Ausgabe 
24.6.1896 Zweites Blatt
 
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Kn 146 Zweites Blatt. Mittwoch dm 24. Zmii

Amts- und Anzeigeblatt für den Arsis Gieren.

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Hrattsöeikage: Hießener Jamitienbtätter.

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Btel, sehr viel, halte ich Dir darüber

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Ul!« Lnaoncen-Bureaux des In» and Äultonbel nehm« Ängeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Unerfreuliche Zustände im Reichstage.

ES haben sich im deutschen Reichstage Zustände ent« wickelt, deren große Schattenseiten sür daS Ansehen der deutschen Volksvertretung nicht verschwiegen werden dürfen, denn eS muß allen Kreisen zum Bewußtsein kommen, daß eS in dieser Richtung nicht weiter gehen kann. Dreimal hinter« einander ist der Reichstag in der letzten Woche wegen Fehlens der meisten Abgeordneten unsähig gewesen, einen Beschluß zu fassen, weshalb der ReichStagSpräfident erklärt hat, die neuerdings eingehenden Urlaubsgesuche der Abgeordneten nur noch in ganz dringenden Fällen bewilligen zu können. Außer­dem hat soeben der ReichStagSpräfident an alle Abgeordneten ein Rundschreiben mit dem dringenden Wunsche gerichtet, an den ReichstagSberathungen regelmäßig theilzunehmen. Eine allgemeine Unlust, an den Sitzungen theilzunehmen, ist also bet den meisten Abgeordneten vorhanden. Dabei hält aber, wie am Freitag der StaatSsecretär v. Bötticher erklärte, die ReichSregierung an der Forderung fest, daß die Vorlage über das Bürgerliche Gesetzbuch noch in dieser Session durch« berathen werde. Ein Antrag deS Abgeordneten Richter, daß die Berathung b:8 Bürgerlichen Gesetzbuches erst in nächster Session vollendet werden möge, wurde aber mit dem Hin«

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhallen vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­bettag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

i'flBifnit BOB Anzeigen zu der Nachmittag» für bei ►tgioiei Lag erscheinenden Wummer bi» Lorrn. 10 Uhr.

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AMvmements^Einla-ung.

f Hw Bezug desGietzener Anzeiger" für das siLverteljahr 1896 laden wir hiermit ergebenst ein. Sie bisher, wird derGießener Anzeiger" die TageMcignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender We'istpM Eenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten NachW^l der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich- d n-BMmis sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engem und weiteren Vaterland halten den Leser stets I ikt die Vorkommnisse in demselben aus dem L. i n f.iaüen Unterstützt durch an allenOttcndcr Provinz Obe rijefi en ansässige Berichterstatter, ist derGießener Anzch.tzrr" ferner in der Lage, die interessanten VorMDge in der Provinz so füihzeittg wie möglich vil ' .Smitmiß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird l dm Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebiMmde Besprechung im localen Theile des An­zeige M M Thcil werden. Der in der Provinz Oberchsp. betriebenen Landwirthschaft wird der Anzc^tzi Durch Veröffentlichung von allem Wissens- roertitifin aus dem Gebiete derselben besondere Berück- sichttiMl, zu Theil werden lasten, daneben aber auch sae Pachtungen und Erfahrungen in Haus- .ni r chllk ast, Handel, Gewerbe und Industrie in d«A Meis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge- stcgepLtz «Feuilleton wird neben besonderen Ar- tikelMknisteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unteichltungsstoff bieten. Außerdem werden die lAWerier FamMenblätter", welche dem An- zcigenu loüchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets I tm .gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff brinirngm, namentlich im Kreise der Familien eine bette M Beigabe bieten.

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schwand und voll Liebe ruhten feine Augen auf ihrer feinen, I schlanken Gestalt.

Nein, Anna-Marie," entgegnete er in freundlichem Tone, ich bin Dir keineswegs gram."

Die junge Frau .hatte befürchtet, daß Otto ihr noch zürne und erfuhr nun aus feinem eigenen Munde das Gegentheil. Dies erfüllte ihr Herz mit jubelnder Freude- üb er ihre Züge, die soeben noch einen recht kummervollen Ausdruck getragen, flog ein sonniges Lächeln und sie rief:O, dann ist ja alles gut! Wie freue ich mich, daß unser Streit einen so versöhnenden Abschluß gefunden hat."

Otto strich ihr liebkosend über daS blonde Haar, das in dichten Flechten sich um ihr Köpfchen wand.Sie bleibt, trotzdem sie verheiratet ist, doch noch immer ein Kind, dachte er, laut aber sagte er:Noch weit mehr, Schatz, würde es mich freuen, wenn damit apch die Ursache unseres Zwistes beseitigt wäre." r r lt t .

