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23/07/1896 Zweites Blatt
 
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Rr. 171 Zweites Blatt. Domerstag den 23. Zuli

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n. NiederFlorstadt. 20. Juli. Gestern feierte der Wetterauer Zwetgverem der Gustav Adolf Stiftung fein dies­jähriges Jahresfest in unserem aus diesem Anlaß aufs Schönste geschmückten Orte. Die Festpredigt in der trotz ihrer Geräumigkeit bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche hielt Herr Professor Flöring von Friedberg auf Grund deS 16. und 17. Verses des 1. Römerbriefes. Herr Director Diegel richtete Namens deS Vereins nach der Predigt »arme Begrüßungsworte an die so zahlreich erschienenen Festgäste, worauf Herr Professor Weifenbach den Rechen­schaftsbericht verlas, nach welchem sich die Einnahmen deS letzten Jahres auf 604 Mk. 25 Pfg. beliefen. Dceioiertel Stunden nach dem Gottesdienst, der um 2Va Mittags seinen Anfang genommen hatte, fand im nahen Wald eine Nach frier statt, welche ebenfalls sehr stark besucht war und einen sehr schönen Verlauf nahm. Verschiedene Ansprachen wech­selten mit den Vortlägen des Gesangvereins von Ober- Florstadt und des hiesigen MufikoereinS. Diese beiden Vcr- etae hatten in dankenSwerther Weise durch ihre Mitwirkung auch Mittags schon den Gottesdienst verschönern helfen.

-u- Bermuthshain, 21. Juli. Wie einer zu etwa- kommen kann, wenn er eS an der nöthigen Gemüthsruhe und Unbeholfenheit nicht fehlen läßt, zeigt der nachstehende, wirklich und kürzlich vorgekommene Fall. ES sollten sechs, sage und schreibe sechs Pfennige Steuer gemein­schaftlich bezahlt werden, so daß auf jeden Theil drei Pfennige kamen. Die Sache wurde übersehen und die Folge davon war das Erscheinen eines Mahnzettels. Nachdem etliche Wochen verstrichen waren, blieb nichts übrig als drei Pfennige zu zahlen, damit die Pfändung verhindert wurde. Die drei Pfennige aber erschienen nicht, also erschienen die Pfänder und pfändeten HauSgeräthe, z. B. eine Commode. Nun soll-te man glauben, die drei Pfennige würdengeriwwelt" worden sein! Doch Prosit! die Mahlzeit, es geschah nichts und dem Pfandpersonale blieb nicht» andere- übrig, als einen weiten Weg zu machen, um die Pfänder zu versteigern. Die Versteigerung fand auch statt, eS erschienen aber keine Strigliebhaber. Nun erst blechten die Schuldner ihre drei Pfennige Steuer und die entstandenen Kosten, welche für jeden drei Mark betrugen. ES hatte also jeder Steuer­

pflichtige für einen Pfennig Steuer hundert Pfennige d. h. eine Mark Kosten zusammengebracht und so etwas ge­schieht nicht alle Tage, es bringt- auch nicht Jeder fertig.

L Lindheim, 21. Juli. Für d,e hiesige Haushaltungs­schule wird von StaatSwegen im Jahre 1896 der stattliche Betrag von tausend Mark zugeschossen werden, der dem­nächst zur Auszahlung gelangt. Unsere oberhessischen HauS- haltungS-, Handwerker- und Zetchnenschulen werden stets reichlich bedacht, daS muß Jeder zugeben.

§§ Bom höheren Vogelsberg, 19. Juli. Vorgestern ist endlich hier der lang erwünschte Regen eingetreten, welcher den Dickwurz-, Kohlraben- und Krautpflanzen, sowie dem Sommersamen und Flachs noch sehr zu statten gekommen ist. Auch der Sommerfrucht ist der Regen noch gelegen ge­kommen. Mit dem Heumachen mußte Einhalt gethan werden, eS ist so etwa der vierte Theil noch einzueroten. Der größte Tbeil ist nun sehr gut und unberegnet heimgebracht worden. Die Heuernte ist eine mittelmäßige. Die Getreide- ernteauSfichten find gut. Die Kirschen werden jetzt reif, ebenso die Erdbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren usw., Aepfel, Birnen und Zwetschen lasten eine reiche Ernte erwarten.

Worms, 20. Juli. Die Familie eines hiesigen MaurerS scheint ja eine recht nette Gesellschaft zu sein. Die Tochter dieser Familie denuncirte dieser Tage ihren Bruder wegen eines WelßzeugdtebstahlS. Nunmehr zeigte dieser seine Schwester wegen eines ähnlichen Delictes an und be­schuldigte gleichzeitig seinen Vater wegen unerlaubten Aus- spielens eines Werthgegenstandes und der Vater brachte seine Frau wegen Hehlerei in Untersuchung.

