Ausgabe 
23.1.1896 Zweites Blatt
 
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Eingesandt.

eU8«t, 22. Januar 1898.

Aus die verflossene 25jShrige Gedenkfeier der Wtederaufrichluvg deS Deutschen Reiches erlaubt sich Einsender dieses nochmals zurück- zukommen.

Die schönen Reden sind noch in unser Aller Gedächtniß und keinem der Anwesenden werden die großartigen und mächtig packenden Chöre der oereintglen Männergesangveretne oergesien sein. Es hat sich auch bei dieser Feier wieder bewiesen, daß durch etnmüthtgeS Zusammenwirken und Einigkeit der Sänger unter sich aus dem Gebiete des GesangeS etwas Großartiges celeistet werden kann.

Sollte es in unserer lieben Stadt Gießen nicht möglich sein, diesen vereinigte« ML««archoe stets zu erhalten und der eS sich zur Aufgabe stellt, öffentliche Eoncerte zu veranstalten, aus deren Einnahmen ein Fond zur Erbauung einer Tonhalle angesammett wird. Wenn einmal der Anfang dami: gemacht ist, dann wird eS auch wettere Beihilfe geben. Diese vereinigten Männerchöre bestehen auch in anderen größeren Städten, warum sollte dies nicht in unserer, im steten Entwickeln begriffenen und sonst mit musikalischen Genüssen gesegneten Stadt der Fall sein- r , , . .

Eine geeignete tüchtige Kraft als Dirigenten haben wir ja i« Herrn Franz Bauer gefunden, dem etz auch leicht gefallen ist, sich die Liebe und Achtung seiner Sänger zu erwerben. Herr Bauer, der sich in der musikalischen Welt schon einen bedeutenden Namen erworben hat, wird sich gewiß chteser Sache annehmen.

Bei Gelegenheit deS jüngsten Commerses in Steins Garten wurde dieser Gedanke von einem Sänger in humoristischer Weise zum Ausdruck gebracht und dienen vielleicht diese Zeilen zu einer baldigen Anregung dieser Angelegenheit.

Einer für Viele.

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von Elten & Keussen, Seidenwaaren-Fabrik, Crefeid*

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Der chteßeaer Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die esießener

Ia«ttie«ßtLt1er Werde» dem Anzeiger «Gch«tt1ich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt.

Donnerstag den 23 Januar

1896

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Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Bierteljährtger X Abounemcntsprei»» 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.

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Amts- und Anzeigeblutt für den Meers Gieren.

»nnahme^von^Anzeigea^u^^R^ I ÄIL' «nnoncen.Bureaux deS In. und Auslandes nehm« ßolgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. | (jtUinUlCllPUUUl-. | Anzeigen für denGießener Anzeiger entgegen.

Bei der Redaetion eingegaugene Bücher re.:

3enaif»er viercomment. Zu Nutz und Frommen akademischer Gemüthltchkett entworfen. Siebente Auflage. Leipzig. Verlag von Hermann Haacke. Preis 75 Psg.

Technische Fortschritte.

«ege« die weitverbreitete 9ta«d>* v«b «otzplage ist ein Apparat gerichtet, für den E. F. Burger tn Zw'ckau i. S. in allen größeren Industriestaaten ,bad Patent erworben hat. Er besteht aus mehreren Düsen, die im hinteren Theile des FuchseS. kurz vor dem Eintritt der Feuergase in den Schornstein, angebracht find und Waffer mit einem Druck von 6 bis 8 Atmosphären in die Rauchgase fpritzm, um fte zu waschen, den Ruß auSzuscheiden, die schweflige Säure abzusangen, zu lös« und beide am Fuß des Schornsteins als schwefltgsaures Rußwaffer durch einen Canal ab» zuführen. Der Apparat läßt sich in kleine so gut wie in große Feuerungsanlagen einbauen, also für Bäckereien usw so gut wie für Dampskesselfeuerungen verwenden, deren mehrere schon in Glauchau, Zwickau, Kroffen und an anderen Orten erfolgreich mit der neuen Einrichtung versehen find. Nähere Mittheilungen nebst Abbildungen findet man in einer kleinen von O. Gruner verfaßt«, im Selbst­verlag von C. F- Burger in Zwickau i- S. erschienenen Broschüre, die unter dem Titel:Ist die Rauch- und Rußplage ein unabwend- ltcheS Hebel?" den Weg zu ihrer Abstellung zu weis« unternimmt.

