Ausgabe 
23.9.1896 Drittes Blatt
 
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Einige Tage spater ist .Saupiquet im Begriff, seine Wohnung zu verlaffen.

Ich gehe aus," sagte er zu seiner Frau.

Gut," erwiderte diese und fügt dann, ihn anblickeud, hinzu:Wo gehst Du denn hin?"

Ich will den armen Marttou besuchen, der ist krank."

Und dazu setzest Du Deinen neuen Hut auf?"

Auf diese Frage war ich gefaßt," erwiderte Saupiquet mit ironischem Lachen.Würde ich meinen alten aufsetzeu, würdest Du mir sagen:Warum kaufst Du Dir denn eigent­lich einen neuen Hut, wenn Du ihn doch nicht gebrauchen willst?" Nun ich aber weinen neuen nehme, sagst Du zu mir:Was? Du setzest ja Deinen neuen Hut auf- na, so wirf doch wenigstens den anderen in die Rumpelkammer."

Wütheod nahm er den alten Hut, öffnete eine Thür und schleuderte ihn in ein Nebeogelaß, indem er sagte:

So, jetzt ist er drin; nun wirst Du mich mit dem Hut hoffentlich nicht länger ärgern."

Das macht achtundzwanzig," entgegnete Madame, in ein laute- Lachen ausbrechend.

Aergerlich verließ Saupiquet seine Wohnung. Allmälig wurde er jedoch ruhiger und wandte sich MaritouS Behausung zu. Seine Cigarre rauchend, blieb er vor den Schaufenstern lleheu und durchblätterte in den Buchhaudlung-budeu die aus­gestellten Bücher, bis der Gehilfe der Buchhandlung ein Tuch darüber ausbreitete mit dem Bemerken:Entschuldigen Sie, mein Herr, es regnet."

ES regnet?" rief Saupiquet, das Buch zurücklegevd, wahrhaft, es fängt an und ich habe keinen Regenschirm bei mir und weinen neuen Hut auf."

In diesem Augenblick begann eS in Strömen zu regnen. Ich kann doch nicht bei einem solchen Wetter zu Fuß zu Marttou gehen."

Schnell flüchtete er fich in einen nahen Thorweg, wartete hier die vorüberfahrendeu Wagen ab und rief die bischer an, kbtc ihm, da sie alle besetzt waren, nicht einmal ant­

worteten. In der Annahme, von ihnen nicht gehört zu werden, trat er bis an den Rand des Fußsteigs vor, allein der Mißerfolg blieb derselbe. Während er schnell unter sein Schutzdach zurücklief, rannte er gegen den Regenschirm eines Passanten, so daß fen neuer Hut in den Schmutz kugelte.

Donnerwetter!" rief Saupiquet wüthend,die Sache fängt ja gut an, meine Frau wird schön lachen."

In diesem Augenblicke sprang ein Mann von einem Omnibus, der zu Maritons Wohnung fuhr- der Freund des Kranken kletterte auf die Plattform, um den freien Platz einzunehmen, doch ein Fahrgast vom Verdeck, der seinerseits auf den ersten freien Platz im Wagen gewartet, stieg herunter, um fich dort häuslich niederzulaffen- er stellte gerade feinen Fuß auf den Kopf seines Eoncurrenten, bohrte ihm den un­glückseligen Hut bis über die Nase und bemächtigte fich deS Platzes, während Saupiquet fich bemühte, des Deckels, der auf seiner Nase saß, fich zu entledigen.

DaS Fahrgeld für Ihren Platz, mein Herr," sagte der Schaffner, die Hand aurstreckend.

Für meinen Platz? Warten Sie doch wenigstens, bis ich einen habe."

ES ist keiner mehr da, mein'Herr!"

WaS?!" schrie Saupiquet wütheud.

Jawohl, der Platz ist eben besetzt worden, aber be­zahlen Sie Ihren Platz auf der Plattform."

O, Sie glauben doch nicht, daß ich Ihnen sechs SouS geben werde, um hier stehen zu bleiben?"

Wenn nicht, daun steigen Sie gefälligst ab."

Der unglückliche Saupiquet verließ den Wagen und stürzte unter einen neuen LHorweg; dabei schimpfte er wie ein Pferdeknecht, zum Gaudium der Leute, die fich ebenfalls unter eine Thür geflüchtet hat: en und auSfchütten wollten vor Lachen, als er feinen Chliuder abwtfchte, aus dem der Fahrgast vom Verdeck eine Ziehharmonika gemacht hatte.

(Schluß folgt.)

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Mittwoch den 23. September

M. 224 Zweites Blatt

1S96

Vierteljähriger

Kenerat-Unzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Tkreis Gießen

] Gratisbeilage: Gießener Ilamitienökätter

^Das Gomitti,

AnrtlüHe* Theil

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und

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und

DaS

hmorar beträgt für Hessen 10 Mk., für Ntchtheffen 15 Mk.

