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Mr. 251 Zweites Blatt.
Samstag deu 24. October
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Der Hießeoer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen.
In der Zeit vom 23. October l. IS. bis einschließlich 5. November l. IS. und zwar an jedem Tage, auch den Sonntage», von 8 bis 12 Uhr Vormittags und 2 bis 6 Uhr Nachmittags, liegen auf dem Gemetndehaufe zu Ruttershausen die Arbeiten des dritten Abschnittes von den Wiesen rnbr. Feldbereinigung, nämlich:
1. 5 Zutheilungskarten,
2. 1 Gütergeschoß,
3. 1 Heft Zusammenstellung der Gütergeschoffe,
4. 1 ZutheilungSverzeichniß,
6. 1 Protocollbuch, sowie 2 Verzeichnisse über Abschätzung der Obstbäume
zur Einsicht der Betheiltgten offen.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt:
Freitag, bett 6. November l. Js., Bormittags 9—10 Uhr,
im Gemeindehause zu RutterShausen, wozu ich die Be- theiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinende« mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen und auf Papier in Actengröße (mindestens i/2 Bogen) einzureichen.
Friedberg, den 19. October 1896.
Der Bereinigungscommiffär:
>801 Dr. Göttelmann, Großh. Kreisamtmann.
Vom Großherzoglichen Hoflager.
nn. Darmstadt, deu 22. October,
Einem ganz bestimmt hier auftretenden Gerücht zufolge soll Se. Kgl. Hoheit der Großherzog dem Kaiser und der Kaiserin von Rußland das so herrlich gelegene Schloß zu Seeheim an der Bergstraße, in welchem sich früher während des SommrrS das Großherzogliche Hoflager längere Zeit befunden hat, zum ständigen Sommer aufenthalt angeboten haben. Die kaiserlichen Verwandten des Großherzogs sollen hierauf bestimmt in Aussicht gestellt haben, so oft wie nur thunlich diesem fürstlichen Anerbieten Folge zu geben. Wenn sich dieses bewahrheiten sollte, daun würden wieder jene guten Zeiten für die Bewohner unserer vorderen Bergstraße eintreten, wie sie vorhanden waren beim Aufenthalt des Kaisers Alexander II. nebst Gemahlin, die säst alljährlich auf Schloß Jugenheim als Gäste des Prinzen Alexander von Hessen ihre Sommerrefiüenz dorr eiurichteten, sich an der herrlichen Landschaft und Waldesluft labten und Gesundheit suchten. Seeheim ist schon ein alter Ort. Ludwig
der Deutsche schenkte 870 seine Seeheimer Besitzungen dem Kloster Lorsch. Später gehörte eß den Herren v. Tannenberg und kam von diesen an die Schenke von Erbach. Im 30jährigen Krieg 1622 wurde daß Dorf von den Bayern unter Tilly, der sein Quartier im Pfarrhaus aufgeschlagen hatte, entsetzlich verheert. Im Jahr 1717 verkaufte Graf Albrecht von Erbach Seeheim für 221,750 Gulden an den Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen. DaS frühere Amtshaus trägt jetzt noch daS Erbacher Wappen. Das milde Klima, die schöne Umgebung und vor Allem die Nähe der prächtigen Waldungen, die nach allen Richtungen hin von schön gebahnten, mit Wegweisern und Ruhebänken, AuS- fichtStempel ufw. versehenen Fahr- und Fußwegen durch- schnitten werden, haben Seeheim mit Recht zu einem berühmten Luftkurort gemacht. Möge daher Kaiser Nikolaus und die Kaiserin Alexandrowna von dem fürstlichen Anerbieten recht oft Gebrauch machen.
Das Leben am Großherzoglichen Hof ist seit der Anwesenheit deS russischen KatserpaareS und deS Großfürsten Sergius und Gemahlin ein recht reges geworden. Die kaiserlichen Gäste bewohnen die obersten Etagen deS Großherzoglichen Palais, die mit den unteren Räumen der Wohnung der Großherzoglichen Familie mit einem Fahrstuhl verbunden find. Der Kaiser macht, nachdem er Morgens gearbeitet, mit dem Großfürsten SergtuS und dem Großherzog Spazierfahrten in die Umgebung von Darmstadt und Nachmittags erfolgen Ausfahrten der Herrschaften nach den in der Nähe liegenden Schlössern. Die Kaiserin empfängt Morgens Damen der hessischen Aristokratie oder fitzt dem augenblicklich am hiesigen Hof weilenden Maler Angely zu einem Bilde und betheiligt sich dann Nachmittags ebenfalls an den Ausfahrten.