Um Se-a«stü«de »o« Eise« »der «Iah» -ege« »o« |tt schützen, empfehlen die Farbenfabriken vormals Friedrich Bayer il Co. in Elberfeld, ihnen einen Anstrich mit einer verdünnten Mischung von wässeriger Ferrocyan- oder Ferricyanwafferstoffsäure und einer anderen kräftigen Säure zu geben (D. R -P. 82886). Es soll sich dann aus der Oberfläche deS Metalls eine dünne Schicht von Berlinerblau bilden, die das Zutreten von Luft, also das Umfich- greifen des Rostes verhindert. Es ist nicht nöthtg, das Eisen zuvor von älterem Rost zu befreien; der Anstrich kann vielmehr ohne weitere Vorbereitung und Reinigung deS Metalls aufgetragen, wohl auch später mit irgend einem Oelfarbenanstrich überdeckt öerben.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 20. Januar 1896.

vetr.: Das Ersatzgeschäft pro 1896.

Der Cibilborfitzende der Großh.

Ersatz-Commission Gießen

m die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Mit Rücksicht auf den frühen Beginn deS diesjährigen desatzgeschäftes wollen Sie alsbald mit der Aufstellung der «tuen Stammrollen beginnen und solche mit denjenigen pro 1894 und 1895 nngesanmt einsenden. Etwaige Zugänge find besonders in Borlage zu bringen.

Dr. Melior.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 21. Januar. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin, sowie Seine Großherzogltche Hoheit Prinz Wilhelm beehrten das gestern von Sr. Excellenz Herrn Staatsminister Finger veranstaltete Ballfest, da» einen höchst solennen Verlauf nahm, k Allerhöchstihrer.Anwesenheit.

Der Krieg von 1870|71, laichlldert durch Ausschnitte au« Zeitung«-Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.) 21. Januar.

Ans dem Tagebuche eines Belagerten. 15. Januar: den bombardierten Stadtviertel« ist ein großer Theil der Läden geschloffen: einige Bürger haben ihre Häuser zu einer Art von Kasematte gemacht; während andere ihre Schlafstube im Keller aufgeschlagen haben, und ihren HauS- rath auf das rechte Setneufer htnüberfchicken. Die Straßen jedoch, und zwar selbst in den am meisten ausgesetzten vier­tel«, find voller Menschen, und alle hochgelegenen Punkte, le« welchen aus man einen Blick auf die preußischen Batte« rien werfen kann, sind mit Neugierigen überfüllt. Jeder- «an« ist gegen die Uebergabe, Niemand aber weiß, wie sie zu vermeiden ist. Die Clubs fahren mit ihrem Geschrei «ach der Commune fort, und in dem Club der Rue ArraS ging gestern ein Redner noch einen Schritt weiter, indem er qdie Herstellung der Anarchie als herrschende Gewalt" for­derte. Trochu wird fort und fort tn den Zeitungen an­gegriffen und nur lau vertheidigt. Die Franzosen sind so sehr daran gewöhnt, daß der Staat alles für sie thut, daß sie die herrschende Gewalt für alles Fehlschlägen verantwortlich machen. Siege auf dem Papier haben so lauge für Stege im Felde her- gehalten, daß Niemand auch nur daran denkt, diefeS Papier« geld sei so sehr im Werthe gefallen, daß ein Bankerott un­vermeidlich geworden. Trochu wird wahrscheinlich daS Schicksal deSMannes von Sedan" und desMannes von Metz" ihetlen. Wie wir hören, stellt die Regierung eine Untersuchung an, um genau zu ermitteln, wie lange unsere Mundvorräthe noch Vorhalten werden. Jeder Erwachsene rrhäl? jetzt Var Psd. Fleisch. In den beffereu Restaurants sind die Fleischportionen unbeschränkt, aber ebenso die Preise. Hwei EselScotelettS z. B. kosten 18 FrcS., und alles andere im Berhältniß. Die Hauptsrageist aber jetzt die, wie lange unsere Drodvoräthe aushalten werden. In einigen Bezirken find dieVor-- räthe schon um 8 Uhr Morgens erschöpft. Dadurch, daß die Leute miß den bombardirten Bierteln tnS Innere fliehen und hier ernährt sein wollen, ist die Bertheilung der Nahrungsmittel ii Unordnung gerathen. DaS Brot selbst ist elendes Z-ug. DaS Elend unter den ärmeren Klaffen ist noch täglich im Hanehmen begriffen. Die Mehrzahl der Mäaner weiß sich mit auderhaib Franken täglich durchzuschlagen. Morgens exerciren sie, und später treiben sie sich bis in die Nacht in KafvS und Kneipen herum, wo sie den Mangel an fester Nahrung durch' Flüssigkeiten zu ersetzen suchen. Mit den Frauen und Kindern aber ist es etwas anders. Die .rtzteren sterben wegen Mangels an Nahrung und Wärme, »ad die ersteren haben eben nur so blei, um Leib und Seele «othdürftig zusammeuzuhalten, und um dies Wenige zu be- Zommen, müffen sie Stunden lang vor den Thüren der Metzger und Bäcker warten, bis an sie die Reihe kommt. Und doch hört man keine Klage. Stillschweigead dulden die Aermften, und wenn einmal eine sich zu einer Anspielung elf die Capitulation versteigt, wird sie gleich von ihren Nachbarinnen für feig erklärt. 16. Januar: Die Sterbe- sLlle der vergangenen Woche zeigen gegen die Woche vorher einen Zuwachs von 812, und zwar werden 3982 Todesfälle t verzeichnet «ud man darf überdies auch nicht vergeffen, daß

