tzeSschnelle durch die Stadt der« breitete und w r bald die Löwen deS Tages wurden. Bald darauf lief auch eine Depesche ein, daß unser Ballon im Kirchspiel KordSbarred, nördlich von Drammen gelandet und mit seinem Inhalt wvhlgeborgen sei. Der Ballon war zuerst zu Mcndal im südlichen Norwegen gesehen Worten, und schon am 25. November brachten die Londoner Abendzeitungen eine Depesche von dort, des Inhaltes,daß daselbst etn Ballon, jedenfalls von Paris, verschlagen und nach Norden hin sich bewegend, gesehen worden sei". Der Ballon, de« die Luftschiffer zum Dank für ihre gastfreie Aufnahme ta Skandinavien der Universität Christiania als Andenken über­ließen, lag lange im Keller der Hochschule unbeachtet, bis man sich seiner im vorigen Jahre erinnerte und daS Andenke« an die gefahrvolle Reise durch den oben gedachten Vortrag erneuerte. Aus diesem geht übrigens hervor, daß der be­treffende Ballon durchaus primitiver Natur war, immerhin darf aber wohl feine Reife als die größte, die je ein Bavo« gemacht, bezeichnet werten, da die Entfernung zwischen Scandinavien und Paris gegen 1200 Kilometer beträgt, die er also in 14^/z Stunde zurücklegtedabei ist aber die An­nahme zu Gunsten einer viel größeren Geschwindigkeit insofern berechtigt, als der Ballon sich wohl kaum in gerader Luft­linie bewegt haben dürfte, vielmehr vermutbet werden kann, daß derselbe zunächst den Canal und einen Theil von Eng­land passtrt haben wird, bis ihn eine andere Luftströmung erfaßte und nach Nordoften trieb. (Mitgetheilt vom Inter­nationalen Patent-Bureau Carl Fr. Reichelt, Berlin,N.W.6.)

Feuilleton.

Der gute Bnkel.

Eine tragikomische Geschichte von Anna Behnisch.

(2. Fortsetzung.)

Ich war ebenfalls aufgestanden. Des OokelS Zweifel an meiner Standhaftigkeit reizten mich aufs Aeußerste, zu- iil ich mir die Berechtigung derselben zugeben mußte. Doch iu» gerade wollte ich das Spiel noch nicht verloren geben. Zch nahm eine dramatische Pose au.

Onkel," sprach ich, seine Hand umklammernd, indem W »etn Gesicht in Falten wildester Verzweiflung legte,Du iist »Iso fest enttchlossen, nur auch die kleinste Beihilfe zu ttrweigern waS auch daraus entstehen möge?**

WaS daraus entsteht, macht mir keine Sorge, denn Unkraut vergeht nicht. Für Deine eigenen Bedürfniffe Ust Du sortlaufend denfelden Zuschuß von mir erhalten le alljährlich, allein auch keinen Pfennig mehr. Doch zu littet H-trath, selbst zu einer Verlobung, verweigere ich auf tUe Fälle meine Einwilligung, so lange Du eine Frau nicht selber ernähren kannst."

Onkel," flehte ich,Du weißt nicht, wie Liebe thut."

^>ott sei Dank, nein," brummte er,und werd'S auch ik erfahren."

Verschwöre nichts," warnte ich feierlich

Er lachte laut auf.

Junge, von dem Tage an, da ich begreifen lerne, was Litb'e tst, will ich Deine sämmtltchen Schulden und den Milchen Unterhalt für Dich und eine ganze Familie pachten."

Darf ich Dich beim Wort nehmen?** fragte ich sehr w.

,/Unb ob," antwortete er noch immer lachend,

wenn Du die siebente bis 6ahtn nicht vergeffen hast," empfahl sich dann aber schnell, indem er sich gegen meine plötzlich rege gewordene Verbindl chkett sehr ablehnend ver­hielt und zwischen Thür und Angel noch einmal verfichcrte, daß ich auf ihn nicht zu rechnen habe und hoffentlich von jetzt an vernünftig werde, dnwit die Reise zu mir, die nur den Zweck gehabt, mir den Kopf zurechtznjetzen, nicht Der* gedlich gemacht sei.