Eine reizende Familienscene hatten wir heute Gelegenheit am Großherzoglichen Hofe zu sehen. Der Großherzog promenirte im Garten des Großherzoglichen Palais, als die kleine Großfürstin Olga und die kleine Prinzessin Elisabeth in einem ChaiSchen, daS von einem Maulesel gezogen und der von einem Bedienten gesührt wurde, herangefahren kam. Auch die beiden kleinen Battenberger hatten in dem Fuhrwerk Platz genommen. Der Großherzog ließ die kleinen Fahrgäste an einen geeigneten Platz fahren, holte sich einen Blitz-Photographier-Apparat und machte nun von der illustren Gesellschaft eine ganze Anzahl von Aufnahmen. Daß dieses nicht so ohne WcirereS gelingen wollte, kann man sich denke«, denn die beiden kleinen Prinzessinnen hielten dem fürstlichen Photographen nicht die richtige Ruhe und Stellung. Es bedurfte deshalb der ganzen Künste der anwesenden Kinderfrauen, die Augen der Kleinen auf den Apparat zu lenken, so daß doch zum Schluß die Sitzung mit einem guten Resultat beendet wurde. Der Großherzog hatte seine Helle Freude an der gelungenen Aufnahme.
+ Nidda, 22. October. An der hiesigen Postkaffe wurde dieser Tage ein falsches 1 -Markstück mit der Jahreszahl 1875 in Zahlung gegeben und vom Amte confiScirt.
4- Ober-bchmitten, 22. October. Zwei im hiesigen Armenhause wohnende Frauen kamen unlängst in Folge eines Wortwechsels zu Tätlichkeiten, wobei die eine von ihrer Angreiferin blutig geschlagen wurde. Auf von der Verletzten gestellten Strafantrag wurde die Angeklagte in der kürzlichen Schöffengerichtssitzung zu Nidda für diese Mißhandlung zu einem Tage Gefängntß verurtheilt.
? Ruppertenrod, 22. October. Gestern Nachmittag stürzte sich der Maurer und Landwirth P. Rübsamen in den in seinem Garten befindlichen tiefen, zur Zeit mit Wasser hoch angefüllten Brunnen und ertrank. Er hatte, während er die That ausführte, seine Frau zum Kaufmann geschickt, ihm Etwa- zu holen. Der Ertrunkene war schon längere Zett hochgradig schwindsüchtig und hatte allen Anzeichen nach nicht mehr lange zu leben. Großherzogliches Amtsgericht Grünberg nahm heute deu Thatbestand auf.
R. Büdingen, 21. October. Heute fand in dem hiesigen RathhauSsaale die KreiSconferenz der Lehrer des Kreises Büdingen unter dem Vorsitze des Herrn Geh. RegierungSratheS Klietsch und im Beisein des Herrn KreisschulinspectorS Buß und des Herrn HofpredtgerS Thllmann statt. Der Vorsitzende theilte zunächst der Conferenz mit, daß der allgemein beliebte College, Herr Rambeund von EckartSborn, in Anbetracht seiner Krankheit in den Ruhestand trete und daß ihn Seine Königliche Hoheit der Großherzog mit dem PhilippSorden ausgezeichnet habe, welchen er demselben feierltchft überreichte. Da Herr Rambeund erst 44 Dienstjahre hat, so hat diese Auszeichnung angenehm berührt. Der Schulinspector deS Kreises gab sodann eine statistische Ueberstcht über das Schulwesen des Kreises. Nach Erschöpfung deS geschäftlichen Abschnittes wurde tu die eigentliche Tagesordnung etngetreten, auf der sich als erster Gegenstand befand: „Förderung des Volks- gesangeS durch die Schule." Referent Herr Lehrer Stork- Altenstadt löste seine Aufgabe in ansprechender, klarer und treffender Weise. Das zweite Thema der Tagesordnung behandelte: „Die Persönlichkeit deS Lehrers und die Bedeutung für Schule und Gemeinde." Referent Herr Lehrer Bangert-Bingenheim. Auch dieser Referent entledigte sich seiner Aufgabe tu recht zufriedenstellender Weise. Der Vorsitzende dankte beiden Referenten für die ausgezeichneten Arbeiten und schloß die Versammlung, worauf sich die Theil- nehmer zur gemeinsamen Mittagstafel tm Gasthaus zum Stern vereinigten. Herr Geh. Regierungsrath Klietsch brachte hierbei einen Toast auf Se. Königliche Hoheit den Groß- Herzog aus.
Feuilleton.
Rothschilds Loge.
Humoreske von Alberte Second.
(Schluß.)
Dann nahm er nach kurzer Pause meine Hand, schüttelte sie heftig und rief:
„Wir haben da eine großartige Bekanntschaft, lieber Schwiegersohn!"