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mittleren Betrieben Gelegenheit, diejenigen Fachkenntnisse und den Bildungsgrad zu erlangen, welcher zum rationellen Be-

zur Uebernahme der Verschie­ber heutigen Organisationen

der Regel nur junge Leute Ausnahmsweise können, wo

Annahme von Anzeigen -u der Nachmittag- für bei f»1gmben Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Anmeldungen wollen baldigst geschehen.

2. Laudwirthschaftlicher WiutercursuS zu Friedberg.

Die Aufnahme neuer Schüler findet Montag den November statt, der Beginn des Unterrichts Dienstag den November.

Die Schule bietet jungen Landwirthen namentlich aus

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ruck.

Dir Vießrnrr -»«ikienStälter Ttrtrn dem Anzeiger '»Schrntlich dreimal beigelrgt.

Die Unterrichtsstunden find von 9 12 und von 26 und zwar finden während des Vormittags Vorträge, während des Nachmittags Uebungen statt.

Vorträge werden folgende gehalten:

1. Grundlegende: Bestandtheile der Früchte, daS Waffer, der Zucker, der Alkohol, der Essig und die Säuren.

2. Fachliche: Gährung, Verwesung rc., Aufbewahrung und Verpackung deS frischen Obstes; Obstweinbereitung mit Berücksichtigung der Untersuchung deS ObstmosteS auf freie Säure uvd Zucker und des Weines auf Alkohol rc. und der Anwendung von Retnhefe- Fehler und Krank­heiten des Obstweines. Branntweinbereitung aus Obst. Die Nacymittage werden zu Uebungen im Laboratorium, zur Herstellung und Prüfung von Obstproducten, Verpacken des Obstes rc. verwendet.

trieb der Landwirthschaft und denen Selbstverwaltungsämter nothwendig ist.

Ausgenommen werden in zwischen 16 und 18 Jahren.

Der hUfctutt Anzeiger erscheint täglich, ett Ausnahme de- Montag-.

Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Marl 50 Pf-.

Nebaction, Lxpebitia- und Druckerei:

SL-kstraße ^t.l«

Fernsprecher 51.

die Verhältnisse daS bedingen, auch jüngere oder ältere Leute mit Genehmigung Großh. Oberen landw. Behörde aus­genommen werden.

DaS Schulgeld beträgt 25 Mk. für jedes Halbjahr.

Die Anmeldungen find zu richten an unterfertigte Directiou. Friedberg den 12. September 1896.

Großh. Direction der Obstbauschule und landw. Winterschule Dr. v. Peter.

Gießen, den 21. September 1896. Betr.: Wie vorher.

D«s Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Lmibach gelegenen Gemeinden des Kreise- Gießen.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.

v. Gagern.

Beim Oeffnen der Wohnung fand man das Kind,'das endlich, müde vom Weinen, eingeschlafen war, mit zusammengebundenen Händchen und an einen Bettpsosten angebunden, im Bette liegend. Eine Untersuchung ergab, daß daS Kind blau­geschlagene Augen, sowie verschiedene Wunden am Körper hatte, die augenscheinlich von Schlägen herrührten. Der Reviervorstand ließ daS bedauernSwerthe Kind nach dem KtnderhoSpital bringen. Wie inzwischen festgestellt wurde, ließ die unnatürliche Mutter daS Kind oftmals Nachts mit zusammeugebundenen Händen in der Stube stehen, bis eS zusammenbrach. Auf gleiche Weise wurde es auch zu öfteren Malen in den Keller gesperrt. Die Untersuchung gegen das Ehepaar ist eingeleitet. DaS Kind ist ein von der Mutter in die Ehe gebrachtes uneheliches.

Alle Annoncen-Bureanx beS In- unb Au-lanbe- nehme- Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

Eule f ist fein, ihke ie Schönheit Q überall für ® 81391

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Gießener Anzeiger

Vermischtes

Unnatürliche Elter«. In der Nacht auf Mittwoch wurden die Bewohner eines HaufeS der Zeißelstraße in Frankfurt a. M. durch jämmerliches Ktndergefchrei in einer der Wohnungen erschreckt, die von dem Taglöhner- Ehepaar Steiger bewohnt ist. Da man wußte, daß daS Ehepaar ausgegangen war, so schickte man auf die Polizei, um den Grund zu dem Jammern deS Kindes zu ermitteln.

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2.

3.

Bekanntmachung, AmtlStage deS Großherzogltchen KreiSamtS Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird

Samstag den 3. October 1896, von Vormittags 9 Uhr an, einen AmtStag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den KreiS-Etngesessenen auS den Amtsgerichts-Bezirken Grimberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige An­lagen in diesem Termine vorzubringen.

Gießen, den 21. September 1896.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung.

In der Gemeinde Oberndorf (Kreis Wetzlar) ist die Rothlaufseuche amtlich festgestellt worden.

Gießen, den 21. September 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

leiieffenb: Kurse an der Großherzogltchen Obstbauschule landw. Wintersckule.