dies nur die Todesfälle in Pr vatwohnungen sind. Die größte Schwierigkeit liegt augenblicklich in der Beschaffung von Brennmaterial. Ich bin bereit, so sagte Jemand, die Sohlen von meinen Schuhen für mein Vaterland zu effen, aber sie müffen denn doch gekocht sein. Alle Mühlen liegen an der Marne und find nicht zu erreichen. ES find nun zwar Dampfmühlen im Innern der Stadt errichtet worden, aber sie arbeiten nur langsam, und so groß die Getreide« vorräthe auch sein mögen, eS ist fast unmöglich, genügende Menge für den täglichen Bedarf zu mahlen.

vermischtes.

* St« Held von Dijo« ist dieser Tage in Berlin ver­storben : der feit Jahren in Freienwalde lebende Major a. D. Weise. Den Franzosen ist bekanntlich während des Krieges von 1870/71 nur eine einzige Fahne in die Hände gefallen, die des 2. Bataillons vom 61. Jnfanteriec Regiment, welche von den Franzosen bei Dijon unter einem Hausen Gefallener aufgefundeu wurde. R cciotti Garibaldi, der Führer auf feindlicher Seite, war hochherzig genug, die heldeumüthig vertheidigte Fahne dem General v. Kettler wieder zuzuftellen. Der letzte Offizier, der die Fahne vor ihrer Auffindung trug, war der damalige Premierlieutenant Weise, welcher an Armen und Händen durch mehr als zwanzig Schüsse schwer verwundet wurde.

* Kaiserslautern, 19. Januar. Am humanistischen Äym- nafium wurden mehrere Schüler dimittirt, weil sie an Neujahr au Schülerinnen der städtischen Töchterschule belei­digende und laScive Ulkkarten sandten. Die Väter dieser Schülerinnen übersandten, nach denM. N. N.", die Karren dem Rectorat. Durch Vergleichung der Schriften mit den ArbeitSheften wurden die Thäter ertappt. Die eigentlich Bestraften find in solche» Fällen natürlich doch immer die Eltern.

* Der seltene Fall, daß ein Ehemann, der fich bereits seit längerer Zeit zum zweiten Male verheirathet hat, erst jetzt seirie erste Frau bestatten läßt, ist in dem Orte Borsum an der Ems vorgekommen. Die Ehefrau deS LaudwirthS Kaffen stürzte vor drei Jahren in die EmS und konnte t otz eifrigen NachforschenS nicht geborgen werden. Auch daS A'iSsetzen einer Geldprämie hatte keinen Erfolg. Inzwischen hatte fich K. wieder verheirathet. Nunmehr fand man in der EmS unweit des Kreisortes Afcheudorf eine fast zum Scelett verweste Leiche, in der nach dem noch vor­handenen goldenen Trauring und den Kleidern die Identität der vor drei Jahren verunglückten Frau K. festgestellt worden Ifi.J ____ _