Die Ursache unsere- Zwistes?" Sie sah ihn fragend an mit ihren großen blauen Augen und sann nach . .Ah, Du meinst den JohaoniSzauber. Ja, den, fügte sie schelmisch hinzu,vermag selbst mein gelehrter und kluger Herr Gemahl nicht auS der Welt zu schaffen."

Er schüttelte leicht daS Haupt.

Woraus schließt Du daS?"

Weil eS zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, von denen" sich unsere Schulweisheit nichts träumen W und zu diesen Dingen gehört auch der JohanniSzauber."

ES zuckte bei ihren Worten kaum merklich zwischen seinen Brauen. Da zeigte sich wieder ihr thörichter Wahnglaube, aber er mußte Geduld, viel Geduld mit ihr haben, war sie doch mit ihren Anschauungen auf anderem Boden erwachsen als er. Darum unterdrückte er die Mißstimmung, welche wieder in ihm aufsteigen wollte und seine Stimme klang nur ein wenig ernster wie vorhin, als er sagte:Dein Citat hinkt, Anna-Marie. Gerade über den Ursprung und daS Wesen deS JohanntSzauberS ist dieSchulweisheit" sehr gut

Gießener Anzeig er

Keneral-Mzeiger.

weise abgelehnt, daß derjenige Reichstag, welcher diese Be rathung begonnen habe, dieselbe auch vollenden möge. That- sächlich kommt ja auS einer Verschiebung der Weiterberathung deS Bürgerlichen Gesetzbuches nichts heraus, da der Schwer« punkt bei solchen Berathuugen in den Commissionen deS Reichstages liegt, denn weder daS Plenum deS Reichstags, noch das nach Millionen Bürgern zahlende Lattnpublikum sind im Stande, die außerordentlich zahlreichen Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches einer Spectalberathung zu unterziehen, und in der nächsten Session des Reichstages ist sicher die Betheiligung an den Berathuugen ebenso lau °18 ^Die Herren RcichStagSabgeordneten, da» muß man den Säumigen unter ihnen schon einmal offen herauSsagen, müffen sich also schon noch einmal zu einer größeren parla­mentarischen Tätigkeit ausraffen, wenn der Reichstag seiner Pflicht genügen und daS Bürgerliche Gesetzbuch bald vollenden will. Ganze Parteien und Theile solcher, die im Reichstage eine Mehrheit auSmachen würden die Nationalliberalen, die Couservativen, daS Centrum, die Polen, die freisinnige Bereinigung und andere Gruppen wollen daS Bürgerliche Gesetzbuch alsbald zu Stande bringen- und eS würde un zwetfelhast erreichbar sein, wenn alle Mitglieder dieser Mehr heit beständig zur Stelle wären. Aber da dies nicht der Fall ist, haben die ebenso lückenhaft oder noch schwacher vertretenen Bestandtheile der Minderheit eS n der Hand, durch Constattrung jeweiliger Beichlußunsähigkeit, gelegentlich auch durch künstliche Herstellung derselben vermutelft Er< « sernung einer Anzahl Mitglieder auS dem Saale, die Arbeit am Bürgerlichen Gesetzbuch zu Indern. Nun find außer diesem namentlich noch zwei Aufgaben rückständig: di- end giltige Gesammtabstimmung über die Novelle zur Gewerbe ordnung und die dritte Lesung des Margarinegesetzes. Für diese beiden Vorlagen ist die genügende Mehrheit aber auch srhr schwer zu finden. Man muß daher, wenn sich der Reichstag nicht bald aufrafft, schließlich mtt dem beklagens- werthen Umstande rechnen, daß wegen Mangel an genügender Theilnahme die gesetzgeberischen Arbeiten tm deutschen Reichs« tage stocken.

Biel, sehr viel, mein Kind. Wenn eS Dir recht ist, lu, .......: ein kleines Privatissimum."

Ich möchte Dich darum bitten," gab sie lebhaft zurück. Ich "werde so aufmerksam zuhören, wie der fleißigste Deiner Studenten."

Die naive Bemerkung seiner Frau entlockteDoctot Winter ein verstohlenes Lächeln. Er nahm auf einem Sessel Platz, während Anna-Marie sich ihm gegenüber niedettieß und, den Kopf in die Hand stützend, mit gespannter Auf- merksamkeit zu ihm aufschaute.