Mainz, 21. Juli. In Sachen deS Abgeordneten Jöst yat eine geschlostene socialdemokratische Partetversamm- lung folgende Resolution angenommen:Die Versamm­lung billigt die durch den Vorstand mit Einverständntß mit Gevoste Jöst gethaneu, in den Erklärungen in derVolks- -eitung" vom 7. Juli dargelegten Schritte. Sie nimmt mit Bedauern von der Mandat-niederlegung des Geoosten Jöst Kenntniß und spricht demselben als einem langjährigen, energischen Vorkämpfer unserer Sache ihren Dank aus. Die Versammlung hofft, daß er auch in Zukunft der Partei seine agitatorische Kraft nicht entziehen werde." Wie verschiedene Blätter wtsten wollen, sei als Nachfolger von Jöst der Re- dacteur der hiesigenVolkszeitung", Dr. David, von den

Soctaldemokraten al- Rüchstag-candwat in Aussicht ge­nommen.

Mainz. 21. Juli. Die CentrumSfroction der zweiten Hessischen Kammer hat heute Nachmittag einstimmig beschlosten, bei der morgigen Berathung des StaatSvertragS zwischen Preußen und Heffen wegen Verstaatlichung der Ludwigsbahn Vertagung der Verhandlungen bis zum nächsten Landtag zu beantragen. Die Fraktion glaubt bet der Kürze der Zett, welche für die Verhandlungen in Aussicht genommen find, nicht die Verantwortung für Beschlüste von so weit­tragenden Folgen übernehmen zu können, wie solche der Staatsvertrag mit Preußen in sich birgt. Der Abgeordnete Wasterburg wird gleichfalls für die Vertagung stimmen, doch zuvor den princ ptellen Standpunct vertreten , den Vertrag ohne Weiteres abzulehnen. Wie wir hören, ist die allgemeine Stimmung unter den Abgeordneten eine sehr getheilte.

DmnWsfo

* Wetzlar, 21. Juli. Gestern Abend war der auf dem Hermannsteiner Hof bedienstete Knecht Friedrich Jung von Hermannstetn mit mehreren Kameraden in der Rühl'schen Wirthschaft daselbst gewesen. Auf dem Heimwege, zwischen Hermannftein und genannter Wirthschaft, gerteth der jüngere Bruder JungS nvt einigen fremden Burschen in Wortwechsel, in den auch Heinrich Jung hineingezogen wurde. Im Ver­laufe dieses Streites, der schließlich zu Thätlichkeiten aus- artete, wurde Heinrich Jung durch einen Messerstich, der in der linken Seite zwischen den Rippen durchgegangen ist und daS Zwergfell verletzt hat, schwer verwundet. Die Verletzung ist lebensgefährlich- der Verwundete hat sogleich nach dem Stich schwere Arbembeschwerden gehabt und liegt in Krämpfen darnieder. Der Thäter brannte, nachdem er den tückischen Streich verübt, durch, hat sich aber heute Morgen der hiesigen Polizeibehörde gestellt und ist in Haft genommen worden. Er heißt Karl Kauck, ist 18 Jahre alt, aus Wetzlar gebürtig und daselbst wohnhaft.

Dromersheim, 17. Juli. Beim Kornmähen hieb der 17jährige Lunkenheimer seiner neben ihm stehenden Mutter daS eine Bein ab, während da- andere schwer ver­letzt wurde. Der junge Mensch ist untröstlich, obschon die Mutter eigentlich die Schuld an dem Unglück treffen soll.

Muillstsn.

v s s Hexenkraut l.

Erzählung von Robert Hiller.

(2. Fortsetzung.)

No, jetzt iS 'S no lang ni so weit, jetzt sein mir a uo ba. Wann i a sonst kein Held af der Welt g'wesen bin, |o viel trau ich mir alleweil noch zu, Dich vor dem Ber- brrben zu schütz'n," meinte der Sef.WaS in der Welt mit Gewalt nimmer ausg'richt wurde, iS -'meist durch List z'lung'n, und daS werden wir auch thun. Kannst Di denn ta der Noth auch a wengel verstell'«, Ursel?"

Wenns grad sein müßt, o ja!" meinte die.

Gut t-'s," sagte der Sef,jrtzt haft nix weiter z' ihun, al- daß Du den Buben gegenüber noch spröder thuft, ei- wie bisher, 's andere wird von mir besorgt."

Wann ich Dich nit hätt, Sef, mein Seel, 'S stünde schlecht um mich," äußerte die Ursel.

Und wann ichs dahin bring, Ursel, daß Dich der Jagermax heimführr, krieg ich da noch a Busterl?" fragte der Sef.

Zwei kriegst da, wann D' daS z'weg bringst," rief die Vrsel lustig.

Der Sef schnalzte abermals mit der Zunge und meinte: ,Wte wärs, Ursel, wann D' mir alleweil ein- af Abschlag lädst?"

Die Ursel lachte hell auf und erwiderte:No, Sei, auf Abschlag gibt- nix, da wirst halt schon warten mög'n."

Der Sef beschted sich und beide machten fich auf den Heimweg.