* Ein eigenartiges System zur Messung hoher Tempera« tnren bezw. ein darauf beruhendes Pyrometer ließ fich G. Wiborch in Stockholm patentiren, welcher nämlich zu diesem Zweck Explofiv-Körper benutzt, die fich bekanntlich bei einer bestimmten Temperatur zersetzen und explodtren. Um die Temperatur in einem Raume mit Hülfe dieses Ver- fahrens zu bestimmen, wird ein Körper auS feuerfestem Material, welcher einen Explosivstoff von bekannter AnsangS- und ExplofionStemperatur enthält, in den auf feine Tempe« ratur zu messenden Raum gebracht und die Zeit, welche bis zur Explosion verfließt, bestimmt. Mit Hülse einer empirisch festgeftellten Tabelle wird alSdann aus der beobachtenden Zeit die Temperatur des Raumes ermittelt. (Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau Karl Fr. Reichelt, Berlin N. W.).

* DaS Stubenmädchen oes Marschall«. In der vor Kurzem veröffentlichten Biographie Canrobert's von L. Mart n wird folgende Änecdote erzählt: Eines TageS wurde der Kaiser mit seinem Sohne zu einer großen Truppen­schau im Lager von Chalons erwartet, und Canrobert hielt es für geboten, alle dort versammelten Truppen vor der Ankunft des obersten Kriegsherrn persönlich genau zu be­sichtigen. Dabei fiel ihm ein Soldat auf, der nicht gerade allzu große Sorgfalt auf seine Uniform verwendet hatte. Ziemlich entrüstet sagte der Marsrall zu ihm:Ich werde Dir mein Stubenmädchen schicken, damit fie Dich ordentlich anzieht."Nicht nöthig, Herr Marschall," entgegnete der Soldat,bie besuche ich alle Abende." Darauf im Gefolge CanrobertS ein Ausbruch allgemeiner Heiterkeit, in die er schließlich selbst einfiimmte.

«nkversitäts. Nachrichten.

Jena, 21. Januar. Der Orientalist Prof. Stickel ist heute im 91. Lebensjahre gestorben.

Verkehr, Cant» rrrrd Volkswrrtyfchast.

Stell««- für tuuge Landwirttze ohne VermSgen l ES ist eine bekannte Th-tfache, dax der Betrieb der Landwtrthfchast, wenn derselbe einigermaßen renttren soll, ein erhebliches Capital erfordert. Bet zu geringen Mitteln ist meistens trotz allen Fleißes, aller Strebsamkeil nichts zu erreichen und geht das kleine dabet ver­wandte Vermögen häufig auch noch verloren. So bleibt bann un­bemittelten jüngeren Landwtrthen in der Regel nur übrig, entweder eine untergeordnete Stellung bet Verwandten rc. zu übernehmen oder als Verwalter ihren Unterhalt zu suchen. Aber auch zu diesem Posten findet ein derartiaer Andrang statt, daß besser bezahlte Stelle« zu den Seltenheiten gehören und heute viele Hunderte von Ver­waltern und Jnsp^ctoren stellenlos find. Da möchten wir die Auf­merksamkeit der jungen Landwirthe auf die Carrtöre eines land- wtrthschastlichen Rechnungsführers und Amtssecretärs lenken, die heute noch die besten Aussichten zu einem guten Fortkommen dar- btetet. Weil viele Oeconomen eine große Abneigung gegen Bureau- Arbeiten haben, so sind derartige Stellungen stets vacant. Außerdem ist infolge neuen Einkommensteuergesetzes, sowie der neueren socialen G-setzgebung jetzt fast jeher größere Besitzer genölhigt, fich einen Rechnungsdeamten und Secietär zu halten. Die Slellungm sind zum größten Tbetl angenehm und mit einem hinretchenben Em- kommen versehen. Besondere Vorkenntnisse, außer denen einer guten Elementarschule, sind nicht ersorderlich. Zu jeder ferneren Auskunft ist der Vorstand des Landwirthfchaftlichen Beamten-VeretuS zu Braunschweig, Madamenweg 160, gern geneigt.