Steh, mein Liebling," begann Otto, indem er unwill­kürlich in den docirenden Ton fiel, welchen er in seinen Vor­lesungen anzuschlagen pflegte, -d» JohanniS-auber hat m t manchen anderen abergläubischen Brauchen die Eigen schäft gemeinsam, daß er ein Erbe unserer Vorfahren ist. Die Religion der alten Germanen trug daS weißt Du gewiß noch von der Schulbank her den Character eines Natur- dtenfteS. Den hochgewachsenen blonden Riesengestalten mit den stählernen blauen Augen und dem Hellen rofigen Teint war der Blick in die geheimnihvolle Werkstatt der Natur noch verschloffen, sie beteten die Sonne, den Mond und alle Natur­erscheinungen an und sahen in dem Wechsel der Jahreszeiten daS Walten der Götter. Darum hatte auch der Tag, an welchem die Sonne ihren höchsten Stand am Himmelsgewölbe erreicht hat, für sie eine gar wichtige Bedeutung. An ihm wurde in allen deutschen Gauen das Sonnweud- oder Mitt­sommerfest gefeiert. Später, als das Christenthum in Deutsch­land Eingang gefunden hatte, wandelte man die alten Heid« Nischen Feste in christliche um und gab ihnen andere Namen. Aus dem Sonnwendfest wurde da- Johannisfest, aber die vielen heidnischen Bräuche, welche meist an ihm üblich waren, gerieten nicht in Vergessenheit, sie blieben in der Volksseele haften und bestehen noch heute alS JohanniSzauber fort . . . Da hast Du," schloß Otto und ließ seinen Blick voll und forschend in dem ihren ruhen,die Entstehung dieses Aber­glaubens ... Bist Du nun bekehrt?"

Anna-Marie antwortete nicht sogleich, die Ausführungen ihres Mannes hatten sie nicht überzeugt und sie suchte nach Worten, um ihm in möglichst schonender Weise zu erwidern.

(Fortsetzung folgt.)

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JohanniSzauber.

Nooellette von Hans Warnaw.

(1. Fortsetzung.)

Bit weihendem Spott hatte Doctor Winter den angeb« /.neno HnnniSzauber gegeißelt und eS ^chiehr bestimmt trbewtj, Idaß Anna«Marie ihre abergläubischen Gebrauche auch liml Iben Haushalt übertrage. Die junge Frau hatte nl.farpii iilc Borwürse OttoS stillschweigend hingenommen, der ;$nt iihres sonst so zärtlichen und ruhigen Mannes hatte n iMt, dann aber, als Otto sich immer mehr ereifert, war Mv der Trotz deS von den Eltern verzogenen Kindes -rvaiMurd sie hatte ihm nicht minder schroff geantwortet.

ili saß sie in einem Sessel und weinte still vor sich din. t il waren die ersten Thränen, welche sie in der Ehe rrrga^d sie brannten ihr wie Feuer auf der Seele. All« maliüiM sich ihre Erregung und ruhigere Gedanken ge- nnwlci ihr die Oberhand. Die leidenschaftlichen Worte DttoriHllititen sie von ihrem Jrrthum nicht überzeugt, o nein, iht °n den Zauber deS Johannistages ließ sich nicht io lei louseitigen, aber sie war ein liebendes Weib und em dem Manne, welchem sie sich mit ihrem ganzen Sein« Leigen gegeben, nicht lange zu zürnen. Halb un- oewuchwlfob sie sich und fragte, indem sie fich ihrem Gatten naheM-m>d ihm ihre kleine weiche Hand auf die Schulter legtes:::,Up Du noch böse, Herzensmann?

* 'rc>.» hatte ihren leichten Schritt auf dem Teppich nicht gehört« trjit als sie ihn anredete, wandte er jählingsum. Er liplitt noch immer und eine unfreundliche Antwort schwor Wn auf der Zunge, aber er u°"rdrücktt dte elbe «iS 11-8 3 ihr vom Weinen gerötheteS hübsches Gesicht sah und lliiirr Blicke begegnete, in welchem neben banger Er« wartArz küwaS kindlich Hilfloses lag. Blitzartig durchzuckte ihn «utSechanke, dem er sonst noch nie Raum gegeben. Hatte er ei in leicht, gegen feine junge Frau so harte Vorwürfe zu ubtfti« biMfte er sie für Fehler verantwortlich machen, die eine -ILImrc durch eine verkehrte Erziehung an ihr verschuldet hatte»;? Siir mußte diese Frage verneinen. Sein Aerger

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ullirrrichltt^ ,un0e gTaa ihren ®alten im ersten Augenblick ganz verdutzt an, bann erwiderte sie: »Du machst mich neugierig, Otto, »a« weistt Du Cem I,Hannis,ander, I an den Du dvch nicht glaubst?'