Im Hegerhause ging eS laut her- Franz und Toni, die beiden Großbauersbuben, spielten mit dem Heger, dem Batet der Ursel, Karten und ließen ihn tüchtig gewinnen, such wachten sie obendrein eine erkleckliche Zeche. WaS lag ihnen denn an den paar Thalern, die sie hier verpraßten, vevn sie dadurch nur ihren lüsternen Wünschen näher kamen. Soweit hatten sie bereits den Charakter des Heger- erkannt, daß er auf das Geld sehr happtg war. Wenn sie dann nur einmal den Alten auf ihrer Seite hätten, mit der Ursel selbst »Ihbcn sie schon fertig werden, meinten sie.

Der Sef kehrte im Hegerhause ein, während fich die Ursel zunächst nach dem ans Gastzimmer anstoßenden Gemach begab.

Der Sef setzte sich in eine Ecke und wurde von den Spielenden auch gar nicht weiter beachtet.

Höllteufel," schrie der Franz, der älteste der beiden, jetzt is's Spiel mein Seel wieder verloren," und schob dem Heger ein neues Geldstück hin, da- dieser gierig an fich nahm. Unter dem Tische stieß er seinem Bruder mit dem Fuße und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Der verlor natürlich ebenfalls sein Spiel und zahlte gleichfalls prompt aus. ES war ein ganz hübsches Sümmchen, daS der Heger einstrtch, als sie mit Spielen aufhörten, und zwar hatte er schon des Oefteren gleich große Beträge im Spiel etngrheimst. Eine besiere Kundschaft als diese Bauernsöhne konnte er fich gar nicht wünschen. Wenn er erst vollends einen von ihnen zum Schwiegersöhne haben würde, dann wnllte er fie noch ganz anders ausnehmen, sagte er fich und trank den Buben einen kräftigen Schluck zu. Sein Zustand war keineswegs mehr normal, was ihm an dem erhitzten Gesicht abzusehen war.

Wieder stieß der Franz seinen Bruder mit dem Fuße und meinte dann:Weißt, Heger, heunt (heut) bring'n wirö amal aufs Reine, wer von unS beiden die Ursel bekommt."

Dürst- nur bestimm'«," lallte der Heger.I- mir einer so recht wie der andere."

Wie denkst D' Ton'l," wandte sich der Franz an seinen Bruder,spiel'« wir die Ursel auS- wer die meisten Augen hat, wird ihr Schatz?"

Mir ist- recht," entgegnete der Toni und mischte die Karten auf- Neue.

Der Heger lachte in seinem trunkenen Zustande und sah dem Spiele mit Jntereffe zu.

Auch der Sef kam herbeigeschlichen, wurde aber sofort von dem Franz bemerkt und von diesem mit den Worten an« geschrieen:No, alte Vogelscheuche, wa- hast denn Du da- hier z'schaff'n?"

MöchtS halt a amal seh'«, wte'S Glück von einem Menschenktnde auSg'sptelt wird," entgegnete dieser ernst.

Da kimwft grad -'recht," rief ihm der rohe Bursche

zu. Das Spiel war zu Ende und die beiden Spieler zählten die Augen ihrer Karten.

Etnundsechzig," schrie der Toul und schlug seine Karten wild auf den Tisch.

Hols der Teuxel, auf- Haardl (Haar) stimmtö," brüllte der Franz, seine Karte ebenfalls auf den Tisch werfend.

Schwiegervater, steck a neuch'S (neues) Faffel an," rief der Toni,jetzt trink'n wir Verlobung/

Kann schon g'scheh'n," meinte jetzt etwa- kleinlauter der Heger,aber die Ursel, wird (sie) a mitmach'u?"

Sakra, wo iS die Dirn?" schrie jetzt der Franz,liegt ihr nix dran, mitn Gästen a a Wörtl z' red'n?"

No, waö scjafftS?"

Mir diesen Worten trat Ursel in- Gastzimmer. Vorher hatte fie im Nebengemach alle- mit angehört und fie war willen- gewesen, heroorzustürzen und den beiden unverschämten Burschen einige Maulschellen zu verabreichen, daran aber hatte fie der Sef verhindert, der ihr in die Nebenstube gefolgt war und ihr in aller Eile seinen Plan auseinandergesetzt hatte.

Sollstn Buben da a wengl G'sellschaft leisten, Ursel," redete sie der Heger sanft an.

Dächt, O- (Ihr) hättet a ohne mich Unterhaltung g'nug," meinte die Ursel.

I- nit schön von Dir, Ursel, daß D'n Buben allzeit so malitiöS kommst," ermahnte fie der Heger.

Thust ja mein Seel, als wenn D' a Herrgottsdirn wärst," platzte der Franz heran-.

Der Toni aber war sacht aufgestanden, schlich hinter ihr her, faßte fie rasch um die Taille und wollte ihr einen Kuß rauben. In demselben Moment jedoch hatte er bereits die lange zugedachte Maulschelle fitzen.

Sternsakra!" schrie erbost der Gemaßregelte, ließ da- Mädchen gehen und rieb sich die Backe.

Die Ursel hingegen flüchtete rasch nach der Küche, wohin ihr der Heger folgte, um fie ihres ungebührlichen Benehmen- wegen wie er sagte gründlich zu vermuckeu.

(Fortsetzung folgt.)