Ich ließ ihn gehen und sank zerknirscht auf mein Sopha, um zu überlegen, was zu thun sei. Margarethe aufgeben davon konnte keine Rede sein je mehr man sich gegen die Verbindung mit ihr stemmte, je entschiedener richtete sich mein Sinn darauf. Hätte ich mich vorher noch allen­falls entschließen können, von ihr zu laffen jetzt stachelte mich schon der Widerspruchsgeist auf, an ihr festzuhalten. Doch ein bindendes Wort von ihr zu erlangen, ging bei der völligen Aussichtslosigkeit meiner Verhältniffe ebensowenig an. Aber irgend ein winzige- Ze chen ihrer Neigung mußte ich erringen, ehe ich für lange Zeit durch Meilen von ihr getrennt würde.

Am liebsten wäre ich noch am selben Tage aufs Gut geeilt, um wenigstens auS Margarethens Augen eine Ver­heißung zu lesen, doch fürchtete ich, Onkel Fritz noch einmal zu begegnen, von dem ich annehmen konnte, daß er den Nachmittag dazu benutzen wüide, um seinen alten Freund, den Gutsbefitzer, aufzusuchen. Die nächsten zwei Tage regnete eS in Strömen, die Feldwege waren ganz unpasfir- bar, und nur einen Wagen zu nehmen, um auf das Gut zu fahren, dazu hatte ich kein Geld. AIS die Sonne endlich wieder schien, machte ich mich auf und wanderte hoffend und bangend zugleich zu der Geliebten. Vergeblich schaute ich schon auf den Parkwegen nach ihr auS. Die Familie, die ich in der Laube beim Nachmittagskaffee überraschte, empfing mich sehr freundlich, eröffnete mir aber, alS ich beklommen nach der nicht anwesenden Margarethe fragte, daß dieselbe bereits gestern die Heimreise angetreten habe.

Mir stocke das Blut vor Schreck in den Adern. An der Thatsache an sich war ja eigentlich nichts Befremdliches, wußte ich doch, daß Margarethe schon seit geraunter Zeit an ihre Rückkehr dachte. Ich hatte sie seit länger alS zehn Tagen nicht ge,then und nichts von ihr gehört,- daß eS ihr jedoch möglich sein konnte, abzuretsen, ohne ein AbschirdS- toort mit mir gewechselt zu haben, hätte ich um alles f« der Welt nicht geglaubt. Dann sagte ich mir indessen schnell, daß das liebende, hoffende Mädchen meine lange Zurückhaltung aufs Empfindlichste habe kränken müssen und sie daher in verletztem Stolz ihre Abreise jedenfalls noch beschleunigt habe.

Dteser Gedat ke ließ mir immerhin einen Rest von Hoffnung, obschon ich unter dem traurigen Mißverständnis bitter litt. Das Einzige, was mich bet diesem Besuche einigermaßen befriedigte, war die Beobachtung, daß Onkel Fritz, der in der That seinen Freund besucht und sogar noch den nächsten Tag bei ihm verlebt hatte, anscheinend nichts Nachtheiliges in der Familie über mich geäußert hatte.

Nun kam ein öder, freudloser Sommer für wich. Dio Geselligkeit war eingeschlasen, nicht die geringste Gelegenheit zu einer amüsanten Tändelei bot sich In dem langweilige« Nest- ich hatte also reichlich Muße, meinen Gedanken nach­zuhängen und daS Mädchen, das mein Herz noch immer souveraln beherrschte, anzuschwätrnen. Eine Zeitlang hatte ich vage, abenteuerliche Pläne geschmiedet, auf welche Weise ich den Onkel zur Anerkennung der heimlichen Macht bec Liebe zu zwingen vermöchte. Ich hatte an die UeberredungS« traft meiner beiden Tanten, zu deren LiebllngSbeichäfttgungeu daS Ehestiften gehörte, hatte an daS segensreiche Wirke« berufsmäßiger Heirathkvermittler, hatte sogar an die Ber- führukigSkünste schöner Balletratten gedacht, die vielleicht ein Schulfreund von mir, der Schauspieler geworden, für meine Kriegslist hätte gewinnen können.

(Schluß folgt.)