I tbstverwerthungSeurfuS an der Großh. Obstbanschule landw, Winterfchnle zu Friedberg.

Obstverw erthungs cursuS für Männer.

Derselbe findet vom 12.17. October 1896 statt.

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Eiter atur utte Aunst.

Bet der erhöhten Aufmerksamkeit, welche die Länder um den Nordpol in diesen Tagen durch die Berichte von Frithjof Nansen auf sich ziehen, ist es gewiß von Interesse zu hören, daß auch die Polarländer sich der Segnungen der Presse wenn auch in primi­tivstem Maße zu erfreuen haben. Wie uns die bekannte Familien- zeitschristJlluprirte ttOronit der Zelt- (Heft 2) darüber be­richtet, bestehen in diesen Regionen gegenwärtig mehrere Journale, welche indessen jährlich nur einmal erscheinen. Dieselben werden innerhalb der Grenzen deS Polarkreises veröffentlicht, so z. B. daS ESktmo Bulletin" am Kap Prtnce of Wales an der Behrtngsstraße. Da dort nur jährlich einmal ein Dampfer anlegt, so werden die Nachrichten, welche dieses Verkehrsmittel auS einem so verlorenen Winkel der Erde bringt, auf einen Bogen Papier mit dem Hekto­graphen gedruckt, der Außenwelt übermittelt. Dieses Stück Papier ist nur zwölf englische Zoll lana und 8 breit, ist pergamentartig dick und nur auf einer Seite bedruckt. Ein jährlicher Druckbogen der Art erscheint auch in Godthaab, Grönland, wo 1862 eine kleine Druckerei errichtet wurde, aus der beiläufig 280 bedruckte Blätter und viele lithographische Druckseiten hervorgegangen sind. Die Sprache ist grönländisch, ein Dialect der Escimosprache. Noch eine dritte periodische Zeitung,Kaladlit" betitelt, erscheint in Grönland.

Das 72. Heft der Wahrheit (Stuttgart, Fr. Frommanns Verlag, vierteljährlich Mk. 180) enthält den Schluß von Schrempss Ausführung überChristenthum und Krieg". Alle,die sich um die Frage der Betheiligung des Christen am Krieg bekümmern, finden hier ebenso maßvolle als bestimmte Aufklärung. Eine gelungene Satyre auf die Unwahrheit unserer öffentlichen Zustände ist der Artikel:DaS Leichenbegängniß" von PerfiuS. Endlich nimmt unser Interesse eine Art Bekentnisses von einem Fabrikanten Mar Rinck in Anspruch, der unter dem Titel:Mein social­demokratischer Arbeiter und ich" Ausführungen über die Socialdemokratie wiedergibt, die der Arbeiter auf Wunsch seinem Brotherrn hören ließ. Wer immer von der Nothwendigkeit einer Vertiefung des modernen Lebens überzeugt ist, der sollte sich ver­pflichtet fühlen, derWahrheit", die mit dem nächsten Heft einen neuen Jahrgang beginnt, ein thätiges Interesse zuzuwenden.

^uilkten.

Der neue Hut.

HumoreSk« von JuleS Moinaux.

(Nachdruck verboten.)

Welch eine merkwürdige Idee von Dir, wieder einen «iicn Hut zu kaufen und diesen nun schon vierzehn Tage whiz in seinem Futteral liegen zu lassen," wiederholte Ribame Saupiquet wohl zwanzigmal am Tage ihrem batten.

Ich setze ihn nur deßhalb nicht auf," erwiderte Herr kaupiquet,weil Du mir unaufhörlich vorhältst, mein alter lieg noch sehr gut."

Jawohl, und weil Du bereit« fiebenundzwanzig Hüte die Du nicht mehr trägst und die in der Rumpelkammer

:tii einstauben. WaS willst Du denn in aller Welt damit iDiaogen, wirf sie doch fort!"

Fortwerfm? Fällt mir gar nicht ein- Du wirfst ja nj)l einmal ein halbes Streichholz fort, weil Du glaubst, iii vönne noch zu irgend etwas dienen."

Allerdings, aber wozu Du die alten Hüte aufhebst, die 'ftl 'Niemand einen Zweck haben, während eS so viele Arme :nb Barfüßige gleit . . ."

Nun, die können fich doch die Hüte nicht auf die Füße -jiheA."

Ach, Du weißt schon, was ich sagen will- rufe einen liMer und verkaufe fie ihm."

Ich denke ja gar nicht daran."

Ich möchte überhaupt wissen, woran Du denkst- na, nimettoeßcn thu, was Du willst! Kaufe Dir Hüte, setz' fie ef, setz' fie nicht auf, wir soll e- gleich sein!" erklärte M'-me Saupiquet und ging in ihr Zimmer, die Thür hinter Ißt xuwerfend.

DaS ist mm mein Leben," sagte Saupiquet,ob ich Uiti oder jenes thue, ich weiß bestimmt, daß eS «einer Külw nicht recht ist."

811!

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