Am Tage nach dieser denkwürdigen Unterredung, von Her ich nicht daS mindeste verstand, besuchte mich mein HauS- wirth, dem ich übrigens noch immer die Mtethe schuldig bin, in meinem Atelier.
.Nun, wein lieber Raphael," sagte er mit schmeichelndem Tone, .Sie verheirathen sich, wie «au hört . . . Wen tzeirathen Sie? Gewiß eine Verwandte von Rothschild?"
.Ach nein," versetzte ich lachend, „meine Braut ist ein hübsches, kleines, junges Mädchen aus dem Bürgerstande."
»Und wie kommt es, daß der Herr Baron von Roth- fchild, der sich in so hohem Grade für Sie iuteresfirt, fich in diesem Punkte gar nicht um Sie kümmert?"
,Aber mein Gott!" rief ich verblüfft, „der König der Finanzwelt hat gerade Zeit, fich um meine Heirath zu kümmern. Was geht denn das den au?"
Als mein Wirth «ich so reden hörte, stand er auf und verschwand, ohne mich zu grüßen. Bier Stunden später forderte mich sein Rechtsanwalt auf, die rückständige Mtethe z« zahlen, und am nächsten Tage verweigerte mir mein Portier den Schlüssel. Auf de« gastfreundlichen, aber schlecht | gepolsterten Sopha eines Freundes habe ich meine letzten I Echte als Junggeselle zugebracht. 1
Bor einigen Tagen ging ich zu meinem Schneider, um meine HochzeitStoilette arizuprobtreu. Während ich mich im Spiegel betrachtete, rief der Kletderkünstler:
„Herr Raymond, ich bin über Ihr Glück entzückt."
„Sie find sehr gütig!"
„Sie find ein braver und achtungSwerther junger Manu und Herr von Rothschild konnte seine Wohlthaten keinem Würdigeren erweisen."
Diese Wuth, die sie alle haben, mir unaufhörlich Herrn von Rothschild an den Kopf zu werfen, wachte mich schließlich ärgerlich und ich fragte in heftigem Tone:
„Bon welchen Wohlthaten sprechen Sie?"
„Weßhalb verstellen Sie fich denn, Herr Raymond? Herr von Rothschild -will Ihnen wohl und Jedermann weiß, daß er Ihre Schulden bezahlen wird —"
„Gehen Sie zum Teufel! .... Wenn Sie darauf rechnen, dann werden Sie Ihr Geld wohl nie bekommen."
Wir trennten uuö sehr kalt. Der Schneider hat mir nicht- geschickt, und da ich, u« zu leben, in letzter Zeit oftmals meine Zuflucht zum Leihhaus nehmen mußte, so war ich gezwungen, in dem alten schwarzen Rock zur Trauung zu erscheinen, den ich in den Tagen «eines kurzen Glanze- verächtlich in die Ecke geworfen hatte.
Wir kommen au- der Kirche. Endlich ist mein Schicksal ewig mit dem Francines verbunden. Während die Freunde der Familie sich noch in der Sakristei aufhielten, zog wich Herr Joubert bei Seite und sagte:
„Schwiegersohn, daS ist schlecht von ihm,- dessen hätte ich ihn nicht für fähig gehalten —"
„Wen meinen Sie denn?" fragte ich.
„Nun, der Sessel für den Baron Rothschild ist doch leer geblieben?"
„Haben Sie ihn denn eingeladeu?"
„Na gewiß! . . . Mein Gott, ich weiß ja, er ist sehr beschäftigt,- aber wenn er nicht persönlich kommen konnte, so hätte er fich doch von einem seiner Söhne können vertreten lassen."
„Aber, mein Gott! warum hatten Sie denn Herrn von Rothschild überhaupt eingeladen?"
„Weil er Ihr Freund, Ihr Bankier, Ihr Protecror ist/
„Mein Freund — mein Bankier — mein Protector!" wiederholte ich verblüfft. „Aber ich habe ja gar nicht die Ehre, ihn zu keuoen . . verstehen Sie wohl, ich kenne ihn gar nicht!"
„Ja, gab er Ihnen denn nicht seine Loge in der Oper?" „Ich wußte nicht einmal, daß sie ihm gehörte . . ." Mein Schwiegervater warf wir einen wüthenden Blick zu und stieß mich mit heftiger Geberde von fich. Doch was thut daS k Ich bin verheirathet, in aller Form verheirathet, und an Scheidung denke ich nicht."
IV.
So verheiratete sich Arnold Raymond und die Nachricht davon verbreitete fich bald in der ganzen Stadt. Roch eine lange Zeit fragten fich die Zuschauer der Oper, wer sich nun wohl in der Loge des Baron Rothschild zeigen werde. Doch bis jetzt ist nicht bekannt geworden, daß fie ein neue- Ehewunder bewirkt hätte.


